Meinung

Schritt für Schritt voran

Israelische Medien sind enttäuscht: Den ganz großen Durchbruch für die Integration Israels in den Nahen Osten hat Bidens Besuch nicht gebracht. Doch die Ergebnisse sollten auch nicht kleingeredet werden. Ein Kommentar
Von Sandro Serafin

Foto: Haim Zach (GPO)

Blick in die Zukunft: Offene Beziehungen zwischen Israel und Saudi-Arabien brauchen noch Zeit

„Historisch“ sollte der Besuch sein, ein „Wind des Friedens bis zum Golf“ wehen: Vor und während des Aufenthalts von Joe Biden im Heiligen Land hatten israelische Politiker einiges dafür getan, Euphorie zu verbreiten. Schließlich hatte der US-Präsident im Vorfeld selbst verkündet, mit der Reise die Integration des jüdischen Staates in die Region weiter vorantreiben zu wollen. Seine Reiseroute von Tel Aviv nach Dschidda lenkte die Aufmerksamkeit vor allem auf die saudisch-israelischen Beziehungen.

Die Hoffnungen der Israelis waren in der gesamten Choreographie des Besuchs greifbar: Schon am Flughafen spielte die Kapelle „Hewenu Schalom Alejchem“ („Wir brachten Frieden euch allen“). In der Präsidentenresidenz wurde Biden dann zu den Klängen des Friedenshits „Noladeti LaSchalom“ („Geboren zum Frieden“) aus der Zeit des israelisch-ägyptischen Friedensabkommens empfangen.

Ein enttäuschter „Hype“?

Inzwischen hat Biden Saudi-Arabien wieder verlassen und ein Blick in die israelischen Medien nimmt sich im Spiegel des oben Geschilderten ziemlich gedämpft aus. „Die Ergebnisse der Reise sind nüchtern, um es vorsichtig zu sagen“, kommentierte die Onlinezeitung „Times of Israel“ am Montag und sprach von einem israelischen „Hype“ im Vorfeld. Das Land bleibe nun mit der Frage zurück, wie nah es wirklich an einer Normalisierung mit den Saudis dran sei.

Die Zeitung „Yediot Aharonot“ veröffentlichte eine Analyse der amerikanischen Nahost-Agentur „The Media Line“, die ebenfalls einen „Hype“ ausgemacht hat. Es sei Biden im Abschlusskommuniqué mit den Saudis nicht gelungen, „irgendwelche Schritte der Normalisierung zwischen Israel und Saudi-Arabien anzukündigen“. Der öffentlich-rechtliche Sender „Kan“ sprach mit Blick auf die Normalisierung am Sonntag von einem „sehr unvollkommenen Ergebnis“.

Dabei hatte Saudi-Arabien in der Nacht auf Freitag doch die Öffnung seines Luftraums für alle israelischen Überflüge angekündigt, wenn auch ohne Israel explizit zu erwähnen. Viele Israelis aber hatten offenbar mehr erwartet, einen größeren Schritt der Normalisierung.

Vielleicht sogar im Stil der „Abraham-Abkommen“ von 2020, als die Emirate und Bahrain ihre Beziehungen mit Israel normalisierten und damit einen neuen Nahen Osten mitbegründeten. Zuletzt war auch das Stichwort einer „Nahost-NATO“, einer regionalen Verteidigungsallianz, verstärkt durch die Öffentlichkeit gegeistert.

Aus Dschidda tönt der alte Nahe Osten

Im Vergleich dazu klangen die Töne, die am Wochenende aus Dschidda kamen, in der Tat so ganz nach dem alten Nahen Osten. In dem hatte die Palästinenserfrage die Beziehungen Israels in die arabische Welt unnötig behindert. Erst müsse es eine „Zwei-Staaten-Lösung“ geben, bevor Saudi-Arabien sein Verhältnis zu Israel normalisieren könne, ließ der saudische Außenstaatsminister Adel al-Dschubeir nun ganz in diesem Sinne verlauten und verwies auf die 20 Jahre alte saudische Friedensinitiative von 2002.

Bereits am Freitag hatten zudem Äußerungen des emiratischen Spitzenberaters Anwar Gargasch für Stirnrunzeln in Israel gesorgt, wonach sein Land wieder einen Botschafter in den Iran schicken und nicht Teil einer „Achse gegen den Iran“ sein wolle. Auch Saudi-Arabien bemüht sich zur Zeit darum, seine Beziehungen zum schiitischen Erzfeind aufzubessern.

Steht die Normalisierung Israels mit der arabischen Welt also auf tönernen Füßen? Schließlich schien sie doch in erster Linie aus der gemeinsamen Feindschaft gegenüber den Mullahs in Teheran resultiert zu haben. So weit allerdings würde derzeit keiner gehen.

Und doch ruft das Wochenende einmal mehr in Erinnerung, was eigentlich längst klar ist: Die Umgruppierung, die in den vergangenen Jahren im Nahen Osten stattgefunden hat, ist zwar auch Ausfluss eines Mentalitätswandels in der arabischen Welt, in erster Linie aber Ergebnis sich verschiebender Interessen – Interessen, die sich auch wieder in eine andere Richtung wandeln können.

Ein bemerkenswerter Handel

Doch auch wenn die Bäume im Nahen Osten nun nicht in den Himmel wuchsen: Die Resultate der vergangenen Tage sollten auch nicht kleingeredet werden. Dass die Saudis ihren Luftraum für Flüge von und nach Israel vollständig öffnen, kann mit Fug und Recht als historisch bezeichnet werden. Und natürlich ist das auch ein Ausdruck von Normalisierung, freilich gleichzeitig auch – Stichwort interessengeleitete Politik – eines israelisch-saudischen Handels.

Die Saudis gewähren die Überflugrechte wohl auch als Gegenleistung dafür, dass Israel der Übergabe der ägyptischen, zeitweise aber israelisch besetzten Inseln Tiran und Sanafir vor dem Golf von Akaba an Saudi-Arabien zustimmt, verbunden mit dem Abzug der internationalen Beobachtungstruppen.

Die Straße von Tiran beziehungsweise deren Blockade für die israelische Schifffahrt war zweimal, 1956 und 1967, ein wesentlicher Mitauslöser israelisch-arabischer Kriege. Israel räumte sie unter der Bedingung des Friedens mit Ägypten. Dass das Land nun der Übertragung von strategisch so wichtigem Land an einen Staat zustimmt, mit dem es keinen Friedensvertrag hat, ist daher ein deutliches Signal: Entweder sind die Israelis naiv, oder sie wissen über den Fortschritt ihre Beziehungen mehr, als öffentlich bekannt ist und Saudi-Arabien zugeben will.

Hinter den Kulissen ist man bereits weiter

Zutreffen dürfte letzteres: Dass die Kontakte hinter den Kulissen bereits deutlich weiter sind, ist ein offenes Geheimnis. Verschiedene Medienberichte haben das in den vergangenen Jahren untermauert, so zuletzt im Juni ein Artikel des „Wall Street Journal“ über ein Zusammentreffen zwischen dem saudischen und israelischen Armeechef in Scharm el-Scheich.

Und so hat Bidens Besuch zwar nicht den ganz großen Wurf gebracht, mit dem er zu seinem Amtsvorgänger Donald Trump und dessen Leistung der „Abraham-Abkommen“ aufschließen könnte. Eine echte Enttäuschung war er auf der anderen Seite aber auch nicht: Es geht mit der Normalisierung weiter voran, Schritt für Schritt.

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19 Antworten

  1. Sein -aus der Ferne gesehen- im den Wahlsieg betrogener Vorgänger Donald Trump, der hätte gewiss gegenüber den Saudis mehr erreicht.

    Aber wenn man, wie Biden, den Kronprinzen Muhammad bin Salman erst als Halunken bezeichnet, dann muss man sich nicht wundern, dass bei nachfolgenden Gesprächen wenig Greifbares herauskommt.

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      1. Warum sind Sie schockiert?
        Ich kann mir durchaus vorstellen, dass Trump der felsenfest zu Israel gestanden hat, den Linken ein Dorn im Auge war.

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        1. So ist es, Schwester Hiltrud ! Dieses ewige Hetzen gegen den ehemaligen und hoffentlich auch nächsten POTUS, das kann ich kaum ertragen!

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    1. Bei aller Ehrerbietung möchte ich an Frau Roswitha doch die Frage stellen dürfen, ob Trump nun wirklich das Maß aller Dinge im Nahen Osten darstellt? Natürlich habe auch ich mich gefreut, wie Trump in seiner Regierungszeit in Israel eingegriffen und etwas bewegt hatte. Und das was er in Israel bewegt hat, ist mit Sicherheit auch das Aller-Einzigste was man während seiner Regierungszeit als normal denkender Mensch als gut bezeichnen kann. Als völlig offen möchte ich feststellen, ob Gott der Ewige Trumps Eingriff in Israel auch gut heißt? Diese Frage wird uns wohl erst später beantwortet werden, wenn sie die Schriften der Propheten und die des Johannes in der Offenbarung erfüllt. Erst dann wird uns vielleicht klar werden, wer Trump in Sachen Israel wirklich war.
      Nicht Trump wurde um seinen Wahlsieg betrogen, nein, umgekehrt ist richtig: Trump versuchte Millionen von Amerikaner bis hin zum Supreme-Court und noch nicht aufgearbeitetem Steuerbetrug einschließlich Sturm auf das Capitol bitterböse zu betrügen und versucht es immer noch. Diese Wahrheit kann und darf nicht schön geredet werden.
      Die Situation zwischen Biden und Kronprinz Muhammad bin Salman, auch die sollte man nicht über den “Leisten Trump” ziehen, denn wir wissen nicht, wie sich da die Situation entwickelt hätte. In diesem Fall ist doch eher richtig, dass Biden in seinem hohen Alter noch die Kraft an den Tag legte, mit starkem Rückgrat diesem Halunken entgegen zu treten, was er als oberster Verantwortlicher für die halbe Menschheit tat, nämlich für das nötige Gas und Öl zu sorgen

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      1. Zustimmung. Aber eines hätte ich mir doch gewünscht, dass die Gerichte entschieden hätten, dass es keine Wahlbetrug kam. Denn damit kann er und seine Anhänger jetzt immer und immer wieder kommen.

        Er hat einiges für Israel bewegt, ja. Aber leider in den USA auch viel gespalten. Allerdings ist er damit nicht allein.

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      2. Lieber Gottfried, Sie schreiben zu Recht, dass Biden für das nötige Gas und Öl sorgen will.
        Hätte man vor dieser Krise auf Trump gehört, wäre es nicht soweit gekommen.
        „Nord Stream 2: Deutschland laut Trump „Geisel Russlands“ – Ex-US-Präsident spricht von „Kapitulation“

        Direkt zu Beginn seiner Antwort auf eine Frage zum Pipeline-Projekt Nord Stream 2 wurde Trump sehr deutlich und lieferte eine harte Einschätzung. In seiner Amtszeit habe er ständig versucht, Altkanzlerin Angela Merkel davon zu überzeugen, das Nord-Stream-2-Projekt nicht fortzuführen. Er habe davor gewarnt, dass dies Deutschland zu einer Geisel machen werde. Und so sei es tatsächlich gekommen: „Das ist gerade der Fall. Deutschland ist wirklich eine Geisel Russlands. Keine Frage.“

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        1. Keine Frage ist auch, dass Frau H. Maier in dem was Deutschland betrifft völlig richtig liegt. Leider stehen mir im Israel-Netz nur 1600 Schriftzeichen zu, ansonsten ich wesentlich mehr geschrieben hätte von dem allem was zusammengehört. So lassen sich Themen immer zerfleddern und vom Konsenz ablenken. Trump war kein Präsident, er war ein pandemischer Betrüger, der nur seine persönlichen Interessen verfolgte. Wäre er nicht abgewählt worden, dann würde Putin heute den gesamten mittleren Osten beherrschen. Dieses Vakuum hat Biden nun versucht so gut es geht auszugleichen, um dem Russen nicht vollends alles zu überlassen. Die jetzt anstehenden 800 Millionen Hungernden aus Putins Gnaden sind wahrlich genug.

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          1. Lieber Gottfried, Sie bezeichnen den ehemaligen US Präsidenten als „pandemischen Betrüger“
            Wurde Trump wegen irgendwelchen „ pandemischen Betrügereien“ verurteilt?

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    1. Sie funktioniert seit fast 30 Jahren nicht.

      Aber vielleicht sollte man bei der PA mal drüber nachdenken, ob man über die Grenzen einen Staat verhandeln sollte, anstatt nur über die Freilassung von Terroristen. Aber solange Judenmord wichtiger ist als der Staat – für den man auch noch Verantwortung tragen müsste, wie schrecklich – ändert sich nichts.

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    2. Israël denkt da seit 1948 drübernach. Nur das auch Israël muss feststellen das die “Palästinenser” nicht im standen sind eine staat zu bilden und zu führen. Das da höchstens ein Nest von Korruption und Terroristen entstehe.

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  2. Es sind viele kleine Schritte erforderlich und auch die kleinen, positiven Ergebnisse sollte man nicht gering schätzen. Selbst die Annäherung an die VAE kam nicht von heute auf morgen zustande.
    Was hier z,B, nicht erwähnt wurde, das man mit den Nachbarstaaten, den Saudis und VAE einen gemeinsamen Schutz des Luftraumes installieren will, vielleicht sogar etwas wie ein Nato-Abkommen für Nahost.

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  3. “Schritt für Schritt voran”??? Eher in den Abgrund. Und sich auf eine ehemalige Weltmacht, die im Untergang begriffen ist, einzulassen und sich von dieser freihalten zu lassen, wird das nur beschleunigen. Zukunft sieht anders aus.

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    1. Zukunft sieht anders aus? Sagen Sie das Herrn Abbas. Die arabischen Staaten wenden sich von ihm ab. Sie haben nämlich die Nase voll von jemand, der nichts außer jammern kann.

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    2. Ui, ein neuer Prophet im Lande oder doch nur der übliche Schwarzmaler, wenn es um die Zukunft Israels geht.
      Bemühen Sie sich nicht, die Propheten der Bibel haben bereits alles notwendige gesagt.
      Joel 4,16 und der Herr wird aus Zion brüllen und von Jerusalem her seine Stimme hören lassen, daß Himmel und Erde zittern; aber der Herr ist eine Zuflucht für sein Volk und eine feste Burg für die Kinder Israels.

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  4. “Zukunft sieht anders aus” kommentiert Herr Luley. Das würden sich viele Menschen wünschen, auch ich. Doch dann enthält sich Herr Luley eines Gegen-Vorschlags, ganz einfach deshalb, weil er dazu nicht imstande ist, genau so wenig wie wir alle nicht wissen, was Gott übermorgen zu tun gedenkt. Es sei Herrn Luley in aller Freundschaft empfohlen, sich auf die Seite derer zu begeben, die an Gottes Wort interessiert sind, versuchen trotz aller widrigen Umstände seine Gebote zu halten und an seine Liebe glauben. Und nach einem erfolgreichen Seitenwechsel hätte es auch ein Herr Luley wesentlich leichter, realistisch verwertbare Kommentare abzugeben.

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