Israel und Türkei wollen diplomatische Beziehungen wiederherstellen

Nach jahrelangen Spannungen wollen die Türkei und Israel ihre Beziehungen umfänglich erneuern. Beide Staaten sehen Vorteile in der stärkeren Partnerschaft.
Von Israelnetz
Erdogan empängt Herzog in Ankara

Foto: Türkisches Präsidialamt

Staatspräsident Herzog war im März bei Erdoğan (r.) in Ankara: Ein Besuch, der die diplomatischen Beziehungen vorbereitete

JERUSALEM / ANKARA (inn) – Über Annäherung wurde seit einem Jahr verstärkt debattiert, nun wird sie Realität: Die Türkei und Israel wollen ihre diplomatischen Beziehungen wieder vollständig aufnehmen. Dies gab am Mittwoch das Büro des israelischen Premiers Jair Lapid (Jesch Atid) bekannt. Die türkische Seite bestätigte den Beschluss.

Die beiden Länder haben somit auch entschieden, Botschafter und Generalkonsuln wieder einzusetzen. Dies sei das Ergebnis von Lapids Besuch in Ankara im Juni und eines Gesprächs mit dem türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan (AKP). Ein genauer Zeitplan, wann welche Schritte der neuen Beziehungen erfolgen, ist nicht bekannt.

Lapid: Gewinn für Stabilität

Bereits am Dienstag vereinbarte der Generaldirektor des israelischen Außenministeriums, Alon Uschpis, mit dem stellvertretenden türkischen Außenminister und Diplomaten, Sedat Önal (parteilos), letzte Angelegenheiten für die umfassenden Beziehungen.

Lapid sagte zur Einigung: „Die Wiederaufnahme der Beziehungen mit der Türkei ist ein wichtiger Gewinn für die regionale Stabilität.“ Auch für die Wirtschaft sei diese Nachricht von großem Wert, erklärte er. „Wir werden Israels Ansehen in der Welt weiter stärken.“ Er sieht eine Fortsetzung der positiven Entwicklungen.

Staatspräsident Jitzchak Herzog zeigte sich erfreut über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen. Er war im März selbst in die Türkei gereist, um mit Erdoğan über weitere Annäherungen zu sprechen. Herzog sprach von einer „wichtigen Entwicklung, die wir in den vergangenen Jahren vorangetrieben haben“.

Intensivere Wirtschaftsbeziehungen, gegenseitiger Tourismus und die Freundschaft zwischen dem israelischen und dem türkischen Volk täten beiden Staaten gut. „Gute nachbarschaftliche Beziehungen und partnerschaftlicher Geist im Nahen Osten sind für uns alle wichtig“, sagte er. „Mitglieder aller Glaubensrichtungen – Muslime, Juden und Christen – können und müssen in Frieden zusammenleben“.

Minister hofft auf türkische Touristen

Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu (AKP) äußerte sich gegenüber türkischen Medien: „Die erneute Bestellung von Botschaftern ist wichtig für die Verbesserung der bilateralen Beziehungen. Gleichzeitig werden wir uns weiterhin für die Rechte Palästinas, Jerusalems und des Gazastreifens einsetzen.“

Der israelische Tourismusminister Joel Rasvosov (Jesch Atid) sprach von einer guten Nachricht für Israel. Er hoffe darauf, dass mehr türkische Touristen Israel bereisen, damit „die Tourismusbranche und die Verbindung zwischen den beiden Ländern gestärkt werden“.

Auch Lapid hofft auf nachhaltige Veränderungen: „Die Verbesserung der Beziehungen wird dazu beitragen, die Beziehungen zwischen den beiden Völkern zu vertiefen, die wirtschaftlichen, handelspolitischen und kulturellen Beziehungen auszubauen und die regionale Stabilität zu stärken.“ Noch ist offen, wie schnell sich die Entscheidung auf das Leben der Türken und Israelis auswirkt.

Beziehungen ein Jahrzehnt unter Druck

Traditionell pflegten Israel und die Türkei ein enges Verhältnis. Im Mai 2010 endete diese Phase, als die israelische Marine das Schiff „Mavi Marmara“ stoppte. Die Aktivisten gaben vor, Hilfslieferungen in den Gazastreifen zu bringen; es befanden sich aber auch Waffen an Bord. Bei dem Vorfall wurden neun türkische Aktivisten getötet, ein weiterer erlag später seinen Verletzungen.

Es folgten Jahre des Streits, im Jahr 2016 nahmen die beiden Länder ihre Beziehungen wieder auf. Das Verhältnis blieb aber distanziert. Von der Türkei aus konnten Hamas-Terroristen operieren. Und Erdoğan stichelte immer wieder gegen Israel, etwa mit der Behauptung, Israel sei der „rassistischste Staat der Welt“. Noch im Oktober 2020 sprach er davon, Jerusalem sei die Stadt der Türken, weil sie einst Teil des Osmanischen Reiches gewesen sei.

Mit den Politiker-Treffen der vergangenen zwei Jahre näherten sich die Partner wieder an. Nun fängt mit dem Entschluss, vollständige diplomatische Beziehungen aufzunehmen, ein neues Kapitel der Zusammenarbeit an. (joh)

Schreiben Sie einen Kommentar

6 Antworten

  1. Ich verstehe Israel, es möchte Freundschaft mit schliessen und viele Freunde haben. Dennoch möchte ich hier mein mahnendes Wort deponieren. Israel, weder Land noch Regierung ist Freund für Dich. Ich möchte dies aber nicht pauschal auf die ganze Bevölkerung dieses Landes verstanden wissen.

    5
  2. Freundschaft besagt eigentlich, dass die beiden befreundeten Parteien sich aufeinander verlassen können.
    Ob das in diesem türkisch-israelischen Fall so sein wird, wage ich zu bezweifeln. Ich erinnere mich ua, dass Präs. Erdogan Ansprüche gestellt hat in Sachen Jerusalem und Al Aksa Moschee…und man konnte lesen, dass Erdogan “Jerusalem befreien” wolle….auch das Thema : Wiederherstellung des Osmanischen Reiches…
    alles Schnee von gestern ??

    8
  3. Als Freundschaft würde ich daas nicht bezeichnen, genauso wenig wie die Verträge mit Jordanien, Ägypten, den VAE oder Marokko etc.

    Von der islamischen Seite nicht mehr als eine Hudna. Man verkehrt miteinander, tätigt Geschäfte, so lange, bis der Gegner(Freund) eine Schwäche zeigt über den man ihn besiegen kann.
    Eingeführt wurde dies von Mohammed und seinem Vertrag mit den Arabern in Mekka.

    4
  4. Möchte mich in die Reihe der Skeptiker begeben.. Erdogan greift in seiner derzeitigen wirtschaftlichen Lage nach jedem Strohhalm und sieht in Israel einen zuverlässigen Partner sein Image aufzupolieren. Keine Frage: Erdogan benötigt Israel. Stellen wir uns doch mal vor, wenn Erdogan eine blühende Wirtschaft hätte und auch sonst innenpolitisch in bester Verfassung wäre, was dieser Mann wohl mit Israel machen würde ? Doch, seien wir beruhigt, die israelische Regierung hat den notwendigen Überblick für diese bevorstehende diplomatische Annäherung.

    8
  5. Ich hoffe, dass Israels Politiker wissen, worauf sie sich da einlassen? Es ist gut, mit jedermann in Frieden zu leben, so sagt es auch das Wort Gottes, aber die Geschichte gerade auch Israels zeigt immer wieder wurden sie von ihren Feinden belogen und betrogen. Israel sei wachsam und befrage deinen Gott JAHWE, wie DU in allen Dingen vorgehen sollst! Schalom Israel und EHRE dem HEILIGEN!!!

    0
  6. Diplomatische Beziehungen sind ein erster Schritt Probleme ohne Gewalt zu lösen. Das ist besser. Es kann eine Basis sein für eine zukünftige Zusammenarbeit.

    0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Bitte beachten Sie unsere Kommentar-Richtlinien

Offline, Inhalt evtl. nicht aktuell

Israelnetz-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen