Überfall auf Schalits Panzer: „Vorstufe des 7. Oktober“

Vor 20 Jahren griffen palästinensische Terroristen einen israelischen Panzer an. Sie ermordeten zwei Soldaten und entführten Gilad Schalit. Hinterbliebene sehen eine direkte Verbindung zum 7. Oktober.
Von Israelnetz

Der Überfall der Hamas und der „Volkswiderstandskomitees“ auf einen israelischen Panzer vor 20 Jahren mit der Entführung von Gilad Schalit war eine Art Vorübung für das Terrormassaker vom 7. Oktober 2023. So sehen es zumindest Angehörige eines der beiden Soldaten, die bei dem Angriff am Grenzübergang Kerem Schalom zum Gazastreifen getötet wurden. Schalit kam mehr als fünf Jahre später im Austausch gegen 1.027 inhaftierte Terroristen frei – unter ihnen war Jahja Sinwar, der Planer des Massakers.

Bei dem Anschlag am 25. Juni 2006 erschossen Terroristen die Soldaten Hanan Barak aus Arad und Pavel Sluzker aus Dimona. Ein weiterer Israeli, Roi Amitai, wurde verwundet. Doch die Aufmerksamkeit der israelischen Öffentlichkeit richtete sich nach dem Überfall auf die zum Zeitpunkt der Entführung 19-jährige Geisel. Die Familie Schalit errichtete ein Protestzelt, wo sie die Tage seit dem Überfall zählte; es gab Kampagnen und Aufrufe an die Regierung.

Foto: Adiel lo | CC BY-SA 3.0 Unported
Zettel mit Botschaften kleben 999 Tage nach der Entführung am Protestzelt ; nach 1.941 Tagen kam Schalit frei

Die Schwester von Hanan Barak, Atara Barak-Schram, sagte kürzlich der Zeitung „Ma’ariv“: „Meine Mutter ärgerte es, dass man die Zahl der Tage erwähnte, die Gilad Schalit in Gefangenschaft war, aber nicht sagte, dass es die Zahl der Tage der Gefallenen bei dem Vorfall war. Aber mich störte das nicht, denn ich verstand, dass diese Verbindung zwischen Hanan und Gilad offenbar für immer bleiben wird.“

Ihr sei klar gewesen, dass sich die Gesellschaft für den Lebenden einsetzen musste: „Die Toten bringen keine Schlagzeilen oder irgendeine Neuigkeit.“ Überdies habe der am 12. Juli begonnene Zweite Libanonkrieg bald die Aufmerksamkeit auf sich gezogen.

Und so ging auch sie zu Kundgebungen für Schalit, heißt es in dem Artikel, der am 19. Juni veröffentlicht wurde. Baraks Partnerin Orit Dschino nahm ebenfalls daran teil. Der Protest stand unter dem Motto: „Gilad Adajn Chai“ – „Gilad lebt noch“.

Erst spät erfahren: Soldaten wurden hingerichtet

Vor zwei Jahren erfuhr Barak-Schram, dass ihr Bruder und Pavel Sluzker von der Hamas hingerichtet wurden. Untersuchungen der israelischen Armee zufolge zerrten Terroristen die beiden Soldaten aus dem Panzer. Sie zwangen sie in die Knie und schossen ihnen ins Genick. „Ich weiß nicht, warum sie sie nicht entführt haben“, sagte die Schwester.

Roi Amitai wurde schwer verwundet und verlor das Bewusstsein. Er erzählte später, dass er und Barak nach vorn geschaut hätten, weil sie mit einem Angriff von dort rechneten. Doch die Terroristen drangen durch einen Tunnel nach Israel ein und überfielen den Panzer von hinten.

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Hanan Barak war der Kommandant des Panzers. Der 20-jährige Offizier konnte gut malen, vor allem Portraits. Er wollte Architekt werden. Als sein damals 15-jähriger Bruder Jischai Krebs bekam und ihm die Haare ausfielen, rasierte er sich aus Solidarität eine Glatze.

Partnerin heiratete Baraks besten Freund

Mit seiner Partnerin Orit Dschino war er zwei Jahre lang befreundet, sie lernten sich 2003 bei der Armee kennen. Schalit erzählte nach seiner Freilassung, am Abend vor dem Überfall habe Barak Wohnungsanzeigen für Rischon LeZion angeschaut. Denn sie hatte dort eine Zulassung für die Hochschule, und die beiden wollten zusammenziehen.

Acht Monate nach der Ermordung trat Dschino mit seinem besten Freund, Jossi Biton, in Kontakt. Sie wollte sich mit jemandem austauschen, der Barak ebenfalls nahe stand. Sie trafen sich am Grab. „Wir saßen fünf Stunden dort und sprachen und weinten“, erzählte sie im Gespräch mit „Ma’ariv“. „Seitdem ist Jossi ein Gesinnungsgenosse, und wir blieben Freunde. Nach einem Jahr beschlossen wir, zu heiraten.“

Es sei eine fröhliche Hochzeit gewesen. „Wir hatten das Gefühl, dass Jossi bei uns ist.“ Der gemeinsame Verlust habe sie zusammengebracht: „Hanan hat mir Jossi geschickt.“ Heute ist Orit Dschino 41 Jahre alt und arbeitet als Organisationsberaterin. Sie haben zwei Kinder.

Foto: Privat
Am Jahrestag gedenken Angehörige und Freunde des von der Hamas ermordeten Soldaten Hanan Barak

Die heute 53-jährige Schwester fühlte sich wegen des Altersunterschiedes von 13 Jahren immer ein wenig wie Baraks zweite Mutter. Die verheiratete Physiotherapeutin und Mutter von vier Kindern will den 20. Jahrestag seines „Weggehens“ begehen.

In dem Interview verwendete sie gar das Wort „feiern“, wie „Ma’ariv“ betont. Menschen, die zu Lebzeiten mit Hanan Barak in Berührung kamen oder die Familie nach seinem Tod begleiteten, sind eingeladen. Auch Dschino ist mit von der Partie: Sie übernehme sogar einen Teil der Kosten.

Zweiter Soldat aus ehemaliger Sowjetunion eingewandert

Pavel Sluzker war der Fahrer des Panzers. Der 20-Jährige war 1991 mit seinen Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel eingewandert. Er war ein herausragender Schüler, vor allem in Mathematik und Englisch. Für sein geplantes Medizinstudium hatte er bereits ein Stipendium von der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan.

Nach dem Überfall hatten Baraks Angehörige Kontakt mit seiner Familie. Dieser sei jedoch eingeschlafen, als sein Vater erkrankte, sagte die Schwester.

Schwester: Keine Lehren aus Vorfall gezogen

Derweil sieht sie den Angriff als eine Vorstufe des Massakers: „Der 7. Oktober war eine Spätfolge der Hamas-Tunnel – das Eindringen von Terroristen in Ansiedlungen, die Tötung und Entführung.“ Sie bemängelt, dass Israel aus dem Vorfall von Kerem Schalom nicht die richtigen Lehren gezogen habe: mehr Wachsamkeit gegenüber möglichen Terrorangriffen einzuüben. „Hanan war der erste Gefallene des 7. Oktober“, ist sie überzeugt.

Dschino sieht das ähnlich: „Sie sind die ersten Gefallenen des 7. Oktober, sie waren der erste Versuch mit den Tunneln, der gelang. Dann kam Sinwar, der das Potential dieses Versuches in Kerem Schalom verstand und ihn zum Grauen des 7. Oktober ausbaute.“

Amnesty: „Auch palästinensische Häftlinge erhalten keinen Besuch“

Am fünften Jahrestag erinnerte die Organisation Amnesty International an die damalige Geisel Gilad Schalit, die zu jenem Zeitpunkt 1.825 Tage im Gazastreifen war. „Seine Familie hat seit fast zwei Jahren kein Lebenszeichen ihres Sohnes erhalten.“ Dennoch gebe sie die Hoffnung nicht auf, wenigstens einen Brief zu bekommen, hieß es in dem Informationstext.

Schalit werde festgehalten, „um ihn als Druckmittel in den politischen Verhandlungen der Hamas zu benutzen“, schrieb Amnesty International weiter. „Zu den Forderungen der Hamas zählt auch die Freilassung einiger der mehreren Tausend Palästinenser, die von und in Israel in Haft gehalten werden und von denen vielen ebenfalls jeder Besuch durch Familienangehörige verweigert wird.“

Die Organisation forderte für Schalit eine gute Behandlung, Kontakt zu Verwandten und: „Er darf nicht weiter als Geisel benutzt werden, was dem humanitären Völkerrecht in ganz offenkundiger Weise zuwiderläuft.“

Im Januar 2009, während der 22-tägigen israelischen Operation „Gegossenes Blei“ gegen die Terrorinfrastruktur im Gazastreifen, seien von palästinensischer Seite Behauptungen aufgekommen, dass Gilad Schalit von einem Granatsplitter getroffen worden sei. Amnesty International veröffentlichte dazu ein Zitat des Hamas-Führers Mussa Abu Marsuk aus der Tageszeitung „Al-Hajat“: „Schalit mag verwundet worden sein oder auch nicht. Die Sache interessiert uns nicht mehr. An seinem Wohlbefinden sind wir überhaupt nicht interessiert, und wir stellen keinerlei Sonderbehandlung für ihn ab, weil er nicht mehr wert ist als eine Katze.“

Mit Freilassung schloss sich ein Kreis

Doch am 18. Oktober 2011 ließ die Hamas die Geisel frei. Von den 1.027 im Gegenzug aus der Haft entlassenen Terroristen hatten viele „Blut an den Händen“. Schalit war völlig abgemagert, sein Aussehen erinnerte Beobachter an Überlebende der Schoa.

Für Orit Dschino war die Freilassung „das Erlebnis, dass sich ein Kreis schließt; denn das war es, was Hanan gewollt hätte“. Sie fragte Schalit, was für ein Kommandeur Barak gewesen sei. „Gilad sagte: Ich hatte das Empfinden, dass er auf mich aufpasst, dass ich nicht allein bin, dass er ein persönliches Vorbild für mich ist und dass ich jemanden habe, auf den ich vertrauen kann.“

Atara Barak-Scharm gelang es erst nach der Freilassung, das Thema vorübergehend zur Seite zu legen. Und sie verbindet die erste Begegnung mit einem freudigen Erlebnis: „Zwei Wochen nach unserem Treffen mit Gilad wurde ich schwanger, worauf ich drei Jahre gewartet hatte. Plötzlich konnte man aufatmen.“

Der Vater der ehemaligen Geisel, der sich sehr für seinen Sohn eingesetzt hatte, starb 2022 an Leukämie. Noam Schalit wurde 68 Jahre alt. Gilad Schalit ist seit fünf Jahren verheiratet, er hat einen Sohn. Er nimmt an Gedenkveranstaltungen für seine gefallenen Kameraden teil. Am 28. August wird er 40 Jahre alt.

Foto: Simania

Im Frühjahr 2007 entdeckte eine Lehrerin eine Hausarbeit, die Gilad Schalit in der 5. Klasse geschrieben hatte: In der fiktiven Geschichte trifft ein Hai einen Fisch. Sie freunden sich gegen den Willen ihrer Mütter an und spielen miteinander. Israelische Künstler illustrierten ein Bilderbuch: Es erschien im Januar 2008 mit dem Titel: „Als sich der Hai und der Fisch das erste Mal trafen“.

Einzelgängertum hilfreich während Gefangenschaft

Im September 2021, kurz vor dem zehnten Jahrestag seiner Freilassung, erzählte der ehemalige Hamas-Gefangene der Nachrichtenseite „Mako“, er sei sehr dünn gewesen. Das habe den Entführern Sorge bereitet: „Sie hatten furchtbare Angst, dass sich mein Gesundheitszustand verschlimmern würde. Der Wert eines lebenden Soldaten ist anders als der eines toten Soldaten. Es war aus ihrer Sicht wichtig, dafür zu sorgen, dass ich lebe.“

Sein Hang zum Einzelgängertum habe ihm vermutlich geholfen, die lange Zeit mit wenig Gesellschaft zu überstehen, sagte er in dem Interview. Seinen Zustand bezeichnete er als gut: „Ich habe diese Jahre relativ gut überstanden. Zwar befinde ich mich in Behandlung, aber insgesamt habe ich mich rehabilitiert und bin heute ein arbeitender Mensch.“

Bei der Gedenkfeier am 20. Jahrestag gehört er zu den Gästen: „Er wurde eingeladen und wird kommen“, beantwortete Baraks Schwester eine entsprechende Frage von „Ma’ariv“. „Er hat sofort zugesagt.“ (eh)

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