JERUSALEM (inn) – Vor 25 Jahren brach für die damals achtjährige Chaja Schijveschuurder die Welt zusammen: Eine kurze Explosion – und ihre Eltern sowie drei Geschwister waren tot. Die Hamas hatte erneut zugeschlagen.
Familie Schijveschuurder war am 9. August 2001 von der religiösen Siedlung Neria in Binjamina nach Jerusalem gekommen, um für den Schabbat einzukaufen. Danach gingen die Eltern, Chaja und vier ihrer Geschwister in die Pizzeria Sbarro an der Kreuzung King-George- und Jaffastraße.
Die Mutter Zira setzte sich mit der 14 Jahre alten Ra’aja und der zweijährigen Hemda an einen Tisch. Chaja stellte sich mit ihrem Vater Mordechai und ihrem vierjährigen Bruder Avraham Jizchak in die Schlange.
„Wir standen an der Kasse, und dann gab es eine Explosion“, erzählte die heute 33-Jährige der Zeitung „Yediot Aharonot“ vor dem 25. Jahrestag. „Ich schaffte es, nach draußen zu gelangen, ich weiß nicht, wie. Alles ging in Flammen auf. Es gab Schreie und Durcheinander.“
Bruder antwortete nicht
Sie und ihre elfjährige Schwester Leah erlitten schwere Verbrennungen. Die Eltern und die drei anderen Kinder überlebten den Anschlag nicht. Drei ältere Brüder im Alter von 17 bis 22 waren nicht mit nach Jerusalem gekommen.
Im Krankenwagen saß sie neben ihrem kleinen Bruder, der einen Kopfverband trug. Sie habe mit ihm gesprochen, doch er habe nicht geantwortet, sagte sie. Offenbar war er zu jenem Zeitpunkt schon tot.
Sanitäter liefen mit ihr zum nahe gelegenen Bikur-Cholim-Krankenhaus in der Prophetenstraße. Sie habe die gesamte Zeit gefragt: „Wo ist mein Vater?“ Als Antwort hieß es: „Er kommt gleich.“ Auch als sie am nächsten Morgen erwachte und nach ihrer Familie gefragt, wurde ihr nichts von dem Anschlag erzählt.
Als die großen Brüder sie besuchten, sah sie, dass sie ihre Hemden eingerissen hatten als Zeichen der Trauer. Erst da erfuhr sie, dass die anderen tot waren. Chaja und Leah wurden für anderthalb Jahre in die Schweiz geschickt zu einem Onkel. Doch es gab Probleme. Also kehrten sie nach Israel zurück. Ihr Bruder Meir, der zur Zeit des Anschlages 20 Jahre alt gewesen war, und dessen Ehefrau übernahmen die Rolle der Eltern.
Kinder nach Opfern benannt
Heute ist Chaja Schijveschuurder verheiratet und hat selbst drei Kinder. Sie tragen Namen von ihren ermordeten Verwandten: Raphael Matan (6) nach dem Vater Mordechai Raphael, Schachar Zirel (4) nach der Mutter und Hemda (elf Monate) nach der Schwester. Die Familie lebt in Rischon LeZion.
„Meine Kinder wissen, dass Opa und Oma und ihr Onkel und ihre Tanten getötet wurden“, fügte sie hinzu. „Ich habe ihnen nicht erzählt, wie es passiert ist und dass ich selbst dort war. Erzählen Sie mal einem sechsjährigen Kind, was es bedeutet, in ein Restaurant zu gehen, und es explodiert.“
Die Ereignisse vom 7. Oktober 2023 haben Chaja zurückgeworfen, vor allem der Krieg gegen den Iran und der Raketenalarm: „Das ist beängstigend. Einerseits muss ich den Kindern Stärke zeigen, und andererseits stirbt mein Herz vor Furcht.“ Seit der Operation „Löwengebrüll“ gegen die Terrorinfrastruktur im Iran, die am 28. Februar begann, sieht Chaja nachts ihren kleinen Bruder Avraham Jizchak vor sich. Dann sitzt sie wieder neben ihm im Krankenwagen, und er antwortet nicht. „Irgendwo fühle ich mich noch wie jenes achtjährige Mädchen – auch wenn das Leben weitergeht.“
Sprengstoff in Gitarrenhülle
Bei dem Anschlag wurden insgesamt 16 Menschen ermordet; unter ihnen waren acht Kinder und eine Besucherin aus New Jersey, die zum ersten Mal schwanger war. Zudem gab es 130 Verletzte.
Der Attentäter war der 22-jährige Is al-Din al-Masri. Den Sprengstoff hatte der Palästinenser in einer Gitarrenhülle versteckt. Damit die Opfer größtmöglichen Schmerz erleiden müssten, hatte er dem Sprengsatz Nieten, Metallstifte und Nägel beigefügt. Al-Masri sprengte sich in die Luft.
Mit ihm hatte die Planerin des Anschlages, Ahlam Tamimi, die Pizzeria betreten. Sie gelangte unversehrt nach draußen, wurde später festgenommen. 2011 kam sie mit 1.026 weiteren Terroristen im Austausch gegen die israelische Geisel Gilad Schalit frei. Sie lebt mittlerweile in Jordanien.
Trauernder Vater will Terroristin vor Gericht bringen
Dass sie frei herumläuft, geht Arnold Roth gegen den Strich. Er verlor bei dem Attentat seine 15-jährige Tochter Malki; die Familie war aus Australien nach Israel eingewandert. Im Grab neben Malki liegt ihre 16-jährige Freundin Michal Rasiel, die ebenfalls im Sbarro getötet wurde.
Vergangene Woche sprach Roth mit der Nachrichtenseite „Times of Israel“ über sein Engagement: Seit 15 Jahren versucht die Familie, Tamimi in den USA vor Gericht stellen zu lassen. Das wäre möglich, da auch amerikanische Staatsbürger unter den Opfern waren; zu ihnen gehört seine Tochter.
Die Palästinenserin steht auf der Liste der meistgesuchten Personen der US-Bundespolizei FBI. Sie zeigt keinerlei Reue. „Es bringt sie nicht zurück und wird überhaupt nichts in unserem Leben verbessern. Aber die Vorstellung, dass die Frau, die das getan hat, auf Malkis Grab tanzt – so betrachte ich das immer –, ist für mich unerträglich“, sagte Roth.
Jordanien ist ein Verbündeter der USA und hat diplomatische Beziehungen mit Israel. Überdies gibt es eine gemeinsame Grenze, auch mit dem Westjordanland. Unter vielen Palästinensern gilt Tamimi als Heldin. All dies erschwert die Bemühungen um eine Auslieferung.
Auch Roths Frau Frimet war anfangs daran beteiligt. Doch am 7. Dezember 2023 wurde der Mann ihrer Tochter Pesi, der 32-jährige Reservist Naftali Gordon, bei Kämpfen gegen die Hamas im Gazastreifen getötet. Pesi zog mit ihren zwei Kindern in die Nähe der Roths. Seitdem hat Frimet Roth ihr Engagement zurückgeschaltet.
„Beginn einer wirklichen Eskalation“
Der Tel Aviver Politikwissenschaftler Alon Jakter sieht 25 Jahre später im Sbarro-Anschlag einen Wendepunkt: „Es war Teil einer Serie damals, die wirklich begonnen hatte zu eskalieren. Was 2001 passierte, war vor allem, dass das Niveau der Todesfälle und der Terrorserie beispiellos war, und Sbarro war in dieser Hinsicht eine Eskalation.“
Israelische Schüler indes erinnern sich, je mehr die Zeit fortschreitet, immer weniger an diesen konkreten Anschlag. Sbarro gehört für sie in eine Aufzählung von Namen, die mit Blutvergießen verbunden sind: Attentate auf Diskobesucher vor dem Dolphinarium, am Sederabend im Park Hotel in Netanja, in der Cafeteria der Hebräischen Universität, auf den Bus Nummer 32 in Jerusalem 19 Todesopfern.
Anschläge auf Restaurants, bei denen Kinder starben, hatten indes langfristige Auswirkungen auf die Ansichten der Israelis zu Palästinensern. Der Anteil derjenigen, die meinten, die Palästinenser wollten sich Israels bemächtigen und seine Juden töten, schnellte infolge der „Zweiten Intifada“ (2000–2005) nach oben. Seit dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober hat dieses Skepsis noch mehr zugenommen.
Malki Roth hinterlässt derweil ein Erbe, das anderen zugute kommt: Sie beschäftigte sich gern mit Kindern mit Behinderung, zu denen auch ihre Schwester Chaya-Elisheva gehörte. Die von den Eltern gegründete Malki-Stiftung hilft solchen Kindern, damit sie zu Hause bei ihren Familien bleiben können.
Mädchen sagte Feier zur Bat Mizva ab
Eine israelische Familie indes erfuhr in den USA von dem Attentat: Michal Belzberg wollte dort ihre Bat Mizva feiern, also die Religionsmündigkeit eines jüdischen Mädchens. Als sie von dem Anschlag hörte, sagte die Zwölfjährige die Feier ab.
Zwei Tage später kehrte die Familie nach Israel zurück und besuchte Verwundete. Chaja Schijveschuurder sagte über Michals Eltern: „Sie kamen zu mir ins Krankenhaus. Ich erinnere mich an sie, Chantal und Marc.“
Chantal Belzberg wiederum erinnert sich, „dass sie klein war und Schmerzen hatte, sie lächelte mit Tränen in den Augen“. Es sei ein Besuch gewesen „bei einem kleinen Mädchen, dessen gesamte Welt zusammengebrochen ist“. Belzberg fügte an: „Ich wusste, dass wir ihr ein Gefühl der Liebe vermitteln mussten und sie nicht verlassen durften. 25 Jahre später haben wir sie nicht verlassen. Und sie hat einen langen Weg zurückgelegt.“
Einige Zeit nach dem Anschlag initiierten die Belzbergs die Organisation „One Family“ (Eine Familie). Sie unterstützt Terror-Opfer und trauernde Familien in Israel. (eh)
» Nach 22 Jahren Opfer des „Sbarro“-Anschlags erliegt Verletzungen
Ein Kommentar
Erinnerungen an schreckliche Ereignisse bleiben lebenslang im Gedächtnis erhalten in vielen Fällen. Am Anfang lösen sie in der Regel Flashbacks aus. Im Laufe der Zeit verblassen die oftmals.