Lange Nase, schwarze Locken: Die für das „Judasgericht“ genutzte Puppe bedient klassische antisemitische Stereotype

Lange Nase, schwarze Locken: Die für das „Judasgericht“ genutzte Puppe bedient klassische antisemitische Stereotype

Israel lobt polnische Reaktionen auf „Judasgericht“

Vertreter von Kirche und Regierung in Polen haben Kritik an einem antisemitischen „Judasgericht“ in Polen geübt. Das israelische Außenministerium reagiert „ermutigt“.

JERUSALEM / PRUCHNIK (inn) – Nach Berichten über ein antisemitisches „Judasgericht“ in der polnischen Kleinstadt Pruchnik hat das israelische Außenministerium das Verhalten polnischer Amtsträger in der Angelegenheit gelobt. Im Südosten des Landes hatten Bewohner am Karfreitag eine große Judas-Puppe zunächst aufgehängt, dann geschlagen, durch die Straßen gezogen, verbrannt und schließlich ins Wasser geworfen.

Die Figur hatte eine lange, krumme Nase, einen schwarzen Hut und lange Schläfenlocken und bediente damit klassische antisemitische Stereotype. Auf ihr standen die Wörter „Judas 2019“ und „Verräter“. Ein Video der Zeitung „Ekspres Jarosławski“ zeigt die Vorgänge ausführlich. Zu sehen sind vor allem Kinder, die mit Holzstöcken auf die Puppe einschlagen. An einer Stelle erhielt die Figur 30 Stockhiebe, berichtet die jüdisch-amerikanischen Wochenzeitung „Algemeiner“. Dies solle 30 Silberlinge symbolisieren, die Judas nach biblischer Überlieferung dafür erhielt, dass er Jesus verriet.

Innenminister und Kirche üben Kritik

Die israelische Regierung bedauerte den Vorfall am Mittwoch. „Aber wir sind ermutigt durch die entschiedene Reaktion der polnischen Kirche, der Behörden und führender Offizieller der polnischen Regierung“, hieß es in einer Stellungnahme des Außenministeriums. Am Sonntag hatte Oppositionspolitiker Jair Lapid die Regierung von Benjamin Netanjahu aufgefordert, das „Zögern“ zu beenden und die Vorfälle stattdessen scharf zu verurteilen.

Kritik an dem „Judasgericht“ hatte etwa die Katholische Kirche in Polen geübt: „Die Kirche missbilligt Praktiken, die Menschenwürde verletzen, klar und deutlich“, erklärte Bischof Rafał Markowski. „Manifestationen der Verachtung irgendeiner Nation, einschließlich der jüdischen, wird die Katholische Kirche niemals tolerieren“, heißt es in der Stellungnahme weiter, die auch die katholische Bischofskonferenz verbreitete.

Vonseiten der polnischen Regierung äußerte sich Innenminister Joachim Budzinski. Er nannte das Ritual eine „idiotische, pseudo-religiöse Chutzpe“. Entsetzt hatte sich zuvor der Jüdische Weltkongress gezeigt: „Juden sind zutiefst beunruhigt durch die entsetzliche Wiederbelebung von mittelalterlichem Antisemitismus“, erklärte Kongress-Chef Robert Singer. Er verwies auf Papst Johannes Paul II., demzufolge Antisemitismus eine Sünde sei.

Justiz ermittelt

Inzwischen hat sich auch die polnische Justiz des Vorfalls angenommen. Laut Medienberichten hat die zuständige Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf ein Hassverbrechen eröffnet. Am Mittwoch befragte die Polizei einen 45-jährigen Mann, der die Puppe entzündet haben soll, schreibt „Algemeiner“.

Die Beziehungen zwischen Polen und Israel sind immer wieder angespannt. Im vergangenen Jahr hatte es massive Auseinandersetzungen über das sogenannte „Holocaust-Gesetz“ der konservativen polnischen Regierung gegeben. Zuletzt hatte eine Aussage des israelischen Außenministers Israel Katz für Streit gesorgt, nach der die Polen den Antisemitismus „mit der Muttermilch“ aufsaugten. Polen sagte daraufhin seine Teilnahme an einer Konferenz in Jerusalem ab.

Von: ser

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