Man stelle sich die Szene einen Moment lang vor, und ich habe das in den vergangenen Tagen mehr als einmal getan: ein Flug von Dubai nach Tel Aviv, früher Morgen, 174 Menschen an Bord, die meisten von ihnen Israelis. Familien auf dem Heimweg, Geschäftsreisende, vielleicht ein paar Urlauber. Und irgendwo vorne, hinter der verschlossenen Cockpittür, kämpfen zwei Männer miteinander, während die Maschine an Höhe verliert.
Am 30. September ist genau das auf dem FlyDubai-Flug FZ1073 geschehen. Das Flugzeug sackte massiv ab und musste im saudischen Tabuk notlanden. Passagiere berichteten früh, der Co-Pilot habe den Kapitän angegriffen, israelische Stellen sprachen vom Verdacht eines versuchten Terroranschlags.
Wie sich die Angst in so einem Moment anfühlt, weiß ich nicht. Ich hoffe, ich werde es nie erfahren. Was ich aber weiß: Noch während diese Menschen in Tabuk festsaßen und die Ermittler gerade erst anfingen, Spuren zu sichern, hatte ein Teil des Internets den Fall schon gelöst.
Eine Stunde bis zum Urteil
Mossad, Benjamin Netanjahu, Falsche Flagge, Wahlkampf. Wie die „Jerusalem Post“ dokumentiert hat, kursierten die ersten Beiträge, die Israel eine Inszenierung unterstellten, bereits rund eine Stunde nach dem Vorfall. Kurz darauf tauchte ein gefälschtes Video im Look der BBC auf, das eine Beteiligung des israelischen Geheimdienstes nahelegte. Zu diesem Zeitpunkt hatte kein saudischer Ermittler ein Ergebnis vorgelegt, kein emiratischer, und FlyDubai hatte seine eigene Untersuchung kaum begonnen. Aber Leute, die Tausende Kilometer entfernt auf ihr Handy starrten, kannten bereits Täter, Regisseur und Drehbuch. Israel, wer sonst.
Als Anwalt und Strafverteidiger besteht ein guter Teil meiner Arbeit darin, vorschnellen Gewissheiten zu misstrauen, auch denen von Staatsanwaltschaften und Regierungen. Deshalb sage ich ohne Zögern: Die ersten israelischen Einschätzungen durften und mussten überprüft werden. Israel wählt am 27. Oktober ein neues Parlament, und ein Regierungschef im Wahlkampf hat keinen Anspruch darauf, dass man ihm jede erste Deutung ungeprüft abnimmt.
Die Sorge, ein Sicherheitsvorfall könne innenpolitisch ausgeschlachtet werden, ist berechtigt. Nur folgt daraus nicht im Entferntesten, dass er erfunden wurde. Wer beides verwechselt, müsste konsequenterweise jeden Anschlag, jeden Krieg und jede Naturkatastrophe demjenigen zuschreiben, dessen Umfragewerte danach steigen. Mit Analyse hat das nichts mehr zu tun. Das ist Aberglaube mit WLAN.
Ein lästiger Landeplatz
Für die Mossad-These gab es von Anfang an ein ziemlich unbequemes Detail: Das Flugzeug landete nicht in Israel, sondern in Saudi-Arabien. Die ersten Ermittlungen lagen also bei einem Staat, der nun wirklich nicht als verlängerter Arm der israelischen Regierungskommunikation gilt.
Das saudische Innenministerium teilte nach ersten Untersuchungen mit, es habe an Bord eine Auseinandersetzung gegeben, bei der der Co-Pilot den Kapitän angegriffen habe; beide seien verletzt worden. Ermittelt wurde gemeinsam mit einem Sicherheitsteam aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, an deren Behörden die Piloten anschließend übergeben wurden.
Spätestens hier hätte ein ehrlicher Skeptiker innehalten müssen: Vielleicht ist da oben ja doch etwas passiert. Stattdessen wuchs die Theorie einfach weiter, und ihre Logik ist so schlicht wie erschreckend. Saudi-Arabien bestätigt den Angriff? Dann steckt Riad eben mit drin. Die Emirate ermitteln mit? Gekauft. Die Passagiere erzählen davon? Sind ja Israelis. Und der verletzte indische Kapitän spielt vermutlich auch nur eine Rolle.
Gegenbeweise schaden einer Verschwörungserzählung nicht, sie füttern sie. Am Ende steht ein Weltbild, in dem eine Behauptung umso wahrer wird, je mehr unabhängige Stellen ihr widersprechen.
Dann sprach Abu Dhabi
Am 3. Oktober kam die Erklärung, die das Kartenhaus eigentlich hätte einstürzen lassen müssen. Sie kam nicht aus Jerusalem. Wie die emiratische Nachrichtenseite „The National“ berichtet, erklärte der Generalstaatsanwalt der Vereinigten Arabischen Emirate, die Ermittlungen hätten ergeben, dass der Co-Pilot einen terroristischen Akt begehen wollte. Er soll den Kapitän im Cockpit mit einer Notfallaxt angegriffen und versucht haben, die Kontrolle über das Flugzeug an sich zu reißen. Man muss sich dieses Bild kurz vor Augen halten: eine Axt, in einem Cockpit, hoch über der Wüste, mit 174 Menschen im Rücken.
Zur Fairness gehört, was die Behörde ebenfalls betont hat: Die Ermittlungen zu Motiv, Hintergründen und möglichen Verbindungen laufen noch. Ob der Mann allein handelte, ob ihn jemand beeinflusste, ob ideologische oder persönliche Gründe den Ausschlag gaben, wissen wir nicht. Als Jurist lege ich Wert auf diese Einschränkung, und ich hielte es für unredlich, sie wegzulassen.
Eines lässt sich aber kaum noch behaupten, nämlich dass die ganze Geschichte eine israelische Erfindung ist. FlyDubai ist eine Fluggesellschaft aus Dubai. Ein eigener Pilot, der zum Attentäter wird, ist für keine Airline der Welt eine Nachricht, die man gern verkündet, denn sie wirft sofort Fragen nach Auswahl, Sicherheitsüberprüfung und internen Kontrollen auf. Wenn ausgerechnet die Behörden dieses Landes von einem versuchten Terrorakt sprechen, dürfte man von denen, die zwei Tage zuvor „Mossad!“ gerufen haben, wenigstens ein kurzes Nachdenken erwarten. Vielleicht sogar etwas, das heute beinahe exotisch wirkt: dass jemand seine Meinung ändert.
Warum niemand zurückrudert
Genau das passiert aber nicht, und das finde ich an dieser Geschichte am beunruhigendsten. Dass nach einem chaotischen Ereignis Unsinn kursiert, ist so alt wie die Nachricht selbst. Neu ist, wie schnell eine Erklärung zur Identität wird. Wer am Mittwoch „Mossad-Inszenierung“ gepostet hat, müsste am Samstag schreiben: Ich lag wohl daneben. Solche Sätze belohnt das Netz nicht. Es belohnt Gewissheit und Empörung, vor allem aber Geschichten, die die Welt genau so zeigen, wie man sie sich schon immer vorgestellt hat.
Für manche Menschen ist Israel längst kein Staat mehr, dessen Regierung man kritisieren, dessen Entscheidungen man untersuchen und dessen Premierminister man hart angehen kann. Israel ist für sie zur Universalerklärung geworden. Werden Israelis angegriffen, könnte Israel dahinterstecken. Überleben sie, erst recht. Und bestätigen arabische Staaten Teile der israelischen Darstellung, beweist das nur, wie weit Israels Arm reicht.
Eine Annahme, die durch kein denkbares Ereignis widerlegt werden kann, ist aber keine Hypothese mehr. Sie ist ein Glaubensbekenntnis.
Wo die Grenze verläuft
Ich will hier nichts vermischen, was nicht zusammengehört. Kritik an Israel ist nicht per se antisemitisch, Misstrauen gegenüber einer israelischen Regierung ebenso wenig. Selbstverständlich darf man fragen, wie Benjamin Netanjahu einen solchen Vorfall wenige Wochen vor der Wahl politisch nutzt. Die Grenze ist jedoch dort überschritten, wo nicht mehr Beweise herangezogen werden, um Israel zu beurteilen, sondern Israel selbst zum Beweis wird. „Israel profitiert, also war es Israel.“ „Der Mossad könnte so etwas, also war es der Mossad.“
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Wer so argumentiert, bewegt sich, ob er es weiß oder nicht, im Fahrwasser einer sehr alten Erzählung: der von einer verborgenen jüdischen Macht, die Ereignisse lenkt, Medien steuert und selbst widersprechende Tatsachen noch im Griff hat. Die Strippenzieher tragen heute einen anderen Namen. Die Denkfigur ist geblieben.
Vielleicht störte manche an dieser Geschichte auch etwas, das sie nie offen aussprechen würden: dass die Menschen an Bord nicht hilflos blieben. Dass Passagiere eingriffen, dass ein schwer verletzter Kapitän offenbar weiter um das Flugzeug kämpfte und dass aus einer drohenden Katastrophe eine Geschichte vom Überleben wurde. Daraus muss niemand einen Heldenmythos stricken. Man muss sie aber auch nicht verhöhnen, nur weil die Überlebenden Israelis waren.
Fragen, auf die es keine Antwort gibt
Im Gerichtssaal würde die Mossad-These keine fünf Minuten überstehen. Kein Gericht ließe sich mit einem angeblichen Motiv abspeisen, das ohne Tatplan, ohne Beweismittel und ohne nachvollziehbaren Ablauf auskommt.
Also stelle ich die Fragen, die jeder Verteidiger und jeder Staatsanwalt stellen würde: Warum sollte Israel einen omanischen Copiloten einer Fluggesellschaft aus Dubai dazu bringen, einen indischen Kapitän mit einer Axt anzugreifen? Wie hätte man eine solche Operation überhaupt planen sollen? Weshalb hätte man das wichtigste Beweisstück, das Flugzeug selbst, ausgerechnet in Saudi-Arabien landen lassen? Warum sollte Dubai anschließend einen Vorfall bestätigen, der unangenehme Fragen an die eigene Airline aufwirft? Und welchen politischen Gewinn hätte ein derart riskantes internationales Komplott gebracht, den man nicht mit einer gewöhnlichen Wahlkampfrede weit billiger hätte haben können?
Überzeugende Antworten darauf habe ich nirgends gefunden. Es gibt nur dieses eine Wort, das immer wieder fällt: Mossad. Und es soll eine komplette Beweisführung ersetzen.
Der Schuldige steht schon fest
Was mich an FZ1073 nicht loslässt, ist gar nicht der einzelne Fall. Es ist der Gedanke, dass sich dieses Muster so weit verfestigt, bis es niemandem mehr auffällt. Beim nächsten Mal wird es vielleicht keine Stunde mehr dauern, sondern nur noch Minuten. Ein Flugzeug gerät in Not, in einer Stadt detoniert ein Sprengsatz, an einer Grenze fallen Schüsse, und noch ehe der erste Ermittler vor Ort ist, steht der Schuldige fest. Nicht, weil irgendetwas auf ihn hindeutet, sondern weil es immer derselbe ist. Dann kommen Videos, Zeugenaussagen, Flugdaten und Ermittlungsergebnisse aus mehreren Staaten, auch aus solchen, die Israel keineswegs nahestehen, und sie ändern nichts mehr. In einem Strafverfahren nennt man so etwas Vorverurteilung. Im Netz gilt es inzwischen als Haltung.
Wir haben mehr Kameras, mehr Daten und mehr Zeugen als jede Generation vor uns. Und trotzdem wächst die Zahl der Menschen, für die eine einzige Gewissheit jede Beweisaufnahme überflüssig macht: Wenn irgendwo etwas geschieht, das Israel betrifft, dann war es Israel.
Der Antisemitismus braucht dafür keine alten Karikaturen und keine Pamphlete mehr. Ihm genügen ein Smartphone, ein Account und ein paar hingeworfene Worte: „Typisch Mossad. Klar.“ Und wenn dann Saudi-Arabien widerspricht und zwei Tage später die Emirate, schrumpft die Theorie nicht. Es wächst nur die Verschwörung.
Irgendwo sind jetzt 174 Menschen, die einen Kampf im Cockpit überlebt haben. Und sie dürfen sich anhören, sie seien bloß Statisten in einem Theaterstück gewesen.
Der Autor, Michail Kantor, ist Rechtsanwalt in Düsseldorf
3 Kommentare
Wie heißt es doch beim Barbier von Sevilla? Die Verleumdung ist ein zartes Lüftchen……
Beste Erklärungen von Herrn RA Kantor. 👍 Dazu wäre ich nicht in der Lage, aber ich habe bereits mehrfach unserem himmlischen Vater gedankt 🙏👏 für sein treues Bewahren und Eingreifen in dieser schrecklichen Angelegenheit. ER soll doch bitte weiterhin seine Vaterhand über allem Geschehen halten und über uns persönlich.
Mit Freude lese ich Ihre vermehrten Artikel hier, Herr Kantor und bedanke mich. Und diese hirnlosen Verleumdungen von denen Sie schreiben, sind auch mir schnell nach dem Anschlag im Netz aufgefallen. Seit der Pager-Aktion des Mossads ist er in aller Köpfe und selbst wenn in China ein Sack Reis umfällt, war es der Mossad. Oder eben Israel selbst! Die Politiker hüllten sich in großes Schweigen. Verschwörungstheorien JA Anteilnahme NEIN. In dem ganzen ein Wunder Gottes zu sehen, setze ich schon gar nicht voraus.
Was mich aber noch schockiert, ist die Aussage des Beauftragten der dt. Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und humanitäre Hilfe, Herr Lars Castellucci (SPD), „Israel sei selbst Schuld am Schweigen der Welt, wegen seiner rechtsradikalen Regierung.“ Wer solche Politiker im Lande hat, braucht sich nicht wundern, dass unser Land dem Sumpf des Antisemitismus erliegt. Sollte ich jemals nochmal in die Versuchung kommen die SPD zu wählen, möge mir die Hand abfallen.