Ich hatte keineswegs die Absicht, ihrem Gespräch zuzuhören. Sie saßen am Nebentisch, in einem Café in Tel Aviv, wie es dort viele gibt: Man spricht etwas zu laut, das Telefon unterbricht die Sätze, und irgendwann schiebt sich die Politik fast zwangsläufig zwischen zwei Tassen Kaffee.
Der eine war Haredi, ultra-orthodox. Der andere gehörte zu jenem Teil der israelischen Rechten, der sich als national versteht, dem jüdischen Staat und der Armee verbunden und zugleich der persönlichen Verantwortung verpflichtet. Sie schienen sich seit Langem zu kennen. Ihr Streit hatte offenbar schon vor meiner Ankunft begonnen.
„Ich verstehe immer noch nicht“, sagte der Zweite, „wie ihr vom Staat verlangen könnt, eure Schulen zu finanzieren, ihm aber gleichzeitig das Recht absprecht, zu bestimmen, was dort unterrichtet wird.“
„Das Geld kontrollieren? Selbstverständlich. Über die Erziehung unserer Kinder bestimmen? Nein.“
„Aber wenn es öffentliches Geld ist?“
„Öffentliches Geld gibt dem Staat kein Eigentumsrecht über das Gewissen.“
Das Leben selbst wählen
„Ich rede nicht vom Gewissen. Ich rede von Mathematik, Englisch, Naturwissenschaften. Von einem Mindestmaß an Bildung, das einem Kind später ermöglicht, sein Leben selbst zu wählen.“
Der Religiöse lächelte. „Siehst du? Du sagst: sein Leben selbst wählen. Damit hast du bereits entschieden, dass unseres vielleicht nicht das Leben ist, das es wählen sollte.“
„Nein. Ich will gerade, dass es eures wählen kann.“
„Vorausgesetzt, es kennt eure Welt gut genug, um unsere verlassen zu können.“
„Vorausgesetzt, es kann eure auch verlassen, wenn es das will.“
Eine Pause. Der Kellner stellte zwei Gläser Wasser auf den Tisch.
„Genau da liegt unser Unterschied“, fuhr der Religiöse fort. „Du nennst es die Selbstbestimmung des Kindes. Wir sehen darin manchmal den Versuch des Staates, eine Gemeinschaft zu verändern, die er nicht versteht.“
„Und ihr nennt es Bildungsfreiheit, wenn der Staat eine Erziehung finanziert, zu der er fast nichts sagen darf.“
„Weil eine Demokratie auch Dinge finanzieren können muss, die sie selbst nicht teilt.“
„Ja. Aber kann sie ohne Bedingungen Einrichtungen finanzieren, die ihre Bedingungen ablehnen?“ Der Religiöse zuckte mit den Schultern.
„Ihr wollt also, dass wir frei sind – aber auf eure Weise.“
„Und ihr wollt den Staat, wenn er bezahlt, aber nicht, wenn er kontrolliert.“
Diesmal antwortete er nicht sofort.
„Und die Armee?“
Der andere beugte sich leicht zu ihm hinüber. „Aber eigentlich ist die Schule längst nicht mehr das größte Problem.“
„Ich weiß. Jetzt kommt die Armee.“
„Natürlich.“
Das Gesicht des Religiösen wurde ernst. „Darüber reden wir seit fünfzig Jahren.“
„Eben. Seit fünfzig Jahren wird die Entscheidung vertagt. Regierungen haben den Frieden in ihren Koalitionen erkauft, indem sie die Frage immer weiter aufgeschoben haben. Aber jetzt herrscht Krieg, Reservisten werden wieder und wieder einberufen, Familien leben monatelang mit ihrer Abwesenheit. Darauf kann man nicht mehr antworten wie vor dreißig Jahren.“
„Warum? Hat sich unsere Tora geändert?“
„Nein. Die Wirklichkeit hat sich geändert.“
„Für uns trägt das Studium der Tora zum Schutz Israels bei.“
„Ich respektiere, dass ihr das glaubt.“
„Du sagst das, als wäre es Aberglaube.“
„Überhaupt nicht. Ich sage nur, dass der Staat göttlichen Schutz nicht messen kann.“
„Nicht alles lässt sich messen.“
„Natürlich nicht. Militärdienst aber schon. Man weiß, wer geht, wie lange er dient und leider manchmal auch, wer nicht zurückkommt.“
Der Religiöse senkte den Blick. „Du meinst also, diejenigen, die studieren, leisten keinen Beitrag?“
„Das habe ich nicht gesagt.“
„Aber du denkst es.“
Unterschied zwischen spirituellem und materiellem Beitrag
„Ich sage, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem spirituellen Beitrag, den eure Gemeinschaft selbst definiert, und einer materiellen Verpflichtung, die der Staat auferlegt. Ein Soldat kann nicht einfach sagen: ‚Ich halte meinen Beitrag zur Nation für einen anderen, deshalb trete ich meinen Dienst nicht an.‘“
„Weil du das Torastudium nicht als Teil der Verteidigung des Landes anerkennst.“
„Es ist nicht meine Aufgabe zu entscheiden, ob Gott Israel wegen derjenigen schützt, die Tora studieren.“
„Warum willst du dann das Gegenteil entscheiden?“
„Das tue ich nicht. Ich sage, dass dieser Glaube nicht zu einer Rechtsregel werden kann, die einen anderen Bürger zwingt, an deiner Stelle sein Leben zu riskieren.“
Wieder entstand Schweigen.
„Ihr wollt, dass wir verschwinden“
Schließlich sprach der Religiöse weiter. „Weißt du, wovor wir wirklich Angst haben?“
„Vor der Armee?“
„Vor dem, wofür sie steht. Ihr nehmt einen Achtzehnjährigen, der sein ganzes Leben in unserer Welt verbracht hat, und schickt ihn in eine Institution mit anderen Regeln, einem anderen Verhältnis zwischen Männern und Frauen, einem anderen Verständnis von Autorität, einer anderen Lebensweise. Und dann wundert ihr euch, dass wir Angst haben, ihn zu verlieren.“
„Jetzt verstehe ich dich besser.“
„Tatsächlich?“
„Ja. Denn jetzt reden wir nicht mehr davon, dass Gott die Grenzen schützt. Wir reden von eurer Angst vor der Säkularisierung.“
„Und diese Angst wäre illegitim?“
„Nein. Sie ist durchaus verständlich. Aber damit verändert sich die Debatte. Ihr verlangt die Befreiung vom Militärdienst nicht mehr, weil das Torastudium Israel schützt. Ihr verlangt sie, um eure Gemeinschaft vor Israel zu schützen.“
Der Religiöse widersprach. „Vor einer bestimmten israelischen Gesellschaft.“
„Gut. Das ist genauer.“
Er zögerte kurz. „Aber dann sagt es auch so.“
Zwei Klassen von Bürgern?
Das Café hatte sich inzwischen gefüllt. Dennoch redeten die beiden weiter, als wären sie allein.
„Es gibt etwas, das ihr nicht hören wollt“, sagte der Rechte. „Ein junger Israeli unterbricht sein Studium. Er verlässt seinen Arbeitsplatz. Seine Frau bleibt mit den Kindern allein. Er zieht für Wochen oder Monate wieder die Uniform an. Er kann verwundet werden. Er kann sterben. Und gleichzeitig finanziert er mit seinen Steuern Institutionen, deren Studenten von genau dieser Verpflichtung befreit sind.“
„Du reduzierst alles auf die Armee.“
„Weil die Armee im Krieg die unangenehme Eigenschaft hat, die Rhetorik auf die Wirklichkeit zurückzuführen.“
„Wir zahlen ebenfalls Steuern.“
„Darum geht es nicht.“
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„Wir haben Familien, Hilfsorganisationen, soziale Einrichtungen. Wir leisten unseren Beitrag zur Gesellschaft.“
„Das bestreite ich nicht. Aber warum sollte euer Beitrag euch zu einer Befreiung berechtigen, die der Rest der Bevölkerung nicht wählen kann?“
„Weil wir eine besondere Gemeinschaft sind.“
„Israel besteht aus besonderen Gemeinschaften.“
„Nicht wie unsere.“
„Genau da beginnt das Problem.“
Der Religiöse sah ihn an. „Du meinst, es gibt zwei Klassen von Bürgern.“
„Ich fürchte, wir schaffen sie gerade: diejenigen, die geschützt werden und zu ihrem Schutz beitragen, und diejenigen, die geschützt werden, aber dauerhaft davon befreit sein können, dazu beizutragen.“
„Das ist eine Karikatur.“
„Vielleicht. Aber erklär mir, wie ich es dem Reservisten erklären soll, der zum dritten Mal einberufen wird.“
Der Religiöse schwieg.
„Wir haben gewählte Abgeordnete“
Nach einer Weile fuhr er fort: „Eines vergisst du. Wir sind Bürger. Wir wählen. Unsere Abgeordneten sind gewählt. Unsere Parteien gehören Regierungskoalitionen an. Was wir bekommen, entreißen wir dem Staat nicht heimlich. Es ist das Ergebnis der Demokratie.“
„Das stimmt.“
„Wo liegt dann das Problem?“
„Eine Mehrheit kann ein Gesetz verabschieden. Aber dadurch wird dieses Gesetz nicht automatisch gerecht.“
„Jetzt akzeptierst du also Wahlergebnisse nicht mehr?“
„Doch. Ich weigere mich nur, Demokratie auf parlamentarische Arithmetik zu reduzieren.“
„Das ist bequem, wenn einem die Mehrheit nicht gefällt.“
„Und es ist bequem für eine kleine Partei, für eine Koalition unverzichtbar zu werden und dadurch sehr viel mehr Einfluss zu bekommen, als ihrem Gewicht im Land entspricht.“
„Das ist Politik.“
„Ja. Aber hier geht es um die Pflichten, die Bürger einander schulden. Wenn ihr verlangt, dass andere dauerhaft die Kosten eurer Ausnahme tragen, verschwindet die Frage der Legitimität nicht, nur weil im Parlament genügend Hände hochgegangen sind.“
„Unsere Stimmen zählen also weniger?“
„Nein. Sie zählen genau so viel wie alle anderen. Genau das ist mein Argument.“
Was bedeutet eigentlich ein „jüdischer Staat“?
Der Religiöse lachte kurz. „Du bist merkwürdig für einen Rechten.“
„Warum?“
„Weil du wie ein Säkularer argumentierst.“
„Ich bin säkular.“
„Und trotzdem behauptest du, einen jüdischen Staat zu verteidigen.“
„Natürlich.“
„Jüdisch in welchem Sinn?“
Die Frage ließ den anderen einen Moment verstummen. „Vielleicht ist das die eigentliche Frage“, sagte er schließlich.
„Ich höre.“
Foto: Israelnetz/mh„Israel ist der Staat des jüdischen Volkes. Seine nationale Heimstätte. Sein Zufluchtsort. Der Ort, an dem Juden nach zweitausend Jahren nicht mehr vom guten Willen anderer abhängig sind, wenn es um ihre Sicherheit geht.“
„Bis dahin sind wir uns einig.“
„Seine Sprache ist Hebräisch. Sein Kalender ist jüdisch. Der Schabbat bestimmt den Rhythmus der Woche. Die jüdischen Feiertage prägen das Jahr. Seine Geschichte und seine Symbole sind jüdisch.“
„Immer noch einverstanden.“
„Aber nichts davon bedeutet, dass Rabbiner regieren sollen.“
Der Religiöse lächelte. „Da sind wir also.“
„Warum? Glaubst du, Israel müsse immer religiöser werden, um wirklich jüdisch zu bleiben?“
„Ich glaube, dass ein jüdischer Staat, in dem das Judentum keinerlei Folgen für das öffentliche Leben hat, irgendwann nur noch auf seinen Briefmarken jüdisch sein wird.“
Zwischen Briefmarken und Theokratie
„Zwischen Briefmarken und Theokratie dürfte es noch ein paar Möglichkeiten geben.“
„Niemand verlangt eine Theokratie.“
„Wer entscheidet dann? Über die Ehe? Die Konversion? Öffentliche Verkehrsmittel am Schabbat? Bildung? Militärdienst? Wer darf sagen: ‚Das ist jüdisch, deshalb muss der Staat es vorschreiben‘?“
„Wir haben eine Tradition.“
„Wir haben mehrere Traditionen.“
„Es gibt nur eine Tora.“
„Vielleicht. Aber es gibt viele jüdische Arten, mit ihr zu leben – oder sogar ohne sie.“
Wer spricht im Namen des Judentums?
Der säkulare Mann fuhr fort: „Schau dir das Land an. Haredim, modern-orthodoxe Juden, Traditionalisten, Masorti, Liberale, Säkulare. Manche glauben tief, andere kaum. Manche betreten nie eine Synagoge und empfinden sich dennoch vollkommen als Juden.“
„Das bedeutet nicht, dass jede Interpretation gleichwertig ist.“
„Religiös ist das eure Angelegenheit. Politisch ist es die Angelegenheit von uns allen.“
„Was meinst du damit?“
„Eure Partei kann ihre Wähler vertreten. Sie kann aber nicht allein bestimmen, was Jüdischsein für ganz Israel bedeuten soll.“
„Und die säkulare Mehrheit darf das?“
„Nein.“
Der Religiöse schien überrascht. „Wer dann?“
„Vielleicht niemand. Oder das jüdische Volk in seiner ganzen Vielfalt.“
„Das ist eine Formel.“
„Vielleicht. Aber sie ist besser, als einer religiösen Institution das Monopol auf unsere Identität zu übertragen.“
Und die nicht-jüdischen Bürger?
Der Religiöse rührte in seinem Kaffee. „Wenn du deine Argumentation zu Ende führst, ist Israel kein jüdischer Staat mehr.“
„Im Gegenteil. Aber wir müssen drei Dinge voneinander unterscheiden.“
„Welche?“
„Nation, Staatsbürgerschaft und Glaube.“
„Erklär das.“
„Israel kann der Nationalstaat des jüdischen Volkes sein. Die Staatsbürgerschaft muss gleich sein. Und der religiöse Glaube muss frei bleiben.“
„Das klingt sehr einfach.“
„Ist es überhaupt nicht. Denn es gibt auch arabische, muslimische, christliche und drusische Bürger. Sie leben in einem Staat, der sich als jüdisch definiert, obwohl sie selbst keine Juden sind.“
„Es ist ein jüdischer Staat. Das wissen sie.“
„Eben. Unsere Verantwortung besteht darin, dafür zu sorgen, dass ‚jüdisch‘ niemals bedeutet, dass sie Bürger zweiter Klasse sind.“
„Sonst leugnest du das Recht des jüdischen Volkes auf einen eigenen Staat.“
„Nein. Ich unterscheide zwischen nationaler Selbstbestimmung und staatsbürgerlicher Diskriminierung.“
„Und werden unsere Feinde diesen Unterschied machen?“
„Manche niemals.“
„Warum sollen wir ihnen dann die Arbeit erleichtern?“
„Weil ich die israelische Demokratie nicht danach definiere, was unsere Feinde über uns denken.“
Das Café wollte schließen
Der Kellner kam, um die Tassen abzuräumen. Keiner der beiden schien den anderen überzeugt zu haben. Der Religiöse zog seine Jacke an. „Letztlich willst du also einen jüdischen Staat, ohne dass die Religion bestimmen darf, was jüdisch bedeutet.“
„Und du willst einen demokratischen Staat, in dem eine Gemeinschaft selbst entscheiden kann, welchen gemeinsamen Verpflichtungen sie sich unterwirft.“
„Das ist nicht dasselbe.“
„Nein. Deshalb streiten wir seit einer Stunde.“
Beide lachten. Dann wurde der Religiöse wieder ernst. „Weißt du, was mich an deiner Argumentation stört?“
„Sag es.“
„Du akzeptierst unsere Identität so lange, wie sie keine Folgen hat, die dir unangenehm sind.“
Der andere dachte nach. „Das ist ein guter Einwand.“
„Und weißt du, was mich an deiner Argumentation stört?“, fügte er hinzu.
„Ich nehme an, du wirst es mir sagen.“
„Ihr verlangt von der Demokratie, eure Besonderheit zu schützen. Aber ihr akzeptiert nur schwer, dass dieselbe Demokratie fragen darf, was diese Besonderheit die anderen kostet.“
Der Religiöse schwieg. Sie standen auf. Ich dachte, das Gespräch sei beendet, als er sich noch einmal umdrehte. „Dann sag mir eines. Ist Israel für dich jüdisch, weil es dem jüdischen Volk gehört – oder weil es dem Judentum gehorcht?“
Sein Gesprächspartner steckte sein Telefon in die Tasche. „Genau das wollte ich dich fragen.“ Sie gingen hinaus.
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Ich blieb noch einen Augenblick vor dem leeren Tisch sitzen, mit dem Gefühl, dass ihr Streit weit über die Befreiung der Ultra-Orthodoxen vom Militärdienst hinausging. Denn hinter ihrer Auseinandersetzung stand eine Frage, die Israel bis heute nicht vollständig beantwortet hat:
Kann ein Staat durch seine Geschichte, seine Kultur und seine nationale Bestimmung zutiefst jüdisch sein, ohne der Religion die Macht zu geben, über die Rechte und Pflichten seiner Bürger zu bestimmen?
Und umgekehrt: Kann eine Demokratie auf Dauer akzeptieren, dass sich im Namen göttlichen Schutzes ein Teil ihrer Bürger an der menschlichen Verteidigung jenes Staates nicht beteiligen muss, dessen Schutz er selbst in Anspruch nimmt?