Streit um Gebetsrechte

Am einzigen Ort der Welt, an dem Gott laut der Bibel das Gebet für Juden angeordnet hat, ist es ihnen per Gesetz verboten. Aber nicht alle akzeptieren den sogenannten „Status quo“.
Von Carmen Shamsianpur
Selbst unter Juden ist umstritten, ob am Standort der beiden biblischen Tempel jüdisches Gebet zulässig ist

Foto: Berthold Werner, Wikipedia

Selbst unter Juden ist umstritten, ob am Standort der beiden biblischen Tempel jüdisches Gebet zulässig ist

Während die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem als „drittheiligste“ Kultstätte des Islams gilt, war der Tempel Salomos für das Volk Israel das einzige Heiligtum. Dasselbe gilt für den Nachfolgebau, der wenige Jahrzehnte vor seiner Zerstörung von König Herodes in beeindruckender Weise ausgebaut wurde. Die Trümmer liegen nun unter dem Felsendom begraben. Dessen goldene Kuppel ersetzt auf jeder Postkarte aus der Heiligen Stadt das einstige Wahrzeichen Jerusalems. Auf dem gesamten Tempelareal ist Nicht-Muslimen das Beten untersagt.

Irreführende Formulierungen

Das Konstrukt vom islamischen „Drittheiligsten“ hat sich in den Köpfen festgesetzt. Als sei das Drittheiligste in irgendeiner Weise besonders heilig. Beispielsweise erklärt die „tagesschau“ in ihrem Bericht vom 21. November über den Mord an dem Israeli Elijahu David Kay: „Der Tempelberg (Al-Haram al-Scharif) mit dem Felsendom und der Al-Aqsa-Moschee ist die drittheiligste Stätte im Islam. Sie ist aber auch Juden heilig, weil dort früher zwei jüdische Tempel standen.“ Solch eine Formulierung legt nahe, dass eine drittheiligste Stätte heiliger sein muss als eine nicht mehr vorhandene.

Außerdem, so suggeriert die „tagesschau“ im Schlusssatz, hielten sich Juden unrechtmäßig in der Nähe des Drittheiligsten auf: „Etwa 200.000 Israelis leben in Ostjerusalem, wo auch 300.000 Palästinenser wohnen. Der israelische Siedlungsbau in Ostjerusalem und dem Westjordanland ist völkerrechtlich illegal. Er wurde unter allen israelischen Regierungen seit 1967 fortgesetzt.“ Das öffentlich-rechtliche Nachrichtenportal verkennt die Bedeutung des Tempelbergs für den jüdischen Glauben. Stattdessen erklärt es Auseinandersetzungen bis hin zu Mord mit jüdischem Fehlverhalten.

Palästinensische Geschichtsrevision

Islamisch geprägte Staaten, die sich sonst in kaum einer Sache einig werden können, arbeiten gemeinsam daran, den jüdischen Anspruch auf den Tempelberg auszuhebeln. Besonders deutlich wird das bei Resolutionen der UNO und ihrer Gremien, in denen das Areal nur noch mit seinem islamischen Namen „Haram al-Scharif“ betitelt wird. Regelmäßig nimmt eine Mehrheit der UNO-Mitgliedsstaaten die einseitigen Verurteilungen gegen Israel widerspruchslos an. 2016 leugnete eine UNESCO-Resolution den Wert der Westmauer für die Juden und bezeichnete sie stattdessen als „Burak-Mauer“ – heilig für Muslime, weil ihr Prophet Mohammed einst dort sein fliegendes Pferd „Burak“ angebunden haben soll.

Im Laufe der Jahre kamen immer mehr und immer abstrusere Begründungen hinzu, warum der Tempelberg für Muslime von herausragender Bedeutung sein sollte. 2015 verkündete der damalige und noch amtierende Großmufti von Jerusalem, Muhammad Ahmad Hussein, dass die Al-Aqsa-Moschee zu Lebzeiten Adams, des ersten Menschen, oder auch schon zehntausende Jahre früher von Engeln errichtet worden sei. Einen jüdischen Tempel habe es dort nie gegeben.

Historische Bedeutung für Muslime

Allen historischen Belegen nach war Mohammed nie in Jerusalem. Die Stadt kommt nicht ein einziges Mal im Koran vor. Lediglich ein Hinweis auf die Al-Aqsa-Moschee findet sich, und zwar in Verbindung mit der Legende vom fliegenden Burak. Sie gründet sich auf Sure 17, Vers 1, in dem es heißt, der „Diener“ sei „bei Nacht“ von der „heiligen“ zur „fernen“ („aqsa“) Kultstätte gereist. Alles Weitere sind nachträgliche Interpretationen und Überlieferungen. Eine Al-Aqsa-Moschee gab es damals noch nicht auf dem Tempelberg. Möglich ist lediglich, dass Mohammed den zerstörten Tempel selbst als „ferne Kultstätte“ bezeichnete. Dafür gibt es sogar Anhaltspunkte im Koran. Nichtsdestotrotz bleibt es eine Interpretation. Nach gängiger schiitischer Auslegung befindet sich die „ferne Kultstätte“ im Himmel.

Bereits die Umajjaden und damit die ersten muslimischen Eroberer Jerusalems erbauten Ende des 7. Jahrhunderts auf dem Tempelberg ihre Heiligtümer – Vorgänger von Tempelberg und Al-Aqsa-Moschee. Sie wurden mehrfach umgebaut und erweitert, bis sie ihre heutige Form erhielten. Zerstört hat sie aber niemand mehr, nicht einmal die Kreuzfahrer. Diese haben die beiden Gebäude jedoch für ihre Zwecke umgewidmet. Bis heute zeigt die Al-Aqsa-Moschee Elemente, die wahrscheinlich christliche Anbauten waren. Es gibt zum Beispiel ein „Seitenschiff“ nach Osten hin, das eine Romanische Fensterrose ziert. Die heutige Moschee ist auch der Ort, wo Anfang des 12. Jahrhunderts der Templerorden gegründet wurde. Viele, aber nicht alle christlichen Elemente hat Sultan Saladin nach der neuerlichen muslimischen Eroberung 1187 wieder entfernt.

Auffällig ist, dass Jerusalem mit seinen Heiligtümern in all den Jahrhunderten muslimischer Herrschaft nie ein nennenswerter Wallfahrtsort war. Große Pilgerströme sowie Besuche muslimischer Herrscher blieben aus. Das „Drittheiligste“ des Islam war allenfalls von regionaler Bedeutung. So war es auch unter osmanischer (1516–1917), britischer (1917–1948) und jordanischer (1948–1967) Oberhoheit. Das internationale muslimische Interesse an den Gebäuden auf dem Tempelberg erwachte erst nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967, als die israelische Armee Ostjerusalem unter ihre Kontrolle brachte.

Auch die Entfernung zwischen den islamischen Gebetsorten ist kein Grund, das Drittheiligste so hochzuhalten. Denn Mohammed ist bei seiner Nachtreise nicht etwa ans andere Ende der Welt gereist, von wo aus Muslimen eine Reise nach Mekka und Medina kaum möglich wäre und sie notgedrungen mit dem Drittheiligsten vorliebnehmen müssten. Medina, die zweitheiligste Stätte, liegt gerade einmal 1.200 Autokilometer von Jerusalem entfernt. Mekka mit dem zentralen islamischen Heiligtum, der Kaaba, befindet sich etwas weiter südlich davon.

Historische Bedeutung für Juden

Der Bau des Salomonischen Tempels war das erste und einzige Mal, dass Gott sich auf den ausdrücklichen Wunsch seiner Diener hin dauerhaft mit einem unbeweglichen Ort verband. Es ist der einzige Ort im Judentum, über den Gott laut dem ersten Buch der Chroniken gesagt hat: „So sollen nun meine Augen offen sein und meine Ohren aufmerken auf das Gebet an dieser Stätte. So habe ich nun dies Haus erwählt und geheiligt, dass mein Name dort sein soll ewiglich, und meine Augen und mein Herz sollen dort sein allezeit.“ (7,15/16).

Die mobile Bundeslade fand ihren festen Platz im Allerheiligsten des Tempels. Diesen Ort durfte fortan nur der Hohepriester einmal im Jahr betreten. Alle anderen Kulthandlungen spielten sich in den Räumen davor ab. Es war kein Zufall, dass es bei diesem einen Tempel bleiben sollte. Der Gott Abrahams wollte keinen anderen Opferaltar mehr anerkennen. Als König Jerobeam I., der erste König des Nordreichs Israel, in Dan und Bethel alternative Kultstätten erbauen ließ, wurde ihm das zum Verhängnis. Später vergrößerte Herodes das Tempelareal und umgab das künstlich erhöhte Plateau mit einer Umfassungsmauer. Diese war in keiner Weise heilig. Vielmehr markierte sie in römischer Zeit die Grenze zwischen dem religiösen und dem profanen Bereich, dem besetzten Israel und dem fortwährenden jüdischen Gottesdienst.

Im Jahr 70 nach Christus zerstörten die Römer unter Titus den Zweiten Tempel. Es war der wohl größte Einschnitt in der Geschichte des Judentums. Denn auf den Tempel war bis dahin das gesamte jüdische Leben mit seinen Gebeten, Opfern und Festen ausgerichtet.

Der westliche Abschnitt der herodianischen Umfassungsmauer hat nur deswegen so große Bedeutung erlangt, weil er dem Allerheiligsten im zerstörten Tempel wahrscheinlich am nächsten liegt. Die sogenannte „Klagemauer“ ist nicht, wie oft fälschlich angenommen, ein Überbleibsel des Tempels selbst. Alles, was vom Tempel noch übrig sein könnte, liegt tief unter den Fundamten des Felsendoms vergraben. Allein den Wunsch jüdischer Archäologen, dort nach Artefakten zu suchen, werten die Palästinenser als Angriff auf ihre Heiligtümer.

Der „Status quo“

Als Israel im Sechs-Tage-Krieg 1967 Ostjerusalem mit dem Tempelberg der jordanischen Kontrolle entzog, wehte für wenige Minuten die israelische Flagge auf dem Felsendom. Der damalige Verteidigungsminister Mosche Dajan ließ sie sofort wieder entfernen, erklärte freien Zugang zum Tempelareal für alle Religionen und traf sich zehn Tage später mit Vertretern der Muslime in der Al-Aqsa-Moschee. Gemeinsam legten sie den „Status quo“ fest:

Die islamische, von Jordanien finanzierte Stiftung „Waqf-Behörde Jerusalem“ verwaltet das Tempelareal, bis 1984 sogar einschließlich der Westmauer. Juden dürfen den Tempelberg unter gewissen Auflagen betreten, aber dort nicht beten. Das Oberrabbinat verschärfte die Regelung sogar mit einer theologischen Begründung: Niemand wisse genau, wo sich das Allerheiligste des Tempels befunden habe. Wer die Plattform betrete, könne aus Versehen in den heiligen, verbotenen Bereich gelangen. Auch die anderen Teile des Tempels dürften Juden nur im Zustand ritueller Reinheit betreten.

Widerstand gegen die Regelung

Diese Begründung gilt immer noch. Jeder Besucher wird auf einer Wandtafel darüber aufgeklärt, dass die Tora das Betreten des Areals „streng“ verbiete. Allerdings war das nie Konsens, auch nicht unter frommen Juden. Mal regt sich mehr, mal weniger Widerstand dagegen. Besonders der Militärrabbiner Schlomo Goren widersprach dem Oberrabbinat von Anfang an. Es sei zwar nicht klar, wo sich das Allerheiligste befunden habe. Aber man könne Orte ausmachen, an denen es mit Sicherheit nicht gewesen sei. Juden müsse das Gebet auf dem Tempelberg erlaubt sein.

Die jüdischen Kritiker des Status quo trifft besonders hart, dass es israelische Polizisten und Gerichte sind, die sie gewaltsam am Gebet oder sogar Besuch des Tempelareals hindern. Der Hintergrund des Verbots sind Sicherheitsinteressen des jüdischen Staates. Laut Gerichtsbeschluss sei Juden das Gebet auf dem Tempelberg im Sinne der Religionsfreiheit zwar erlaubt. Gleichzeitig sei dieses Recht aber „nicht absolut“. Es könne „unter Berücksichtigung des öffentlichen Interesses eingeschränkt werden“. Verschiedene Einzelpersonen und Organisationen wehren sich jedoch dagegen, weil diese Einschränkung ein Dauerzustand ist.

Zugangsbeschränkungen für Muslime gibt es nur bei angespannter Sicherheitslage. Meistens gelten diese nur für Männer einer bestimmten Altersgruppe. Al-Aqsa Moschee und Felsendom sind nämlich nicht nur Heiligtümer, sondern dienen beizeiten auch als Lager für Waffen. Wenn es zu Auseinandersetzungen mit der israelischen Polizei kommt, sind diese schnell zur Hand. Als Israel 2017 nach einem Anschlag Metalldetektoren an den Zugängen zum Tempelberg aufstellte, sahen sich die Muslime in ihrer „Religionsfreiheit“ beschränkt. Der Aufschrei war so groß, dass die Regierung die Schutzmaßnahme rückgängig machte. Dabei müssen auch muslimische Pilger nach Mekka solche Sicherheitsschleusen passieren. Aber Mekka ist nicht Jerusalem, die drittheiligste Stadt.

Beten und Bücher verboten

Immer mehr jüdische Touristen sowie Israelis laufen achtlos am Verbotsschild des Oberrabbinats vorbei. Dafür dürfen sie von neun möglichen Eingängen nur einen nützen: die „Mughrabi-Rampe“ gleich neben der Westmauer. Freitags und zu muslimischen Gebetszeiten ist auch dieses Tor geschlossen. Israelische Polizisten und Waqf-Mitarbeiter überwachen alle Zugänge und prüfen gegebenenfalls anhand von Korankenntnissen, ob jemand Muslim ist oder nicht. Anhänger anderer Religionen müssen vor Betreten des muslimischen „Haram“ ihre heiligen Schriften abgeben. Toras, Bibeln und Gebetsbücher sind auf dem gesamten Areal verboten. Laut offizieller Auffassung der muslimischen Seite ist nämlich der gesamte Platz eine Moschee.

Somit ist nicht-muslimisches Gebet untersagt. Wenn ein Jude am Ort der größten Sehnsucht der Diaspora andächtig seine Lippen bewegt, kann das zu einem Platzverweis führen. Arje Lippo, dem genau das passiert war, durfte erst nach über zwei Wochen wieder das Tempelareal betreten. Ein Gericht hatte zwar nicht sein stilles Gebet für legal erklärt, aber den Platzverweis aufgehoben, da Lippo nach Auswertung von Videomaterial niemanden provoziert habe. Die Empörung über das unerhörte Urteil war international. Offizielle Stellen aus Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien zeigten sich erbost über die Entscheidung. Ihr Konsens: Der Tempelberg sei eine ausschließlich islamische Kultstätte, an der Juden nichts zu suchen hätten, schon gar nicht betend.

Ungewisse Zukunft

Juden betreten heute das Tempelareal mit größerer Selbstverständlichkeit und in höheren Zahlen als in den vergangenen Dekaden. Änderungen des Status quo könnten irgendwann unumgänglich sein. Es ist nicht zu erwarten, dass die Waqf-Behörde freiwillig Bereiche für jüdisches Gebet ausweist. Aber eine entsprechende Gesetzesänderung könnte nach einem heftigen Aufschrei bald Normalität werden.

Allerdings müssten die israelischen Behörden weiterhin scharf kontrollieren und dafür Sorge tragen, dass die Gebetsgruppen nicht bald mit dem Spaten anrücken, um den Bau am Dritten Tempel zu beginnen. Das genau ist nämlich die Sorge vieler Muslime, und ganz unbegründet ist sie nicht. Ein guter Teil der Aktivisten, die sich für freies Gebet einsetzen, plant schon viel weiter. Ihren Berechnungen zufolge müsse einer Neuauflage des jüdischen Tempels der Felsendom weichen. Die Moschee könne bestehen bleiben.

Muslime interpretieren jede Änderung des Status quo, auch wenn sie minimal ist, als Schritt in diese Richtung. Deswegen werden sie alles tun, um eine Ausweitung der jüdischen Rechte auf dem Areal zu verhindern. Somit befindet sich die israelische Regierung in einer Zwickmühle. Auf der einen Seite steht der berechtigte Anspruch auf freie Religionsausübung von Juden, auf der anderen droht nicht weniger als ein Krieg, sollte sie dieses Recht gewähren. So sprechen viele theologische und rechtliche Gründe für das jüdische Gebet auf dem Tempelberg, aber schwerwiegende politische Überlegungen stehen dem entgegen. Es bleibt also „spannend“ im wahrsten Sinne des Wortes.

Von: Carmen Shamsianpur

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4 Antworten

  1. Am “ENDE” wird JAHWE -Gott selbst über diesen Ort entscheiden! Ich bitte die Jude darum, geduldig zu sein, denn der EWIGE steht zu seinem Wort und Bund mit Israel! Schalom Israel und Halleluja dem HEILIGEN ISRAELS!

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  2. Es gibt Hinweise darauf, dass die Al-Aqsa-Moschee ursprünglich mal eine byzantinische Kirche war. Unter der Internetserie “Sergej und Roda”(YouTube )wird von einem Erdbeben (ca.1925) berichtet. Der Waqf beschloss daraufhin die Säulen im Mittelgang der Basilika zu verstärken, die Benito Mussolini aus Carraramarmor stifftete. Als man den Boden öffnete entdeckte man mehrere Fußböden mit byzantinischen Mosaiken. Auch sollen Balken aus der Zeit des 2. Tempels für das Dach verwendet worden sein. Vielleicht könnten sie hierzu mal recherchieren.

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