Die Hohen Feiertage stehen bevor. In diesem Jahr feiern Juden und Jüdinnen vom 11. bis 13. September Rosch HaSchana, das jüdische Neujahrsfest. Der „Kopf des Jahres“, so die wörtliche Übersetzung, erinnert auch an die Schöpfung der Welt.
Vorbereitungen und innerliche Einstimmung beginnen bereits am Anfang des Monats Elul. Als letzter Monat des Jahres ist der Elul traditionell eine Zeit für Einkehr und der persönlichen Überprüfung – eine Zeit, um seine Taten und nicht geleisteten Taten sowie die eigenen spirituellen Fortschritte des vergangenen Jahres noch einmal Revue passieren zu lassen. Eine Zeitspanne, um sich spirituell auf die kommenden „Jamim Nora’im“, wörtlich: „schreckliche Tage“ von Rosch HaSchana bis Jom Kippur einzustimmen.
Die Monatsnamen des jüdischen Kalenders sind babylonischen Ursprungs, Elul kommt vom akkadischen elūlu. Elul ist der zwölfte und letzte Monat des bürgerlichen jüdischen Kalenders und der sechste gemäß der Zählung im biblischen Kalender. Er hat 29 Tage und fällt im gregorianischen Kalender in die Zeit von August und September. Das Jahr „Null“ ist nach jüdischem Glauben das Jahr, in dem G-tt die Welt erschaffen haben soll – so steht es in den jüdischen Schriften. Gemäß dem weltlichen Kalender war dies 3.761 Jahre vor Christi Geburt. An Rosch HaSchana 2026 beginnt laut jüdischer Zeitrechnung das Jahr 5787.
Oft mystische Bedeutung
In theologischen und philosophischen Werken sowie der Kabbala wird ihnen oft auch eine mystische Bedeutung beigemessen. Bezüglich der Bedeutung von Elul kursieren eine Reihe von Erklärungen und Deutungen: Die wohl bekannteste sieht im Namen Elul ein Akronym für den Satz aus dem Buch „Lied der Lieder“ (Hoheslied) – „Schir HaSchirim“: „Ani Ledodi Wedodi Li“ – deutsch: „Ich zu meinem Liebhaber und mein Liebhaber zu mir.“ Demnach ist der Monat Elul eine Zeit der Liebe zwischen G-tt und seinem Volk Israel.
Anderen Quellen zufolge bedeutet Elul übersetzt so viel wie „Suche“, denn der Mensch soll sich in dieser Zeit auf die bevorstehenden Tage des Gerichts und der Versöhnung einstellen.
Als Monat der g-ttlichen Gnade und Vergebung ist Elul eine gebotene Zeit für „Tschuwa“, zur „Umkehr“ zu G-tt: Gebet, Zedaka – wörtlich: Gerechtigkeit im Sinne der jüdischen Wohlfahrt und Armenfürsorge – und dem Anwachsen von Ahawat Israel, der Liebe zu Israel – verbunden mit dem Streben nach Selbstverbesserung und der Annäherung an G-tt.
Der Prophet Jeremia mahnte (31,21–22):
Stell dir Wegweiser auf, setz dir Wegmarken, / achte genau auf die Straße, / auf den Weg, den du gegangen bist! Kehr um, Jungfrau Israel, / kehr zurück in diese deine Städte! Wie lange noch willst du dich sträuben, / du abtrünnige Tochter? Denn der HERR erschafft Neues im Land: / Die Frau wird den Mann umgeben.
Rabbi Schneor Salman von Liadi (1745–1812 ), Schüler von Israel Ben Elieser, war Oberhaupt der chassidischen Bewegung in Weißrussland. Er ist auch bekannt als Baal Schem Tov (Träger des guten Namens) und Begründer des Chassidismus. Rabbi Schneor, sein Vorname bedeutet „zwei Lichter“, vergleicht den Monat Elul mit einer Zeit, wenn „der König im Feld ist“. Im Gegensatz zu der Situation, wenn der König im Palast ist,– hat jeder und jede im Monat Elul die Möglichkeit, G´tt zu begegnen.
Sein Name Schneor wurde auf seine zwei Hauptwerke bezogen, Schulchan Aruch HaRav und Das Buch Tanja zur Kabbala. Sein Vater Baruch war ein Nachkomme des Prager Rabbiners und Philosophen Judah Löw.
Ruf zur Umkehr
Besondere minhagim (Bräuche), für Elul schließen das tägliche Blasen des Schofar, als Ruf zur Umkehr, ein. Der Baal Schem Tov etablierte den Brauch, jeden Tag drei zusätzliche Psalmen zu rezitieren: Vom 1. Elul bis Jom Kippur, dem Versöhnungstag werden die verbleibenden 36 Psalmen rezitiert, womit das ganze Buch komplettiert wird.
Im Monat Elul sprechen gläubige Juden und Jüdinnen die Slichot, die Bußgebete, dazu üblicherweise auch an allen Fastentagen, mit Ausnahme von Tischa beAw. Der Beginn der Slichot-Rezitation hängt davon ab, welcher Tradition man folgt.
Sefardische Jüdinnen und Juden beginnen am Anfang des Monats Elul und stehen bereits vor dem Morgengrauen auf, um die Slichot zu sprechen. So lesen wir es im Shulchan Aruch (Orach Chajim 581,1), wörtlich „gedeckter Tisch“. Diese autoritative Zusammenfassung religiöser Vorschriften des Judentums wurde im 16. Jahrhundert von Josef Karo (1488–1575) verfasst und in der Folgezeit von mehreren Rabbinergenerationen überarbeitet.
Die aschkenasischen Juden beginnen mit den Slichot Samstagnacht nach der Hawdala des Schabbats, der Rosch HaSchana vorangeht, präzise gesagt: zur halachischen Mitternacht. Das ist der Zeitpunkt, der genau zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang liegt. Würde die Sonne um 20 Uhr untergehen und um sieben Uhr wieder aufgehen, wäre dies folglich gegen halb zwei nachts.
Schon der Machsor von Vitry – ein liturgisches Werk für die Hohen Feiertage, das im 11. Jahrhundert in Frankreich verfasst wurde – kennt den Brauch, „in der Nacht nach dem Schabbat vor Rosch HaSchana früh vor Sonnenaufgang aufzustehen und um Gnade zu bitten“. An den folgenden Tagen reiche es aus, die Slichot vor dem Morgengebet zu sprechen. Diese Praxis hat sich in vielen Gemeinden durchgesetzt, auch, um den Biorhythmus nicht völlig durcheinanderzubringen.
Im Schulchan Aruch wiederum steht: „Es ist üblich, während der ‚Aschmoret‘-Zeit, somit dem letzten Drittel der Nacht, aufzustehen, um Slichot und Bittgebete vom Anfang des Monats Elul bis zum Jom Kippur zu rezitieren.“
Unterschiedliche Bräuche
Rabbi Moses Isserles (1530–1572) bestimmte die Halacha für den aschkenasischen Raum. Das hebräische Wort heißt „der Weg“ oder „das Gehen“. Die Halacha ist das jüdische Religionsgesetz, welches die Gesamtheit aller religiösen Gebote und Verbote sowie Regeln für das tägliche Leben, die Ethik und das Ritual umfasst.
Isserles fügte folgenden Kommentar hinzu: „Der Brauch der ashkenasischen Juden ist nicht wie oben erwähnt, sondern vielmehr – während des Monats Elul –, den Schofar nach dem Morgengebet zu blasen … und am Sonntag vor Rosch HaSchana während Aschmoret aufzuwachen. In dem Fall, dass Rosch HaSchana auf einen Montag oder Dienstag fällt, beginnen wir mit dem Sonntag der vorherigen Woche.“
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In gewisser Weise ist die aschkenasische Praxis eine Erweiterung des Brauchs, der von Maimonides, dem Rambam (1135–1204) in Hilchot Teshuwa (3, Halacha 4) erwähnt wird: „Es ist jedermanns Brauch, in der Nacht während der zehn Tage, zwischen Rosch HaSchana und Jom Kippur, zu erwachen und Bittgebete und Worte des Erwachens bis zum Einbruch des Tageslichts zu beten.“
Die aschkenasische Praxis fügt mindestens vier Tage hinzu. Diese vier Tage sind, wie die Mischna Brura erklärt, dazu gedacht, die vier Tage zwischen Rosch HaSchana und Jom Kippur, in denen wir nicht fasten dürfen, zu ersetzen. Denn es ist Brauch, während der Aseret Jemei Teshuwa, der zehn Bußtage, zu fasten.
Sefardische Jüdinnen und Juden rezitieren hingegen während des gesamten Monats Elul Bußgebete als Vorbereitung auf Rosch HaSchana. Das Fasten an den Tagen, an denen Slichot gesagt werden, ist heute nicht mehr weit verbreitet: es erklärt jedoch, warum die Slichot als Gebete der Fastentage in dieser Zeit gesprochen werden.
Die Eigenschaften G-ttes
Den Kern der Slichot bilden die „schlosch essre middot“ – die „13 Eigenschaften“ G-ttes – sie werden im 2. Buch Mose 34,6–7 genannt:
Und der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief]: Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und reich an Gnade und Treue], der Gnade bewahrt an Tausenden ⟨von Generationen⟩, der Schuld, Vergehen und Sünde vergibt, aber keineswegs ungestraft lässt, ⟨sondern⟩ die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und vierten ⟨Generation⟩.
Der Talmud (Rosch HaSchana 17b) kennt das Sprechen der 13 Eigenschaften bereits und erzählt, G-tt selbst habe sie Mose gelehrt.
Rabbi Jochanan Ben Sakai war ein bedeutender jüdischer Weiser der späten Zeit des Zweiten Tempels und der erste jüdische Weise, dem in der Mischna der Titel „Rabbi“ zugeschrieben wurde. Er berichtet Folgendes: Nach der Episode mit dem Goldenen Kalb habe Mosche gefühlt, dass die Sünde des Volkes so groß war, dass er selbst für Israel eintreten musste. Da habe ihn G-tt die 13 Eigenschaften gelehrt und gesagt: „Wann immer Israel sündigt, lass es dies in der richtigen Reihenfolge sprechen, und ich werde ihnen vergeben.“
Rabbi Jochanan nennt dies einen Bund mit G-tt. Er garantiere dem jüdischen Volk, dass der Weg zur Vergebung offensteht. Die persönliche Tschuva, die „Umkehr“, ersetzt der Bund jedoch nicht. Großbritanniens ehemaliger Oberrabbiner Jonathan Sacks (1948–2020) nannte die 13 Eigenschaften eine „Selbstdefinition“ G-ttes.
Schon der Talmud schlägt den Bogen von den 13 Eigenschaften zu Buße und Umkehr, wie sie zu den Hohen Feiertagen von den Menschen gefordert werden: „G-tt legte sich einen Tallit an wie ein Vorbeter und lehrte Mosche die Ordnung des Gebets. Sooft Israel sündigt, soll es vor mir nach dieser Ordnung beten, und ich vergebe ihm seine Sünden.“
Weniger als 13 Attribute
Wer die Attribute der Auflistung zählt,wird bemerken, dass es weniger als dreizehn Eigenschaften sind. Diese Unstimmigkeit ist auch den jüdischen Weisen aufgefallen, auch, dass ein Teil des Toratextes nicht gesagt wird, er lautet: „Doch straflos hingegen lässt er nicht; er ahndet die Schuld der Väter an Kindern und Kindeskindern, an der dritten und der vierten Generation.“
Die Erklärung lautet: Die aufgezählten Eigenschaften beziehen sich nicht nur auf die im Text genannten Adjektive, sondern vielmehr auf den gesamten Text und somit auch auf die doppelte Nennung des G-ttesnamens. Einmal stehe G-ttes Name für das Mitgefühl vor einer Sünde – so lautet eine Interpretation – und ein andermal stehe Sein Name für das Mitgefühl nach der Sünde.
Der Monat Elul verbunden mit der Rezitation der Slichot ist eine sehr ernste Zeit im jüdischen Kalender: Die Slichot sollen ein Erwachen zur Tschuva, zur „Umkehr“ und somit zur Reue, sein.Sie erinnern uns daran, dass wir uns – wenn wir gesündigt haben – in einer „Nachtzeit des Lebens“ befinden, G-tt anrufen müssen, dass Er uns leite und uns bei der Umkehr zu Ihm beistehen möge. Das jüdische Neujahrsfest Rosch haShana wird auch als Tag des g-ttlichen Gerichts bezeichnet. Wenn der Mensch seine Sünden erkennt und umkehrt, dann ist ihm mit den Schlosch Esrei Middot Vergebung zugesagt.
Der Elul begann in diesem Jahr am Abend des 13. August. Das Neujahrsfest beginnt am Abend des 11. September. Jom Kippur ist am 10. Tag des jüdischen Jahres.
Ein Kommentar
In einigen Bundesländern in Deutschland wurde der Buss- und Bettag zur Finanzierung des Arbeiteranteils der Pflegeversicherung gestrichen.