Beck: „Wenn Israel angegriffen wird, stehen wir an seiner Seite“

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft feiert ihr 60-jähriges Bestehen. Festredner betonen die Vielfalt der Meinungen innerhalb der israelfreundlichen Organisation.
Von Israelnetz

BERLIN (inn) – Seit ihrer Gründung vor 60 Jahren ist die Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) von Diskussionen und Vielfalt geprägt. Dies sagte DIG-Präsident Volker Beck am Dienstag bei einer Jubiläumsveranstaltung im Roten Rathaus in Berlin. Die Mitglieder seien Partner der israelischen Gesellschaft. „Und wenn es darauf ankommt und der Staat Israel angegriffen wird, dann stehen wir immer an seiner Seite.“

Beck wies darauf hin, dass die DIG im Jahr nach der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel gegründet wurde. Er forderte, dass in die Lehrpläne ein Grundwissen zu jüdischer Religion und Kultur aufgenommen werde. Die Geschichte des Zionismus und die Entstehung des Staates Israel müssten thematisiert werden, damit Schüler ein Verständnis vom Nahostkonflikt erhielten.

Auch ein Grundverständnis über 2.000 Jahre des Judenhasses sei nötig. In Schulen müssten antisemitische Narrative erklärt werden, „weil sie immer wieder hochkommen“. Der Unterricht müsse vermitteln, „dass die Wiederholung dieser Narrative auch im Diskurs über Israel eine Plausibilisierung von Lügen bedeutet“. In Anlehnung an die Aussage des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder (1998–2005) vom „Aufstand der Anständigen“ rief der DIG-Präsident zu einem „Aufstand der Zuständigen“ auf.

„Negieren von Israels Existenzrecht ist rote Linie“

Der Staatsminister im Auswärtigen Amt, Florian Hahn (CSU), sagte in einem Grußwort, die DIG sei mehr als eine Diskursgemeinschaft. Nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 habe ihre Aktion „Hilfe für Israel“ Menschen in ganz Deutschland mobilisiert.

Die Aufnahme diplomatischer Beziehungen im Mai 1965 nannte Hahn einen „Schritt von historischer Bedeutung“. Dieser habe zu einer neuen Form von Verantwortung geführt. Die heute guten Beziehungen seien ein Ergebnis von Willen, harter Arbeit und Vertrauen.

Den „barbarischen Angriff“ vom 7. Oktober 2023 bezeichnete der Staatsminister als „tiefe Zäsur“ – auch wegen des gestiegenen Antisemitismus in Deutschland. Dem gelte es entschieden entgegenzutreten – egal, aus welcher Richtung er komme. Man müsse „widersprechen, wenn Israel als jüdischer Staat delegitimiert wird“. Niemand wolle die Meinungsfreiheit einschränken. „Aber das Negieren des Existenzrechts Israels ist eine absolute rote Linie“, betonte Hahn. Er dankte der DIG für „60 Jahre gesellschaftliches Engagement“.

Weitere Grußworte kamen von Bildungsministerin Karin Prien (CDU), Forschungsministerin Dorothee Bär (CSU) und der Bundestagsabgeordneten Siemtje Möller (SPD). Kanzler Friedrich Merz (CDU) gratulierte per Videobotschaft.

Stellvertretender Botschafter: Freundschaft verteidigen

Auch der stellvertretende israelische Botschafter Guy Giladi würdigte die DIG. Sie habe die Freundschaft geprägt, gestärkt und trotz aller Widerstände lebendig gehalten. „Lasst uns diese Freundschaft bewahren, verteidigen und in die nächsten Generationen weitergeben, damit auch unsere Kinder und Enkel eines Tages sagen können: Diese Freundschaft hat allen Stürmen standgehalten“, sagte er den Mitgliedern der Deutsch-Israelischen Gesellschaft.

Der Diplomat nahm Bezug auf eine Demonstration vor dem Bundestag am Samstag, bei der Tausende gebrüllt hätten: „Yalla Yalla Intifada“. Diese Schlachtrufe „stehen nicht für Frieden, sondern für Gewalt und am Ende für die Vernichtung des einzigen jüdischen Staates der Welt“. Sie trügen dazu bei, Gewalt gegen Juden zu legitimieren. Auch Politiker einer Partei seien dabei gewesen, „die bald hier im Rathaus regieren könnte“, sagte er mit Blick auf die Linke in Berlin.

Genozid-Vorwürfen gegen Israel widersprach Giladi: „Heute leben mehr Menschen in Gaza als am 7. Oktober.“ Diesen Satz wiederholte er, um die Absurdität zu verdeutlichen. Dass der Friedensnobelpreis für die Südafrikanerin Navanethem Pillay in Berlin gefeiert werde, sei bitter: In dieser Stadt habe der Völkermord der Nazis an den Juden seinen Ausgang genommen.

Rückblick und Ausblick

Zwei Podiumsgespräche befassten sich mit einer Analyse der bilateralen Beziehungen sowie mit Zukunftsperspektiven für die kommenden Jahrzehnte​. Die Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Digitales und Staatsmodernisierung, Gitta Connemann (CDU), bezeichnete es als Stärke der DIG, dass Mitglieder immer über Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg beieinandergesessen hätten. Die deutsch-israelische Parlamentariergruppe sei eine der größten im Bundestag, das sei ein gutes Zeichen.

Entfremdung entsteht nach ihrer Beobachtung aus Oberflächlichkeit, sagte sie in der ersten Diskussionsrunde. Ein Faktor sei das Nichtwissen über den jüdischen Staat, „das aber niemanden daran hindert in Deutschland, sehr dezidierte Urteile zu fällen über Israel. Das ist schon bemerkenswert schlimm“.

Gleich zwei Teilnehmer wuchsen in Israel in einem Elternhaus auf, in dem deutsche Produkte tabu waren. Einer ist der frühere israelische Botschafter in Berlin, Yakov Hadas-Handelsman. Er erinnert sich an die Proteste gegen die Aufnahme der Beziehungen zur Bundesrepublik. Den Begriff „besondere“ Beziehungen hätte er gern durch „einzigartige“ Beziehungen ersetzt, sagte er. Denn „besondere“ sei ein Begriff aus dem Zweiten Weltkrieg, er habe sich in Wörtern wie „Sonderzug“ gegen Juden gerichtet.

Auch die Politologin Tamar Hermann gehört zur zweiten Generation. Ihr Vater war Schoa-Überlebender. Er habe keine deutschen Produkte gekauft und sich geweigert, Deutschland zu besuchen. „Aber die junge Generation in Israel teilt das nicht.“ Sie betrachte Deutschland als ein weiteres Land in Europa, mit höherem Lebensstandard und einer liberaleren Gesellschaft. Mit Bezug auf Antisemitismus sagte Hermann, die Mehrheit der Israelis sehe weniger Gefahr bei der extremen Rechten als bei der extremen Linken.

Ehemaliger Staatsminister Roth: Antisemitismus auch von links

Der ehemalige Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, Michael Roth, besuchte Israel erstmals 1999. Der SPD-Politiker war Teil einer Gruppe junger rot-grüner Abgeordneter, die ein Zeichen setzen wollten – „dass uns Israel ganz, ganz wichtig sei“.

Im Tal der Gemeinden in der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem stieß er auf Dörfer seines nordhessischen Wahlkreises in Nordhessen. Er habe nicht gewusst, dass es dort einmal jüdische Gemeinden gab: „Alle waren ausgelöscht, alles war weg, alles war verschwunden.“ Das habe ihn nie wieder losgelassen, sagte Roth. Er habe erst nach Israel fahren müssen, um etwas über die Geschichte seiner Heimat zu erfahren.

Der frühere Staatsminister ergänzte, in den vergangenen Jahren sei ihm bewusst geworden: Antisemitismus ist nicht das Phänomen von Rechtsextremisten allein, sondern komme in anderen Schichten der Gesellschaft vor – zu seinem Schmerz auch in der progressiven Linken, der er sich zugehörig fühle.

„Man lernt an jeder Ecke etwas Neues“

Die Teilnehmer des zweiten Podiumsgespräches sollten die Frage beantworten, was der Beweggrund für ihr Engagement sei. Der Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion für Umwelt und Klimaschutz, Jakob Blankenburg, ist auch Vorsitzender der DIG-Arbeitsgemeinschaft Lüneburg. Er schätzt es nach eigener Aussage, dass in Israel viel unterschiedliche Kultur zusammenkommt: „Man lernt an jeder Ecke etwas Neues.“

Olga Deutsch ist Vizepräsidentin der Organisation „NGO Monitor“ in Jerusalem. Sie hält die Beziehungen zu Deutschland für die wichtigsten, die Israel in Europa hat.

Die Bundesvorsitzende des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Anika Schmütz, nannte die „schreiende Abwesenheit jüdischen Lebens in dem kleinen Kaff, in dem ich aufgewachsen bin“ – infolge des Nationalsozialismus. In Israel beeindruckten sie Herzlichkeit, Offenheit und „spannende Vielfalt“. Angesichts das Antisemitismus sei es „wichtiger denn je, mich für diese Beziehungen einzusetzen“.

Auch die Stellvertretende Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, Marlene Schönberger (Bündnis 90/Die Grünen), nahm an der Diskussionsrunde teil. Sie sei in einem sehr israelsolidarischen und antisemitismuskritischen Haushalt aufgewachsen, habe das Land naiv und unvoreingenommen kennengelernt. Israel sei ein „Schutzraum vor Antisemitismus“. Sie wolle „an der Seite derjenigen stehen, die für ein freies sicheres Israel stehen“.

„Wir gehen auf komplizierte 60 Jahre zu“

Das Gespräch moderierte der israelisch-österreichische Journalist Ben Segenreich. Er zog am Ende der Veranstaltung das Fazit: „Israel ist ein sehr kompliziertes Thema. Die Verhältnisse in Europa und Deutschland sind auch sehr kompliziert. Und wir gehen auf komplizierte nächste 60 Jahre zu.“

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft wurde im März 1966 in Bonn gegründet. Sie setzt sich für die bilateralen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in den Bereichen Zivilgesellschaft, Kultur und Wissenschaft ein. In der überparteilichen Organisation arbeiten Freunde Israels zusammen, „um sich solidarisch mit dem Staat Israel und seinen Bürgern zu engagieren“, heißt es auf der Website. Hauptsitz der DIG ist Berlin. Derzeit hat sie nach eigenen Angaben fast 10.000 Mitglieder und mehr als 50 Arbeitsgemeinschaften in ganz Deutschland. (eh)

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2 Kommentare

  1. Meine Ehefrau, ich selbst, unser Bischof, unser Hauspersonal, Volker Beck, bester Freund Israels: „Wenn Israel angegriffen wird, stehen wir an seiner Seite“. Und die Grünen in Berlin auch?

  2. Herzlichen Dank für den interessanten Artikel und ich trete noch heute der DIG bei, damit die Mitgliederzahlen weiter steigen und ersichtlich wird, wie viele hinter Israel stehen.

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