„Wie wenig zählen palästinensische Menschenrechte, wenn sie von jemandem verletzt werden, der kein Israeli ist.“ Dies beklagt der Palästinenser Hamza Abu Howidy in seinem Buch „Muscheln am Strand von Gaza“. Er war zweimal wegen Protesten gegen die Hamas im Gefängnis, wurde gefoltert – und vermisste eine Reaktion der internationalen Gemeinschaft.
Abu Howidy schildert seine Kindheit und Jugend in Al Rimal, dem „schönsten Teil von Gaza“. Dort lebten viele Angestellte der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Deshalb war das Viertel im Juni 2007 auch besonders schlimm betroffen vom Putsch der Hamas. Der damals zehnjährige Palästinenser verließ gegen den Rat seines Vaters das Haus und wurde Zeuge vom brutalen Vorgehen der Terrorgruppe gegen die Fatah.
Am 7. Oktober 2023 wurde er an den Putsch erinnert, als er in einem Flüchtlingslager in Griechenland „mit dem Rest der Welt“ verfolgte, „wie Hamas-Kämpfer israelische Kibbuzim stürmten, Zivilisten erschossen und sich in blutverschmierten Wohnzimmern filmten“. Er habe fassungslos, völlig ungläubig zugesehen – „aber nicht, weil es unvorstellbar war. Ich hatte ganz ähnliche Bilder schon einmal gesehen. Nicht in Israel. Sondern in Gaza. In meinem Gaza. In meinem Viertel, Al Rimal“.
Der Vater des Autors erzog seine Kinder zu kritischem Denken. Er lehnte die Hamas ab, arbeitete aber für die Stadtverwaltung und konnte sich dem Kontakt mit der Terrorgruppe nicht entziehen. Zudem traf er sich regelmäßig mit Freunden, die er aus der Jugend kannte – obwohl diese Anhänger der Hamas waren.
Indoktrinierung an drei Schulen
Sein Sohn besuchte insgesamt drei Schulen. In der ersten war Islam ein Schwerpunkt, verbunden mit Propaganda. Nach dem morgendlichen Aufwärmsport auf dem Schulhof sangen Lehrer und Schüler islamische Gesänge, die teilweise von der Hamas abgewandelt wurden. „Oh Jerusalem, wir kommen zurück“, habe es in einem davon geheißen.
Als Israel Ende 2008 die Operation „Gegossenes Blei“ gegen die Terrorinfrastruktur begann, entschieden sich die Eltern für eine Schule des UN-Hilfswerkes für Palästina-Flüchtlinge (UNRWA). Denn die bisherige befand sich nahe der Grenze und auch in der Nähe mehrerer Hamas-Ausbildungsstätten, das war ihnen zu gefährlich.
Über den Wechsel schreibt Abu Howidy: „Wir wurden nicht mehr dazu erzogen, Märtyrer im Namen Gottes zu verehren, aber der Nationalismus blieb. Auch in der UNRWA-Schule sollten wir die Idee eines historischen Palästinas in seiner Gesamtheit annehmen. Die Landkarten im Unterricht zeigten nicht Gaza, das Westjordanland und Ostjerusalem und schon gar kein Israel, sondern ein einziges Palästina ‚vom Fluss bis zum Meer‘. Städte, die wir nie gesehen hatten – Haifa, Jaffa, Akko – wurden als vorübergehend verlorene Gebiete dargestellt, die darauf warteten, zurückerobert zu werden.“
Die UNRWA-Schule habe ihn zu einer nationalen Einstellung gebracht: „Nur selten hinterfragte ich die Ideen, die mir vermittelt wurden. Das lag auch an einem grundlegenden Problem aller Schulen im Gazastreifen – sie lehrten uns nicht, kritisch zu denken. Wir sollten akzeptieren, was uns beigebracht wurde.“
Mit der zehnten Klasse kam er in eine öffentliche Schule. Dort erlebte er „etwas, das es ausschließlich an den öffentlichen Schulen und den Privatschulen der Hamas gab: militärisches Training für Schüler“. Dass es auch anders ging, zeigt der Autor am Beispiel seines Freundes Mustafa: Dieser besuchte eine christliche Schule ohne Hamas-Indoktrinierung.
Ingenieurwissenschaft als „Forschungszweig der Hamas“
Nach dem Schulabschluss begann Abu Howidy ein Ingenieursstudium, das ihn allerdings enttäuschte: Er hatte sich vorgestellt, einen Beitrag zum Aufbau der zivilen Infrastruktur leisten zu können. Stattdessen habe er sich mit militärischer Infrastruktur und Tunnelbautechniken befassen müssen. Den Studiengang bezeichnet er als „Forschungszweig der Hamas“. Er wechselte zum Rechnungswesen.
Aus Tradition lebte er als gläubiger Muslim, doch ihm kamen Zweifel an der Religion. Auch das Christentum überzeugte ihn indes nicht. Das Alte Testament hatte für ihn zu viel Ähnlichkeit mit dem Koran, und mit der Dreieinigkeitslehre konnte er nichts anfangen. Heute bezeichnet er sich als Agnostiker.
Derweil wuchs in Abu Howidy der Widerstand gegen die Ideologie und die Unterdrückung der Hamas. 2019 beteiligte er sich an Protesten gegen die Terrorgruppe. Er wurde festgenommen und unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert: „Das Essen, das sie uns gaben, war widerlich – kalte, stinkende Reste, die man nicht als Nahrung bezeichnen konnte.“ Folter war an der Tagesordnung.
Von der internationalen Gemeinschaft verraten
In dieser Drangsal hoffte er auf Hilfe von außen: „In den ersten Tagen klammerte ich mich an die naive Hoffnung, dass die Außenwelt eingreifen würde. Ich stellte mir vor, Menschenrechtsorganisationen würden Alarm schlagen, internationale Medien würden berichten, was uns widerfuhr, und weltweiter Druck würde die Hamas zwingen, friedliche Demonstranten freizulassen.“
Doch nichts dergleichen geschah. Er fühlte sich verraten: „Die internationale Gemeinschaft, die von sich behauptete, für die Rechte der Palästinenser einzutreten, unternahm nichts, als wir von unserer eigenen Regierung gefoltert wurden.“ Nur dank der Beziehungen seines Vaters zu den alten Freunden und einer entsprechenden Geldsumme kam er frei.
Die Folter indes veränderte, wie er schreibt, seine Persönlichkeit. Er hatte nun Angst, sich in einer Gruppe zu äußern. Laute Stimmen „werfen mich in die Zeit der Folter zurück, zurück in die stinkende Zelle, in die Räume, in denen ich geschlagen wurde“.
Haltung zu Israel verändert
Doch der größte Wandel ereignete sich bei seiner Einstellung gegenüber Israel. Einen ersten Ausschlag gab der Bruder eines Freundes, der von seiner Arbeit in Kibbuzim auf der anderen Seite und den dort herrschenden fairen Bedingungen erzählte. Die Hafterlebnisse vergrößerten zudem seine Zweifel an dem, was die Hamas ihn gelehrt hatte.
Schließlich ließ er sich 2021 auf Online-Gespräche mit einem Israeli ein. Auch wenn er den Eindruck hatte, dass dieser Propaganda der israelischen Regierung wiedergab, blieb er dran. Denn dass der Israeli auf seine Argumente einging, anstatt auszuweichen, imponierte ihm. Er erfuhr von der israelischen Organisation B’Tselem – und auch, dass sein Gesprächspartner der Besatzung kritisch gegenüberstand. Und der Israeli sah das Leiden seiner Familie, die infolge der israelischen Staatsgründung 1948 aus Jaffa vertrieben worden war. Gleichzeitig erzählte er von arabischen Juden, die in ihren Herkunftsländern verfolgt worden und nach Israel eingewandert waren.
Die Berichte des palästinensischen Arbeiters, der Austausch mit dem Chatpartner und auch Bücher brachten Abu Howidy zur Erkenntnis, dass die Situation komplexer war, als er bis dahin gedacht hatte. Er sah nicht mehr alle Israelis als seine Feinde an.
Als im Mai 2021 Israel seine Straße in Gaza bombardierte, war er entsetzt – aber nicht über den Angreifer. Denn das Bombardement legte den Eingang eines Tunnels bloß: „Ich war wütend. Hilflos und wütend. Darüber, dass die Hamas ihre Kommandozentrale gebaut hatte, darüber, dass sie uns in Gefahr gebracht hatte, ohne dass wir irgendetwas davon mitbekommen hatten.“
Folgen Sie uns auf Facebook und X!
Melden Sie sich für den Newsletter an!
Über Ägypten nach Europa
Im Mai 2023 beteiligte er sich erneut an Protesten und wurde auch diesmal inhaftiert. Wieder schwieg die Weltgemeinschaft über das Leiden der gefolterten Palästinenser. Nachdem er dank des Engagements seines Vaters freigekommen war, beschloss er, den Gazastreifen zu verlassen.
Auf legale Weise überquerte er in Rafah die Grenze nach Ägypten, flog weiter in die Türkei. Dort vertraute er sich einem Schleuser an, gelangte mit einem Schlauchboot nach Griechenland und wurde in ein Lager gebracht.
Entsetzen über Feiern im Flüchtlingslager am 7. Oktober
Dort verfolgte er am 7. Oktober erschüttert das Massaker in Israel – und die Reaktionen der anderen Insassen. Denn die meisten feierten den Terrorangriff. Er selbst hingegen prangerte drei Tage später auf X Gewalt gegen Zivilisten auf beiden Seiten an, kritisierte auch die Hamas. Darauf folgte eine Morddrohung von einem Araber aus dem Flüchtlingslager.
Mittlerweile lebt Abu Howidy als Asylbewerber in Deutschland und wartet auf seine Anerkennung. Ausgerechnet eine Israelin verhalf ihm dazu, über Brüssel in die Bundesrepublik zu kommen. Hier tritt er mit israelischen Diskussionspartnern bei Veranstaltungen auf, erzählt aus seinem Leben und stößt auf viel Kritik.
Beschäftigung mit der Schoa
Bevor er nach Deutschland kam, wusste er nichts über die Schoa. „Das Wissen über dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte ist in Gaza so gut wie nicht vorhanden. Fast niemand spricht darüber, und wenn doch, beschränkt sich der Informationsaustausch darauf, dass Hitler die Juden getötet hat. Das Einzige, was man an ihm kritisiert: Er hat seine Arbeit nicht zu Ende gebracht.“
Mittlerweile hat er sich mit dem Thema beschäftigt: Auf Einladung des CDU-Abgeordneten Armin Laschet nahm er 2025 an der Gedenkstunde zum Internationalen Holocaust-Gedenktag im Deutschen Bundestag teil. Und er fuhr sogar mit einer Gruppe nach Auschwitz.
Die Spannungen zwischen der pro-palästinensischen und der pro-israelischen Seite nimmt er wahr, er sieht sich genau dazwischen. Es sei „nicht leicht, sich als Friedensaktivist aus Gaza in Deutschland zurechtzufinden“, merkt er an.
Ehrlichkeit macht das Buch lesenswert
Abu Howidy schreibt ehrlich über die Indoktrinierung durch die Hamas und seinen Sinneswandel. Dabei ist er nicht zu einem unkritischen Israelfreund geworden, wie ihn sich manche Leser vielleicht wünschen würden. Siedlungen im Westjordanland bezeichnet er als „völkerrechtswidrig“ und spricht sich für deren Boykott aus. Nach dem Tod mehrerer Freunde bei israelischen Angriffen hat er seine Haltung zum jüdischen Staat abgekühlt. Er hält die Reaktion auf das Massaker für überzogen – ohne zu sagen, was aus seiner Sicht eine angemessene Alternative wäre.
Doch genau wegen dieser Ehrlichkeit ist das Buch glaubwürdig und lesenswert. Abu Howidy betont, er wolle sich nicht instrumentalisieren lassen – weder von der Hamas noch von irgendeinem anderen Akteur. Auch wegen der Einblicke in die Indokrinierungsmethoden der Hamas sollten viele Menschen seine Stimme hören – oder eben auch lesen.
Hamza Abu Howidy unter Mitwirkung von Judith Poppe: „Muscheln am Strand von Gaza“, S. Fischer, 240 Seiten, 24 Euro, ISBN: 978-3-10-397768-4
3 Kommentare
Hamza Abu Howidy, ein Palästinenser gegen die Hamas. Eine Ausnahme.
Dieses Buch werde ich mir in jedem Fall besorgen. Es ist wichtig für meine Sichtweise hinsichtlich kritisch realistisch denkender Palästinenser, vor allem weil man den Wandel mitverfolgen kann.
SHALOM
Buch ist bereits bestellt und kommt morgen. Ich bin sehr gespannt.
SHALOM