Sandra Maischberger stellte am Mittwochabend die Frage nach dem „neuen Antisemitimus“

Sandra Maischberger stellte am Mittwochabend die Frage nach dem „neuen Antisemitimus“

Die Vorgänge beim WDR bleiben im Dunkeln

Im Anschluss an die Ausstrahlung der Antisemitismus-Dokumentation hatte Sandra Maischberger zur Lagebesprechung eingeladen. Die Diskussion scheiterte an der Auswahl der Gäste und am Konzept, den Film links liegen zu lassen. Eine TV-Kritik von Daniel Frick

Die Geheimniskrämerei um die Antisemitismus-Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ sollte am Mittwochabend ein Ende finden. „Das Erste“ hatte sich zu einer Ausstrahlung mit Kommentaren entschieden, Sandra Maischberger zu einer Vertiefung der Thematik. Ein guter Ansatz, dessen Umsetzung aber misslungen ist.

Denn eine ernsthafte Diskussion um den Film konnte gar nicht entstehen, weil die Betroffenen nicht eingeladen waren. Allein ein Gespräch, bei dem zumindest einer der Autoren und die zuständige WDR-Redakteurin Sabine Rollberg mit dabei sind, hätte Sinn ergeben. Doch so gab es keine Antwort darauf, was es mit dem anfänglichen Verschluss des Films wirklich auf sich hatte. Und ob es in den vergangenen Monaten Gespräche zwischen Sender und Autoren gegeben hat, wie WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn behauptet, oder doch nur Schweigen, wie die Autoren sagen.

Der Film drängt sich auf

Wenig ergiebig war dann auch Maischbergers Vorgabe, nicht über den Film selbst, sondern über den „neuen Antisemitismus“ zu reden. Warum nicht über dieses Thema, aber anhand des Films? Immerhin wirft er die wichtigen Fragen auf: Befeuern schräge Schlagzeilen wie „Israelische Sicherheitskräfte erschießen vier Palästinenser“ oder die Rede vom Gazastreifen als „Freiluftgefängnis“ die Dämonisierung Israels? Tut selbiges auch die UNRWA, die den Flüchtlingsstatus der Palästinenser aufrechterhält?

So musste Maischberger während der Sendung immer wieder einschreiten, wenn einer der Gäste den Film ansprach – weil es sich eben aufdrängte. Und der Zuschauer musste einem Norbert Blüm zuhören, der zwar betonte, beide Seiten zu kritisieren, dem aber seltsamerweise nur Beispiele einfielen, bei denen die Israelis schlecht wegkommen.

Wichtige Fragen vernachlässigt

Die Journalistin Gemma Pörzgen stellte allen Ernstes die These auf, über die israelische „Besatzung“ werde zu wenig geredet. Aber warum nicht einmal über die gegen Israel gerichteten Vernichtungsfantasien in der arabischen Welt reden? Diese haben immerhin zum Sechs-Tage-Krieg und damit zur militärischen Kontrolle des Westjordanlandes geführt; und diese Vernichtungsfantasien sind heute noch lebendig (siehe Dokumentation).

Wäre es in der Maischberger-Diskussion stärker um den Film gegangen, wäre den Beteiligten an dieser Stelle sicher jene junge Palästinenserin aus dem Gazastreifen eingefallen, die gedanklich schon viel weiter ist als Pörzgen: Es gehe nicht an, meint sie, die Schuld für die Misere der Palästinenser immer nur bei den anderen (sprich: bei den Israelis) zu suchen.

Anstelle dieser Stimme erhielt der Psychologe Rolf Verleger das Wort. Das frühere Mitglied des Zentralrats der Juden, dort allerdings in Ungnade gefallen, wurde als „kritischer Jude“ dazu eingeladen, die Schuld bei Juden und Israelis zu suchen. Dies tat er dann auch pflichtbewusst, woraufhin der Psychologe Ahmed Mansur die entscheidende Frage stellte, wie und warum er eigentlich von den Juden hierzulande auf Israel zu sprechen komme.

Fehlerliste mit Aussage

Zu Beginn der Sendung ging es immerhin einige Minuten um die Vorgänge rund um den Film. Zur Sprache kamen unter anderem die Aufstellung von „Mängeln“ der Dokumentation, die der WDR als Kommentar im Internet publik gemacht hatte. Der Historiker Michael Wolffsohn antwortete darauf mit angemessener Polemik: „Wenn Sie diese Standards überall anlegten, würden Sie nur Testbilder senden.“

Diese Doppelmoral des WDR spricht tatsächlich Bände. Bemerkenswert ist auch, dass sich die WDR-Redakteure nicht vorstellen können, den Anschlag auf den Pariser Musikklub „Bataclan“ am 13. November 2015 als antisemitisch einzuordnen. Der Klub hat jüdische Vorbesitzer und war in den vergangenen Jahren mehrmals von Islamisten bedroht worden.

Sicher: In einigen Punkten sind tatsächliche Mängel aufgeführt, etwa wenn es darum geht, Stellungnahmen der kritisierten Organisationen einzuholen. Aber hier wäre eben wichtig gewesen, die Autoren selbst dazu zu befragen, ob und warum dies versäumt wurde. Zudem handelt es sich um Dinge, die behoben werden können. Wie Schönenborn am Anfang der Sendung sagte, wollte der WDR den Film „in dieser Form“ nicht senden. Das ist nach den Vorgängen der letzten Monate schlicht nicht glaubwürdig. Denn offenkundig ist, dass WDR und „Arte“ den Film ohne den öffentlichen Druck niemals bearbeitet, also in eine andere Form gebracht hätten, um ihn dann auszustrahlen.

Letztlich haben die Verantwortlichen nicht erkannt, oder nicht erkennen wollen, dass der Film seine Brillanz aus der Stoßrichtung schöpft, die verschiedenen Spielarten des Antisemitismus bündig darzustellen: Sowohl von rechter, linker und muslimischer Seite sowie die antizionistische Dimension. Sonst hätten sie den Film mit einiger Verve in Form gebracht und gezeigt. Das einzige Gute an dieser traurigen Episode deutscher Fernsehgeschichte ist, dass der Film nun wesentlich mehr Aufmerksamkeit erhalten hat, als das ursprünglich der Fall gewesen wäre.

Von: Daniel Frick

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