Rosch HaSchana: Hannas Gebet wird erhört

Die biblische Geschichte von Samuels Mutter Hanna hat beim jüdischen Neujahr eine wichtige Bedeutung. Dabei gibt es auch einen Bezug zu Sara.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Am ersten Tag des jüdischen Neujahrsfestes Rosch HaSchana wird Hannas Geschichte als Haftara in den Synagogen gelesen. Das hebräische Wort „Haftara“, Plural Haftarot, bedeutet „Abschluss“ und „Entlassung“. Unter dem Begriff versteht man im Judentum die zusätzliche Schriftlesung in den Synagogen am Schabbat, an Feiertagen und an einigen der Fastentage. Diese Schriftlesung erfolgt aus den prophetischen Büchern, die den zweiten Teil des jüdischen biblischen Kanons bilden.

Die Hebräische Bibel hat eine andere Anordnung der einzelnen Bücher als christliche Bibeln, zu den „Propheten“ zählen nicht nur die Schriftpropheten, sondern auch auch verschiedene „Geschichtsbücher“ wie etwa das Buch Josua und das Buch der Richter. In der Tora wurde festgelegt, dass die Haftara öffentlich vorgelesen werden soll, eine Anweisung, die die Rabbiner in der Folgezeit auf wöchentliche Lesungen am Schabbat und später auch an den Markttagen Montag und Donnerstag erweiterten.

Als fremde Herrscher den Juden das Lernen der Tora unter Strafe verboten, ordneten die Rabbiner die Lesung eines Abschnitts aus den Prophetenbüchern mit inhaltlicher Nähe zur Tora an. Als das Verbot des Toralernens entfiel, wurde die Lesung der Haftarot beibehalten, sie folgt bis heute auf jede Toralesung. Eine andere Tradition besagt, dass das Lesen der Haftarot eingeführt wurde, um den Einfluss von jüdischen Sekten zu bekämpfen, welche lehrten, nur die Tora sei eine heilige Schrift.

Der Name Hanna, hebräisch Channa, kann von der hebräischen Wurzel CH N N, „jemandem gnädig“, „zugeneigt sein“ oder auch „sich erbarmen“ hergeleitet werden. Er bedeutet „G´tt hat sich erbarmt“. Andere Quellen interpretieren die Bedeutung des Namens mit „Gunst“, „Anmut“ oder auch „Schönheit“. In der Hebräischen Bibel kommt der Name  – gemessen an der Länge der Erzählung über Hanna und ihrem Kinderwunsch – mit 14 Nennungen vergleichsweise häufig vor.

Hanna und Sara

Warum wird an Rosch HaSchana die Haftara Channa gelesen? Es ist eine Anordnung der Weisen (Babylonischer Talmud, Megilla 31a), denn am jüdischen Neujahr wird die Tora-Passage in Synagogen gelesen, die von der Geburt unseres Stammvaters Jizchak (Isaak) berichtet. Diese Lesung beginnt im 1. Buch Mose 21,1 mit den Worten: Und der HERR suchte Sara heim, wie er gesagt hatte, und der HERR tat an Sara, wie er geredet hatte. (Elberfelder Bibel)

Die kinderlose und hochbetagte Sara – zu jenem Zeitpunkt noch Sarai – ­wurde an Rosch HaSchana von G´tt bedacht. Wie der Talmud (Rosch HaSchana 10b und 11a) feststellt, wurde auch das Gebet der kinderlosen Hanna an Rosch HaSchana von G´tt erhört. Elkanas Frau litt zunehmend unter ihrer Unfruchtbarkeit. In Schilo bat sie im Haus des Ewigen um ein Kind (1. Samuel 2,1–11):

Und Hanna betete und sprach: Mein Herz jauchzt in dem HERRN, mein Horn ist erhöht in dem HERRN. Mein Mund hat sich weit aufgetan gegen meine Feinde, denn ich freue mich über deine Rettung. Keiner ist heilig wie der HERR, denn außer dir ist keiner. Und kein Fels ist wie unser Gott. Häuft nicht Worte des Stolzes, noch gehe Freches aus eurem Mund hervor! Denn der HERR ist ein Gott des Wissens, und von ihm werden die Taten gewogen. Der Bogen der Helden ist zerbrochen, und die Stürzenden haben sich mit Kraft umgürtet. Die satt waren, müssen um Brot dienen, und die Hunger litten, brauchen es nicht mehr. Sogar die Unfruchtbare hat sieben geboren, und die viele Kinder hatte, welkt dahin. Der HERR tötet und macht lebendig; er führt in den Scheol hinab und wieder herauf. Der HERR macht arm und macht reich; er erniedrigt und erhöht. Er hebt den Geringen aus dem Staub empor, aus dem Schmutz erhöht er den Armen, um ihn sitzen zu lassen bei Edlen; und den Thron der Ehre lässt er sie erben. Denn dem HERRN gehören die Säulen der Erde, und auf sie hat er den Erdkreis gestellt. Die Füße seiner Getreuen behütet er, aber die Gottlosen kommen um in Finsternis; denn niemand ist stark durch ⟨eigene⟩ Kraft. Die mit dem HERRN rechten, werden niedergeschlagen werden, im Himmel wird er über ihnen donnern. Der HERR wird richten die Enden der Erde. Er wird seinem König Macht verleihen und erhöhen das Horn seines Gesalbten. Und Elkana ging nach Rama in sein Haus. Der Junge aber diente dem HERRN vor dem Priester Eli.

Der Priester Eli, der Hanna lautlos beten sieht, wirft ihr vor, sie sei betrunken. Darauf spricht Hanna zum ersten Mal in der Erzählung. In 1. Samuel 15,1 lesen wir:

Aber Hanna antwortete und sagte: Nein, mein Herr! Ich bin ⟨nichts anderes als⟩ eine betrübte Frau. Wein und Rauschtrank habe ich nicht getrunken, sondern ich habe mein Herz vor dem HERRN ausgeschüttet.

Eli versichert Hanna, dass G´tt ihre Bitte erhören und erfüllen wird. Hanna wird tatsächlich schwanger und bekommt den lang ersehnten Sohn, den sie Schmuel (Samuel) nennt. Sie begründet ihre Namenswahl: „Von G´tt habe ich ihn erbeten“, was im Hebräischen allerdings eher an den Namen Schaul (Saul) mit der Bedeutung „erbeten“ denken lässt, womöglich aber ein Hinweis auf den weiteren Verlauf der Geschichte ist.

Hanna als Vorbild

Im Talmudtraktat Berachot (31a) lesen wir: Rav Hamnuna betonte, dass viele wichtige Halachot, religionsgesetzliche Vorschriften, sich aus Hannas Versen ableiten: Sie redete in ihrem Herzen – hieraus, dass der Betende sein Herz andächtig stimmen muss. Nur ihre Lippen bewegten sich – hieraus, dass der Betende mit seinen Lippen deutlich spreche. Und ihre Stimme wurde nicht gehört – hieraus, dass man beim Beten die Stimme nicht erheben darf. Und Eli hielt sie für eine Betrunkene – hieraus, dass der Betrunkene das Gebet nicht verrichten darf.

Hanna hatte ihre Lobpreisung G´ttes mit einem Gelübde verknüpft (1. Samuel 1,11):

Und sie legte ein Gelübde ab und sprach: HERR der Heerscharen! Wenn du das Elend deiner Magd ansehen und meiner gedenken und deine Magd nicht vergessen wirst und deiner Magd einen männlichen Nachkommen geben wirst, so will ich ihn dem HERRN alle Tage seines Lebens geben. Und kein Schermesser soll auf sein Haupt kommen.

Hanna erklärte verbindlich, dass sie zu einem schmerzhaften Verzicht bereit sei: Denn sollte das Ersehnte und Erbetene eintreten, dann würde sie ihren Sohn G´tt weihen.

Über Sara steht in der Tora: Da nahm Sarai, Awrams Frau, die ägyptische Hagar, ihre Magd, (…) und sie gab sie Awram, ihrem Mann, ihm zur Frau. (1. Buch Mose 16,3). Auch Jakobs Lieblingsfrau Rachel blieb lange kinderlos, duldete ihre Schwester Lea als Nebenfrau. In ihrem Kinderwunsch waren Sara, Rachel und Hanna jeweils zu einem schmerzlichen Opfer bereit.

Grundlage für Segenssprüche

Obwohl Hanna keine Erzmutter ist, sind ihre Prüfungen von zentraler Bedeutung für die Ereignisse an Rosch HaSchana. Hanna erwähnt den Namen G’ttes neun Mal in ihrem Gebet, was die Grundlage für den Inhalt der neun Segenssprüche, der Berachot, und der dreizusätzlichen Abschnitte ist: Malchujot – Verse über G’tt als König; Sichronot – Verse zur Erinnerung an das vergangene Jahr; Schofarot – Verse zur Verbesserung unseres Verhaltens.

Dies ist das Rosch-HaSchana-Musafgebet. Das Wort Musaf bedeutet „Zusatz“. Das Zusatzgebet wird an Schabbatot, Festtagen (Jom Tov) und zu Rosch Chodesch (Neumond) direkt nach dem Morgengebet, dem Schacharit, gebetet. Das Gebet wurde als geistlicher Ersatz für die zusätzlichen Opfergaben eingeführt, die früher an besonderen Tagen im Tempel von Jerusalem dargebracht wurden.

Hannas Lobpreis und Gebet wurden erhört und sie hielt ihr Gelübde. Elkanas Frau bekam ein außergewöhnliches Kind, einen Sohn, der zum großen Propheten Samuel (Schmuel) und zu einer facettenreichen Gestalt in der Übergangszeit vom vorstaatlichen zum staatlichen Israel circa 1000 vor der Zeitrechnung wurde: Samuel wird als Priester, Prophet, Richter, Retter, „Königsmacher“ und „Königsverwerfer“ vorgestellt. Keiner anderen Gestalt der Hebräischen Bibel – außer Mose – werden so viele Ämter und Aufgaben zugeschrieben.

Das Neujahrsfest 5787 beginnt am Abend des 11. September. Schana tova umetuka! Ein gutes und süßes neues Jahr!

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