Nach den Abgeordnetenhauswahlen in Berlin haben 150 Juden einen offenen Brief unterschrieben. Darin heißt es sinngemäß, die Warnungen vor der Berliner Linken seien überzogen und die Antisemitismusvorwürfe gegen die Partei zum Teil politisch instrumentalisiert. In vielen Medien wurde daraus schnell eine griffige Formel: „150 Berliner Juden“.
Ich teile ihre Einschätzung nicht. Damit sind wir 151.
Meine Stimme ist nicht mehr wert als ihre. Aber schon eine einzige Gegenstimme zeigt, wie wenig eine Zahl über „die Juden“ verrät.
Ich habe mehr als 45 Jahre in Berlin gelebt. Ich bin dort in den Kindergarten und zur Schule gegangen, war im Jugendzentrum der Jüdischen Gemeinde und bin mit dieser Stadt und ihrem jüdischen Leben bis heute tief verwurzelt.
Inzwischen wohne ich in Düsseldorf. Gerade deshalb würde ich mich nicht als „Berliner Jude“ auf eine Liste setzen lassen, die für die Juden dieser Stadt sprechen soll. Ich lebe nicht mehr dort, und für die jüdische Gemeinschaft Berlins spreche ich ohnehin nicht. Die 150 tun das aber auch nicht. Einige von ihnen haben mit Berlin deutlich weniger zu tun als ich.
Berliner Juden aus Chemnitz und Canterbury
Man muss dafür nicht lange suchen. Unter Nummer 111 steht Robert Rotifer auf der Liste, Musiker und Musikjournalist aus Wien. Er lebt seit 1997 in England, inzwischen in Canterbury. Unter Nummer 133 findet sich die Schauspielerin und Sängerin Nirit Sommerfeld. Sie hat früher einmal in Berlin gewohnt, lebte dann viele Jahre in der Nähe von München und ist 2024 nach Chemnitz gezogen.
Beide dürfen sich selbstverständlich zur Berliner Politik äußern. Aber wer sie zu „Berliner Juden“ erklärt, hat nicht nachgesehen. Dabei hätten ein paar Minuten genügt, denn beide Wohnorte stehen in ihren öffentlich zugänglichen Biografien. Andere Unterzeichner sind erst vor kurzem nach Berlin gezogen oder haben mehrere Wohnsitze.
Das ist keine Spitzfindigkeit. Das Etikett „Berliner Juden“ gibt dem Brief ein Gewicht, das er nicht hat. Es klingt nach der Stimme einer Gemeinschaft. Tatsächlich ist es die Stimme von 150 Einzelpersonen, und längst nicht alle von ihnen sind Berliner. Die Redaktionen haben dieses Etikett offenbar ungeprüft übernommen, weil es gut in die Geschichte passte.
Ebenso wenig weiß man darüber, wie der Brief überhaupt entstanden ist. Wer hat ihn geschrieben? Wer hat die Unterzeichner angesprochen, und über welche Netzwerke? Wie lange wurde gesammelt, und wer wurde gar nicht erst gefragt? Auch das hätte man klären können, bevor man daraus die Stimme einer ganzen Gemeinschaft machte.
Antisemitismus ist keine Abstimmung
Mein eigentliches Problem sind nicht die Unterzeichner, sondern das, was aus ihrem Brief gemacht wird. Aus 150 Namen wird im Handumdrehen ein Argument: Wenn so viele Juden kein Problem mit der Linken haben, kann es mit dem Antisemitismus dort ja nicht weit her sein.
Seit wann aber entscheidet die Zahl jüdischer Unterschriften darüber, ob eine Aussage antisemitisch ist? Antisemitismus wird nicht dadurch real, dass 150 Juden ihn erkennen. Und er verschwindet nicht, weil 150 Juden ihn nicht sehen.
Wer der Berliner Linken vorwirft, dass einzelne Funktionäre, Gruppen oder Positionen die Grenze zwischen Israelkritik und israelbezogenem Antisemitismus überschreiten, muss genau das prüfen. Was wurde gesagt? Mit wem hat man sich verbündet, auf welchen Demonstrationen stand man? Welche Antisemitismusdefinition erkennt die Partei an und welche nicht? Und wie reagiert sie, wenn aus den eigenen Reihen problematische Sätze fallen? Auf keine dieser Fragen gibt ein offener Brief eine Antwort.
Wer fehlt auf der Liste?
Jüdisches Leben in Berlin ist vielfältig. Da sind Familien, die seit Jahrzehnten hier leben, und Menschen mit Wurzeln in Polen. Da sind die vielen, die seit den Achtziger- und vor allem Neunzigerjahren aus der Sowjetunion und ihren Nachfolgestaaten gekommen sind. Israelis, Amerikaner, Fromme und Säkulare, Gemeindemitglieder und solche, die mit der Gemeinde nichts zu tun haben.
Auf der Liste stehen dagegen vor allem Schriftsteller, Publizisten, Künstler, Musiker und Wissenschaftler. Wo sind die Unternehmer, die Ärztinnen, die Anwälte, die Lehrer? Die Rentner, die Angestellten, die Eltern jüdischer Schulkinder, die Menschen, die jeden Schabbat in der Synagoge sitzen?
Vielleicht denken viele von ihnen wie die 150. Vielleicht auch nicht. Wir wissen es nicht, weil sie niemand gefragt hat. Ein Brief ist keine Umfrage
Ein offener Brief sagt etwas über die aus, die ihn unterschreiben. Über eine ganze Bevölkerungsgruppe sagt er nichts. Wenn 150 Ärzte eine Gesundheitsreform ablehnen, käme niemand auf die Idee, damit sei die Meinung „der Ärzteschaft“ ermittelt. Warum sollte das bei Juden anders sein?
Juden sind keine politische Einheit. Sie wählen unterschiedlich, sie sehen Israel unterschiedlich, und sie bewerten Antisemitismus unterschiedlich. Das ist keine Schwäche, sondern schlicht normal.
Auch Juden können irren
Dass Juden auch irren können, zeigt nicht zuletzt die deutsche Geschichte. Der „Verband nationaldeutscher Juden“ um Max Naumann war radikal deutschnational und bekämpfte den Zionismus. Teile dieses Milieus unterschätzten die Gefahr durch die Nationalsozialisten auf eine Weise, die heute fassungslos macht.
Damit setze ich die Berliner Linke nicht mit der NSDAP gleich. Das wäre absurd. Es geht allein um das Argument: Auch Angehörige einer bedrohten Minderheit haben keinen unfehlbaren politischen Instinkt. Jüdisch zu sein macht eine Analyse weder richtig noch falsch.
Deshalb überzeugt mich der Satz „150 Juden sagen, die Linke ist keine Gefahr“ nicht. Ich bin Jude 151, und ich sehe es anders. Das beweist nicht, dass ich recht habe. Es beweist nur, dass die 150 nicht für alle sprechen.
Mehr sollte man aus diesem Brief nicht machen. Und schon gar keine „150 Berliner Juden“.
Ein Kommentar
150 linke Berliner Juden, die nichts merken, gegen 15.000 Juden in Berlin, die täglich den real existierenden aggressiven Antisemitismus erleben.