Meinung

Eine Erzählung mit Lücken

Eine Dokumentation des ZDF zeigt die erschütternde Geschichte des israelisch-arabischen Konflikts. Der Autor verzichtet aber auf wichtige Aspekte. Eine Filmkritik
Von Daniel Frick
Rabin und Arafat reichen sich die Hände, Clinton ist erfreut

Derzeit zeigt Phoenix eine dreiteilige Dokumentation zum israelisch-arabischen Konflikt, die im 2024 erstmals gesendet wurde. Nach einer Ausstrahlung am vergangenen Sonntag ist sie am kommenden Samstagvormittag ab 10.30 Uhr erneut zu sehen, online ist sie ebenfalls verfügbar. Sie bietet einen Überblick zur Geschichte des Konflikts in den vergangenen Jahrzehnten. Dabei lässt sie aber wichtige Aspekte weg, die für das Verständnis der Denkweisen und Entwicklungen wichtig wären.

Da ist zum einen der Beginn des Dreiteilers: Zu behaupten, der Konflikt beginne mit der Staatsgründung Israels, ist eine Falschdarstellung und gibt dem jüdischen Staat per se die Schuld an Tod und Leid der folgenden Jahrzehnte. Es ist zwar nicht nötig, im Detail auf die Vorgeschichte einzugehen, aber dass etwa Araber 1929 ein Massaker gegen Juden verübt haben, der Konflikt also schon vor der Staatsgründung heftig war, hätte zumindest Erwähnung finden sollen.

Derlei Auslassungen ziehen sich durch die Doku, so dass es schwer fällt, das nur mit einem Mangel an Sorgfalt oder mit Zeitgründen zu erklären. Für die Zeit nach dem Sechs-Tage-Krieg nimmt der Film etwa die einsetzende Siedlungsbewegung kritisch in den Blick. Sie lässt aber aus, dass Israel offen war für die Rückgabe der eroberten Gebiete im Tausch für Frieden. Doch die Arabische Liga entschied sich keine drei Monate nach Ende des Krieges für die berühmten „drei Neins“ von Khartum: Kein Frieden mit Israel, keine Anerkennung Israels, keine Verhandlungen mit Israel. Das soll keiner Erwähnung wert sein?

Besonders augenfällig werden die Auslassungen, wenn es um den Oslo-Prozess der 1990er Jahre geht. Der Film beschreibt den Palästinenserführer Jasser Arafat (1929-2004) als Akteur, der nach Frieden und nach einer „Zwei-Staaten-Lösung“ gestrebt habe. Als Bösewichte stehen hingegen die israelischen Regierungschefs Benjamin Netanjahu und Ehud Barak da: Netanjahu mit der Behauptung, er glaube Arafat nicht, und Barak, der nach den Verhandlungen von Camp David im Sommer 2000 sagte, Israel habe keinen Partner für Frieden.

Widerlegte Behauptungen

Dabei haben beide Politiker Gründe für ihre Aussagen, die der Zuschauer aber nicht erfährt. So ließ sich Arafat noch am Tag der Unterzeichnung des ersten Oslo-Vertrages am 13. September 1993 im jordanischen Rundfunk mit der Aussage vernehmen, er werde ganz Palästina erobern. Ein halbes Jahr später verglich er in einer Rede den Oslo-Prozess mit dem Vertrag von Hudaibija aus dem Jahr 628. Damit machte er deutlich, dass er den diplomatischen Prozess als taktischen Frieden verstand, um Kräfte für das Endziel zu sammeln, der Beseitigung Israels.

Bei der Schilderung der Verhandlungen von Camp David lässt die Dokumentation zudem unerwähnt, dass US-Präsident Bill Clinton wegen Arafats Blockadehaltung der Kragen geplatzt war: „Wenn die Israelis Kompromisse machen können und Sie nicht, dann sollte ich nach Hause gehen. Sie waren 14 Tage lang hier und haben zu allem Nein gesagt.“ Der Zuschauer erfährt nicht, dass Barak eigentlich zu einem Tabubruch bereit gewesen war, nämlich der Teilung Jerusalems.

Die Dokumentation verbreitet zudem die Mär, der damalige israelische Oppositionsführer Ariel Scharon (1928–2014) habe mit seinem Besuch auf dem Tempelberg Ende September 2000 die „Zweite Intifada“ ausgelöst. Dabei ist bekannt, dass Arafat sie schon vor den Camp-David-Verhandlungen planen ließ. So erzählte es der Arafat-Vertraute Marwan Barghuti später in einem Interview. Scharons Besuch war zudem mit den palästinensischen Sicherheitskräften abgesprochen.

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Mitunter geht die Dokumentation auch ungeschickt vor: Am Ende des zweiten Teils heißt es etwa, dass die „Palästinensische Befreiungs-Organisation“ (PLO) 1996 im Beisein Clintons für die Streichung der israelfeindlichen Passagen in ihrer Charta gestimmt habe. Erst im dritten Teil ist bei Minute 27 zu erfahren, dass dies nie umgesetzt wurde – in einer Beiläufigkeit, die erstaunen lässt. Immerhin hängt mit Blick auf den Frieden so einiges an einer grundsätzlichen Anerkennung des jüdischen Staates.

Unerwähnt bleibt auch ein wichtiger Aspekt im Konflikt, nämlich die Hetze gegen Israel, ob im palästinensischen Erziehungssystem oder in den Medien. Dafür ist der Autor der Doku, Charles Enderlin, allerdings auch keine geeignete Person. Enderlin verbreitete einst das Video des angeblich von israelischen Soldaten getöteten Jungen Mohammed al-Dura und sorgte so selbst für Hetze gegen Israel.

Erschütternde Chronik

Abgesehen von diesen – erheblichen – Mängeln ist die Dokumentation als Chronik des Konfliktes sehenswert. Sie zeigt die verwerflichen Anschläge, die es auch auf israelischer Seite gab, allen voran das Hebron-Massaker von Baruch Goldstein 1994 mit 29 ermordeten Muslimen und die Ermordung des israelischen Premiers Jizchak Rabin 1995 durch den Extremisten Jigal Amir. Auf der anderen Seite finden auch immer wieder die vielen Terroranschläge gegen Israelis Erwähnung. Insgesamt erhält der Zuschauer einen erschütternden Eindruck davon, welch unsagbares Leid der Konflikt schon verursacht hat.

Dabei bildet das Terrormassaker vom 7. Oktober den traurigen Tiefpunkt dieser Geschichte. Mit diesem einschneidenden Tag beginnt und endet die Dokumentation. Sie bemängelt dabei auch zu Recht, dass die israelische Regierung die Gefahr der Terror-Organisation Hamas massiv unterschätzt hat. Dabei macht sie Netanjahu den Vorwurf, die Hamas groß gemacht zu haben, um damit ihre Rivalin, die PLO beziehungsweise die Kreise um die Palästinensische Autonomiebehörde, zu schwächen.

Nun ist es nicht abzustreiten, dass Israel versucht hat, die beiden palästinensischen Größen gegeneinander auszuspielen. Zur Wahrheit gehört aber auch: Die Palästinenser im Gazastreifen haben 2006 bei den Wahlen für die Hamas gestimmt. Zudem hat es mehrere Versuche einer Einigung gegeben, die allesamt scheiterten. Es ist also nicht so, dass Israel hier die Zwietracht gesät hätte, sie war ohnehin vorhanden.

Mit ihrem Ansatz wirkt die Dokumentation etwas aus der Zeit gefallen. Der Autor trauert den Hoffnungen nach, die noch während des Oslo-Prozesses Bestand hatten. Dass es falsche Hoffnungen waren, hätten bei ehrlicher Betrachtung längst auffallen können, spätestens aber mit dem Einschnitt des Terrormassakers. Die erwähnten Auslassungen zeigen die Bereitschaft, an einer Illusion festzuhalten.

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5 Kommentare

  1. Charles Enderlin : damit ist diese Doku für mich gestorben. Der Mann ist ein notorischer Israelhasser und Lügner. Bis heute hält er an der Lüge um Al-Dura fest.

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  2. Interessant. Dreiteilige Lücken-Doku wird gesendet, die hervorragende Doku (125 Minuten) von Bild.de hingegen wird von Zdf/Arte nicht ausgestrahlt. Man finde den Fehler!

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  3. Nicht überraschend – leider! ZDF der Zweitausenderjahre in Reinkultur. Einst war das anders. Der reale freie Journalismus wurde der Quote geopfert.

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  4. In den letzten Jahren gab es mehrere Erhebungen über und Umfragen bei Mitarbeitern des Öffentlich-rechtlichen Rundfunks über politische Vorlieben (ARD, ZDF, Dritte). Bei diesen Umfragen, die in allen Medien online gegoogelt werden können, bekamen die Grünen und die SPD die meisten Stimmen. Die CDU lag weit hinten, die FDP und die AfD kamen, glaube ich, gar nicht vor.

    Mich wundern lückenhafte Dokus und Berichte sowie übelste Geschichtsklitterung bei ARD und ZDF also nicht im Geringsten.

    Man nennt das Desinformation.

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