Zehn Gebote als Wegweiser für Beziehungen

Die Zehn Gebote waren bereits vor der Gesetzgebung am Sinai bekannt. Doch die Anordnung enthalte eine besondere Botschaft, sagt ein jüdischer Theologe auf dem Sächsischen Israelfreundestag.
Von Elisabeth Hausen

Foto: Israelnetz/Martin Schlorke

Der jüdisch-orthodoxe Theologe David Nekrutman (l. neben dem Übersetzer) befasste sich in seiner Bibelarbeit mit den Zehn Geboten

REICHENBACH (inn) – Die Zehn Gebote lassen sich mit der Aufforderung zusammenfassen: „Ignoriere weder Gott noch deinen Nächsten“. Dies ist das Fazit einer Bibelarbeit, die der orthodoxe Jude David Nekrutman am Sonntag auf dem 6. Israelfreundestag in Reichenbach im Vogtland hielt.

Der amerikanisch-israelische Theologe betonte, Gott habe dem Volk Israel am Sinai nicht nur Gebote wie „Du sollst nicht töten“ oder „Du sollst nicht stehlen“ mit auf den Weg gegeben. Diese seien bereits bekannt gewesen. Das zeige etwa Gottes Ärger über Kains Mord an Abel (1. Mose 4). Zudem beschreibe die Bibel das Chaos vor der Sintflut sowie in Sodom und Gomorrha.

Verbindungslinien zwischen je zwei Geboten

Nekrutman wies auf einen tieferen Sinn der Gebote hin. Dabei zog er Verbindungslinien zwischen je einem Gebot auf der ersten und auf der zweiten Tafel – nach jüdischer Zählung. Für das 1. und das 6. Gebot heiße das: Der Glaube an einen Gott und das Verbot zu morden stünden in einem Zusammenhang. Denn bei einem Verstoß werde entweder Gott – durch Ignoranz – oder der zu seinem Ebenbild erschaffene Mensch getötet.

Die Gebote, nicht anderen Göttern zu dienen und nicht die Ehe zu brechen, gehören laut Nekrutman ebenfalls zusammen: In die Beziehung zwischen Mensch und Gott oder zwischen den Ehepartnern dürfe keine dritte Partei hereingeholt werden, das wäre Verrat. Beide Gebote liefen also auf die Aufforderung hinaus: „Verrate keine Beziehungen!“

Juden – und auch Christen – sind nach Ansicht des Theologen beauftragt, Gottes Namen in die Welt zu tragen. Wer den Namen hingegen unnütz führe, was das 3. Gebot untersage, verletze die Beziehung zu Gott. Das gleiche gelte, wenn jemand stehle (8. Gebot), also etwa in ein Haus einbreche oder jemanden entführe. Die Opfer sagten immer, sie fühlten sich verletzt. Fazit: „Verletze keine Beziehungen!“ Nekrutman fasste die beiden Gebote so zusammen: „Benutze nicht einen anderen Menschen für deine Selbstdarstellung. Und benutze nicht Gott als Geldautomaten.“

Die Sabbatheiligung wiederum bezeuge der Welt, dass Gott sie erschaffen habe, ergänzte der jüdische Theologe. Wer den Schabbat nicht heilige, verstoße nicht nur gegen das entsprechende Gebot (4.). Er rede auch falsches Zeugnis (9. Gebot), weil er Gottes Schöpfungshandeln in Frage stelle.

Gottes Existenz nicht anzweifeln

Vater und Mutter nicht zu ehren, bedeutet laut Nekrutman, seine eigene Existenz nicht zu ehren. Denn jeder Mensch stamme von einem Mann und einer Frau ab. Und wer etwas von einem anderen begehrt, sage: „Ich mag meine Existenz und Identität nicht.“ Insofern passten auch das 5. und das 10. Gebot zusammen.

Für Nekrutman ist klar: Gott wünscht eine Bundespartnerschaft mit Menschen, die an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben. Eine Debatte über seine Existenz sei hinfällig. Vor der israelischen Staatsgründung 1948 habe man gedacht, das jüdische Volk sei assimiliert, ja sogar fast ausgelöscht. Aber plötzlich sei es in sein eigenes Land zurückgekehrt. „Nicht, weil es das verdiente, sondern weil Gott es wollte.“

Christliche Israelfreunde hätten verstanden, was da passiert. Für sie laute die Konsequenz: „Ich binde mein Schicksal an das von Israel.“ Ohne Gott könnte Israel nicht existieren, ist der Jude überzeugt.

Foto: Israelnetz/Martin Schlorke
Die Schirme der Sächsischen Israelfreunde mit dem Vers aus Psalm 91,1 dienten am Sonntag als Schutz gegen die Sonne: „Wer unter dem Schirm des Höchsten sitzt, bleibt unter dem Schatten des Allmächtigen.“

David Nekrutman stammt aus den USA. In seiner Kindheit wurde er nach eigener Aussage dazu erzogen, nichts mit Christen zu tun haben zu wollen. Doch dann lernte er als Vertreter der israelischen Regierung christliche Israelfreunde in Brooklyn kennen und erkannte Gemeinsamkeiten. Vor 19 Jahren übersiedelte er nach Israel. Er arbeitet für Organisationen, die sich um Dialog zwischen orthodoxen Juden und Christen bemühen.

Projekte für Holocaustüberlebende und traumatisierte Kinder

Veranstalter des Freundestages waren die Sächsischen Israelfreunde. Sie stellten mehrere Projekte vor. Nach einer zweijährigen Corona-Pause sind im März die Einsätze der Sächsischen Handwerker wieder angelaufen. Diese renovieren in Israel Wohnungen von Holocaustüberlebenden.

Zudem liegen der Organisation Kinder in Südisrael am Herzen, die durch Raketenangriffe aus dem Gazastreifen und ständigen Alarm traumatisiert sind. Im Sommer soll eine Gruppe von Jungen und Mädchen aus dem Kibbutz Nir Am bei Sderot die Möglichkeit erhalten, sich in Sachsen von der angespannten Lage zu erholen.

Auch die christliche Organisation Zedakah stellte ihre Arbeit vor. Sie kümmert sich um Überlebende der Scho’ah – mit einem Altenheim in Ma’alot nahe der libanesischen Grenze und mit einem Erholungsheim am Mittelmeer, südlich von Naharia. Im Altenheim wird derzeit die Großküche renoviert. Außerdem ist ein neuer Anbau geplant.

Foto: Israelnetz/Martin Schlorke
Im Publikum saßen auch einige Handwerker, die sich bereits ehrenamtlich für Holocaustüberlebende in Israel engagiert haben

Der Israelfreundestag mit etwa 450 Teilnehmern stand unter der Überschrift: „… wen Er liebt, wie Er liebt“. Die Veranstalter legten den Schwerpunkt auf „unseren gemeinsamen Gott, dessen Beziehung zum Volk Israel und darüber hinaus zu uns, den Nationen“. Der Freundestag endete mit einem Gottesdienst. In seiner Predigt legte der Pastor Tobias Rink einen Schwerpunkt auf Gottes Barmherzigkeit und Vergebung.

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3 Antworten

  1. Den Ausdruck 10 Gebote, finde ich in der ganzen Bibel nicht. Aber es gibt Leute, die immer etwas dazu spinnen oder etwas weglassen.

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