Meinung

„Nasa“: Schwere Vorwürfe gegen Israel und viele Auslassungen

In der Doku „Nasa“ sprechen israelische Armeeangehörige über die Kriegsführung in Gaza – inklusive möglicher Kriegsverbrechen. Der Film glänzt mit Details zum Einsatz von KI in Kriegen, fällt aber auch mit Auslassungen und schiefen Vergleichen auf.
Von Martin Schlorke

Seit dem Massaker der Hamas vom 7. Oktober 2023 führt Israel Krieg im Gazastreifen – bis heute. Bilder von komplett zerstörten Vierteln und Berichte von zehntausenden zivilen Opfern prägen seitdem die Berichterstattung. Der Dokumentarfilm „Nasa“ versucht nachzuzeichnen, wie Israels moderne KI‑unterstützte Kriegsführung funktioniert, und will auch zeigen, wie der jüdische Staat bewusst zivile Opfer in Kauf nimmt.

In dem 80‑minütigen Film der israelischen Filmemacher Yuval Abraham und Rachel Szor kommen 24 Militärangehörige und Geheimdienstler zu Wort, die Insidereinblicke in die israelische Kriegsführung geben. Überprüfen lassen sich deren Angaben und persönlicher Hintergrund jedoch nicht. Alle Interviews sind anonymisiert. Grund dafür ist, dass die Weitergabe militärischer Geheimnisse in Israel unter Strafe steht – wie in Deutschland auch.

Die Doku spielt nachts über den Dächern Tel Avivs. Die Protagonisten sitzen im Dunkeln. Von den 24 Interviewpartnern sind nur die Silhouetten zu erkennen, die Stimmen verfremdet. Im Hintergrund: die Hochhäuser der Küstenmetropole. Bewohner von Tel Aviv sind zu sehen, wie sie fernsehen, kochen oder auf ihren Balkonen stehen. Nüchtern, fast schon kühl, erzählen die Militärangehörigen von Israels Kriegsführung im Gazastreifen. Einige unterstreichen ihre Aussagen mit Skizzen, die sie mit schwarzem Filzstift anfertigen.

Der Dokumentarfilm „Nasa“ hatte am 12. September den Spezialpreis der Jury bei den 83. Filmfestspielen von Venedig erhalten. In Venedig feierte das Publikum den Film mit 25 Minuten Beifall und Standing Ovations. Israelische Politiker und die Armee warfen den Filmemachern dagegen eine Verzerrung von Fakten vor.

Spannende Einblicke in Israels KI‑Kriegsführung

Es ist hochinteressant zu erfahren, auf welche Technologie Israel im Kampf gegen den islamistischen Terrorismus setzt. Im Mittelpunkt steht das israelische KI-System „Lavender“. Mit dessen Hilfe können riesige Datenmengen über den Gazastreifen und dessen Bewohner gesammelt und verarbeitet werden. Daten von hunderttausenden Mobiltelefonen werden ausgewertet, miteinander verknüpft und führen schlussendlich zu einer Liste möglicher Ziele für israelische Angriffe.

Über tatsächliche Attacken entscheidet jedoch nicht die KI, sondern israelische Offiziere. Das ist alles nicht neu, weitgehend bekannt und ziemlich sicher kein Alleinstellungsmerkmal Israels. Unwahrscheinlich, dass andere westliche Militärs nicht ebenso massiv mit KI arbeiten. 

Und dennoch gruselt einen der Gedanke, dass KI-Systeme einen solchen Einfluss auf die Kriegsführung haben, weil sie eine erschreckende Distanz zum Töten schaffen können. Denn solche Systeme prognostizieren auch die möglichen Kollateralschäden – also zivile Opfer, die bei Angriffen auf militärische Ziele oder Zielpersonen erwartbar sind. Die Abkürzung des israelischen Militärs für Kollateralschäden ist namensgebend für den Film: „Nasa“.

Plötzlicher Bruch im Film

Die 24 ehemaligen israelischen Aufklärungssoldaten, Drohnenpiloten und Dateningenieure erzählen von zwei oder zehn „Nasas“ bei Einsätzen. Andere von bis zu 500. Auch diese Zahlen können nicht überprüft werden, sind aber erschreckend. Allerdings verurteilt das Völkerrecht nicht jeden Angriff, bei denen Zivilisten getötet werden. Eine Einordnung, die der Doku gutgetan hätte – und die an vielen Stellen fehlt.

Über rund 60 Minuten bleibt der Film auf dieser Ebene: detaillierte Aussagen zur nüchternen Routine israelischer Einsatzplaner mithilfe von KI, Zahlen ziviler Opfer bei israelischen Luftangriffen und Beispiele fehlgeschlagener Missionen. Etwa wenn sich anstatt des Terroristen nur dessen Mobiltelefon im Gebäude befand – und dessen Familie.

Doch ausgerechnet die Beispiele für das Versagen der israelischen Armee und den Einsatz von KI werfen Fragen an die später geäußerte Genozidthese des Films auf. Denn so zynisch es klingen mag: Für einen Genozid braucht Israel keine KI-Systeme, die auf Grundlage unzähliger Parameter eine Liste möglicher Ziele erstellen.

Auch ein anderes Beispiel verdeutlicht das. Einer der anonymen Analysten beschreibt, wie er Bilder der Wohnung eines Terroristen ausgewertet hat, um den richtigen Einschlagwinkel für den Luftangriff zu finden, um Kollateralschäden zu minimieren. Auch das passt nur schwer zu der später erhobenen Behauptung, Israel wolle den Gazastreifen gezielt unbewohnbar machen.

Genozidvorwurf und der fehlende Kontext

Vielleicht ist den Filmemachern das auch aufgefallen. Denn nach knapp einer Stunde erlebt die Doku einen Bruch. Plötzlich steht der Völkermordvorwurf im Raum. Die Whistleblower auf den Dächern Tel Avivs erzählen nun von willkürlichen Erschießungen und Massenbombardements, um den Gazastreifen unbewohnbar zu machen. Sie selbst hätten das mithilfe von Drohnenkameras beobachtet.

An dieser Stelle wird die Bildsprache der Doku zur Anklage. Waren in den Minuten zuvor Tel Aviver in ihren Wohnungen im Hintergrund des Settings zu sehen, zeigen die Filmemacher jetzt Bauprojekte in der Stadt. Während Gaza zerstört wird, baut Israel neue Häuser, so lautet die Aussage. Ebenso werden nach den Genozidvorwürfen Szenen gezeigt, in denen die Tel Aviver am Holocaust-Gedenktag innehalten, um der Opfer der Schoa zu gedenken. Ein agitatorisches Stilmittel, das ziemlich plump daherkommt.

Und noch etwas fällt auf: Die Dokumentation lässt Kontext weg. Das Massaker der Hamas, das eine Kriegserklärung an Israel war, wird nur zu Beginn kurz erwähnt, ebenso wie die 251 Menschen aus Israel und anderen Ländern, die am 7. Oktober in den Gazastreifen verschleppt wurden und die mithilfe von Bodentruppen befreit werden sollten. Der permanente Raketenbeschuss auf Israel, die Kampfhandlungen am Boden, die humanitäre Hilfe, die trotz des Krieges von Hilfsorganisationen über israelische Grenzübergänge geleistet wird. Nichts davon rechtfertigt mögliche Kriegsverbrechen. Aber all das gehört zum Gesamtbild – und genau dieses Gesamtbild bleibt in „Nasa“ auffällig unvollständig.

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2 Kommentare

  1. Danke für die noch etwas umfassendere Aufklärung der Hintergründe des zuvor schon in einem anderen Artikel von IN dargestellten „Nasa“-Films.

    Es wird deutlich, wie subtil hier Manipulation betrieben wird, um Meinung zu steuern und faktenfreie „Wahrheit“ zu streuen.

    Menschen, die sich nicht täglich auf unterschiedlichsten politischen Nachrichtenportalen informieren, sind hilflose Opfer dieses verfälschenden Framings.

  2. Der Film, reine antiisraelische Propaganda, will unbedingt zeigen, wie „der jüdische Staat bewusst zivile Opfer in Kauf nimmt“, zivile Opfer, die keine sind.

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