Sonntagabend, kurz vor Mitternacht, eine Ampel in Höchberg bei Würzburg. Ein 65-jähriger Mann steht dort, an seinem Revers eine winzige Anstecknadel mit der Flagge Israels. Ein 20-jähriger Syrer, der ihn zuvor bereits auf einem Volksfest durch Belästigungen aufgefallen war, kommt ins Gespräch mit ihm über den Nahen Osten. Wenig später sieht er die Nadel – und schlägt zu. Der Mann versucht zu fliehen, wird eingeholt, zu Boden gebracht. Am Boden liegend ist er wehrlos, doch tritt der Angreifer weiter gegen Kopf und Oberkörper.
Erst als die Polizei eintrifft, lässt er von ihm ab. Das Opfer, Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG) Würzburg, erleidet einen Wirbelbruch und weitere Kopfverletzungen, wird auf der Intensivstation behandelt. Die Generalstaatsanwaltschaft München hat den Fall übernommen, der zentrale Antisemitismusbeauftragte der bayerischen Justiz ermittelt wegen versuchten Mordes.
Es ist verstörend leicht, diese Tat aus der vergangenen Woche als Einzelfall abzutun: ein enthemmter junger Mann, eine zufällige Begegnung, eine winzige Nadel. Doch genau diese Verharmlosung ist Teil des Problems. Denn diese Tat kam nicht aus dem Nichts. Bevor der Angreifer zuschlug, sprach er. Bevor die Fäuste fielen, fiel das Wort. Und dieses Muster – zuerst die verbale Enthemmung, dann die physische – ist kein Zufall, sondern das Endprodukt eines Klimas, das wir seit Jahren zulassen, kleinreden und, schlimmer noch, in Teilen für legitim erklären.
Am Anfang war das Wort
Wer heute in sozialen Netzwerken unterwegs ist – auf Telegram, Instagram, TikTok oder X –, begegnet in schöner Regelmäßigkeit einer Rhetorik, die Israel nicht kritisiert, sondern dämonisiert: „Kindermörder“, „Genozid-Staat“, „Siedlerkolonialismus“, Vergleiche mit dem NS-Regime, offene Gewaltverherrlichung gegenüber „Zionisten“. Diese Inhalte werden nicht gelöscht, sie werden algorithmisch verstärkt, weil Empörung Reichweite erzeugt.
Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) und inzwischen der europäische Digital Services Act (DSA) verpflichten Plattformen zwar zur zügigen Entfernung offensichtlich rechtswidriger Inhalte – Volksverhetzung, Aufstachelung zu Gewalt, Beleidigung nach § 185 StGB. In der Praxis aber bleibt genau diese Verpflichtung ein zahnloser Papiertiger: Meldewege sind undurchsichtig, Bearbeitungszeiten faktisch folgenlos, Bußgeldverfahren die Ausnahme. Wer als Anwalt Löschanträge stellt oder Verfahren begleitet, kennt das Ergebnis: Inhalte verschwinden, wenn überhaupt, Tage oder Wochen zu spät – lange nachdem sie ihre radikalisierende Wirkung entfaltet haben.
Der 20-jährige Angreifer von Höchberg ist kein Phantom, das über Nacht entstanden ist. Er ist das Produkt eines digitalen Resonanzraums, in dem israelfeindliche Hetze als politischer Diskurs getarnt zirkuliert, ungestört und ungestraft. Man muss nicht in eine Radikalisierungsforschung einsteigen, um zu erkennen: Wer täglich liest, Israelis und ihre Unterstützer seien Mörder, Kolonisatoren, Unmenschen, für den ist der Schritt zur Faust kein großer mehr. Gewalt beginnt nicht mit dem ersten Schlag. Sie beginnt mit dem ersten Post, der unwidersprochen bleibt.
Die Tarnung heißt Antizionismus
Und hier liegt der eigentliche Kern des Problems, der über den Einzelfall Würzburg weit hinausreicht: Der klassische Antisemitismus ist gesellschaftlich – zu Recht – verpönt. Wer offen „Juden hasse ich“ sagt, gilt als Extremist. Wer aber „Zionisten hasse ich“, „Israel muss von der Landkarte verschwinden“ oder „Free Palestine from the river to the sea“ ruft, bewegt sich für viele noch im Rahmen legitimer politischer Meinungsäußerung. Genau diese Verschiebung macht den heutigen Antisemitismus so gefährlich und so schwer zu bekämpfen: Er hat gelernt, sich umzubenennen.
Das geschieht aus zwei Richtungen, die sich in ihrer Wirkung erschreckend ähneln, obwohl ihre Herkunft unterschiedlich ist. Aus Teilen der politischen Linken kommt ein postkolonialer Deutungsrahmen, der Israel pauschal als „Siedlerkolonialprojekt“ markiert und jede Verteidigung des jüdischen Staates a priori delegitimiert – eine Israelkritik, die sich selbst als antirassistisch und emanzipatorisch versteht, tatsächlich aber Jüdinnen und Juden weltweit für die Politik einer Regierung in Haftung nimmt, der sie oft nicht einmal angehören.
Aus islamistisch geprägten Milieus kommt ein religiös codierter Israelhass, der Juden und „Zionisten“ ohnehin nie klar unterschieden hat und für den der Nahostkonflikt seit jeher Chiffre für eine viel ältere Feindschaft ist. Beide Strömungen, so unterschiedlich ihre Ausgangspunkte, treffen sich in einem extremen, entgrenzten Israelhass, der es erlaubt, offen zu hassen, ohne sich selbst als Antisemit zu erkennen. Das Wort „Zionist“ wird zur Chiffre. Man sagt Zionist, meint aber Jude – und meint es oft ganz genau so.
Der Mann in Höchberg trug keine Kippa, keinen Davidstern. Er trug eine winzige Israelflagge. Das genügte. Es genügte, weil in den Köpfen mancher längst kein Unterschied mehr existiert zwischen dem Staat Israel, seinen Bürgern, seinen Unterstützern und „den Juden“ insgesamt. Diese Gleichsetzung ist keine Randnotiz der Antisemitismusdefinition der IHRA – sie ist ihr Kernstück, und sie wird durch die tägliche Flut ungefilterter Hetze im Netz jeden Tag neu eingeübt.
Was zu tun wäre
Es braucht, was die bayerische Justiz mit ihrem zentralen Antisemitismusbeauftragten vorexerziert: konsequente Verfolgung, klare Einordnung als das, was solche Taten sind – nicht „Israelkritik, die eskaliert ist“, sondern Antisemitismus.
Aber Strafverfolgung kommt immer zu spät, wenn sie erst beim fertigen Täter ansetzt. Nötig ist eine Vorverlagerung: eine tatsächliche, nicht nur auf dem Papier existierende Durchsetzung von NetzDG und DSA, mit echten Sanktionen für Plattformen, die Aufstachelung zu Gewalt gegen Juden und Israelis systematisch dulden; spezialisierte, ausreichend ausgestattete Meldestellen; und vor allem den politischen und gesellschaftlichen Mut, „Antizionismus“ nicht länger pauschal als respektable politische Haltung durchgehen zu lassen, wenn er in Wahrheit nur das neue Vokabular alter Feindschaft ist.
Die DIG forderte nach dem Angriff „klaren Widerspruch – auf der Straße, in politischen Bündnissen und überall dort, wo Antizionismus als legitimer Protest ausgegeben wird“. DIG-Präsident Volker Beck formulierte es noch schärfer: „Wer sich als Freund oder Freundin Israels oder als jüdisch erkennbar macht, muss um sein Leben bangen.“ Das darf in Deutschland, 2026, keine hinnehmbare Realität sein.
Der Mann von Höchberg liegt heute mit gebrochenem Rücken auf einer Intensivstation, weil er eine Nadel trug. Bevor sein Angreifer zutrat, hatte er gesprochen. Und bevor dieser gesprochen hatte, hatte er gelesen, gescrollt, sich in einem digitalen Milieu bewegt, das ihm all das längst als selbstverständlich vorgesagt hatte. Wer diesen Zusammenhang ignoriert und Gewalt nur als Ergebnis individueller Verrohung behandelt, wird die nächste Tat nicht verhindern. Wer verstehen will, warum ein Mann für eine Israelflagge fast totgeschlagen wird, muss zuerst dorthin schauen, wo die Worte fielen, aus denen die Tritte wurden.
Michail Kantor ist Rechtsanwalt in Düsseldorf.
3 Kommentare
Wohl geschrieben, Herr Kantor, das trage ich vollumfänglich mit. Es wird mich aber nicht daran hindern, weiterhin meinen kleinen Anstecker und meinen Stern zu tragen.
SHALOM
Dem Kommentar ist nichts hinzuzufügen, ausser vielleicht, dass die importierten Antisemiten beim ersten agressiven Verhalten, in Wort und/oder Tat, auszuweisen sind.
Leider ist der Mensch auch des Menschen Feind und manche Menschen verhalten sich so geschickt, dass man nicht gleich merkt, dass sie aufgrund tiefe böse sind. Sie sind wie ein Wolf im Schlafpelz. Dem angegriffenen Mann in Würzburg wünsche die volle Genesung.