Stellte sich „wegen der deutschen Vergangenheit“ auf die Seite der Palästinenser: Norbert Blüm

Stellte sich „wegen der deutschen Vergangenheit“ auf die Seite der Palästinenser: Norbert Blüm

Norbert Blüm und sein Verhältnis zu Israel

Der im Alter von 84 Jahren verstorbene CDU-Politiker Norbert Blüm hatte ein ambivalentes Verhältnis zu Israel. Zwar betonte er dessen Existenzrecht, ließ aber kein gutes Haar an der israelischen Armee – während er palästinensischen Terror nur ausnahmsweise anprangerte.

„Die israelische Besatzungsarmee ist eine launische Fee, doch sie bringt nicht Glück, sondern verteilt als großes Los Schikanen.“ Diesen Satz äußerte der jetzt verstorbene CDU-Politiker Norbert Blüm am 31. Dezember 2003 auf dem „Palästina-Portal“. Der Beitrag zeigt seine ambivalente Haltung gegenüber dem jüdischen Staat: Seine Vergangenheitsbewältigung bestehe darin, die Stimme für Palästinenser zu erheben, die nicht gehört würden, schrieb er damals.

Der deutsche Politiker schilderte in mehreren Einzelschicksalen das Leiden der Palästinenser. So habe er auf den Häuserwänden von Bethlehem die Plakate der kleinen schwarzhaarigen Christina erblickt: „Christina wurde von den Israelis in die Luft gesprengt. Ihr Pech: Sie fuhr mit ihrem Vater in einem weißen Peugeot, in dem die Israelis einen Terroristen vermuteten. Verwechslung, sorry!“

Blüm störte sich an der Siedlungspolitik des damaligen israelischen Regierungschefs Ariel Scharon, „die den Palästinensern die Luft zum Atmen nimmt. Palästina wird durch Zäune und Mauern zerhackt“. Deshalb nenne er Scharons Politik verbrecherisch. Er fügte an: „Verbrecherisch sind auch die Selbstmordattentate. Ich kann mir keinen Gott vorstellen, der sein Wohlgefallen daran findet, wenn Attentäter sich und Unschuldige in die Luft sprengen.“ Er warte „auf eine islamische Stimme mit Autorität, die erklärt, dass Selbstmordattentate nicht der Weg ins Paradies sind“. 


„Scharon und Selbstmordattenäter aufeinander angewiesen“

Doch auf das Leiden israelischer Terror-Opfer ging Blüm nicht ein. Vielmehr merkte er an: „Scharon und die Selbstmordattentäter sind aufeinander angewiesen, damit der Teufelskreis von Gewalt geschlossen bleibt.“ Eine Reaktion auf den israelischen Abzug aus dem Gazastreifen und vier Siedlungen im Westjordanland gerade einmal anderthalb Jahre später ist nicht bekannt.

Sein Engagement für die „unterdrückten Palästinenser“ begründete der ehemalige Bundesarbeitsminister mit der deutschen Vergangenheit: Auch wenn Auschwitz ein Wundmal in den Geschichtsbüchern bleibe, schaffe die passive Betrachtung „außer Betroffenheit und Bedauern keine produktive Kraft, die Rücksicht auf alte Verbrechen mit der Vorsicht für eine neue Zukunft verbindet, in der nie mehr Menschen gequält, gefoltert und ermordet werden. Daran mitzuarbeiten und die Stimme zu erheben für die, die schweigen und nicht gehört werden, ist meine Form der Vergangenheitsbewältigung und mein kleiner Beitrag zur Wiedergutmachung für das, was Deutsche den Juden angetan haben. Deshalb verteidige ich Israel mit voller Überzeugung. Scharon bekämpfe ich nicht mit allen Mitteln, aber mit ganzer Kraft.“

„Israelischer Vernichtungskrieg“: Kritik vom Zentralrat der Juden

Bereits im Jahr vor dieser Äußerung hatte der damalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, Blüm kritisiert. Dieser hatte Israel einen „hemmungslosen Vernichtungskrieg“ vorgeworfen. Spiegel forderte Anfang April 2002: „Norbert Blüm und andere sollten vorsichtiger mit Formulierungen sein, die Assoziation zum nationalsozialistischen ‚Vernichtungskrieg‘ und dem Kampf gegen den Terror im Nahen Osten herstellen. Ursache und Wirkung des Konflikts werden von Blüm völlig außer Acht gelassen. Ich weiß nicht, wie deutsche Politiker reagieren würden, wenn hier tagtäglich Zivilisten von Terroristen umgebracht würden.“

Auch der Unionspolitiker Johannes Gerster reagierte auf die Äußerung: „Wenn Israel an allem schuld ist, kann die historische Schuld der Deutschen ja wohl nicht mehr so groß sein. Ich bin über die haltlose Behauptung Blüms entsetzt. Wie kann ein ansonsten vernünftiger Mann solch einen Unsinn reden?“

2009: Gaza-Abriegelung als „kollektive Haft“

Ende Dezember 2008 begann Israel seine Militäroperation „Gegossenes Blei“ gegen die Terrorinfrastruktur im Gazastreifen, die nach drei Wochen endete. Daraufhin widmete TV-Moderator Frank Plasberg seine Sendung „Hart aber fair“ dem Thema. Auch Blüm war in der Talkrunde zu Gast. Dessen Auftritt beschrieb der Journalist Reinhard Mohr am 22. Januar 2009 bei „Spiegel Online“ so: „Nachdem das Stichwort vom ‚Ghetto Gaza‘ gefallen war, legte Ex-Minister und Vollblutrentner Norbert Blüm, 73, der offenbar für alle Fragen zwischen Orient und Okzident zuständig ist, lautstark los. Die Abriegelung des Gazastreifens durch Israel sei ein Verbrechen und eine kollektive Haft.“

Weiter schrieb Mohr: „Vor Jahren hatte er einmal vom israelischen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser gesprochen, was ihm unter Hinweis auf die millionenfachen Kriegsgräuel von Wehrmacht und SS in Polen und der Sowjetunion, die unter genau diesen Begriff subsumiert werden, einigen Ärger einbrachte. Nun bekennt er maliziös, er sei ja ‚kein Spezialist für Philologie‘, aber gerade weil ‚wir Deutschen‘ ebenjene Verbrechen begangen haben, müssten wir umso klarer anprangern, wie die Palästinenser heute von Israel ‚schikaniert, gequält und gedemütigt‘ werden.“


Mohr folgerte: „Blüm bemerkt offenkundig gar nicht, dass er damit nicht nur Nazis und Israelis gleichsetzt, sondern eine gleitende Schuldübertragung betreibt, die einer unerhörten Relativierung des Nazi-Terrors in ganz Europa nahe kommt.“ In der Sendung habe er sich immer wieder an seinen Talk-Kombattanten Michel Friedman gewandt, „ehedem Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, den er offenbar als eine Art inoffiziellen Botschafter Israels betrachtete“.

Auch im Zusammenhang mit der vieldiskutierten Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ über Antisemitismus meldete sich Blüm zu Wort. In einer Gesprächsrunde bei Sandra Maischberger sagte er im Juni 2017: „Der Film folgt der Logik der Rache.“ Er warf den Filmemachern vor, die „Demütigung der Palästinenser“ ignoriert zu haben. Dabei betonte er, beide Seiten zu kritisieren, nannte aber nur Beispiele, bei denen die Israelis schlecht wegkamen.In Anbetracht anderer einschlägiger Äußerungen lässt sich dies als typische Haltung des ehemaligen deutschen Ministers gegeüber Israel erkennen.

Von: Elisabeth Hausen

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