Fordert seine Mitmenschen auf, sich über Antisemitismus oder unfaire Berichterstattung zum Nahostkonflikt zu beschweren: der Autor und Rapper Ben Salomo

Fordert seine Mitmenschen auf, sich über Antisemitismus oder unfaire Berichterstattung zum Nahostkonflikt zu beschweren: der Autor und Rapper Ben Salomo

„Antisemitismus ist nicht nur ein Bildungsproblem“

Der Rapper Ben Salomo sieht eine enge Verknüpfung zwischen dem palästinensisch-israelischen Konflikt und Antisemitismus. Der Israeli warnt zudem vor sogenanntem Entlastungs-Antisemitismus und fordert Deutschland auf, zum Zionismus zu stehen.

„Man kann den aktuellen, modernen Antisemitismus nicht ohne den Nahost-Konflikt betrachten.“ Das hat der Israeli Jonathan Kalmanovich alias Ben Salomo bei einer Podiumsdiskussion in Köln erklärt. Der ehemalige Musiker lebt seit mehr als 36 Jahren in Deutschland und hat in dieser Zeit selbst immer wieder Antisemitismus erfahren. In der Rheinmetropole sprach er darüber, dass sich Juden mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus noch immer mit alten Vorurteilen konfrontiert sehen sowie Beleidigungen und Übergriffen ausgesetzt sind.

Der aktuelle Antisemitismus ist laut Ben Salomo mit dem palästinensisch-israelischen Konflikt verknüpft: „Juden werden als Stellvertreter Israels gesehen.“ Der Konflikt werde in den Medien überfokussiert und oftmals verkürzt dargestellt. Dadurch entstehe ein falsches Bild. Er selbst sei in Deutschland immer wieder mit Aussagen konfrontiert worden wie „Ich habe nichts gegen Juden, aber gegen Zionisten“.

„Zum Zionismus stehen“

Dabei sei Zionismus das Selbstbestimmungsrecht des jüdischen Volkes, in seinem historischen Stammland zu existieren. „Wir müssen aufhören, darüber zu debattieren, ob Israel ein Existenzrecht hat. […] Dazu gehört auch, zum Zionismus zu stehen“, forderte Ben Salomo am 7. Mai in Köln.

Der Israeli warnte zudem vor dem sogenannten Entlastungs-Antisemitismus. Dabei werden Scham- und Schuldgefühle gegenüber Juden abgewehrt, indem beispielsweise das Ziehen eines Schlussstriches unter die Vergangenheit gefordert oder der Holocaust mit Israels Politik gegenüber den Palästinensern verglichen wird. Für einige Deutsche seien israelische Vergehen eine Art Balsam für die Seele in Bezug auf die historischen Nazi-Verbrechen.

Aussagen deutscher Politiker verstärkten dieses Denken. Als Beispiel zitierte Ben Salomo den früheren Arbeitsminister Norbert Blüm (CDU). Dieser hatte Israel einst einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser vorgeworfen. Der Israeli kritisierte auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Der hatte 2017, einen Tag nach dem Besuch der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, einen Kranz am Grab von Palästinenserführer Jasser Arafat in Ramallah niedergelegt. Als negatives Beispiel führte Ben Salomo zudem Sigmar Gabriel auf. Dieser Der SPD-Politiker hatte als Außenminister ein israelisches „Apartheid-Regime“ in Hebron beklagt. Später bedauerte er die Äußerung.

„Falsche Darstellungen befördern Hass“

Doch nicht nur Politiker beförderten diese Denkweise. Ben Salomo verweist auf Forschungen des Sozialwissenschaftlers Samuel Salzborn, der deutsche Schulbücher unter die Lupe genommen hat. Demnach ließen manche Darstellungen des Nahostkonfliktes oder Angaben über die israelische Staatsgründung Schülern gar keine Wahl, als Israel Landraub zu unterstellen und den jüdischen Staat als alleinigen Aggressor zu sehen. Diese Darstellungen öffneten eine Tür für Hass gegen Juden und Israel.

Bedenklich sei auch, dass im Duden das Wort „israelkritisch“ als einziges seiner Art existiert. Dies sei Ausdruck dafür, wie wichtig es anscheinend vielen Deutschen ist, in bestimmten Situationen ausgerechnet diesen Staat aus allen Nationen herauszupicken. Die Verwendung von Doppelstandards, das Messen mit zweierlei Maß, sei auch eine Ausdrucksform von Antisemitismus, betonte Ben Salomo.

Verunsicherung unter Juden

Viele Juden und auch er selbst seien durch das Verhalten der oben genannten Politiker sehr verunsichert. So habe er unter anderem auch deshalb noch keinen deutschen Pass beantragt. „Ich denke darüber nach. Aber wenn ich dann sehe, dass (der frühere Präsident des Europäischen Parlaments) Martin Schulz zu einer Rede von (Palästinenserpräsident) Mahmud Abbas klatscht, in der dieser Israelis unterstellt, palästinensische Brunnen zu vergiften, dann sage ich mir, das kann ich nicht machen“.

In Israel lebe man zwar wie auf einem Vulkan. „Aber wir haben unsere eigenen Seismographen und wir können den Ausbruch vielleicht vorhersehen und uns selbst davor besser schützen. Hier hat mich keiner vor Angriffen in der Schule geschützt. Hier schützt mich niemand davor, dass ,Jude, Jude feiges Schwein' auf der Straße gerufen wird oder israelische Flaggen verbrannt werden.“

Es seien unfassbare Signale für Juden, wenn Bundespräsident Steinmeier einerseits dem iranischen Mullah-Regime zum 40-jährigen Bestehen gratuliere und andererseits sehr lange brauche, um dem demokratisch gewählten Premierminister Israels zu gratulieren, kritisierte Ben Salomo.

„Deutsche und Juden sind Blutsbrüder“

Doch auch die Bevölkerung sei gefragt. Als der Antrag der FDP-Fraktion für eine stärkere Unterstützung Israels bei UN-Abstimmungen vom Bundestag abgelehnt wurde, sei dies vom Großteil der Bevölkerung nur mit einem Achselzucken registriert worden.

„Juden und Deutsche, Israel und Deutschland – wir sind durch die Geschichte Blutsbrüder. Wir sind durch Blut gegangen, dieser Blutsbrüderschaft muss man gerecht werden, das muss man auch von der Politik fordern. Man darf nicht mit Achselzucken warten, bis etwas passiert.“ Wer in Sozialen Netzwerken oder Zeitungen auf falsche oder verkürzte Darstellungen des Nahostkonfliktes oder eine Täter-Opfer-Verkehrung stoße, der müsse sich beschweren und seinen Unmut zum Ausdruck bringen.

Antisemitismus kein reines Bildungsproblem

Die Publikumsfrage, ob Antisemitismus ein Bildungsproblem sei, verneinte Ben Salomo. „Goebbels war auch Doktor.“ Bildung könne zwar gegen bestimmte Denkmuster helfen, aber Kinder würden nicht nur in der Schule, sondern auch in den Familien geprägt. Der Israeli berichtete in diesem Zusammenhang von einem Rap-Workshop, den er an einer Schule gegeben habe. Unter den Teilnehmern seien auch zwei talentierte arabischstämmige Kinder gewesen. Irgendwann seien diese nicht mehr gekommen. Als er sie später wiedergesehen und gefragt habe, sagten sie, ihre Eltern hätten ihnen die Teilnahme verboten, weil Ben Salomo Jude sei. Er selbst habe Antisemitismus vor allem von arabisch- oder türkischstämmigen Menschen erfahren. Auch in der Rapszene sei seit Jahren wachsender Antisemitismus zu beobachten – vor allem bei muslimischen Musikern. Er wehre sich hier gegen Pauschalverurteilungen. Dennoch müssten die Dinge benannt werden, „wo sie nun stattfinden, es sind keine Einzelfälle, man muss darüber sprechen“.

Moderiert wurde die Podiumsdiskussion von dem Publizisten und Blogger Christoph Giesa. Veranstalter war die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kooperation mit der Kölnischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und deren Projekt „Jederzeit wieder! Gemeinsam gegen Antisemitismus“.

Hintergrund

Jonathan Kalmanovich alias Ben Salomo ist Jude und gebürtiger Israeli. Als er vier Jahre alt war, zogen seine Eltern mit ihm nach Berlin. Bereits im Kindesalter musste er Antisemitismus erfahren. Bekannt wurde Kalmanovich als Rapper Ben Salomo. Acht Jahre lang moderierte er erfolgreich die Veranstaltung „Rap am Mittwoch“ (RAM). 2018 beendete er seine Musikerkarriere aufgrund von Antisemitismus und Rassismus in der deutschen Rapmusikszene. Er kritisierte eine Glorifizierung von Frauenverachtung, Gewalt und Islamismus in der Szene. Seitdem setzt er sich gegen Rassismus und Antisemitismus ein. Für sein Engagement bekam er 2018 das Robert-Goldmann-Stipendium verliehen. Im Februar erschien sein autobiographisches Buch „Ben Salomo bedeutet Sohn des Friedens“.

Von: Dana Nowak

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