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In diesem Jahr kein „frohes Pessach-Fest“

Jüdische Feste sind voller Liturgie, ausgelassen und fröhlich. Eine Großmutter erklärt am Sederabend, warum sie in diesem Jahr kein „frohes Fest“ wünschen kann. Und rechnet unvermittelt mit Premierminister und Regierung ab.
Von Israelnetz
Ma nishtana Pessach Haggada

Der Wunsch „Chag sameach, frohes Fest!“ ist zu Festzeiten in den Straßen Israels in der Regel an jeder Ecke zu hören. Manche fügen auch noch den Namen des Festes an, etwa „Chag Pessach sameach“ oder gar den Zusatz „ein koscheres Fest“. Doch in diesem Jahr will den meisten das Wort „froh“ nicht über die Lippen kommen.

In einem Haus in Herzlia sitzt eine Familie am Montagabend um den Sedertisch. Kinder, Jugendliche, Erwachsene, Rentner, 24 Menschen. Bevor der Vater den traditionellen liturgischen Ablauf beginnt und in die Haggada einführt, bittet seine Schwiegermutter überraschend um Aufmerksamkeit. Und das, was eigentlich als traditionelle Familienfeier gedacht ist, wird zu einem politischen Statement: „Bitte wünscht mir dieses Jahr kein ‚frohes Fest‘, denn auch ich werde es euch nicht sagen.“

„Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“

Die rüstige Rentnerin Avital beginnt ihre Rede mit der traditionellen Frage „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“. Doch statt der bekannten Liturgie gibt sie ihre eigene Antwort: „Alles ist anders. Und alles hat sich zum Schlechteren gewendet. Wir haben Pessach-Feste zu Zeiten der Inquisition und unter Verfolgung erlebt. In den Konzentrationslagern haben wir die Pessach-Haggada gelesen. Oft wurden wir gedemütigt.“

Die Dame macht deutlich, dass nichts davon an dieses Jahr heranreiche: „Doch heute sitzen wir zusammen in dem Wissen, dass 133 unserer Brüder und Schwestern unserem Feind ausgeliefert wurden. Männer, Frauen, Kinder gehen durch die Hölle. Ein Großteil von ihnen ist schon nicht mehr am Leben und im Laufe dieses Festes werden noch mehr sterben.“ Einige Familienmitglieder rutschen unruhig auf den Stühlen umher.

Doch Avital hört hier nicht auf, sondern macht deutlich, was sie von der politischen Führung des Landes hält: „Und das alles durch unsere Schuld. Ja, Schuld! Unter der Führung ‚Hamas-jahus‘ haben wir es nicht hinbekommen, einen Deal zu erzielen, in dem sie freikommen. Niemals wurden Juden von ihrer eigenen Gemeinde dermaßen im Stich gelassen. Noch dazu eine Autostunde von unseren Häusern entfernt, aus einem souveränen Staat! Niemals haben wir unsere nationalen und universellen Werte dermaßen verraten. ‚Sklaven waren wir.‘ Aber du“, und es ist klar, dass sie hier Premierminister Benjamin Netanjahu anspricht, „du bist der Sklave aller Sklaven!“

Die Großmutter spricht weiter: „Deswegen wünscht mir nicht ‚frohes Fest‘, denn Freude ist ein Verbrechen in dieser Zeit. Und sicher auch kein ‚koscheres Fest‘, denn solche Kaschrut ist unrein. Führt keinen Seder gemäß der Halacha durch, denn die Halacha ist zu einem Instrument des Tötens und Diebstahls geworden.“ Den Erwachsenen, von denen manche regelmäßig gegen die Regierung demonstrieren, sagt sie: „Gebt den Ministern der Regierung des Blutes keine Gelegenheit, das Fest zu genießen. Versucht weiterhin, die schändlichen Minister loszuwerden.“

Die Rede ist eine klare Abrechnung mit der Regierung und die Verzweiflung der Rednerin wird deutlich, als sie ihren Schlusssatz sagt: „Vielleicht wird die Geschichte dafür wenigstens diesen Punkt dieser bemitleidenswerten Generation zugute halten, die es geschafft hat, sich von den größten Unterdrückern aller Generationen zu befreien.“

Ein fünftes Glas für alle Geiseln

Nach dieser unerwarteten Einführung beginnt der Gastgeber, Avitals Schwiegersohn, aber dann doch, die Haggada vorzulesen. Und so, wie es seit Jahrhunderten Brauch ist, stellt auch hier der jüngste am Tisch, Ido, singend die Frage: „Was unterscheidet diese Nacht von allen anderen?“ Und die Familie singt fröhlich: „In den anderen Nächten essen wir Chametz und Matza. Aber heute Nacht essen wir nur Matza. In allen anderen Nächten essen wir alle Arten von Gemüse. Aber heute Nacht nur die bitteren Kräuter.“

Der Seder kann beginnen. Nacheinander lesen die Gäste die Geschichte des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten. Die Geschichte, wie Gott sein Volk aus der Sklaverei in die Freiheit führt. Als Gott versprach, das jüdische Volk aus Ägypten zu führen, benutzte er vier Ausdrücke, um die Erlösung zu beschreiben (2. Mose 6,6-8):

  • 1) „Ich werde euch herausnehmen …“
  • 2) „Ich werde euch retten …“
  • 3) „Ich werde euch erlösen …“
  • 4) „Ich werde euch zu meinem Volk nehmen …“

Im Andenken an diese vier Verheißungen trinken Juden im Laufe des Abends vier Gläser Wein. In Herzlia trinken die Gäste an diesem Seder ein fünftes Glas Wein, im Andenken an die Geiseln. Der biblischen Überlieferung wird der Satz hinzugefügt: „Ich werde sie bringen.“

Der Hausvater hebt das Glas und sagt: „Mögen sie alle wohlbehalten zu ihren Familien zurückkehren. Und mögen wir sie bald fröhlich in unserer Mitte begrüßen dürfen.“ (mh)

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7 Antworten

  1. Danke für den Bericht. Die Zeit ist zum Weinen, Frohsinn will nicht aufkommen. So ist die Zeit, es wird eine bessere geben, und dann werden wir alle Pessach und Purim wieder fröhlich erleben.
    Doch momentan ist eine finstere Zeit, die Zeit der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten ist momentan nicht.
    Mich kümmert der weltweit gestiegene Antisemitismus, die Diktaturen, die Kriege,
    Frohsinn kommt momentan NICHT auf. Es ist eine Zeit, die auch Hiob durchlaufen ist, doch am Ende wird der Glaube an Gott belohnt. Denn nur ER ist der, der bleibt, und Sein Volk wird wieder bessere Zeiten erleben.
    Doch es ist keine fröhliche Zeit, die Zeit ist wie in der Diaspora, die Welt wirkt gott-verlassen.
    Wir müssen alle am Glauben festhalten, damit alle wieder Frohsinn haben können.
    Dich es ist keine fröhliche Zeit, es sind Abgründe, diese merkt man auch in diesem ach so unseligen Deutschland, kein Gemeinwohl, kaum Glauben, es ist keine fröhliche Zeit.

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  2. Bei allem Respekt gegenüber den Angehörigen der Geiseln, die israelische Regierung hat darin richtig gehandelt, die Geiseln nicht um JEDEN Preis freizubekommen. Die Vernichtung der HAMAS im Gazastreifen muss Vorrang vor ALLEM anderen haben. Ansonsten wird sich die Geschichte spätestens in ein paar Jahren wiederholen.

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    1. Das stimmt ! Man darf der HAMAS nicht klein beigeben, da handelt die Israelische Regierung richtig. Umso mehr ist es eine traurige Zeit für die Menschen, die Pessach „feiern“ wollen, wenn Angehörige als Geiseln verschleppt sind.

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  3. In uns kommt dieses Jahr auch keine richtige Freude zu Pessah auf. Normalerweise brechen wir am ersten Pessah-Abend die Fesseln der Zeit. Wir denken an den Exodus, fassen ihn mit Texten der Haggada in Worte, verdauen ihn in Form von Mazzot und Maror. Pessah ist das Fest unserer Freiheit. Wir müssen ihn jeden Tag neu erleben können, seit dem Auszug aus der Sklaverei in Ägypten vor 3317 Jahren.
    2024 ist es anders! Alles begann mit dem 7.10. 2023 und der Frage, wo sind unsere Geiseln? Leben sie noch?
    Nächste Woche zum Ende des Pessah Festes beenden wir traditionell mit dem Wunsch: nächstes Jahr in Jerusalem. Chag sameach.

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  4. Weinen aus ehrlichem Herzen und freuen den Feinden Israels zum Trotz und dem Gott Israels zur Ehre!
    Chag Sameach.

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  5. Geliebtes ISRAEL … möge Streit und Kummer in eurer Gemeinschaft zu mehr Wärme, Nähe und Lösungen führen … mögen die Geiseln nach Hause kommen … seit dem 7. Oktober 23 esst ihr bittere Kräuter doch möge „der Heilige“ euch Wunder und Trost schenken und der Regierung Weisheit und Warmherzigkeit. Möge ISRAEL gemeinsam mit den gutherzigen und anständigen Nachbarn so viel gelobtes Land wieder finden, wie es uns in diesem Leben gegeben werden kann! AM ISRAEL CHAI

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  6. Habe heute mit meiner Freundin in Givatayim telefoniert. Sie ist 97 Jahre alt, hat Ausschwitz, den Todesmarsch, Ravensbrück und Bergen-Belsen überlebt zusammen mit ihrer Mutter. Sie erinnerte sich während des Gespräches an all die furchtbaren Dinge, die sie erlebt hat und sagte dann: Das jetzt ist viel schlimmer. Was so viel heißt wie: wir erleben es heute in unserem Land, nicht in der Fremde, sondern hier.
    Ich bin sicher, es geht vielen Holocaustüberlebenden so.

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