Reform des Nizänischen Glaubensbekenntnisses gefordert

Beim Israeltag der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem setzt sich ein messianischer Jude für eine Reform des Nizänischen Glaubensbekenntnisses ein. Er erwartet eine größere Verbundenheit von Christen mit der jüdischen Glaubensgeschichte.
Von Nicolas Dreyer

STUTTGART (inn) – Bei einer Solidaritätskonferenz für Israel in Stuttgart am Freitag hat der amerikanisch-israelische Prediger Ariel Blumenthal eine Überarbeitung des Nizänischen Glaubensbekenntnisses gefordert. Es stammt aus dem Jahr 325 nach Christus. Der hebräische Name Gottes und der Bezug zu Gottes Bund mit Abraham sollten in einer neuen Version Erwähnung finden. Deren Auslassung im Glaubensbekenntnis der frühen christlichen Kirche habe zum wachsenden Antijudaismus beigetragen.

Hebräische Gottesnamen

Gott werde im Hebräischen mit dem Gattungsnamen „El“ beziehungsweise „Elohim“ bezeichnet, sagte Blumenthal. Indes habe er sich in 2. Mose 3,14 dem Volk Israel mit seinem Eigennamen JHWH offenbart:

Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: „Ich werde sein“, der hat mich zu euch gesandt. (Luther 2017)

Der Tanach, also die Hebräische Bibel, verwendet beide Bezeichnungen teils parallel. Die Israeliten hätten sich auf den persönlichen Gott ihres Bundes (JHWH) bezogen, den sie als ihren Herrn (Adonai) beziehungsweise Gott (Elohim) anriefen. In modernen deutschen Bibelübersetzungen werde „JHWH“ und „Adonai“ meist mit „HERR“ oder „Herr“ wiedergegeben. Grammatikalisch sei die Nutzung der Begriffe im hebräischen Text leichter zu verstehen.

Beispiele seien Daniel 9,4 und Psalm 110,1:

Ich betete aber zu dem HERRN [JHWH] meinem Gott [Elohai], und bekannte und sprach: Ach, Herr [Adonai], du großer und schrecklicher Gott [haEl], der du Bund und Gnade bewahrst denen, die dich lieben und deine Gebote halten! 

Ein Psalm Davids. Der HERR [JHWH] sprach zu meinem Herrn [Adonai]: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel unter deine Füße lege.“

Mit dem Babylonischen Exil jedoch hat sich die jüdische Praxis bei der Nutzung des Gottesnamens JHWH nach Aussage des Predigers geändert. Er sei aus Respekt vor seiner Heiligkeit nicht mehr ausgesprochen worden. Die korrekte historische Aussprache sei seitdem auch nicht mehr rekonstruierbar.

Die griechische Übersetzung des Tanachs, die Septuaginta aus dem 3. bis 2. Jahrhundert vor Christus, habe JHWH und Adonai mit „Kyrios“ übersetzt, anstelle einer Transliteration des Eigennamens JHWH. Damit wäre die jüdische Praxis wiedergegeben worden.

Im griechischen Neuen Testament ging demnach ebenfalls der Bezug zum hebräischen Gottesnamen verloren: Durch die Übersetzung des Namens Jesus (Jeschua) sei der für hebräische Leser offensichtlich theophorische Namen („Jah ist Errettung“) für den nichtjüdischen Leser nicht mehr als solcher erkennbar gewesen (vergleiche Matthäus 1,21).

Keine biblisch-jüdische Theologie im Nizänum

Ohne den Bezug zum Eigennamen Gottes sei der entstehenden christlichen Kirche in den frühen nachchristlichen Jahrhunderten das Verständnis der jüdischen Identität Gottes, Jesu, und des Bundes mit Gott verloren gegangen. Diese Entwicklung habe sich auch im Nizänum gezeigt, sagte Blumenthal. Geprägt von christologischen Debatten der Zeit habe es großen Wert auf die Akklamation Gottes als Schöpfer und die Bestätigung der Gottessohnschaft Jesu und der Trinität gelegt.

Es habe jedoch den Heidenchristen Gott nicht mit seinem hebräischen Eigennamen JHWH als personalen jüdischen Gott vorgestellt, der den Bund mit Abraham, Isaak und Jakobs begründet habe. Dies habe zur Ablösung des Christentums von der biblisch-jüdischen Theologie beigetragen und die Entstehung von Ersatztheologie und christlicher Judenfeindschaft begünstigt.

Um diese historische Fehlentwicklung zumindest für unsere heutige Zeit zu korrigieren, sollte entweder das Nizänum revidiert werden oder sich die Christenheit ein neues Glaubensbekenntnis geben, meint Blumenthal. Er schlug dafür in Anlehnung an das Jerusalemer Konzil in Apostelgeschichte 15 die Bezeichnung: „Jerusalemer Glaubensbekenntnis“ vor. Dies sollte explizit JHWH als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs identifizieren und auf die Geschichte des Bundes Gottes mit Israel vor der Geburt Jeschuas in den Evangelien verweisen.

Foto: Nicolas Dreyer
BU: Die Internationale Christliche Botschaft Jerusalem veranstaltet jährlich in Stuttgart einen Israeltag

Der Prediger fügte hinzu, dass es auch im Tanach und damit der biblischen jüdischen Tradition Vorbilder für die Inkarnation Gottes und die Trinität gebe. Dies sei etwa beim Besuch der drei Männer bei Abraham in Mamre in 1. Mose 18 der Fall. In Vers 13 werde unmissverständlich von JHWH als menschlichem Besucher gesprochen:

Da sprach der HERR [JHWH] zu Abraham: Warum lacht Sara und sagt: Sollte ich wirklich noch gebären, obwohl ich so alt bin?

In der messianischen Theologie werde die leibliche Manifestation JHWHs in der Person von drei Männern als Beispiel für die Präexistenz des Messias betrachtet; er habe nach dieser Lehre vor seiner Geburt als Jeschua von Nazareth schon als inkarnierter Sohn Gottes in der Geschichte Israels gewirkt. Gleichzeitig deute die Gestalt der drei Männer auf die Dreifaltigkeit hin.

Somit habe auch die im Nizänischen Credo angesprochene Inkarnation Christi eine biblische und jüdische Vorgeschichte. In einer revidierten Version des Glaubensbekenntnisses sollte diese unbedingt mit einbezogen werden, ergänzte der Gastsprecher. Dies solle Christen direkt bei den Grundlagen ihrer Glaubenslehre mit der biblisch-jüdischen Tradition konfrontieren. Selbst wenn sich der Redner nur auf das Nizänische Credo bezog, wäre möglicherweise auch für das Apostolische Glaubensbekenntnis eine vergleichbare Diskussion denkbar.

Einheit zwischen Christen und messianischen Juden

Ariel Blumenthal ist Co-Pastor der messianisch-jüdischen Gemeinde „Ahavat Jeschua“ (Jeschuas Liebe) in Jerusalem. Er gehört zur Leiterschaft der Organisation „Tikkun Global“, die sich unter anderem für die Einheit der Christen in den Nationen mit den messianischen Juden einsetzt. Das hebräische Wort „Tikkun“ bedeutet unter anderem „Verbesserung“. Der Name der Organisation ist dem jüdischen Selbstverständnis von „Tikkun Olam“, einer „Heilung der Welt“, entlehnt.

Der Israeltag am 1. Mai wurde von der Internationalen Christlichen Botschaft Jerusalem (ICEJ) organisiert. Im Juni veranstaltet sie den „Jerusalem Summit“, bei dem Theologen neben dem Nizänum auch neue Formen des Antisemitismus und der Ersatztheologie diskutieren.

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  1. Ein messianischer Jude setzt sich für eine größere Verbundenheit von Christen und Juden. Unser streng katholischer Bischof stimmt zu.

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