Trotz aller Schwierigkeiten sind Avram, Ester und die beiden anderen Frauen froh, endlich in Israel zu leben.
Trotz aller Schwierigkeiten sind Avram, Ester und die beiden anderen Frauen froh, endlich in Israel zu leben.
Indschara ist für Äthiopier ein wichtiges Grundnahrungsmittel.
Indschara ist für Äthiopier ein wichtiges Grundnahrungsmittel.

Von der Feuerstelle zum Gasherd

Anfang Mai sind in Jerusalem und Tel Aviv Tausende Äthiopier auf die Straßen gegangen, um gegen Rassismus zu demonstrieren. In Israel fühlen sie sich benachteiligt. Innerhalb weniger Jahre musste die Gruppe, oft aus ländlichen Gegenden, einen riesigen Schritt in Richtung Moderne gehen.

Die Gemeinschaft der äthiopischen Juden, die „Beta Israel“, versteht sich als Nachkommen des verlorenen Stammes Dan. Außerdem gibt es die „Falaschmura“. Diese Juden konvertierten aufgrund von Verfolgung und wirtschaftlicher Benachteiligung im 19. und 20. Jahrhundert von Beta Israel zum Christentum. 1950 verabschiedete die israelische Regierung ein Gesetz, das Juden ein Recht zur Rückkehr und auf ein Leben in Israel sowie die israelische Staatsbürgerschaft zusichert. Der damalige Oberrabbiner Ovadia Josef entschied 1973, dass dieses Gesetz auch für die äthiopischen Juden gelte.

Infolge dieser Entscheidung kam es 1984 und 1991 zu großen Einwanderungswellen. Auch wenn die 7.500 Falaschmura, die im August 2014 nach Israel kamen, offiziell als die letzten in Äthiopien verbliebenen Juden gesehen werden – äthiopische Juden in Israel wissen: „Es gibt immer noch Juden, die auf eine Auswanderung nach Israel warten, doch die erfüllen nicht alle Kriterien des derzeitigen Einwanderungsgesetzes.“ Nach Angaben des Statistikbüros leben heute etwa 135.000 Juden äthiopischer Abstammung in Israel.

Rassismus gehört zu unserem Leben

Wasihun Achenefe ist 1986 in Äthiopien geboren und als sechstes Kind einer elfköpfigen Familie im Jahr 2000 nach Israel eingewandert. Er erzählt: „Auslöser für die Demonstrationen war das Video einer Sicherheitskamera, das zeigt, wie Polizisten gegen einen israelischen Soldaten unserer Gemeinschaft gewalttätig vorgehen.“

Achenefe ist Israeli, spricht fast fehlerfrei Hebräisch, und doch fühlt er sich nicht richtig dazugehörig: „Diskriminierung und Rassismus gehören zu unserem Leben dazu. Wann immer ein Polizist auf jemanden unserer Gemeinschaft trifft, gibt es Zwischenfälle, und häufig sind die gewalttätig. Das wird dann in den Nachrichten gesendet, aber es ändert sich nichts an unserer Situation.“ An den Demos habe er teilgenommen, weil er glaubt, dass in der israelischen Gesellschaft „etwas falsch läuft“: „Die USA stellen viel Geld für die Integration der äthiopischen Gemeinschaft zur Verfügung, doch wir sehen nichts davon.“

Die Polizei sollte strikter gegen ihre eigenen Leute vorgehen, findet Achenefe: „Wenn ein Polizist sich etwas zuschulden kommen lässt, wird er verhört, und nach zwei Wochen wird der Fall zu den Akten gelegt. Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft. Deshalb haben wir ein Recht darauf, zu wissen, warum der Fall nicht weiter untersucht wird.“

Rassismus gebe es nicht nur in Israel, sondern in der ganzen Welt, fährt Achenefe fort. „Doch das Problem ist, dass unsere Regierung nichts dagegen unternimmt.“ Der Polizist, der auf der Sicherheitskamera zu sehen war, wurde wenige Tage später fristlos entlassen. Trotzdem ist Achenefe resigniert: „Die Welt interessiert sich nicht für uns. Sie sind zu sehr damit beschäftigt, auf den angeblichen Konflikt der Juden und Palästinenser zu schauen.“ Er hat vor kurzem sein Jurastudium beendet und erzählt: „Am eigenen Körper habe ich keine Gewalt erlebt, aber ich bekomme ständig zu spüren, dass ich schwarz bin. Ich könnte viele Beispiele erzählen. Als ich in Tel Aviv studierte, lief ich einmal mit anderen Studenten aus der Uni. Zwei Polizisten gingen vorbei, alle Studenten gingen weiter, ich wurde als einziger angehalten: ‚Wo kommst du her? Was machst du? Wo ist dein Ausweis?‘“

Der junge Mann ist frustriert: „Ich bin nicht sehr optimistisch, dass es nach den Demonstrationen Veränderungen geben wird. Unsere Politiker schweigen zu diesem Problem. Es gibt eine große Ignoranz. In unserem Land ist es ganz normal, dass Journalisten und Professoren von ‚Kuschim‘ sprechen, wenn sie Äthiopier meinen.“ Kuschim bedeutet in der hebräischen Sprache soviel wie „Neger“. „Vor drei Jahren hat es unter den Bewohnern in dem Jerusalemer Stadtteil Kirijat Menachem einen geheimen Vertrag der Stadtbewohner gegeben, dass sie fortan nicht mehr an Äthiopier vermieten.“

Diskriminierung zeige sich in vielen Bereichen, beklagt Achenefe: „Bei Blutspenden wird unser Blut nicht genommen, Kinder werden in äthiopische Schulen gesteckt, statt sie auf die normalen Schulen zu schicken. Es gibt niemanden in unserer Gemeinschaft, der noch nie angehalten wurde oder dem man nicht komisch begegnet ist. Rassismus liegt viel tiefer als offensichtliche Gewalt. Wie oft hat man mir schon gesagt: ‚Du bist wirklich Äthiopier? Aber du bist so gebildet!‘ Man traut uns einfach nichts zu. Anderen Gemeinschaften, wie den Russen, Persern oder Irakern begegnet man nicht auf diese Weise. Das liegt nur an unserer Hautfarbe, eine andere Erklärung habe ich nicht.“

In wenigen Wochen will Achenefe ein Rechtsanwaltsbüro in Jerusalem eröffnen. „Mein Partner ist Weißer, seine Großeltern stammen aus dem Irak. Doch der wird ganz normal behandelt.“

Als Reaktion auf die jüngsten Proteste berief die israelische Regierung einen Ausschuss ein, der sich mit den Belangen von Israelis mit äthiopischen Wurzeln beschäftigt. Bildung von Kindern und Jugendlichen soll dabei ein wichtiges Thema sein.

Die „Jewish Agency for Israel“ ist die offizielle Einwanderungsorganisation in Israel. Auch mit Unterstützung christlicher Organisationen betreibt sie im ganzen Land so genannte Integrationszentren, wo Neueinwanderer aus Äthiopien mit einjährigen Kursen für das Alltagsleben in Israel geschult werden. Das größte Zentrum liegt im Jerusalemer Vorort Mevasseret Zion. Etwa 1.200 Neueinwanderer leben in mehreren Häuserblöcken, mehr als die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren.

Geboren am 00.00.1956

Vor der Tür eines Hauses an der Straße sitzen einige Nachbarn versammelt. Einer von ihnen ist Avram. Weil er zwar das Jahr weiß, in dem er geboren wurde, nicht aber den Tag, steht in seinem Personalausweis unter dem Namen Abreham Wule Shita das Geburtsdatum 00.00.1956. Mit seiner Frau und zwei Kindern lebt er seit Anfang 2014 dort. Eine dritte Tochter ist verheiratet und bereits ausgezogen. In Äthiopien war Avram Bauer: „Es war schwer, das Land zu nutzen. Ich habe Getreide angebaut, vor allem für das Teff, das Getreide, aus dem man unser Grundnahrungsmittel Indschara herstellt. Wir hatten auch ein paar Ochsen, Schafe, Hühner. Es war eine schwere Arbeit, aber es reichte zum Leben.“ Heute habe er keine Arbeit. „Meine Tochter ist 22 Jahre und arbeitet in Jerusalem als Putzfrau. Unser Sohn ist 12 Jahre und geht noch zur Schule. Er hat sehr gut Hebräisch gelernt und ich hoffe, dass er einmal studieren kann.“

Avram erzählt weiter: „Weil wir Juden sind, wollten wir nach Israel kommen. Und weil ich hoffe, dass meine Kinder eine bessere Zukunft haben. Neun Jahre haben wir gewartet. Die Äthiopier, die schon in den 80er und 90er Jahren nach Israel zogen, hielten mit uns Kontakt und erzählten uns vom Leben hier. Als wir hier ankamen, mussten wir vieles neu lernen. Acht Monate haben wir einen Sprachkurs für Hebräisch gemacht, außerdem hatten wir Religionsunterricht. Wir gehören zu den Falaschmura, in Äthiopien sind wir samstags in die Kirche gegangen. Vieles in der äthiopisch-christlichen Tradition ähnelt dem Judentum. Zum Beispiel haben wir den Schabbat gefeiert und auch manche Speisevorschriften sind gleich.“ Zur Synagoge gehe er in Israel nicht, aber die große Kippa auf seinem Kopf trage er jeden Tag.

Avrams Nachbarin Ester fällt ihm ins Wort: „Als wir nach Israel kamen, wussten wir nicht, wo wir hinkämen. Doch es war Gottes Wille, dass wir kommen. Wir erfüllten alle Kriterien, jüdisch zu sein, und jetzt sind wir hier.“ Die Frau ist hochschwanger: „Vieles ist schwer. Zum Beispiel würden wir gern umziehen und in einem richtigen Haus wohnen und nicht so beengt wie hier. Aber die Wohnungspreise sind so hoch, dass wir uns das nicht leisten können. Ich wollte nicht noch ein Kind bekommen, aber ich bin schwanger geworden, weil es unser sechstes Kind ist und man mit sechs Kindern einen wesentlich höheren Wohnungsbaukredit bekommt. Ich hoffe, dass wir dann bauen können, vielleicht an der Grenze zu Gaza, dort sind die Wohnungspreise nicht so hoch.“ Ester trägt eine Silbermünze um den Hals, auf der Mutter Theresa zu sehen ist. Diese Münze wurde im vorigen Jahrhundert als Währung in Äthiopien benutzt und gilt bis heute als sehr wertvoll.

Avram berichtet: „In Israel kochen wir unser Essen auf einem Gasherd. In Äthiopien haben wir vor unserer Tür über dem offenen Feuer gekocht. Die Äthiopier, die schon länger hier sind, halfen uns, hier klarzukommen. Sie erklärten uns, wie man hier lebt. Der Gasherd ist bequemer, aber wir müssen noch viel lernen. Es ist gut, dass unsere Kinder sich schon früh an das neue Leben gewöhnen können. Sie werden eine gute Bildung bekommen und dadurch gibt es weniger Vorurteile.“ Die Hoffnung, Rassismus zu überwinden, liegt also auf den künftigen Generationen. (mh)

Von: mh

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