Täter immer noch frei

Der Anschlag auf die israelische Botschaft in Buenos Aires gilt nach wie vor als der größte Angriff auf eine diplomatische Vertretung des jüdischen Staates. Er forderte 29 Todesopfer. Die Täter wurden bis heute nicht gefasst.
Von Carmen Shamsianpur

Foto: Carlos Zito, Wikipedia | CC BY-SA 3.0 Unported

Die Silhouette der zerstörten israelischen Botschaft an der angrenzenden Häuserwand ist heute eine Gedenkstätte

Am Dienstag, dem 17. März 1992, raste am frühen Nachmittag ein mit Sprengstoff beladener Pickup in das Gebäude der israelischen Botschaft in Buenos Aires. Die Detonation war so groß, dass ganze Häuserblocks im Umkreis schwer beschädigt wurden. Neben dem Botschaftsgebäude zerstörte der Selbstmordattentäter eine benachbarte katholische Kirche, eine Schule und ein Altenheim. Unter den 29 Toten waren nur vier Israelis. Alle anderen und 242 Verletzte waren argentinische Zivilisten, viele von ihnen Kinder.

Die Täter – Spekulationen …

Der damalige Präsident Argentiniens, Carlos Menem, verdächtigte zunächst Angehörige der Neonazi-Szene oder sogar rechtsoppositionelle Kreise in der argentinischen Armee. Im Monat zuvor hatte er die Öffnung der argentinischen Nazi-Archive veranlasst. Die gewaltbereite Szene setzt sich teils aus den Nachkommen geflüchteter NS-Täter aus Deutschland zusammen.

Israels Regierung vermutete hingegen sofort syrischen, iranischen und palästinensischen Terror hinter dem Angriff. Die Ermittlungen gestalteten sich von Anfang an schwierig und führten bis heute nicht zum Erfolg.

Die libanesische Gruppe „Islamische Dschihad-Organisation“ bekannte sich zu dem Anschlag. Er sei die Vergeltung für Israels gezielte Tötung des Hisbollahchefs Abbas al-Musawi einen Monat zuvor. Die Islamische Dschihad-Organisation, ein schiitisches Netzwerk, hatte trotz zahlreicher schwerer Anschläge und Entführungen in den Achtzigerjahren den Ruf, nahezu nicht existent zu sein. Sie trat nur dann in Erscheinung, wenn sie ein Attentat verübt hatte, meist mit Bekenntnissen per Telefon. Das umfasste auch Anschläge, für die sich andere Gruppen verantwortlich zeigten, und Unfälle wie den Absturz einer US-amerikanischen Militärmaschine kurz nach dem Start in Kanada 1985. Deswegen war das Bekenntnis der Gruppe allein kein hinreichender Anhaltspunkt.

… und Gewissheiten

Die Ermittlungen Israels ergaben, dass der Anschlag im Grenzgebiet von Argentinien, Paraguay und Brasilien geplant worden war, wo viele schiitische Muslime leben. Der US-amerikanische Auslandsgeheimdienst NSA fing 1994 ein Telefongespräch ab, das eine Mitwisserschaft der iranischen Regierung belegte. Auch ein Name wurde bekannt: Imad Mughnia.

Mughnia gilt als eine der Gründerfiguren sowohl der Islamischen Dschihad-Organisation als auch der Hisbollah. Erstere ist wohl in letzterer aufgegangen, wenn nicht beide von Anfang an ein und dasselbe waren. Jedenfalls war der Anschlag auf die Botschaft die letzte Tat, zu der sich die Islamische Dschihad-Organisation bekannte, bevor sie verschwand. Argentinien klagte Mughnia offiziell an, für den Terrorakt verantwortlich zu sein. Belangt wurde er jedoch nie. Er starb im Jahr 2008 in Damaskus. Sieben iranische Diplomaten ließ Argentinien ausweisen und einen festnehmen. Aus Mangel an Beweisen wurde auch er freigelassen.

Anschlag auf jüdisches Zentrum 1994

Es ist anzunehmen, dass ein Zusammenhang zum größten Terroranschlag auf argentinischem Boden besteht: 1994 explodierte in einem Lieferwagen vor einem jüdischen Zentrum in Buenos Aires eine Bombe. 87 Menschen starben. Das Gebäude wurde komplett zerstört.

Auch hier sind Namen bekannt, ohne dass Festnahmen erfolgten. Neben Imad Mughnia zählt auch Ahmad Vahidi zu den Verantwortlichen. Derzeit ist er Innenminister der Islamischen Republik Iran. In weiterer Hauptverdächtiger, Mohsen Rezai, ist der iranische Vizepräsident für wirtschaftliche Angelegenheiten.

„Unhaltbarer Zustand“

Es gibt Gründe zu der Annahme, dass Teile der argentinischen Regierung damals halfen, die Urheberschaft des Iran zu verschleiern. Bei den jährlichen Gedenkveranstaltungen der israelischen Botschaft in Buenos Aires ist immer wieder die Mahnung zu hören, die Täter endlich dingfest zu machen.

Mittlerweile sind 30 Jahre vergangen. Zum 25. Jahrestag der Anschläge wandte sich der damalige Botschafter Israels in Argentinien, Ilan Sztulman, an die anwesenden Staatsvertreter und sagte: „Weitere 25 Jahre können nicht vergehen, wenn die Mörder, die für diesen schrecklichen Angriff verantwortlich sind, immer noch ruhig in Teheran, in Homs, leben.“

Die jüdische und israelische Gemeinschaft könne weitere 25 Jahre ohne Gerechtigkeit nicht tolerieren. Die Frage ist, was ihr anderes übrigbleibt. Die Welt ringt um einen neuen Atomdeal mit dem Iran: Eine Art „Geschwindigkeitsbegrenzung“ auf dem Weg zur Vernichtung des jüdischen Staates.

Immerhin kann Sztulman Licht am Ende eines anderen Tunnels sehen: Seit 2021 ist er Israels erster Generalkonsul in Dubai. Seine Frau brachte dort das erste israelische Kind zur Welt.

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