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Wer noch da ist, hält zusammen

Die befürchteten Unruhen in Jerusalem blieben am Wochende aus. Und doch ist die Altstadt während des Krieges eine andere. Valentin Schmid war vor Ort.
Von Valentin Schmid

Sie führt direkt zum Felsendom hinauf: Die Suq-el-Qatanin Straße, arabisch für „Baumwoll-Markt“, beginnt im arabischen Viertel und mündet im „Tor der Baumwollhändler“, direkt auf dem Tempelberg. Vielleicht steht sie in diesen Tagen symbolisch für das Leben in der Jerusalemer Altstadt. Gehandelt wird hier heute nämlich nichts. An der einzigen offenen Tür – die zum islamischen Heiligtum – prägen Polizisten mit finsterer Miene das Straßenbild.

Für Freitag hatte die Hamas zu einem „Tag der Wut“ aufgerufen. Um dem entgegenzuwirken, ließ die israelische Polizei nur noch ältere Männer zum Freitagsgebet auf den Tempelberg und verstärkte ihre Präsenz am Damaskustor. Selbst auf den Gleisen der Stadtbahn patrouillierten Polizeiautos, um mögliche Störungen frühzeitig zu erkennen. Die befürchteten Unruhen blieben aus.

Kundschaft ersehnt

Gegenüber der Suq-el-Qatanin Straße hat ein einzelnes Restaurant geöffnet, wenn auch nur die nötigsten Zutaten bereit liegen. Nicht einmal die Friteuse ist heiß, was der Betreiber aber rasch ändert, als einer der ersehnten Kunden eintritt. Das Geschäft lohne sich gerade nicht wirklich, doch er könne es sich nicht leisten, seinen Laden ganz zu schließen. Viele in der Altstadt leben von Touristen. Und die sind nunmal jetzt weg.

Foto: Valentin Schmid
Nur wenige Juden kommen in diesen Tagen zur Klagemauer

Wenige Meter weiter findet sich doch eine kleine, christliche Pilgergruppe. Die Besucher aus Australien und wollen Israel unterstützen, erklärt eine Frau. Als sie ihr nächstes Ziel ansteuern, hinterlassen sie gähnende Leere auf dem Platz vor der Klagemauer. Wo sich vor etwas mehr als einer Woche noch Zehntausende versammelten, um beim Morgengebet den berühmten Priestersegen zu empfangen, steht jetzt gerade mal eine 30-köpfige Gruppe religiöser Juden.

Ein Herz und eine Seele

Darunter ist auch Avraham. „Wir sind jetzt alle ein Herz und eine Seele“, sagt er. Gerade im Krieg sei es wichtig zu beten. Für die Sicherheit Israels und für den Frieden. Davon, dass manche haredische Juden im zwei Kilometer entfernten Stadtviertel Mea Schearim Palästinaflaggen hissen, möchte er nichts wissen. Ihm sei natürlich klar, dass viele dort den Staat Israel aus religiösen Gründen ablehnen. Aber gerade in dieser Situation habe er kein Verständnis dafür.

Der Krieg hat nicht nur die Freude der Festsaison jäh beendet, sondern wirbelt auch den jüdischen Alltag durcheinander. So erließen Israels Oberrabbiner David Lau und Jitzchak Josef spezielle Regeln für den Schabbat: Die Betenden sollen etwa Mobiltelefone und – wer sie hat – sogar eine Waffe tragen. Normalerweise wären solche Maßnahmen mit der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, nur schwer vereinbar. Doch im Krieg gilt gemäß dem „Pikuach Nefesch“-Prinzip auch im Judentum der Lebensschutz als oberste Priorität.

Stuhlkreis statt Kirchenbänke

Die Türen der evangelischen Erlöserkirche sind an diesem Sonntag nur für eine halbe Stunde geöffnet. Keinen Kilometer entfernt habe es kürzlich eine Schießerei gegeben, erklärt ein Besucher, und man wolle kein unnötiges Anschlagsziel abgeben. Neben ihm sind 20 weitere Christen der Einladung zum Gottesdienst gefolgt. Die langen, leeren Bänke im Kirchenschiff haben sie kurzerhand gegen einen Stuhlkreis im Chorraum eingetauscht.

Foto: Valentin Schmid
Leere Stühle beim Gottesdienst in der Erlöserkirche

„Ich habe mir selbst erlaubt, heute mal vom Predigttext abzuweichen“, sagt Pfarrer Dieter Vieweger in der Begrüßung. Statt Jakobus 5 passe Jeremia 38 besonders gut zur Situation. Das Kapitel erzählt, wie der Prophet von seinen Landsleuten als Deserteur verunglimpft und in eine Zisterne voller Matsch und Schlamm geworfen wird. Doch seine Ankündigung trifft ein und das Volk Israel wird durch die Babylonier von großem Leid heimgesucht.

Die Ehrlichkeit stiftet Trost

„Niemand konnte ahnen, was hier passieren würde.“ Wenn Vieweger über die Situation im Heiligen Land spricht, ist er nicht nur Pfarrer. Er ist auch Archäologe, der sich über 30 Jahre mit Geschichte und Gegenwart Israels befasst hat. „Aber wir müssen die Wirklichkeit nehmen, wie sie ist.“ Er selbst erlebe, wie Jahre des Engagements für den Frieden zwischen den Völkern und Religionen gerade zwischen seinen Fingern zerrinnen. Wichtig sei jetzt, „dass Gott uns gesandt hat“ und er auch einen Neuanfang schenken werde.

Die Ehrlichkeit des Bibeltextes und die Ehrlichkeit des Pfarrers stiften Trost in dem kleinen Stuhlkreis. Nach dem Gottesdienst werden Kontakte geknüpft, leerstehende Zimmer angeboten, Einladungen ausgesprochen. Zwar sind die meisten Gemeindeglieder schon ausgereist – dafür hält der Rest nun umso mehr zusammen.

Valentin Schmid studiert derzeit an der Hebräischen Universität Jerusalem.

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10 Antworten

  1. Es ist gut, was Menschen vor Ort tun, Solidarität mit dem Jüdischen Volk ist überall wichtig. Es wird auch eine bessere Zeit kommen, und dann werden alle Jüdischen Gruppen und die in Israel lebenden Christen zusammenkommen, denn die Feinde sind dieselben: Niemand wird mehr die Schandtaten der HAMAS vergessen und die böse Mächte werden für alle Bewohner/innen die gemeinsame Bedrohung sein. Gott wird die Geschicke Israels zum Guten wenden.

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    1. @Sechting, Martin
      „Gott wird die Geschicke Israels zum Guten wenden“. Das glauben wir auch. Kann man sich darauf verlassen?

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      1. Ja, das ist biblisch abgesichert. Gott wird Israel erretten vor seinen Feinden. Der Tag kommt gewiss. Gottes Segen für alle

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  2. Schöne Worte, aber wo ist die Realität.
    Der Chinese kommt auf seiner Seitenstraße und unterstützt den Russen in dessen Machenschaften. Gemeinsam mit den Waffenschmieden im Iran investieren diese in Waffen, währen Ihr eigenes Volk in Armut gehalten wird und solche, die aufbegehren, werden gelyncht. Gemeinsam erschaffen sie eine Atmosphäre der Bedrohung, um Ihre Vorhaben dadurch in Gang zu bringen. In Wirklichkeit sind sie alle Feiglinge, die Ihre eingenen Bürger auf dem Gewissen haben. Aber Israel, schaut nur, wie festlich die Bürger im Land leben und wie sich das Land aus der Wüste erhebt. Doch der Zusammenhalt und das Gerede über Ihre Regierung zeigt leider keinen positiven Trend. Deshalb ist das Land verwundbar. Möge es wirklich zurück finden und wieder zusammen kommen, zusammen leben und zusammen kämpfen und zusammen bleiben! Nur Einheit macht stark! Viel Erfolg!

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  3. Ich hab so das komische Gefühl, dass der wirkliche Krieg vom Iran im Norden geplant ist und dass der Überfall aus dem Gazastreifen die Israelischen Kräfte binden sollte. Warum zögern sie mit der Gazabodenoffensieve, wegen dem Schutz der Geisseln? Oder auch diese große Generalmobielmachung?
    Auch wenn der Geheimdienst in Gaza was nicht ernst genommen hat, jetzt arbeiten sie umsomehr auf Hochturen wie man das ja von ihnen gewohnt ist. Und ich glaub Raissi wars, der sagte, dass das Zionistische Krebsgeschwür ausgemerzt werden muss. Wir werden bald sehn was kommt und ich bete darum, dass die Verantwortlichen die richtigen Entscheidungen treffen mit der Hilfe des Höchsten. Verloren ist noch überhaupt nichts. Ich Bete auch dafür dass die Geisseln frei kommen. Daumen hoch für den lateinischen Patriarchen.

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    1. Die Gaza Bodenoffensive würden vielen israelischen Soldaten ihr Leben kosten, denn Tausende Hamas Terroristen lauern in den unterirdischen Gängen. Das muss wohl durchdacht sein. Es ist eine grauenhafte Zeit. Israel ist fast nur umgeben von Feinden. Doch Gott wird sie retten, wenn seine Zeit dafür gekommen ist . Das Böse reift aus. Bald geschieht eine grosse Vernichtung.

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  4. Ich sehe, dass der israelischer Staat den gleichen Fehler macht wie Armenien. „Wir haben stolz auf den Sieg geruht und uns betrunken während der Feind sich aufrüstete“ sagen die Bewohner von Karabagh, die nun alle ihre Heimat verlassen mussten. Was ist aber der richtiger Weg? sich ständig hoch aufrüsten und den Gegner in Schach halten? Das wird nicht ewig dauern, wenn vor allem Israel mit „Feinden“ umgeben ist. Mahatma Ghandi sagte „Es gibt keinen Weg zum Frieden, der Frieden ist der Weg“. Die Völker in der Region müssen sich versöhnen und zusammen leben egal wie sie sich gegenseitig momentan hassen. Sie haben keine andere Alternative. Der israelischer Staat muss den Frieden fördern und das ist keine Schwäche sondern eine Stärke. Mit Netenjahu sehe ich es aber düster. Auch auf westliche Mächte vertrauen bringt nichts, wie wir es schon öfter gesehen haben, dass Völker wie Armenier, Griechen, Kurden in Stich gelassen wurden. Diese westliche Mächte würden die Juden verlassen, sobald sie ihre Profite woanders finden. Sie beten nicht den Gott sondern das Geld an. Die Zukunft der Juden ist nur mit friedlichem Zusammmenleben möglich. Anderes führt nur noch irgendwann wieder zum Exil der Juden aus dem heiligen Land.

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    1. Zeigen sie mir irfgend einen näheren oder weiteren Nachbarn,der die Hand wirklich ehrlich zum Frieden mit ISRAEL ausstreckt, von der Staatsgründung bis Heute. Auch die Abrahamabkommen sind nur Zweckabkommen.

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    2. Frieden, ja, wäre schön! Würden sich bestimmt alle hier wünschen! Das große Problem ist doch aber, wie man mit Nachbarn friedlich zusammen leben kann, die von irrationalem, blindwütigem Hass getrieben werden! Gegen diesen Hass lässt sich nicht argumentieren, da helfen keine guten Gesten und Zugeständnisse jeglicher Art. Allein die Selbstauflösung des Judenstaates würde diese Menschen befrieden können.

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