Kommentar: Verschwörungstheorien

JERUSALEM (inn) – Verschwörungstheorien gehören in der arabischen Welt zum täglichen Geschäft. Auch der schwere Terroranschlag beiderseits der ägyptisch-israelischen Grenze in Sichtweite des Gazastreifens bringt die von Tausend und einer Nacht geerbte Fantasie wieder zum Blühen. Ägyptische Islamisten behaupteten, dass der Mossad hinter der Attacke steckte, der 16 ägyptische Grenzschützer zum Opfer fielen.

An dem Überfall sollen 35 Bewaffnete beteiligt gewesen sein, die nach ägyptischen Angaben vom Gazastreifen in den Sinai gewechselt seien. Glauben die Islamisten selber daran, dass sich 35 israelische Agenten Sprenggürtel umschnallen, um sich dann von der eigenen Armee töten zu lassen?

Die Behauptungen sind derart absurd, dass sie einer Widerlegung nicht einmal würdig sind. Gleichwohl offenbart die Schuldzuweisung die Erklärungsnöte, in die alle Beteiligten geraten sind. Der neugewählte islamistische Präsident Muhammad Mursi besuchte seine Truppen in El-Arisch, im Norden der Sinaihalbinsel, und erklärte ihnen, dass sie auch ohne Befehl den Tod ihrer 16 Kameraden „rächen“ dürften. Mursi wurde von der ägyptischen Presse offen kritisiert, israelische Warnungen zu „konkreten Hinweisen“ auf einen geplanten Anschlag als böswillige Gerüchte abgetan und deshalb die ägyptischen Grenzschützer nicht in Alarmbereitschaft versetzt zu haben.

Erst vor wenigen Tagen hatte sich Mursi dem öffentlichen Spott im eigenen Land ausgesetzt, als er seinen Brief an Israels Präsidenten Schimon Peres dementieren ließ. Die Kairoer Medien glaubten eher der eingescannten Wiedergabe des Mursi-Briefes auf der Homepage von Peres als dem offiziellen Dementi. Ägypten tut sich wegen Gesichtsverlustes schwer, einzugestehen, das es die Kontrolle im Sinai verloren hat, obgleich seit Ausbruch des Aufstandes in Ägypten Touristen auf der Halbinsel entführt und die Gasleitungen nach Israel und Jordanien ein Dutzend Mal gesprengt worden sind.

In Erklärungsnot ist jetzt auch die Hamas geraten. „Kein Palästinenser wäre fähig, sich an einem derart hässlichen Verbrechen und der Tötung der von uns so geliebten ägyptischen Soldaten in derart schrecklicher Weise zu beteiligen“, behauptete Hamas Sprecher Taher al-Nono. Aber der Hamas-Politiker Mahmud a-Sahar bat die Ägypter, Namen der Angreifer zu übermitteln, um Hintermänner im Gazastreifen zu verhaften. Denn die Schließung der Grenze zu Ägypten, die Sperrung der Schmugglertunnels und der Verdacht, dass Extremisten aus Gaza ägyptische Streitkräfte angegriffen und ermordet haben könnten, überschreitet trotz ideologischer Nähe jegliche roten Linien. Deshalb musste auch die Hamas behaupten, dass nur „israelische Agenten“ den Anschlag verübt haben könnten, zumal die Attacke allein „zionistischen Interessen“ diene. Mit Verschwörungstheorien dürften weder Mursi noch die Hamas auf Dauer politisch überleben. Absurdistan lässt grüßen.

Von: Ulrich W. Sahm

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