„Komm und sei, wer du bist!“

Juden, die den ultra-orthodoxen Lebensstil hinter sich lassen, fällt es schwer, in der israelischen Mehrheitsgesellschaft Fuß zu fassen. Zahlreiche Organisationen wollen ihnen dabei helfen. Direkt am Machane-Jehuda-Markt in der Jerusalemer Innenstadt bietet eine von ihnen den sogenannten „Aussteigern“ ein Zuhause. Das Ringen um die eigene Identität bleibt oft eine lebenslange Herausforderung.
Von Israelnetz
Wenn er Freunde und Verwandte besucht, kleidet sich Klapholtz manchmal so wie früher

Foto: Privat

Wenn er Freunde und Verwandte besucht, kleidet sich Klapholtz manchmal so wie früher

Es ist eine laue Sommernacht in Jerusalem, Donnerstag um zwei Uhr. Die Bässe der Partys vom Machane-Jehuda-Markt sind in der schmalen Parallelstraße der Jaffastraße kaum zu hören. Direkt hinter der Straßenbahnhaltestelle „Machane Jehuda“ führt ein kleines hölzernes Tor auf eine große Terrasse, hinter der ein geräumiger Saal liegt. Aus den gemütlichen Sitzgruppen ertönt ein gedämpftes Stimmengewirr. Auf dem Schild am Eingang steht der Schriftzug: „Barata – ein Zuhause für kluge Menschen. Zentrum für Kultur und Kunst“.

Treffpunkt für Jeruschalmim

Schüchtern betritt ein ultra-orthodoxer Mann die Terrasse. Er schaut sich um und beginnt ein Gespräch mit einigen jungen Männern: „Was ist das hier für ein Ort?“ Sie antworten: „Hier treffen sich Jeruschalmim (Jerusalemer). Hier gibt es jüdische Kultur.“ Der Mann schaut skeptisch auf die anwesenden Frauen. Die Männer fragt er: „Männer und Frauen zusammen?“ Ein Mann mit Hut, den alle Joine nennen, antwortet: „Natürlich. Warum denn nicht?“ Der Besucher ruft erschrocken aus: „Gott bewahre! Seid ihr alle ultra-orthodox?“ Joine erwidert: „Hierher kommen Menschen, die mal Haredim waren. Sie machen niemandem ihren Platz streitig und wollen zu keiner bestimmten Gruppe gehören.“

„Barata“ – „Du hast erschaffen!“ Jeder Israeli versteht unmittelbar den Bezug zum dritten Wort der Bibel: Dort „schuf“ Gott. Auch die „klugen“ Menschen, die „chachamim“, sind der jüdischen Tradition entnommen: Als solche werden vornehmlich die „Weisen“ bezeichnet, die rabbinischen Gelehrten, die gültige Entscheidungen zur Halacha, dem Religionsgesetz, trafen. Im sephardischen Judentum werden auch die Rabbiner als solche bezeichnet.

Haredim in Zahlen

Bei der Staatsgründung 1948 lebten etwa 30.000 Ultra-­Orthodoxe (Haredim) in Israel, heute sind es etwa 800.000. Einer aktuellen Studie zufolge werden die Ultra-Orthodoxen in 15 Jahren rund 25 Prozent des weltweiten Judentums ausmachen. Demnach verdoppelt sich durch die hohe Geburtenrate ihre Anzahl alle 20 Jahre, während sich die Anzahl anderer Juden nur alle 30 Jahre verdoppelt. Es lassen sich Hunderte verschiedener Strömungen bestimmen, ein Merkmal ist die Kleidung.

Eine Wand des Saales hinter der Terrasse ist mit Holzregalen ausgekleidet, die mit Büchern bestückt sind. Von den anderen Wänden führen kleine Räume und eine Küche ab. Diese verfügt über große Backöfen, zu einem Schabbatessen kommen hier schon mal 120 Leute zusammen.

In den Ecken stehen Sofas, auf denen Menschen sitzen. Manche von ihnen kennen sich schon Jahre, andere noch gar nicht – doch alle sind sie in einer Welt aufgewachsen, die mit dem Leben der Mehrheitsgesellschaft nicht viel gemein hat. Jahre-, manchmal jahrzehntelang wurden sie darauf getrimmt, sich abzusondern und sich nicht mit der „modernen Welt“ gemein zu machen. Aus unterschiedlichen Gründen haben sie sich entschieden, diesen Lebensstil hinter sich zu lassen. Einige von ihnen sehen religiös aus oder tragen gar ultra-orthodoxe Kleidung mit langem Bart, andere tragen kurze Hosen und wilde Frisuren.

Lernen für ein neues Leben

Die jungen Männer heißen Tom (von Mordechai, Motti), Lazer (von Elieser) und Schauli, die Frauen  Esti, Racheli und Dvori (Debora). Ob sie Hebräisch oder Jiddisch miteinander reden – ihre Nachnamen sind Eisenbach, Rosenblatt, Schneebalg und Bigeleisen. In ihrem alten Leben sind Männer und Frauen strikt voneinander getrennt aufgewachsen, an diesem neuen Ort sitzen sie ganz ohne Abstand zusammen und lernen ihre neuen Grenzen kennen.

Aus ihrem alten Leben sind sie „ausgestiegen“, im neuen vielfach noch nicht angekommen. Inzwischen bieten zahlreiche Organisationen praktische Hilfe im täglichen Leben an – doch weil es in Israel inzwischen Zehntausende Menschen mit ultra-orthodoxem Hintergrund gibt, ist es immer noch zu wenig Hilfe. Durch Smartphone und Internet ist der Zugang zum „modernen“ Leben deutlich leichter als noch vor wenigen Jahren. Den letzten Schritt dann doch zu tun, bleibt trotzdem schwierig; viele wurden jung verheiratet und bekamen früh Kinder.

Viele der ehemaligen Haredim schaffen es, sich „neu zu erfinden“, doch für einen großen Teil von ihnen ist der Druck des neuen Lebens so groß, dass sie daran zerbrechen. Immer wieder erschüttern Suizide die Gemeinschaft. Viele Aussteiger sind in psychologischer Behandlung oder nehmen Psychopharmaka. Der Alkohol- und Cannabiskonsum ist deutlich höher als in der Mehrheitsgesellschaft.

Essen und Musik mit Tradition

Die Vereine fördern Weiterbildungen, halten Vorträge über den Umgang mit Finanzen und Seminare zum Umgang mit Computern. Sie helfen den jungen Leuten dabei, sich für eine berufliche Tätigkeit oder ein Studium zu bewerben, geben Nachhilfe in Englisch oder Mathematik. Manche der Vereine haben ein ausgesprochen säkulares Profil, andere sind eher religiös.

Bei „Barata“ spielt neben der Gemeinschaft vor allem traditionelles Essen und viel Musik aus der jüdischen Tradition eine große Rolle. Draußen auf der Terrasse erzählt Gitti, warum sie regelmäßig hierher kommt: „Hier dürfen wir sein, wie wir sind.“ Die fünffache Mutter setzt ihr breitestes Lächeln auf. Sie erzählt von den Schwierigkeiten vieler, im neuen Umfeld mit weniger Regeln, aber so vielen Anforderungen zurechtzukommen.

Zum Schabbatessen bei Klapholtz (Mitte) gibt es traditionelles Essen und – im früheren Leben am Schabbat undenkbar –Instrumentalmusik Foto: Israelnetz/mh
Zum Schabbatessen bei Klapholtz (Mitte) gibt es traditionelles Essen und – im früheren Leben am Schabbat undenkbar –Instrumentalmusik

„Barata“ gibt es seit sechs Jahren, seit zwei Jahren mietet der Verein die Räumlichkeiten am Markt. Den Vereinsgründer Joine Klapholtz kennt Gitti aber schon viel länger, beide stammen aus dem nahen ultra-orthodoxen Viertel Mea Schearim. „Dieser Ort ist ganz stark mit der Person von Joine verbunden. Ohne ihn wäre das alles nicht denkbar.“

Die beiden unterhalten sich in ihrer Muttersprache Jiddisch miteinander. Klapholtz erklärt: „Unser Ziel ist es, die eigene Identität zu erkennen und zu bewahren.“ Wichtig sei, die eigene Identität von der kollektiven zu trennen. „Wenn du in Mea Schearim geboren bist, triffst du deine Entscheidungen immer nur gemäß dem Kollektiv. Für eigene Entscheidungen bleibt kein Platz.“

Klapholtz’ Familie lebt in neunter Generation in Jerusalem, er selbst entstammt der ­chassidischen Karlin-Strömung. Diese Juden sind bekannt für ihre intensiv-laute Art zu ­beten und für ihre Gastfreundschaft.

Klapholtz sagt: „Barata ist der Ort, wo du dich selber in deiner Unabhängigkeit erschaffst. Einen Haredi erkennt man an seiner Kleidung und an seinem Habitus. Der Haredi entscheidet sich selber für diese Art zu leben. Aber was ist mit den Aussteigern? Da bleibt immer ein Stigma. Sie steigen ein in ein nicht definiertes Gebiet. Oft werden sie von außen definiert und haben selbst keine Wahl.“

Die Gottesfürchtigen

Haredim, die Gottesfürchtigen, schotten sich ab vom Rest der Gesellschaft. Die 613 Gebote im Judentum legen sie besonders streng aus. In ihren Schulen folgen sie einem eigenen Lehrplan. Weil die Männer meist in Jeschivot, besonderen Toraschulen, lernen, verweigern sie zum größten Teil den Armeedienst. Aufgrund der wachsenden Zahl wehrfähiger Männer sorgt diese Ausnahme in der israelischen Mehrheitsbevölkerung für Frust und hat in der Vergangenheit zum Zerbruch der Regierung geführt.

Dass der haredische Stil nicht zu ihm passt, hat Klapholtz schon früh gemerkt. „Als ich meine Bar Mitzva hatte, hatte ich lange Schläfenlocken. Aber ich habe mir auch damals schon viele Gedanken gemacht. Ich wollte anders leben.“ Erst viele Jahre später habe er sich ganz losgelöst. Er hat Jura studiert, ist Rechtsanwalt geworden und seinen ganz eigenen Weg gegangen. Wenn er Verwandte besucht, kleidet er sich auch heute noch manchmal so wie früher. Im täglichen Leben trägt er Jeans und T-Shirt.

Selbstbezeichnung schwer zu finden

Wie vielschichtig das Ringen um die eigene Identität ist, wird allein deutlich, wenn es um die Selbstbezeichnung geht. Für Menschen, die der strengen Lebensweise des ultra-­orthodoxen Judentums den Rücken gekehrt haben, hat sich in den vergangenen Jahren der Begriff „Aussteiger“ etabliert. Auch Klapholtz benutzt ihn in Gesprächen immer wieder, wenn er sich auch eigentlich gegen dessen Verwendung sträubt.

Klapholtz im Alter von Anfang 20 in einer Jeschiva, einer Talmud- und Toraschule Foto: Privat
Klapholtz im Alter von Anfang 20 in einer Jeschiva, einer Talmud- und Toraschule

Dem schwarz gekleideten Mann antwortet er: „Wir sind keine Säkularen. Und ganz sicher keine ‚Aussteiger‘. Wir haben noch nicht einmal Fragen.“ Damit bezieht er sich auf den hebräischen Begriff, nach dem jemand, der seine Religion hinter sich lässt, „zur Frage zurückkehrt“. Nachdrücklich erklärt er: „Wir lassen uns in keine Kategorie pressen. Wir sind von nirgendwo ausgestiegen und wir haben auch keine Frage. Das ist alles. Aber jeder darf hier so kommen und sein, wie er möchte. Sogar wenn er religiös oder haredisch ist.“

Einladung zur Begegnung

Noch trägt sich der Verein aus Spenden und den Ersparnissen von Klapholtz. Doch seit einigen Monaten bietet „Barata“ in den Abendstunden ein Café an. Auf der Speisekarte stehen in erster Linie Speisen, die in Orten wie Mea Schearim zum Schabbat gegessen werden. Joine hofft, dass künftig noch mehr Besucher aus der israelischen Mehrheitsgesellschaft kommen werden. Und Touristen. Gerade wenn Deutsche zu Besuch kommen, entsteht nach einigen erfolglosen Sprachversuchen oft eine große Begeisterung durch die Erkenntnis, wie ähnlich sich Jiddisch und Deutsch sind.

Choser beSche’ela

Ein ungläubiger Jude, der gläubig wird, wird in der hebräischen Sprache als Mensch bezeichnet, der „zur Antwort zurückkehrt“ – „­Choser biTschuva”.  Wer sich entscheidet, den Glauben hinter sich zu lassen, wird als jemand bezeichnet, der „zur Frage zurückkehrt“ – „Choser beSche’ela”. Juden, die ­einmal „ultra-orthodox“ waren, bekommen im Hebräischen die Zuschreibung „ehemalige Haredim“ oder einfach nur Joz’im, Aussteiger.

Auch der ultra-orthodoxe Besucher am ­Donnerstagabend spricht Jiddisch. Gegen drei Uhr verabschiedet er sich mit den Worten: „A gite Nacht“ und „Ich werde bestimmt wiederkommen“.

So wie heute die chassidische Strömung bekannt ist oder die Säkularen – Klapholtz hofft, dass die israelische Gesellschaft Menschen wie ihn einmal als „Strömung der Weisen“ definieren wird. Eben als solche, die sich selbst in Freiheit entschieden haben. (mh)

Israelnetz Magazin

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Eine Antwort

  1. „Demnach verdoppelt sich durch die hohe Geburtenrate ihre Anzahl alle 20 Jahre, während sich die Anzahl anderer Juden nur alle 30 Jahre verdoppelt.“

    Wird spannend wenn die Haredim in der Mehrheit sind und das halbe Land nur noch religiöse Studien betreibt. Die Wirtschaft, Verwaltung und das öffentliche Leben wird wohl zum Erliegen kommen.

    2

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