„Was tut ihr gegen Antisemitismus in Deutschland?“

Das christliche Hilfswerk Zedakah widmet sich seit über 60 Jahren dem Dienst an Holocaust-Überlebenden in Israel. Jüngst entstand in der Zentrale in Bad Liebenzell ein multimediales Bildungs- und Begegnungszentrum. Es soll vor allem Jugendlichen in Deutschland einen neuen Blick auf Israel ermöglichen. Den Anstoß dazu gab die Frage einer Holocaust- Überlebenden.
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Das Bildungs- und Begegnungszentrum in Bad Liebenzell wurde in Rekordzeit fertiggestellt.

Foto: Zedakah

Das Bildungs- und Begegnungszentrum in Bad Liebenzell wurde in Rekordzeit fertiggestellt.

Maisenbach-Zainen ist ein Ortsteil des beschaulichen Bad Liebenzell im Nordschwarzwald. In der strukturschwachen Region werden selten große Investitionen getätigt. Ausgerechnet hier sollen Schulklassen und Jugendgruppen aus dem gesamten Umfeld in einem großen Bildungszentrum ihr Wissen über Israel erweitern. Auch für Touristen, Besucher der umliegenden Kurorte und Menschen mit muslimischem Hintergrund plant das Hilfswerk Zedakah e.V. attraktive Programme. Die Organisatoren können sich schon jetzt vor Anfragen kaum retten.

Eine Spende und eine Frage

2019 begann das Projekt mit zwei entscheidenden Ereignissen. Das eine war eine großzügige, zweckgebundene Spende eines Gastes im Gästehaus „Bethel“: Das sanierungsbedürftige Dach des Versammlungsraumes „Zionsaal“ sollte mit einem Geschoss für Jugendliche aufgestockt werden. Das andere war die Angst einer Holocaust-Überlebenden. Frank Clesle, Leiter der Zedakah-Zentrale, begegnete ihr am Rande einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Reichspogromnacht am 9. November in Berlin. Sie schilderte ihm, sie verspüre wieder Angst. Der Anschlag auf die Synagoge in Halle war gerade einen Monat her. Clesle berichtete ihr vom Dienst an Holocaust-Überlebenden in Israel und den vielen Freiwilligen, die dort arbeiten. Aber das genügte ihr nicht. Der wachsende Antisemitismus in Deutschland weckte in ihr die Frage: „Was tut ihr dagegen?“. Aus diesen beiden Komponenten entstanden die ersten Pläne für das „iP-Zentrum“. „iP“ steht für „israelPerspektive“. Sowohl für die bauliche als auch die inhaltliche Umsetzung gab es von allen Seiten Rückenwind. Von der Zustimmung der Ämter, öffentlichen und privaten Fördergeldern, ehrenamtlichen Helfern bis hin zum Wetter begünstigte alles die schnelle Realisierung des Vorhabens. Im September 2021 wurden die neuen Räume eingeweiht – und waren bis Ende des Jahres so gut wie ausgebucht.

Gedenkkultur und Pädagogik stehen oft ratlos vor neuen Herausforderungen. Multiethnische Schulklassen, neue Formen des Antisemitismus und Holocaust-Erziehung ohne Zeitzeugen sind nur die Spitze des Eisbergs. Immer wieder kommen Studien in diesem Bereich zu alarmierenden Ergebnissen. Israelbezogener Antisemitismus und judenfeindliche Verschwörungstheorien nehmen zu. 40 Prozent der jungen Erwachsenen in Deutschland wissen nur wenig bis gar nichts über den Holocaust. Viele gute Initiativen gibt es bereits, aber sie sind offensichtlich nicht ausreichend.

Deswegen kann das iP-Zentrum auch eine Antwort für diejenigen sein, die sich fragen: Was können wir tun? Der neue Bereichsleiter des Bildungszentrums, Alexander Cyris, sowie Frank Clesle und ihre Mitstreiter haben die Unmöglichkeiten einfach ausgeblendet und sind mutige Schritte nach vorn gegangen. „Wir haben uns vorgenommen, früh anzufangen“, erklärt Cyris das Konzept, „und zwar sowohl bei der Zeitgeschichte als auch beim Alter der Schüler.“ Denn die meisten außerschulischen Bildungsangebote richteten sich an Jugendliche ab der Mittelstufe und setzten erst beim Holocaust oder der Staatsgründung Israels an. „Wir haben schon unsere ersten Entwürfe für Kindergartenkinder in der Schublade liegen. Begonnen haben wir mit Programmen für die Klassenstufen drei und vier. Die Kinder werden spielerisch und multimedial an das Thema herangeführt. Uns ist wichtig, auch die Geschichte Gottes mit seinem Volk zu vermitteln.“

Ausblick erinnert an „Yad Vashem“

Besonders die Bildungspläne in Baden­Württemberg für den evangelischen Religionsunterricht liefern hierfür eine Steilvorlage. Anhand des Auszugs aus Ägypten sollen Schüler „biblische Traditionen zu Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden“ kennenlernen. So heißt auch das anderthalbstündige Programm, das im Bildungszentrum bislang am meisten erprobt wurde: „Exodus“. Ein Film, ein XXL-Puzzle, kreative Lego-Installationen und multimediale Frage­Antwort-Spiele helfen Kindern und Jugendlichen, den Exodus „miteinander zu erleben“.

Nichts von alledem ist zu sehen, wenn ein Besucher den großen, holzgetäfelten Raum betritt. Das flache Dach verläuft schräg zu einer großen Fensterfront hin und unterstreicht das Wort „Perspektive“. Die Aussicht erinnert ein bisschen an den weiten Ausblick, den Besucher der israelischen Holocaust-Gedenkstätte „Yad Vashem“ am Ende der Ausstellung genießen – den Blick auf ein lebendiges Israel, in dem Juden frei und selbstbestimmt leben. Vor dem großen Fenster des Zentrums soll ein Israel-Park in Form des jüdischen Staates entstehen.

Alles in dem nahezu leeren Raum, selbst die Kleiderhaken, ist in den Wänden versteckt und öffnet sich erst, wenn man Knöpfe drückt oder Fragen richtig beantwortet. Dann springt eine beleuchtete Schublade auf und gibt neue Puzzleteile, Lego-Pakete oder Tablets frei. Eine treppenförmige Sitztribüne am Rand kann so auseinandergenommen werden, dass daraus Tische, Bänke und Regale entstehen.

Der Raum beherbergte bereits eine Ausstellung der Künstlerin Marlis Glaser. Mit wenigen Handgriffen war die Halle, in der Kunstinteressierte zahlreiche Werke aus Glasers „Abraham­Projekt“ betrachten konnten, umgebaut in einen Schulungsraum für einen Kunst-Workshop mit Jugendlichen. Am 9. November eröffnete eine Ausstellung mit Lokalbezug, „Judenverfolgung im Landkreis Calw“. Schüler einer Realschule haben sie gemeinsam mit ihrem Lehrer ausgearbeitet. In Zusammenarbeit mit dem Schuldekanat will das iP-Zentrum Schüler und Studenten ermutigen, selbst aktiv und kreativ zu werden und den Raum für ihre eigenen Projekte gegen Antisemitismus zu nutzen.

Die letzten Überlebenden

Regelmäßig werden den Schulklassen auf der großen Leinwand Live-Schaltungen zu Holocaust­Überlebenden in Israel angeboten. Ohne großen Reiseaufwand kann so ein direkter Kontakt entstehen. Und wenn das nicht mehr geht, können die Kinder der Holocaust­Überlebenden den Platz ihrer Eltern einnehmen und deren bewegende Geschichten aus ihrer eigenen Perspektive erzählen.

„Das Echo ist riesig“, sagt Cyris strahlend. „Sowohl die Rückmeldung aus den bisherigen Durchläufen als auch das Interesse von verschiedensten Seiten ist grandios. Eine Polizeihochschule hat angefragt, ob wir Schulungen zur Sensibilisierung für Antisemitismus durchführen. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang. Von den fertigen Plänen sind erst 20 Prozent realisiert. Aber wir sehen eine große Not im Bildungssystem und sind entschlossen, Antworten zu finden.“ Besonders dankbar ist Cyris den ehrenamtlichen Pädagogen, Bauarbeitern und Schreinern, ohne die das Projekt nicht möglich geworden wäre. Auf der Webseite bittet Zedakah um Einsendung von Ideen und sucht „Personen für die ehrenamtliche, pädagogische Mitarbeit zur Ausarbeitung von Stundenentwürfen für Schulklassen und Gruppen“. Auch hier kann sich jeder einbringen. Der leer erscheinende Raum bietet Infrastruktur für Menschen jeden Alters, ihn mit persönlichem Einsatz gegen Antisemitismus zu füllen, ob als Lernender oder Lehrender, als handwerklich oder musisch Begabter.

„Unser Projekt allein wird den Antisemitismus nicht aufhalten“, sagt Cyris. „Aber es ist eine Antwort auf die Frage, was wir tun können, und es kann ein Modell für viele andere sein, die sich diese Frage stellen.“ Die Materialien seien so konzipiert, dass sie bei Bedarf auch in Serie produziert werden können. „Außerdem ist fast alles transportabel. Ich kann es in den Kofferraum packen und damit im gesamten deutschsprachigen Raum in die Schulklassen gehen. Wir werden Multiplikatoren ausbilden und mit Gottes Hilfe eine große Nachfrage bedienen.“

Von: Carmen Shamsianpur

Diesen Artikel finden Sie auch in der neuen Ausgabe 6/2021 des Israelnetz Magazins, die kommende Woche erscheint. Sie können die Zeitschrift kostenlos und unverbindlich bestellen unter der Telefonnummer 06441/56677-00, via E-Mail an info@israelnetz.com oder online. Gerne können Sie auch mehrere Exemplare zum Weitergeben oder Auslegen anfordern.

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