Zurück zur Schrift

Innerhalb des Judentums gibt es die kleine Gruppe der Karäer. Deren Regeln heben sich auffällig ab von denen der rabbinischen Juden. Die Hebräische Bibel steht bei ihnen deutlich stärker im Zentrum als die mündliche Tradition.
Von Israelnetz
Karäische Synagogen, wie diese in Ramle, unterscheiden sich von den traditionellen äußerlich vor allem durch den Teppichboden und den unbestuhlten Gemeinderaum

Foto: Israelnetz/mh

Karäische Synagogen, wie diese in Ramle, unterscheiden sich von den traditionellen äußerlich vor allem durch den Teppichboden und den unbestuhlten Gemeinderaum

Mächtig ragt der renovierte Gebäudekomplex inmitten der Jerusalemer Altstadt auf. Die meisten Besucher laufen achtlos daran vorbei, sowie auch am kleinen Eingang der „Rechov HaKaraim“. Von außen deutet nichts darauf hin, dass sich in der verwinkelten Gasse das Heimatmuseum einer geschichtsträchtigen Strömung des Judentums verbirgt. Neben der „Nummer 8“ zeigt nur ein Schild die Existenz des „Zentrums für das Karäische Erbe“ an. Ob es überhaupt andere Hausnummern in der Gasse gibt, ist nicht erkennbar. Nach vorheriger Anmeldung öffnet Avi Jefet das eiserne Tor. Mehrere Treppenstufen führen auf eine Dachterrasse hinauf.

Jefet ist einer von weltweit 50.000 Karäern. Etwa 40.000 leben in Israel, die größten Gemeinden befinden sich in Ramle, Aschdod und Be‘er Scheva. In Jerusalem existiert keine Gemeinde, dafür aber, direkt unter dem Zentrum und unter dem Straßenniveau, eine Synagoge aus dem Mittelalter. Die Karäer sind überzeugt, dass es die älteste Synagoge Jerusalems ist, die heute noch in Gebrauch ist.

Karäisches und rabbinisches Judentum

Das Judentum stützt sich auf den TaNaCH, die jüdische Bibel, und auf die sogenannte mündliche Tora, die Mischna und den Talmud, die zwischen dem 2. und 6. Jahrhundert entstanden. Aus diesen Schriften leiteten Weise und Rabbiner die Halacha, das jüdische Religionsgesetz, ab. Bis auf den heutigen Tag ist diese aus den verschiedenen Strömungen des Judentums nicht wegzudenken. Die Bewegung der Karäer entstand im Babylon des 8. Jahrhunderts. Sie lehnten die „mündliche Tora“ ab und akzeptierten nur den TaNaCH. Der Begriff stammt vom hebräischen „kara“, lesen oder ausrufen. Nach Angaben der Karäer hat sich deren Name erst mit der Entstehung weiterer jüdischer Bewegungen geformt. Als wichtigsten Leitsatz geben sie an: „Studiere die Schrift gründlich und verlasse dich nicht auf die Meinung anderer!“ Karäer glauben, dass ihre Glaubensform die ist, die Gott den Israeliten ursprünglich geboten hat.

Jefet erklärt: „Eine Synagoge ist heiliger Boden, deshalb betreten die Gläubigen diese nur ohne Schuhe und erst nach der rituellen Waschung, so wie es zu biblischen Zeiten üblich war.“ Im rabbinischen Judentum ist die rituelle Waschung im dafür vorgesehenen Tauchbad, der Mikwe, üblich – sie muss „lebendiges“, also zumindest einen Teil natürliches, Wasser enthalten. „Bei uns Karäern ist die Waschung zu bestimmten Zeiten unter fließendem Wasser zu vollziehen, eine Dusche reicht also aus.“

Streng wacht der 40-Jährige über den Zugang zur Synagoge. Nichtkaräern gewährt er den Anblick lediglich durch ein kleines Fenster. Der Gebetsraum ist mit Teppich ausgelegt, Bänke oder Stühle gibt es nicht. Zentral ist der Tora-Schrein. Er enthält die Tora-Rollen, die zur gottesdienstlichen Lesung der Wochenabschnitte herausgeholt werden. Wie in Synagogen der bekannteren jüdischen Strömungen sind auch hier zwei Tafeln mit den Zehn Geboten angeordnet. Daneben steht eine große Menora, die Wand zieren zahlreiche Bibelverse.

Synagogen und Gebet

Während des Unabhängigkeitskrieges 1948 wurde die Synagoge stark beschädigt und nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 von Mitgliedern der Gemeinde instandgesetzt. Eine Synagoge neueren Datums gibt es auf dem Gelände des Welt-Karäer-Zentrums im zentralisraelischen Ramle. Schuhregale stehen im oberen Stockwerk vor dem Frauen- und unten vor dem Männerbereich. Im ersten Moment erinnern sie an einen Moscheebesuch. Auch dieser Gebetsraum weist einen Teppich ohne Bänke und Stühle auf – doch der Blick auf den Tora-Schrein mit den übergestellten Gesetzestafeln, sowie die vielen Verse aus den Psalmen lassen keinen Zweifel zu, dass es sich um eine Synagoge handelt.

„Während des Gebets und Segens stehen Männer aufrecht, knien oder beugen sich. Jede Handlung lässt sich auf einen entsprechenden Verweis in der Bibel zurückführen. Männer und Frauen bedecken ihren Kopf“, erklärt Jefet. Zum Gottesdienst fährt er nach Ramle oder empfängt am Wochenende in der Jerusalemer Karäer­-Straße Gäste aus seiner Gemeinschaft. „Die Gebete bestehen aus Bibelversen und Psalmen, die von unseren ‚Weisen‘ vor langer Zeit zusammengetragen wurden.“

Avi Jefet wohnt als einer von weltweit 50.000 Karäern in der Jerusalemer Altstadt. Dort betreut er das karä­ische Heimatmuseum. Foto: Israelnetz/mh
Avi Jefet wohnt als einer von weltweit 50.000 Karäern in der Jerusalemer Altstadt. Dort betreut er das karä­ische Heimatmuseum.

Schlomo Gaver, Direktor des Zentrums in Ramle, erzählt in seinem Büro: „Heute gibt es zwölf karäische Gemeinden in Israel.“ Er weiß: „Unsere geistlichen Leiter sind die ‚Weisen‘. Ihre Aufgabe ist es, zu leiten.“ Ungleich den Rab­binern „geben die ‚Weisen‘ uns nicht vor, was wir zu tun haben. Wir fragen sie um Rat, doch letztendlich bestimmen wir selber, wie wir uns verhalten und tragen dafür die Verantwortung.“ In diesen Worten steckt eine klare Abgrenzung zum Rabbinischen Judentum, wo die Rabbiner das Religionsgesetz interpretieren und damit den Gläubigen ihr Verhalten vielfach vorgeben.

Gaver erklärt: „Im 10. bis 11. Jahrhundert hatte das karäische Judentum seine geistliche Blüte. Durch die Kreuzritter wurde ein großer Teil aus dem Heiligen Land nach Ägypten verdrängt.“ Wie auch Gavers und Jefets Großeltern kam von dort nach der Staatsgründung der Großteil der Karäer nach Israel zurück. Viele Israelis haben noch nie von den Karäern gehört. Das soll sich durch die Dauerausstellung in Jerusalem und das Zentrum in Ramle ändern.

Gaver und Jefet versuchen, auch junge Gläubige dafür zu gewinnen, vor einheimischen Touristen zu sprechen, um die Grundlagen ihrer Gemeinschaft nahezubringen. Jefet sagt: „Aber wir sind auch interessiert, ausländischen Gruppen unseren Glauben zu erklären.“ Mit einem verschmitzten Lächeln fügt er hinzu: „Vielleicht kann man uns als die Protestanten unter den Juden verstehen.“ Wenn diese Aussage einer historischen Prüfung auch nicht standhält, erklärt sie viel über das Selbstverständnis der Karäer.

Auffällig ist, wie sehr sie sich immer wieder in der Abgrenzung zum traditionellen Judentum definieren. So erklärt Gaver den karäischen Kalender: „Karäer haben den Beginn der jüdischen Monate bestimmt, indem sie den Neumond im Land Israel gesichtet haben. Rabbinische Juden legen den Monatsanfang anhand von geschätzten Berechnungen fest. Heute, wo Juden nach Israel zurückgekehrt sind, stellen Astronomen fest, dass die Berechnungen in jedem Monat zwei Tage voneinander abweichen. Das hat Auswirkungen auf die Art, wie und wann wir die biblisch gebotenen Feste feiern, wie im 3. Buch Mose beschrieben.“

Neben dem TaNaCH liegen dem karä­ischen Glauben die „Zehn Prinzipien des Glaubens“ vom Weisen Jehuda Ben Eliahu ha-Dassi (12. Jahrhundert) zugrunde. Jedes Prinzip führt er auf einen Bibelvers zurück. Festgelegt ist, dass Gott Schöpfer der Welt und einzigartig ist. Die Tora ist wahr. Für ihr Verständnis ist es wichtig, die hebräische Sprache und Grammatik zu verstehen. Der Tempel Gottes ist seine ewige Wohnstätte. Gemäß Hesekiel werden die Toten auferstehen. Foto: Israelnetz/mh
Neben dem TaNaCH liegen dem karä­ischen Glauben die „Zehn Prinzipien des Glaubens“ vom Weisen Jehuda Ben Eliahu ha-Dassi (12. Jahrhundert) zugrunde. Jedes Prinzip führt er auf einen Bibelvers zurück. Festgelegt ist, dass Gott Schöpfer der Welt und einzigartig ist. Die Tora ist wahr. Für ihr Verständnis ist es wichtig, die hebräische Sprache und Grammatik zu verstehen. Der Tempel Gottes ist seine ewige Wohnstätte. Gemäß Hesekiel werden die Toten auferstehen.

Gemäß des TaNaCH, der jüdischen Bibel, feiern Karäer alle gebotenen Feste. Auch Purim gehört zum religiösen Kalender, weil es in der Schriftrolle Esther vorkommt. „Chanukka hingegen feiern wir nicht, weil es ein nachbiblisches Fest ist“, ergänzt Jefet. „Rabbinische Juden und Karäer können untereinander heiraten. Auch erkennt der israelische Staat die Eheschließungen und Scheidungen unseres Beit haDin, des religiösen Gerichts, an.“ Allerdings müssten sich die Eheleute entscheiden, ob sie der karäischen oder der rabbinischen Tradition folgen wollen, erläutert Jefet.

Das Zentrum in Ramle verfügt über ein eigenes Beit Din. Nach den Geboten der Bibel haben auch die Karäer Speisegesetze zu befolgen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Das rabbinische Religionsgesetz gebietet, keine milchigen und fleischigen Speisen zusammen zu essen. Das geht zurück auf das biblische Gebot „Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch“ (2. Mose 23,19).

Cheeseburger: Kein Problem

Das Gebot ist drei Mal in der Tora erwähnt. Die Karäer verstehen es jedoch lediglich als Hinweis darauf, dass es grausam ist, das Fleisch des Kindes in der Milch des Muttertiers zu kochen. Denn deren Beziehung sei von Gefühl geprägt. „Es gibt aber keinen Grund, milchige und fleischige Speisen grundsätzlich nicht zusammen zu verzehren.“ Genüsslich zeigt Jefet ein Foto von Cheeseburgern, die er beim letzten Grillen mit Freunden auf der Dachterrasse in der Altstadt zubereitet hat. Erst seit 2014 dürfen Karäer aufgrund ihrer Schlacht- und Schächtvorschriften in eigenen Metzgereien schlachten.

Am Ruhetag gibt es strengere Regeln: „Rabbinische Juden können ihre Speisen am Schabbat auf einer Warmhalteplatte wärmen. Wir hingegen essen alles kalt.“ Als Einschränkung empfindet der religiöse Karäer das jedoch nicht: „Am Schabbat kein Feuer zu entzünden, ist ja ein Gebot der Tora. Und bei der richtigen Zubereitung gibt es zahlreiche Gerichte, die kalt ebenso gut schmecken wie warm oder sogar besser.“ Der Cheeseburger gehört natürlich nicht dazu. (mh)

Israelnetz Magazin

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Eine Antwort

  1. Ich finde, das ist ein sehr interessanter Artikel. Es scheint mir ,als evangelischer Christ, dass die Karäer dem göttlichen Willen weit näher sind als die rabbinischen Juden! Aber für mich geht die “Geschichte” ja noch viel weiter: In JAHWE – Gott und seinem Sohn und Messias Jesus werden wir gemeinsam Kinder Gottes sein, gemeinsam und in der gebührenden Ehre anbeten und verherrlichen! Halleluja!!!!!!!

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