Quereinsteiger aus Berlin

Die deutsch-israelische Diplomatie ist dieses Jahr in Bewegung: Die bisherige deutsche Botschafterin in Tel Aviv, Susanne Wasum-Rainer, verlässt Israel. Nachfolger wird Ex-Regierungssprecher Steffen Seibert.
Von Johannes Schwarz

Foto: Israelnetz/mh

Steffen Seibert (l.) und der israelische Staatspräsident Jitzhak Herzog mit Ehefrauen bei der Akkreditierung des neuen deutschen Botschafters

Es war für viele eine Überraschung, als im Frühjahr bekannt wurde, dass Steffen Seibert die deutsche Botschaft in Tel Aviv ab Juli leiten soll. Den ehemaligen Regierungssprecher hatte wohl kaum einer für diese Stelle vermutet. Nicht zuletzt, weil Seibert ein Quereinsteiger im diplomatischen Dienst ist. Der 62-Jährige arbeitete zunächst als Journalist. Beim ZDF wurde Seibert zu einer festen Größe und präsentierte von 2003 bis 2010 die „heute“-Nachrichten.

Anschließend wurde er Regierungssprecher unter Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). In dieser Funktion reiste das CDU-Mitglied Seibert mit Merkel zu politischen Treffen aller Art. Dabei ging es auch mehrmals nach Israel. Auch im bewaffneten Konflikt zwischen der Hamas und Israel im Mai 2021 musste Seibert gegenüber der Weltpresse die deutsche Haltung erklären: Deutschland stehe an der Seite Israels und verurteile den „Raketenterror der Hamas“. Israel habe das Recht „seine Bürger zu schützen und in Selbstverteidigung zu handeln“, sagte Seibert damals vor Hauptstadtjournalisten.

Dass er überhaupt Botschafter wird, hat er höchstwahrscheinlich Merkel selbst zu verdanken, denn sie setzte sich laut mehreren Medienberichten für ihn ein. Er ist nicht der erste Quereinsteiger als Botschafter in Israel: Bereits dreimal wurden keine Karrierediplomaten nach Tel Aviv entsandt. Als Rudolf Dreßler 2000 für fünf Jahre nach Israel ging, gab es schon früh einen Fauxpas.

Vor Amtsbeginn sinnierte er gegenüber einer deutschen Zeitung über die uralte Idee, Jerusalem unter internationale Kontrolle zu stellen. Die israelische Seite zeigte sich empört. Dass sich Seibert diplomatische Fehltritte leistet, ist nicht zu erwarten. Als ehemaliger Regierungssprecher dürfte er einen scharfen Sinn dafür haben, welche Folgen Worte haben können.

Deutschland und Israel näher zusammenbringen

Bislang ist wenig über seine Beziehung zu Israel bekannt. Jedoch sprach er Mitte Juli in einem ersten Video aus Tel Aviv über die enorme Bedeutung Israels für ihn. Er wolle Deutschland und Israel in den nächsten Jahren näher zusammenbringen. „Ich bin erst wenige Tage hier, aber ich spüre schon, dass es ein Vergnügen und eine große Ehre sein wird, hier für die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel zu arbeiten.“

Auch besuchte er zu Beginn seiner Amtszeit die Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Va­shem und mahnte die „ewige Verantwortung“ an. Erste hebräische Sätze sprach der designierte Botschafter auch schon. Im Englischen zeigt sich Seibert allerdings deutlich sicherer. Alles in allem können die beiden Länder gespannt sein, wie sich Seibert in Tel Aviv schlagen wird. 

Karrierediplomatin als Vorgängerin des Quereinsteigers

Susanne Wasum-Rainer hat das Amt der obersten deutschen Diplomatin im jüdischen Staat vier Jahre lang auf professionelle Art und Weise ausgefüllt. Sie brachte auch die entsprechende Erfahrung mit: Die 66-Jährige machte ein Vierteljahrhundert lang Karriere im höheren Dienst des Auswärtigen Amtes, bevor sie 2012 erstmals Botschafterin wurde. Zunächst war sie in Frankreich höchste Diplomatin, anschließend wechselte sie nach Rom und war für Italien und San Marino zuständig.

Seit 2018 schließlich arbeitete sie in Tel Aviv. Durch ihre zahlreichen Stationen zuvor kannte sie das Botschafter-Leben. Schnell fand sie sich im jüdischen Staat zurecht, unter anderem auch, weil sie bereits in den 1990er Jahren als Kulturattachée an der Tel Aviver Botschaft gearbeitet hatte. Auch sprachlich konnte sie mithalten: Schon zu Beginn ihrer Amtszeit verfügte sie über Hebräisch-­Kenntnisse – das verschaffte ihr Ansehen.

Wasum-­Rainer gilt als gut vernetzt. Zu Israel hat sie ein besonderes Verhältnis. In einem Interview sagte sie 2016: „Es war dieses Land, das mich wahrscheinlich veranlasst hat, diese Karriere im Auswärtigen Amt zu suchen.“ Schließlich sei sie „Diplomatin aus Leidenschaft“ geworden. Das jüdische Leben zu schützen sei ihr ebenso wichtig gewesen, wie auch immer wieder an den Holo­caust zu erinnern.

In ihren vier Jahren in Israel suchte Wasum-­Rainer mehrmals die Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem auf und sprach bei Veranstaltungen. Bedeutungsvoll war ihr Engagement bei dem gemeinsamen Appell mit dem israelischen Botschafter in Deutschland, Jeremy Issacharoff, gegen Holocaustleugnung zum 80. Jahrestag der Wannsee-­Konferenz. Der Gastbeitrag, der beim „Tagesspiegel“ und der israelischen Tageszeitung „Ma‘ariv“ erschien, stieß in der Öffentlichkeit auf große Aufmerksamkeit. 

In ihrer Amtszeit forderten die israelischen Regierungskrisen die Botschaft heraus. Vier Wahlen innerhalb von zwei Jahren machten es der Botschafterin nicht leicht, mit allen Entscheidungsträgern, die mitunter nur für kurze Zeit im Amt waren, zu arbeiten. Dennoch gelang es Wasum-Rainer, die deutsch-israelischen Beziehungen unabhängig von der tagesaktuellen Politik zu stärken.

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Israelnetz Magazin

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4 Antworten

  1. Es ist gut, wenn jemand Botschafter ist, der das Land und die Menschen wohlwollend betrachtet. Ich fand aber schon damals falsch, dass ein Nachrichtensprecher Regierungssprecher wird. Das sehe ich als Missbrauch der zumindest theoretischen Neutralität der Medien. Ein bekanntes Gesicht lässt sich einspannen in Regierungs-PR und nutzt dabei eben nicht nur sein Fachwissen sondern stellt da eine Kontinuität her, die nicht sein darf, weil sie gerade dem Ruf der Medien schadet und den Stimmen Futter gibt, die die Medien sowieso als verlängerten Regierungsarm ansehen. Da sollte es eine Karenzzeit geben. Beim jetzigen Wechsel habe ich weniger Bedenken. Aber ich kann Herrn Seibert nicht vertrauen, dass er nicht nur immer die Treppe rauf fällt, moralisch ist er mir verbrannt. Wieder wird auch der Unterstellung Raum gegeben, dass es keine Unterschiede mehr zwischen vielen Parteien gibt, wenn der Regierungssprecher einer CDU-Kanzlerin (die zugegeben lange von der SPD gestützt wurde) jetzt frohgemut für eine rot-gelb-grüne Regierung arbeitet. Für eine lebedige Demokratie in Deutschland brauchen wir gerade deutliche Unterschiede, Widersprüche und Profil. Seibert ist da aus meiner Sicht von Schaden, nicht von Nutzen. Man kann ihm jetzt unterstellen als Israelfreund nur die Staatsräson zu bedienen, den vielen Israelfeinden ist er angreifbar, weil er so ein Wendehals ist.

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  2. Mit Herrn Seibert wird wieder jemand Botschafter in Israel, der “versorgt” werden muß, nachdem sich das Kräfteverhältnis im Bundestag nach Wahlen geändert hat. Leider gehört Seibert als ehemaliger Adlatus von Frau Merkel zur Fraktion derer, die irrtümlicherweise meinen, es sei “deutsche Staatsräson” Israels Politik, sei sie auch noch so völkerrechtswidrig, zu verteidigen und der “Freundschaft” mit “Vasallentreue” verwechselt. Unter Freunden sagt man sich normalerweise die Wahrheit, wenn man merkt, dass der andere sich selbst Richtung Abgrund bewegt. Leider gibt es noch zu viele, die meinen, Israel dürfe wegen der deutschen Verbrechen an den europäischen Juden während der Nazibarbarei nicht auch von Deutschen kritisiert werden. Was für ein Unsinn!

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  3. In der BRD gilt für viele Berufe der Meisterzwang. In der BRD Politik gilt genau das Gegenteil. Hier sind besonders Leute gefragt, die gerademal den Hilfsjop Wirtschaftshilfe, egal wie bestanden haben, Studienabrecher und Märchenerzähler mit Kinderbuchambitionen. Wen wundert es da noch, wenn solche Leute wie Seibert voll alimentiert in die für ihn ungelernte Diplomatie zur Ruhe befördert werden.

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  4. Die deutsche Nahostpolitik ist seit Jahrzehnten parteiübergreifend davon geprägt die Menschenrechtslage der Palästinenser im Interesse deutscher Staatsräson auszublenden. Der Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung fordert „Fortschritte bei Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten“ nur von der Palästinensischen Autonomiebehörde, nicht aber von der israelischen Regierung. Das geschieht in einer Zeit in der nicht nur sechs Berichte renommierter NGOs zu Apartheid im Verantwortungsbereich Israels vorliegen, sondern zusätzlich ein Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des deutschen Bundestags, gemäß dem die Zustände in der Westbank ethnischer Vertreibung nach dem Völkerstrafrecht „sehr nahe“ kommen.

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