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Erntehelfer in Zeiten des Krieges

Die Ernte in Südisrael leidet unter dem Krieg gegen die Hamas. Doch freiwilige Helfer packen mit an – auch deutschsprachige Reiseleiter. Ein Erfahrungsbericht von Gundula Madeleine Tegtmeyer
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Vor einigen Tagen erreichte mich eine WhatsApp von der Gruppe deutschsprachiger Tour Guides in Israel – sie wurde vor einigen Jahren von den Reiseleitern Uriel Kaschi und Schmuel Kahn gegründet. Auch ich habe das Studium an der Hebräischen Universität Jerusalem erfolgreich absolviert und bin staatlich lizensierter Tour Guide in Israel.

In der Textnachricht appellieren Uriel und Schmuel an uns, uns möglichst zahlreich als Freiwillige für die Jojoba-Ernte im Kibbutz Netiv HaLamed-He zu melden. Spontan sage ich zu.

Erinnerungen werden wach. In meiner Jugend habe ich einige Jahre in den Kibbutzim Nir Eliahu und Ramat HaKovesch gelebt und habe auch auf den Feldern gearbeitet. Ich freue mich darauf, einen Tag auf dem Land zu verbringen, in Zeiten des Krieges gegen die Hamas einen sinnvollen Beitrag zu leisten, denn Tausende ausländische Erntehelfer haben Israel verlassen.

Erschwerend kommt hinzu, dass auch viele Kibbutzniks als Reservisten eingezogen wurden. Netiv HaLamed-He liegt idyllisch im Emek Elah, dem Tal, wo laut Bibel der junge David mit einer Steinschleuder gegen den Riesen Goliath erfolgreich kämpfte. Es ist Donnerstagabend, unser freiwilliger Ernteeinsatz ist in Absprache mit der Kibbutzleitung für Montag koordiniert.

Geänderte Pläne

Zwei Tage später, am Samstag, Motza‘ei Schabbat, dem „Verlassen des Schabbats“ eine WhatsApp Nachricht von Uriel an uns: Die Pläne haben sich kurzfristig geändert, es geht nun zur organischen Farm Meschek Michaeli in Südisrael. Auch gut, denke ich mir, und bestätige Uriel, dass ich weiterhin mit dabei bin. Uriel schickt dann hinterher, dass der Biobauernhof in unmittelbarer Nachbarschaft von Sikim liegt. Sikim? Ich brauche einen Moment, um mich zu sortieren, dieser Name triggert böse Erinnerungen.

Am 7. Oktober 2023 waren Hamas-Terroristen über das Meer auf israelisches Gebiet eingedrungen und griffen die Militärbasis Bahad 4 und den Kibbutz Sikim an. Bei dem Massaker am Strand von Sikim tötete die Hamas mehrere Zivilisten und Soldaten und verwundete Dutzende.

Hamas-Terroristen rückten auf den Kibbutz zu vor, wurden jedoch von bewaffneten Zivilisten zurückgeschlagen, von denen einige außerdienstliche Offiziere waren. Die Zusammenstöße in der Nähe des Kibbutz dauerten nach dem 7. Oktober an.

Meine Gedanken überschlagen sich. Bei der Vorstellung, so nah an Gaza zu sein, verspüre ich ein gewisses Unbehagen. Meine Teilnahme absagen? Nein, wenn Solidarität, dann: Wann, wenn nicht jetzt? Nach einige Minuten schicke ich Uriel eine Textnachricht und sage ihm zu, nach Sikim mitzukommen.

Nach einem kurzen Intermezzo in Jerusalem lebe ich wieder in Mevasseret Zion, einem Vorort der Hauptstadt. Den nahen Wald erreiche ich zu Fuß in 5 Minuten, was einer der Gründe war, warum ich unbedingt nach Mevasseret Zion zurück wollte, die Nähe zur Natur.

Den Schock überwinden

Nach den Hamas-Massakern und Entführungen nach Gaza bin ich, wie so viele meiner Landsleute, kaum noch vor die Tür gegangen. Der Schock über die Gräueltaten saß tief. Zu meinem ersten Spaziergang im Wald – gut zwei Wochen nach der Hamas-Terrorattacke – musste ich mich überwinden, so auch dazu, meinen Gitarrenunterricht wieder aufzunehmen und in den Flamenco-Unterricht zu gehen.

Bis heute quält mich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Dinge tue, an denen ich Freude habe, während viele meiner Landsleute um ihre ermordeten Liebsten trauern und die ganze Nation um die Geiseln bangt. Auch die Bilder aus Gaza, die Opfer und das Leid auf palästinensischer Seit bewegen mich.

Freunde bestärken mich, alles zu tun, was mir gut tut, es würde die Resilienz stärken, denn – so wie die Dinge momentan stehen – wird der Krieg gegen die Hamas noch lange gefochten werden. Und zu diesem Zeitpunkt kann niemand absehen, was womöglich noch alles kommen wird.

Montagmorgen, Aufbruch gegen 6 Uhr. Uriel fährt, Schmuel bietet uns frische Burekas als Einstimmung in den Tag an und Ori spendiert mir an einer Tankstelle einen „Kaffee Hafuch“, einen „umgedrehten Kaffee“, wie wir auf Hebräisch einen Kaffee mit Schichten heißer Milch und Espresso, gekrönt von Schaum, nennen. Nach einer weiteren kurzen und unruhigen Nacht eine willkommene Stärkung als Start in einen langen Tag.

Kontrolle am Checkpoint

Auf unserer Fahrt in den Süden des Landes lässt der dichte Verkehr merklich nach, wie Uriel, bemerkt: „Noch nie habe ich die Straßen hier so leergefegt erlebt.“ Die ungewohnte Ruhe ist gespenstisch. Nach gut einer Stunde Fahrt erreichen wir in Südisrael militärisches Sperrgebiet, passieren Armee-Checkpoints.

Schmuel bietet den Soldaten und Soldatinnen Burekas an, ein Soldat greift beherzt zu, die anderen stellen uns Fragen dazu, was wir in dieser Gegend wollen. Wir erklären, auf dem Weg zu einem freiwilligen Ernte-Einsatz in Meshek Michaeli zu sein, unsere Namen seien dort registriert. Die Soldaten quittieren unser freiwilliges Engagement mit „Kol haKavod!“, sinngemäß: Respekt!

7:30 Uhr: Ankunft auf dem biologisch geführten Bauernhof Meschek Michaeli. Schnell zeigt sich, wer hier die Fäden in der Hand hat: Richard und Dudu. Sie teilen uns Volontäre ein, wer auf welches Feld geht, wer beim Gemüse putzen und Abpacken helfen soll. Nach und nach treffen immer mehr freiwillige israelische Erntehelfer ein, alle Generationen sind vertreten, von Teens bis hochbetagten Senioren.

Unterschiedliche politische Überzeugungen und Weltanschauungen spielen heute keine Rolle. Was uns eint, ist dies: den Krieg gemeinsam durchzustehen und unseren gesellschaftlichen Beitrag zu leisten.

Auch von unserer Gruppe deutschsprachiger Tour Guides in Israel sind viele dem Aufruf gefolgt und aus allen Landesteilen angereist. Ich lasse meinen Blick schweifen. Mir fallen die ausländischen Arbeitskräfte auf und ich frage Richard, ob sie von den Philippinen seien: „Nein, die Philippinos haben Israel verlassen, diese Arbeiter sind ausschließlich Thailänder“.

Auch thailändische Arbeiter helfen mit

Richard teilt einige meiner Tour Guide Kolleginnen und Kollegen und auch mich zu Hilfsarbeiten in der großen Halle ein. Wir sollen die Thailänder unterstützen, das stramme Tagespensum zu schaffen. Ich sortiere Gurken und Salat, stehe an der Abpackstation, putze Gemüse und staple Boxen auf Paletten.

Im Hintergrund das dumpfe Geräusch unzähliger Detonationen, Gaza ist nur 2,5 Kilomater von uns entfernt. Ariel inspiziert mit einem kritischen Blick die Halle: „Lasst uns hoffen, dass die einem Raketenangriff standhält.“ Um einen Schutzraum zu erreichen, hätten wir maximal 15 Sekunden Zeit. Wir arbeiten stoisch weiter, verdrängen die potentielle Gefahr, machen unseren Job. Ein weiteres Team israelischer Freiwilliger in weißen T-Shirts mit blauer Aufschrift „Chasakim Jachad“, deutsch,Gemeinsam sind wir stark“, trifft ein und verstärkt uns.

Die Botschaft auf dem T-Shirt ist Program

Wie morgens versprochen, schaufelt sich Richard tatsächlich etwas Zeit für mich frei und nimmt mich auf eine Tour in seinem Auto mit, um mir die Felder und Gewächshäuser zu zeigen. Ich spreche Richard auf das Verhältnis zu arabischen Arbeitern auf der Farm an. Er sagt: „schlecht, sehr schlecht seit dem 7. Oktober. Alles ist sehr schwierig“.

Nur wenige Minuten später treffen wir auf einen jungen arabischen Mann. Richard kennt ihn nicht, stoppt den Wagen, um sich zu erkundigen, wer er sei. Die Angaben überprüft er umgehend telefonisch mit Dudu. Wir setzen unsere Fahrt fort. Am Eingangstor zum Kibbutz Sikim schärft mir Richard ein, mich strikt an seine Anweisungen zu halten.

Aussteigen darf ich nicht. Israelisches Sperrgebiet. Fotos nur aus dieser Entfernung und durch die Autofensterscheibe. Und da ist sie wieder, diese gespenstische Ruhe. Der Kibbutz wurde nach dem Hamas-Terrorangriff evakuiert. Die Kibbutz-Notfalltruppe konnte das Eindringen der Terroristen in die Kommune abwehren.

Befürchtung: Hamas-Terroristen verstecken sich noch in Israel

Wir setzen unsere Fahrt fort, der Untergrund wird immer sandiger. Richard erzählt mir, dass befürchtet wird, es könnten sich noch immer Hamas-Terroristen in dem Gebiet versteckt halten. Doch ich solle mir keine Sorgen machen, auch er sei bewaffnet. Das beruhigt mich nur bedingt.

Die Befürchtung, Terroristen könnten sich noch immer unentdeckt in Israel versteckt halten, ist berechtigt. Am 20. November berichtete die „Jerusalem Post“ über die Festnahme von zwei Hamas-Terroristen in Rahat. Auch sie waren am 7. Oktober auf israelisches Gebiet eingedrungen, wurden durch „Lahav 433“, besser bekannt unter dem Akronym Schabak oder auch Schin Bet, den Inlandssicherheitsdienst, gut einen Monat nach dem Hamas-Terrorangriff entdeckt und vernommen.

Richard taut etwas auf, unser Gespräch wird persönlicher. Er erzählt mir, dass er in Beit Schemesch lebt, am 7. Oktober war er im Kibbutz Be‘eri zu Besuch. Ich verstumme, Bilder der Massaker poppen vor meinem inneren Auge auf, ich blicke durch die geschlossene Autofensterscheibe, Tränen kullern. Stille. Ich ringe um Worte. Ich kann nur ahnen, was meine Landsleute erlitten haben und bin erleichtert, dass Richard mein Schweigen nicht als Gleichgültigkeit interpretiert, sondern als das, was es ist: Mein Ringen um angemessene Worte.

Richard wechselt schlagartig das Thema, vermutlich auch aus Selbstschutz. Wir sprechen über nachhaltige Landwirtschaft, während er uns souverän aus dem tiefen Sand manövriert.

Unterstützung von Beduininnen

Zurück in der Halle fällt mir eine resolute Frau auf. Selbstbewusst kommandiert sie auch die Männer herum und packt tatkräftig mit an. Ihre Kleidung lässt mich vermuten, dass sie eine Beduinin sein könnte. Ich spreche sie an, auf Arabisch, und stelle mich vor. Ihr Name ist Tahrir, arabisch für „Befreiung“.

Wir halten etwas Smalltalk und Tahrir erzählt mir, dass sie und die anderen Beduininnen, die für Meschek Michaeli arbeiten, aus Rahat stammen. Rahat, arabisch Ruhe, Zufriedenheit, ist eine Stadt 12 Kilometer nördlich von Be’er Scheva. Die Bevölkerung von Rahat besteht fast ausschließlich aus Beduinen. Ich komme mit weiteren Beduinenfrauen ins Gespräch, fotografieren lassen möchten sie sich nicht, was ich bedaure – um so mehr, als einige Gewänder traditionelle Muster tragen. Aber ich respektiere es. Sie werden gegen Mittag auch diejenigen sein, die uns köstlich bekochen.

Nach einer kurzen Mittagspause geben wir nochmal alles, um das vorgegebene Tagespensum zu erreichen. Richard hatte mir auf unserer Tour erzählt, dass die Ernte aufgrund des Krieges gegen die Hamas gut drei Wochen hinterherhinkt, da die Gegend nach Terroristen durchsucht wurde, die sich womöglich versteckt halten. Viel sei bereits verdorben und nun muss rangeklotzt werden, um retten zu können, was noch zu retten ist. An diesem Tag waren wir eine bunte Mischung aus gebürtigen Israelis, muslimischen Beduinenfrauen aus Rahat, Thailändern und eingewanderten Juden und Jüdinnen aus der ganzen Welt.

Für die Reiseleiter ist der Ernteeinsatz eine besondere Erfahrung

Es war ein anstrengender, aber auch erfüllender Tag. Wir werden auch in den nächsten Wochen volontieren, so lange es braucht. Zuhause angekommen, sehe ich eine WhatsApp meiner Tour Guide Freundin Eva. Sie brennt darauf, zu erfahren, wie es war. Ich berichte ihr.

Eva fragt mich, ob ich schon Nachrichten gehört hätte. Ich verneine. Sie ist sichtlich erleichtert, dass ich unversehrt zuhause angekommen bin, aus gutem Grund. Die Hamas hat Südisrael mit Raketenbeschuss überzogen, eine ist im Kibbutz Sikim eingeschlagen. Zu dem Zeitpunkt waren wir auf dem Weg nach Hause. Ich denke mir: Gutes Timing.

Während ich diese Zeilen schreiben, vermelden israelische und deutsche Medien, dass ein „Geiseldeal“ zwischen Israel und der Hamas womöglich in den nächsten Stunden zum Abschluss kommen wird. Heute ist Tag 46 im Krieg gegen die Hamas. Weitere bange Stunden um die Geiseln werden folgen.

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4 Antworten

  1. Das ist das, was Israel ausmacht….
    Zusammenhalt und Solidarität.
    Weltweit, auch wenn man medial mit diesen hassgrölenden islamisch – toxischen Rand/Subkulturen konfrontiert wird.

    16
  2. Um nicht weiter unter dem Krieg zu leiden schlage ich Verhandlungen über die Zweistaatenlösung vor.

    2
    1. Ein Terrorstaat mit eigenem Hafen, Flughafen, und „offizieller“ Einfuhr von Waffen. Das als Basis für einen umfassenderen Krieg gegen Israel?
      Finde ich nicht so gut.

      23
    2. Karl:

      Zur Vermeidung unnötiger Schreibarbeit kopiere ich einfach meine Stellungnahme aus der parallelen Diskussion „https://www.israelnetz.com/nur-zwei-menschen-in-dieser-strasse-haben-ueberlebt/“ hier hinein:

      „Natürlich kann es eine Zwei-Staaten-Lösung geben. Wir hatten das Thema schon gefühlt 123x hier.

      Nur eben nicht mit diesem Pack. Und auch nicht mit dem offenbar senilen Opi Abbas in Ramallah. Und waffenfrei. Unter starker Einbindung gemässigter arabischer Staaten, die ein Auge auf ihre eher unbeliebten, kriegerischen Brüder haben. Und. Und. Und. Wer über sieben Jahrzehnte zu jedem Vorschlag nur NEIN plärrt, muss am Ende eben eher bescheidene Ergebnisse akzeptieren.“

      8

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