Im April nahm eine Nachal-Einsatztruppe der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte ein Gebäude in der südlibanesischen Ortschaft Aita asch-Scha’b ein. Das wäre an sich nichts Besonderes. Doch von diesem Haus aus hatte ein Hisbollah-Kommandeur 20 Jahre zuvor die Operation geleitet, die zum Ausbruch des Zweiten Libanonkrieges führte.
Untrennbar mit diesem Krieg verbunden sind die Namen der beiden Reservisten Eldad Regev und Ehud Goldwasser. Sie wurden am 12. Juli 2006 in den Libanon verschleppt. Zwei Jahre lang sollten die Menschen in Israel nicht wissen, in welchem Zustand sich die beiden Geiseln befanden.
Vom dritten Stock des besagten Gebäudes aus beobachtete Hisbollah-Kommandeur Imad Mughnije den Angriff auf zwei israelische Panzer jenseits der Grenze. Drei Soldaten wurden direkt bei dem Überfall getötet: der 22-jährige Ejal Benin, der 24-jährige Schani Turgeman und der 26 Jahre alte Wassim Nasal. Zudem erlitten drei Soldaten schwere Verletzungen.
Als eine andere Einheit zur Rettung herbeieilte, wurde ihr Panzer durch eine Mine in die Luft gesprengt. Dabei starben vier Soldaten: der 21-jährige Alexej Kuschnirski sowie Janiv Bar-On, Gadi Mosajev und Schlomi Jirmijahu, die alle drei 20 Jahre alt waren. Bei einem Versuch, die Leichname ausfindig zu machen, kam der 19-jährige Nimrod Cohen ums Leben.
Krieg gegen Hisbollah und Hamas
Damit befand sich Israel in einem Zweifrontenkrieg. Denn bereits am 25. Juni hatte die Hamas einen Grenzposten überfallen und den 19-jährigen Soldaten Gilad Schalit in den Gazastreifen entführt. Die Armee reagierte mit Beschuss auf Terrorziele in der Küstenenklave.
Während des Zweiten Libanonkrieges feuerte die Hisbollah-Miliz etwa 4.000 Katjuscha-Raketen auf Zivilisten im jüdischen Staat ab. Israel verfügte damals noch nicht über das Raketenabwehrsystem Eisenkuppel. Ein Geschoss traf am 16. Juli 2006 ein Zugdepot in der Küstenstadt Haifa, Alarm gab es vorher nicht. Acht Arbeiter kamen ums Leben, Dutzende weitere Menschen wurden verletzt. Mittlerweile heißt eine Haltestelle in der Küstenstadt zu ihrem Gedenken „Merkas HaSchmona“ – „Zentrum der Acht“.
Der Krieg wurde am 14. August, sechs Wochen nach seinem Ausbruch, durch die UN-Resolution 1701 beendet. Sie sieht unter anderem vor, dass südlich des Flusses Litani weder die Hisbollah noch andere Milizen bewaffnet sein dürfen. Dieses Recht kommt ausschließlich der libanesischen Armee zu.
Die internationale Schutztruppe UNIFIL sollte die Einhaltung dieser Bestimmung überwachen. Doch die Hisbollah rüstete auf und begann am 8. Oktober 2023, einen Tag nach dem Hamas-Massaker in Südisrael, eine monatelange Angriffswelle.
Hoher Preis für Geiseln
Von Eldad Regev und Ehud Goldwasser gab es indes keine Spur, als die Waffen schwiegen. Verhandlungen führten zu einem für Israel sehr schmerzhaften Deal: Die Geiseln sollten gegen fünf lebende Hisbollah-Terroristen ausgetauscht werden. Einer von ihnen war Samir Kuntar.
Der Libanese hatte 1979 als Mitglied der säkularen „Palästinensischen Befreiungsfront“ (PLF) einen Überfall auf eine israelische Familie in der Küstenstadt Naharia angeführt. Bei der Aktion kamen der Vater der Familie sowie die beiden Töchter im Alter von zwei und vier Jahren ums Leben. Kuntar hatte den Schädel der einen Tochter mit seinem Gewehrkolben zertrümmert. Beim Überfall töteten die Terroristen auch zwei Polizisten. Mit dem Angriff protestierte die PLF nach Angaben ihres Leiters gegen den Friedensvertrag zwischen Israel und Ägypten.
Anblick der Särge löschte Hoffnungen aus
Am 16. Juli 2008 wurden die Geiseln an der Grenze gegen die fünf Terroristen ausgetauscht. Erst, als die Hisbollah die beiden Särge vom Lastwagen hob, erlosch endgültig die Hoffnung, die beiden könnten noch am Leben sein. Die Armee hatte dies schon länger vermutet, aber Gewissheit gab es nicht. Einen Tag vor der Übergabe behauptete eine libanesische Zeitung ohne Namensnennung, eine Geisel sei lebendig und eine tot. Regev wurde 25 und Goldwasser 30 Jahre alt. Seit der Entführung hatten Familien und Freunde darum gekämpft, die beiden Verschleppten wiederzuerlangen.
Entsprechend der Abmachung übergab die Hisbollah zusätzlich zu den beiden Leichnamen Körperteile von im Zweiten Libanonkrieg gefallenen Soldaten an die Armee. Israel ließ in der Folge fünf inhaftierte palästinensische Jugendliche frei. Damit war der Austausch am 5. August beendet. Kuntar starb im Dezember 2015 bei einem Luftschlag in Syrien.
Der Libanon ordnete nach der Rückkehr der fünf Terroristen Staatsfreude an. Zunächst wurden sie im grenznahen Nakura von vielen Bewohnern des Südlibanon willkommen geheißen. Von dort flogen sie per Hubschrauber in die Hauptstadt Beirut zu einer staatlichen Zeremonie.
Hamas und Fatah loben Deal
Die Terrorgruppe Hamas feierte den Deal im Norden des Gazastreifens mit Massenkundgebungen. Sie wertete den Deal als Erfolg, der weitere „Widerstandskämpfer“ aus israelischen Gefängnissen freipressen würde. Auch der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), Mahmud Abbas, begrüßte den Deal. Der Fatah-Chef äußerte ebenfalls die Hoffnung, dass in dessen Folge weitere Gefangene freikommen würden. Und in der Tat wurde Gilad Schalit im Oktober 2011 gegen 1.027 Häftlinge ausgetauscht – von denen die meisten Blut an den Händen hatten.
Im Zweiten Libanonkrieg wurden auf israelischer Seite 121 Soldaten und 46 Zivilisten getötet. Hinzu kamen mehr als 2.600 Verwundete.
Gemäß offiziellen libanesischen Angaben gab es auf der anderen Seite etwa 1.200 Tote, wobei zwischen Zivilisten und Hisbollah-Terroristen nicht unterschieden wurde. Die libanesische Armee beklagte 43 Tote. Diese Zahl deutet darauf hin, dass Israel keinen Krieg gegen den Libanon oder seine Armee geführt hat. Israel zählte 800 tote Hisbollah-Terroristen.
Der Angriff am 12. Juli mit seinen verheerenden Folgen wurde möglich, weil Mughnije zuvor von der Kommandozentrale in Aita asch-Scha’b die Bewegungen der israelischen Truppen im Grenzgebiet verfolgt hatte. Nachdem seine Einheit die ehemalige Kommandozentrale unter ihre Kontrolle gebracht hatte, sagte der zuständige Kommandeur laut der Zeitung „Ma’ariv“: „Für mich schließt sich hiermit ein Kreis, 20 Jahre danach: An diesem Ort, von dem so viel Böses ausging, befinden wir uns nun, Soldaten der israelischen Armee – am Vorabend des Jom HaSikaron.“ Der Jom HaSikaron ist der israelische Gedenktag für Gefallene und Terror-Opfer. (eh)
5 Kommentare
Vor 20 Jahren der Zweite Libanonkrieg. Wie viele Kriege gegen die Hisbollah wird es noch geben? Viele.
Terroristen freilassen, um zwei Särge zu bekommen…ja, ich weiss, jüdische Tradition und so weiter. Gilad Shalit, zum Glück lebendig, war mehr als 1.000 Palästinenser wert. Mer sacht ja nix, mer red ja nur.
Man möchte nicht mehr kommentieren, wie abartig Hisbollah und Hamas mit Menschen umgehen. Wobei ihre Anhänger ebenso bestialisch sind.
OT: Was las ich? BRD gibt schon wieder zig Millionen nach Gaza? Heutzutage muss man Pal sein und Terroranhänger. Schon fließen die Gelder.
Terroristen und ihre Helfershelfer werten Deals immer als Erfolg zur Freipressung von „Widerstandskämpfern.“ Das darf so niemals wieder geschehen. Aus diesem Grund kann ich den Wunsch nach der Todesstrafe verstehen. Aber die gerechte Strafe erhalten alle Terroristen aus der Hand Gottes.
Mögen alle gefallenen, ermordeten und teils zerstückelten Soldaten ihren Frieden bei unserem himmlischen Vater finden.🙏🇮🇱
Es ist traurig, wenn man die Erinnerung dokumentiert, dass bereits vor 20 Jahren Hisbollah und Hamas so gewaltsam den Fieden im Nahen Osten zunichte machten. Die Welt, insbesondere Europa, kümmerte sich wenig um die Situation der Israelis. Und die UNIFIL hat danach regelmäßig versagt.