Ein Attentat, das niemand aufklären wollte

Am 27. März 1952 explodiert in einem Münchner Polizeipräsidium eine Briefbombe. Das Päckchen ist an den damaligen deutschen Bundeskanzler Adenauer adressiert. Als möglicher Drahtzieher hinter dem Attentat gilt Israels späterer Premierminister Begin.
Von Carmen Shamsianpur

Foto: Dan Hadani, Wikipedia | CC BY-SA 4.0 International

Konrad Adenauer 1966 in Israel bei einer Auszeichnung durch das Weizmann-Institut für Wissenschaften

Es war das erste und blieb das einzige tödliche Attentat auf einen Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – tödlich jedoch nicht für Konrad Adenauer, sondern für einen Beamten, der das verdächtige Päckchen untersuchen wollte.

Anschlag nicht der Rede wert

Zwei Jugendliche hatten es von einem Unbekannten mit dem Auftrag entgegengenommen, es zur Post zu bringen. Der Mann war angeblich in Eile. Als die beiden jedoch bemerkten, dass er ihnen folgte, brachten sie das Paket für Adenauer nicht zur Post, sondern zur Polizei. Dort verletzte es einen Sprengmeister so stark, dass er kurz nach der Explosion starb.

Natürlich nahmen verschiedene Stellen sofort Ermittlungen auf – allerdings geheime. Ein Anschlag auf den Regierungschef ist schließlich kein Kavaliersdelikt. Je mehr sich jedoch eine Urheberschaft israelischer Oppositioneller herauskristallisierte, desto mehr schien das Interesse an einer Aufklärung zu schwinden. Sogar Adenauer selbst tat die Sache plötzlich als Bagatelle ab.

Begin gegen Adenauer

Den „Opfern“ des Anschlags, der deutschen Bundesregierung, schien genauso wenig an einer Strafverfolgung gelegen zu sein wie den Tätern. Tatsächlich legte kein anderer als der Bombenbauer selbst, Elieser Sudit, 50 Jahre später die Hintergründe offen. Menachem Begin sei das Hirn der Operation gewesen. Es war kein Zufall, dass der Friedensnobelpreisträger zwei Jahre vor dieser Veröffentlichung gestorben war.

Was hatte Begin gegen Adenauer? Als israelischer Oppositioneller war der spätere Premierminister ein erbitterter Gegener deutscher Wiedergutmachungszahlungen, die Deutschland und Israel in Den Haag aushandelten. Deutsches Geld könne niemals für jüdisches Blut bezahlen.

Aufklärung hätte den Deal platzen lassen

Deutsche Neonazis schimpfen noch heute über die Zahlungen, die Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg an Israel leistete. Dabei hatte die junge Bundesrepublik lebhaftes Interesse an einem wie auch immer gearteten „Ausgleich“. Es war ihr einziger Weg, sich international wieder Glaubwürdigkeit zu verschaffen. In Israel sprach man im Gegensatz zu Deutschland in dem Zusammenhang übrigens nie von „Wiedergutmachung“.

Aber nicht Deutschland hätte im Falle eines aufgeklärten israelischen Attentats den Rückzieher gemacht. Es war allgemein bekannt, dass das „Blutgeld“, wie Begin es nannte, in Israel starke Emotionen und Gegenwehr hervorrief. Sondern eine Aufklärung hätte diese Gegenwehr in Israel verstärken können. Nämlich dann, wenn deutsche Kriminalbeamte mit SS-Vergangenheit (andere gab es kaum) Israelis vor Gericht gebracht hätten. Der Zeitpunkt dafür war unpassend und das Interesse an einer Einigung mit Israel viel größer als an der Aufklärung des stümperhaften Anschlagversuchs.

Wer war der Täter?

Elieser Sudit bekennt sich zum Bau der Briefbombe. Er habe niemanden töten wollen und allen sei klar gewesen, dass das Päckchen nie bei Adenauer ankommen würde. Sie wollten lediglich „etwas gegen die Reparationen unternehmen.“ Das sagte er 2006 in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung „Ha’aretz“. Für eine Bombe, die niemanden töten sollte, war sie allerdings sehr scharf und von großer Sprengkarft.

Und Begin? Außer den Enthüllungen Sudits gibt es keine Beweise gegen ihn. Alle Zeugen sind verstorben. Andere, die Begin nahestanden, halten die Anschuldigungen für unwahrscheinlich. „Ha’aretz“ nennt einen Historiker, der das Reparationsabkommen untersuchte, Jehiam Weitz, Begins persönlichen Sekretär Jehiel Kadischai sowie Herzl Marov, den Direktor vom „Menachem Begin Heritage Center“ in Jerusalem. Da es weder eine Verurteilung noch Ermittlungen gegen Begin gab, kann man ihn allenfalls als „mutmaßlichen“ Drahtzieher bezeichnen.

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13 Antworten

  1. Der Beitrag verdient Respeckt. Leider gab es und gibt es auch im Heiligen Land Irrläufer, nur wurde und wird dieses falsche Abbiegen von der Welt schwerer gewichtet, als das Vergehen anderer Nationen. Gottes auserwähltes Volk steht im Focus.

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  2. Das heißt, es ist nichts bewiesen, es sind Vermutungen, die einen sagen, es war Begin, andre sagen, passt nicht zu ihm. Wird sich auch nicht mehr aufdecken lassen. Begin ist tot und kann dazu nichts mehr sagen.

    Aber die üblichen Verdächtigen werden mit Sicherheit hier auftauchen und eine Mutmaßung, einen Verdacht als Wahrheit bezeichnen.

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      1. Mindestens so sachlich wie die oben gemachte Behauptung von “Gottes auserwähltem Volk”. Das Schlimme ist, dass derMann das wahrscheinlich auch noch glaubt…

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    1. Haben Sie den Artikel nicht gelesen? Es stehen Aussagen gegen Aussagen. Und der, der es aufklären könnte, ist tot. Und nun, Monika?

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        1. Was hat dies mit naiv zu tun? Vor der Gerichtsbarkeit Gottes kommt in dieser Welt die irdische. Und allein um diese geht es hier. Und hier ist nicht nachweisbar, wer den Auftrag gegeben haben,. Sind Sie so naiv oder tun Sie nur so?

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  3. Und was sagt uns das? Mit dem Begriff “Terrorismus” kann man sehr gut Schindluder treiben. Was für den einen Terrorismus bedeutet, ist für den anderen “Freiheitskampf”. Daher ist Vorsicht geboten.

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  4. Vielen Dank für diesen Artikel. Er zeigt mir den realen Hintergrund zum Roman “Bühlerhöhe” von Brigitte Glaser. Im fiktiven Roman reist Rosa Silbermann, israelische Agentin und ehemalige Kölnerin in das Nobelhotel Bühlerhöhe um Konrad Adenauer zu schützen. Man befürchtet ein israelisches Attentat das die Verträge zwischen der Bundesrepublik Deutschland und dem Staat Israel verhindern würde. Die Zahlungen sind heute in Deutschland ein Thema, wie U-Boote die Deutschland bezahlte. Wie umstritten die Zahlungen bei den Anhängern von Begin waren, das weiss in Deutschland kaum noch jemand.

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