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Identifizierung vieler Toter dank KI

Nach dem Attentat von Hamas-Kämpfern auf Israel im Oktober 2023 war es wichtig, möglichst viele Tote in kurzer Zeit zu identifizieren. Israelische Wissenschaftler haben nun ein weltweit einzigartiges KI-System entwickelt, das dabei schnell hilft.
Von Jörn Schumacher
ZAKA-Mitarbeiter suchen nach dem Terrormassaker vom 7. Oktober gemäß ihrer Mission nach den Überresten der Terroropfer, dazu gehören auch Blutflecke

Nicht nur Verletzte schnell zu versorgen und zu retten, ist die Aufgabe von Helfern nach Anschlägen. Auch die Toten zu identifizieren und den Angehörigen Auskunft zu geben, ist Teil der Arbeit. Bislang war diese Arbeit mühsam und zeitintensiv. Nun haben israelische Forscher Software einer „Künstlichen Intelligenz“ (KI) entwickelt, die diese Arbeit nicht nur schneller, sondern auch präziser durchführt. Die Experten sprechen von einem weltweit ersten „Durchbruch“ auf diesem Gebiet.

Die Mitarbeiter des Nationalen Zentrums für Forensische Medizin arbeiteten nach Anschlägen oder Katastrophen mit vielen Todesopfern oft wochenlang rund um die Uhr daran, Leichen zu identifizieren. So auch nach dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.

Alon Krispin, Leiter der forensischen Radiologie am Nationalen Zentrum für Forensische Medizin, führt zusammen mit Dutzenden freiwilligen Ärzten den Identifizierungsprozess mittels Radiologie durch. Dazu gehören unter anderem CT-Scans jeder eingetroffenen Leiche. Die Aufnahmen werden dann verglichen mit bereits existierenden medizinischen Bilddaten.

Mit einem Anschlag von dem Ausmaß wie dem am 7. Oktober habe bisher kaum jemand gerechnet, sagten die Experten gegenüber der Zeitung „Yediot Aharonot“. „Das brachte uns etwas durcheinander angesichts der großen Anzahl unbekannter getöteter Menschen“, sagte Krispin. Schnell waren 600 Leichen ins Institut gebracht worden, schon nach wenigen Tagen waren es etwa 1.400 Tote. Ein effizienteres System zur Identifizierung der Personen musste her.

Hilfe kam aus einem anderen Fachbereich

Die Identifizierung erfolgt normalerweise über verschiedene Wege, etwa DNA-Informationen und Fingerabdrücke, die in Datenbanken hinterlegt sind, sowie über Vergleiche der Gebisse. Sind die Daten einer Person vorhanden, kann die Identifizierung recht schnell gehen. Bei einem händischen Verfahren hingegen müssen teilweise zehntausende Datensätze miteinander verglichen werden, das dauert sehr lange.

Die CT-Scans können etwa zeigen, welches Opfer einen Herzschrittmacher oder einen Hüftersatz hatte. Das grenzt die möglichen Personen ein. Dennoch ist diese Arbeit mühsam und zeitraubend. Selbst das Team von 40 Radiologen um Ran Maschraki vom Beilinson-Krankenhaus in Petach Tikva, das zwei Wochen lang in Schichten rund um die Uhr arbeitete, konnte nur elf Leichen identifizieren.

Eine Arbeit dieser Größenordnung habe es auf der Welt bisher noch nie gegeben, sagte Maschraki. Unter den Toten befanden sich auch Terroristen, auch diese konnten zunächst nicht identifiziert werden, fügte der Mediziner hinzu. Außerdem seien viele Leichen anormal zerstückelt worden, einige der Leichen kamen ohne Kopf an, viele Körper als Asche mit Knochenresten. „Am Ende jeder Identifizierung verspürten wir ein Gefühl der Erleichterung, als wir erkannten, dass wir den Familien einige Antworten liefern konnten“, fügte Maschraki hinzu.

Zur gleichen Zeit begann Ilan Tsarfaty, ein Experte für Bildgebung und Krebsforschung an der Universität Tel Aviv, mit der Entwicklung einer einzigartigen israelischen Technologie, die die Aufgabe der Körperidentifizierung schnell und automatisch durchführen kann. Er wandte sich an Krispin.

Zusammen mit Aviv Metzer von der Hebräischen Universität Jerusalem entwickelten sie die Technologie der künstlichen Intelligenz zur Identifizierung von Körpern, die auf maschinellem Lernen basiert. Es führt einen automatischen Vergleich von bis zu 117 Skelettteilen zwischen postmortalen CT-Scans des Verstorbenen und seinen antemortalen Scans durch, die in Gesundheitseinrichtungen im ganzen Land gesammelt wurden.

Noch im experimentellen Stadium

Die Technologie befindet sich noch in der Entwicklung und im experimentellen Stadium. Sie ermöglicht eine groß angelegte Identifizierung auch bei zukünftigen schrecklichen Ereignissen, bei denen viele Menschen sterben, sagen die Experten. Tsarfaty erklärte, er arbeite seit vielen Jahren an einer Methode zum Vergleich von Tumorentwicklungen mithilfe medizinischer Bildgebungstests. Er erkannte, dass seine Methode auch dazu dienen könnte, verschiedene Knochen in kurzer Zeit miteinander zu vergleichen.

Diese Methode sei auch bei besonders schwierigen Fällen möglich, etwa bei verbrannten Leichen oder stark beschädigten Körpern – auch wenn es hier nur noch wenig DNA oder Zahnrückstände gebe. Ein Vorteil sei, dass die dafür benötigten Daten nicht lokal auf einem Computer gespeichert seien, sondern in einer Cloud, auf die man von verschiedenen Orten in Israel sofort Zugriff habe. Diese Technologie sei bislang einzigartig auf der ganzen Welt, fügten die Forscher hinzu.

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3 Antworten

  1. Eine starke Idee, aus der Not geboren. Typisch Israel. Möge sie vielen eine Hilfe sein, aber möglichst selten in Zukunft notwendig sein.

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