Jesus als Juden verstehen

In der Bibelkolumne veröffentlichen wir biblische Impulse von verschiedenen Autoren. Anatoli Uschomirski erklärt, warum die jüdische Identität Jesu wichtig für den christlichen Glauben ist.
Von Israelnetz
Woher kommt das Wort Jude? Bild: Jüdische Männer mit Gebetsschal (Tallit) in der Jerusalemer Altstadt Die hebräische Bezeichnung für einen Juden lautet „jehudi“. Dieses Wort leitet sich vom Namen des vierten Sohnes vom Stammvater Jakob ab – Jehuda. Die Bezeichnung „jehudi“ bezog sich zunächst nur auf dessen Nachkommen, also Mitglieder des Stammes Juda. Nach der Teilung des zuvor von König Salomo regierten Staatsgebietes hieß das Nordreich Israel – ein Beiname Jakobs – und das Südreich Juda. Später wurde das Gebiet südlich von Jerusalem als „Jehuda“ bekannt, die deutsche Übersetzung ist „Judäa“. Die Bezeichnung „Palästina“ führte der römische Kaiser Hadrian im Jahr 135 ein. Der Begriff „Jude“ bezeichnet einerseits eine ethnische Abstammung, die seit der römischen Zeit über die Mutter bestimmt wird. Andererseits bezieht er sich auf eine Glaubensrichtung. Ein Übertritt zum Judentum geschieht bei Männern durch Beschneidung, das Untertauchen im rituellen Tauchbad und ein Glaubensbekenntnis. Frauen reinigen sich nur im Tauchbad und bekennen ihren neuen Glauben. Ihre Kinder sind ebenfalls Juden.

Foto: Israelnetz/mh

Jesus lebte und wirkte in einem jüdischen Umfeld (Symbolbild)

Das Lukasevangelium berichtet, wie Jesus nach seiner Auferstehung zwei Jüngern aus Emmaus begegnet. Dazu heißt es:

„Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“

Lukas 24,27

Als ich zum ersten Mal diesen Vers gelesen habe, dachte ich: Ist es wirklich von Bedeutung, dass Jesus seine Identität in der hebräischen Bibel, in den jüdischen Schriften gründet?

Doch als Jesus sich selbst seinen Jüngern erklärt, greift er nicht auf Plato und Aristoteles, sondern auf die Tora und die Propheten zurück!

Ich bin als Jude in der Ukraine geboren. Wie die meisten „sowjetischen Juden“ bin ich in einer säkularen Familie aufgewachsen. Mit 33 Jahren kam ich zum Glauben an Jesus. Es geschah in einer jüdisch-messianischen Gemeinde in Kiew, bei der Feier des Pessach (Passah-Fest). Es waren viele andere jüdische Menschen anwesend. Dabei war es von großer Bedeutung, dass ich Jesus als einen von uns, als Juden kennengelernt habe.

Viele Menschen, darunter auch mehrere Juden, leben mit der Vorstellung, dass Jesus ein „Arier“ war. In den meisten Publikationen, die ich über Jesus gelesen habe, wurde er als Kosmopolit dargestellt, dessen Volkszugehörigkeit keine Rolle spielt.

Gottes Plan: Jesus sollte als Jude geboren werden

Warum ist es für uns wichtig, Jesus als Juden kennen zu lernen? Viele haben Angst, dass Jesus dadurch seine Einzigartigkeit verliert, dass ein „jüdischer“ Jesus am Ende weniger „christlich“ ist. Wie kann man solchen Ängsten begegnen?

Zunächst müssen wir feststellen: Gott wirkt nicht an Raum, Zeit und Kultur vorbei. Es war Gottes Plan und seine Entscheidung, dass Jesus als Jude geboren und aufgewachsen ist und als Jude starb. Übrigens, auferstanden ist er auch als Jude. Wissen Sie, warum? Weil die Auferstehung auch ein durchweg jüdisches Konzept ist.

Aufklärung gegen jüdische Identität Jesu

Warum ist es schwierig für Christen heute, Jesus als Juden zu erkennen? Die Geschichte erklärt das.

In der Zeit der Aufklärung begann man, die zentralen Grundüberzeugungen der Bibel infrage zu stellen: Gottes Geschichte mit dem Volk Israel ebenso wie das Geheimnis der Menschwerdung Jesu. Die Jungfrauengeburt und die Auferstehung erklärten die Anhänger der Aufklärung zu „jüdischen Fabeln“.

Aus Abneigung gegenüber dem Judentum versuchten sie, einen historischen Jesus zu rekonstruieren, der in Wirklichkeit nur die Werte der Aufklärung verkörperte. Sie stellten Jesus in eine Reihe mit Cäsar, Sokrates, Napoleon und Michelangelo. Und woran hätten sie die „Einzigartigkeit“ Jesu auch erkennen sollen? Sie schufen aus einem jüdischen Rabbi einen Befreiungskämpfer, dessen Lehre einen totalen Gegensatz zum Judentum bildete:

  • Dort Gesetzlichkeit, hier Freiheit.
  • Dort Nationalismus, hier Weltblick.
  • Dort tote Religiosität, hier lebendiger Glaube.
  • Dort Hierarchie, hier Gleichheit.
  • Dort Buchstabenglaube, hier innere Werte.
  • Dort ein Gott der Gerechtigkeit, hier ein Gott der Liebe.

In Wirklichkeit waren das ausschließlich Werte der Aufklärung. Diese Werte schufen aber einen fremdartigen Jesus, der mit einer realen Person nichts zu tun hatte und dem jüdischen Volk fremd wurde.

Einzigartigkeit Jesu in der hebräischen Bibel zu finden

Wo müsste man wirklich nach der Einzigartigkeit Jesu suchen? Vor allem in der hebräischen Bibel, die wir irrtümlich „das Alte Testament“ nennen.

Außerdem wäre es gut, sich ein wenig mit außerbiblischer, jüdischer Literatur zu beschäftigen. Jesus hat sehr viel gelehrt, was schon vor ihm gelehrt wurde. Wie eigenartig wäre es, hätte Jesus gesagt: „Gott ist ganz anders, als ihr denkt!“, denn dann müsste man davon ausgehen, dass der ganze erste Teil der Bibel ein Irrtum war. Dass die ganze bisherige Geschichte Israels ein Irrweg war.

Wenn ich meine Vorlesungen über Jesus, den Juden, halte, dann fange ich mit folgenden Feststellungen an:

  • Jesus war ein Jude.
  • Er lebte und wirkte ausschließlich in einem jüdischen Umfeld.
  • Er sprach hauptsächlich Hebräisch und Aramäisch.
  • Seine Jünger waren alle Juden.
  • Die Urgemeinde in Jerusalem bestand ausschließlich aus Juden und lebte tief in der jüdischen Tradition verwurzelt.

Diese Liste von Tatsachen ließe sich lange fortsetzen. Ist das für unseren Glauben wichtig? In jeder Hinsicht.

Genauso, wie die Frage: Was hat Jesus geglaubt? Wenn wir Jesus als Juden wahrnehmen, dann begreifen wir, dass er in einer Tradition aufgewachsen ist, die schon seit Jahrhunderten Gottes Wort lebte und immer wieder Neues daraus schöpfte, und dass das Wichtigste im Glauben an Gott nicht die auswendiggelernten Dogmen und Glaubensbekenntnisse, sondern Vertrauen, Beziehung und Taten sind.

Gott richtet nach Taten

Selbst Jesus sagt: „Wer meine Gebote festhält und sie befolgt, der ist es, der mich liebt“ (Johannes 14,21). Befolgen und festhalten bedeutet im Judentum nicht meditieren oder diskutieren, sondern TUN. Das bestätigt auch das Gleichnis von den Böcken und den Schafen, das Jesus erzählt hat (Matthäus 25). Die Pointe des Gleichnisses: Wir werden nach unseren Taten gerichtet.

So ist es der Glaube an den Juden Jesus – es ist keine intellektuelle Natur, sondern eine Beziehung, die in unseren Taten zum Ausdruck kommt.

Es ist wichtig, dass nichtjüdische Christen verstehen, dass der Gott, an den sie glauben, der Gott Israels, und dass der Christus, dem sie nachfolgen, der jüdische Messias ist. Nicht wir Juden haben Zugang zu einem nichtjüdischen Erbe, sondern Nichtjuden haben durch den jüdischen Messias Zugang zum jüdischen Erbe, zu den Verheißungen und zum „Bürgerrecht Israels“ bekommen. 

Gemäß dem Neuen Testament haben jedoch Juden und Nichtjuden in Jesus die Freiheit, ihr Glaubensleben entsprechend ihrer Herkunft zu gestalten (1. Korinther 7,18;20). Und das ist gut so: Juden dürfen Juden bleiben und ihr biblisch-jüdisches Erbe bewahren. Nicht-Juden müssen keine Juden werden und dürfen gemäß ihrer Berufung leben. Mein Anliegen ist, dass meine nichtjüdischen Geschwister verstehen, dass die Wurzel des Ölbaums, an dem wir beide Zweige sind, jüdisch ist! (Römer 11,18). Und diese jüdische Wurzel ist eine tragfähige Grundlage für die Gemeinde (Ekklesia) Jesu.

Anatoli Uschomirski stammt aus der Ukraine. Er ist messianisch-jüdischer Pastor und Theologischer Referent der Organisation „Evangeliumsdienst für Israel“.

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8 Antworten

  1. Lieber Anatoli Uschomirski, in vielen Punkten kann ich mit Ihnen übereinstimmen.

    Was ich jedoch vermisse, dass Jesus der Sohn Gottes ist, ja Gott wollte, dass er als Jude auf die Welt kam.
    Das alte Testament ist sehr kostbar und weist in vielen Versen auf den Sohn Gottes hin (Bsp. Jesaja).

    Das Johannes Evangelium beschreibt es sehr schön: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. …Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn gemacht; und die Welt kannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf….“

    Ich liebe Joh. 14, 23 „Jesus antwortete und sprach zu ihm: Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen.“

    Lieber Gruß Martin

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    1. Untertan, vergessen Sie nicht, dass auch das neue Testament mit Ausnahme von Lukas und der Apostelgeschichte von Juden geschrieben wurde. Ich denke, dass es Anatoli’s Anliegen ist, den Anspruch der „Ersatzreligion“ zu widerlegen. Die Christusgläubigen Juden sind Juden geblieben, nur bauten sie nicht auf ihre jüdische Abstammung. Ich denke, so kann man Anatoli verstehen. Ich zweifle nicht daran, dass Sie das auch so sehen

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      1. Lieber Jakob, „Denn alle Schrift ist von Gott eingegeben und nütze zur Lehre, zur Überführung, zur Besserung, zur Unterweisung in der Gerechtigkeit“ (2.Tim.3.16).
        L.G. Martin

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  2. Nein, die Wurzel ist nicht jüdisch! Die Wurzel ist die Erwählung Gottes! Denn nur darauf besteht die Gnade. Wen hat er nun erwählt? Nicht die Juden, nicht Israel, sondern Abraham, mit dem er einen Bund alleine auf Gottes Zusage schloss, dann David, mit dem er einen ewigen Salzbund schloss, und dann endlich seinen Sohn Yahuschua (Jesus), der Sohn Abrahams und der Sohn Davids, mit dem er den Bund als seinen geliebten Sohn schloss. Und dann sagt er, dass er bis in tausend Generatinen die segnet, welche ihn lieben. Und nun wenn siebzig Jahre eine Generation sind….. wie lange ist wohl Israel gesegnet? Und wie lange, die, welche an den Erlöser Israels mitglauben dürfen!

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    1. Yeshua sagte selbst: Jochanan 4,22 Das Heil kommt von den Juden. Avraham ist der Großvater Israels und der Urgroßvater der Juden. König David ist ein Nachkomme Judas. Yeshua ist ein Nachkomme König Davids. Zugleich bezeichnete er sich selbst als der Menschensohn sowie als König, der in die Welt gekommen ist, um von der Wahrheit zu zeigen (Jochanan 18,37).

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  3. Lieber Bruder Anatoli herzlichen Dank für den Bericht!
    Wir sind uns schon einmal begegnet vor einigen Jahren
    Ani ohev otcha Jeshua!
    Shalom

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  4. Selbstverständlich wurde Jesus in die jüdische Gemeinschaft hinein geboren und wuchs als Jude auf.
    Aber ER war zu seinen irdischen Lebzeiten eben nicht nur ganz Mensch sondern bereits als Sohn Gottes auch Eins mit diesem.

    Und als Gottes Sohn und angekündigter Messias Israels starb ER am Kreuz den Opfertod (nach dem Willen Seines Vaters), überwand und besiegte den Tod indem Sein Vater, Gott selbst, Ihn wieder aus dem Totenreich zurück holte, Ihn wieder zum Leben erweckte.

    Lieber Herr Urschomirski, gerne hätte ich eine Erläuterung von Ihnen zu Ihrer Aussage, dass Auferstehung ein jüdisches Prinzip ist. Woraus in den Schriften der Thora und den Propheten kann man dieses Prinzip erkennen?

    Ist Jesus für Sie der Sohn Gottes oder nehmen Sie an, dass Josef dessen Vater ist?

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