Meinung

Aus dem Innern der iranischen Diktatur

Unter Berufung auf den „Allmächtigen“ werden im Iran regelmäßig Menschrechtsverletzungen an Zivilisten begangen – und Bürger zu würdelosen Objekten der Macht degradiert. Ein neues Insiderbuch aus dem Berliner Ullstein-Verlag gewährt Einblicke.
Von Benedikt Vallendar

Wüsste die iranische Regierung, wer hinter dem Autorenpseudonym „Raha Nik-Andish“ steckt, wäre der Verfasser wahrscheinlich längst tot. Oder schwer verletzt. Denn wer es wagt, die muslimischen Allmachtsphantasien der Mullahs im Iran öffentlich in Frage zu stellen, hat aus deren Sicht seine irdische Existenzberechtigung verwirkt. Und dass die Arme des iranischen Regimes auch ins vermeintlich sichere Deutschland reichen, gilt bei Sicherheitsbehörden als offenes Geheimnis.

Seit 1988 steht der bekannte iranische Schriftsteller Salman Rushdi für seinen Roman „Die satanischen Verse“ unter Polizeischutz. Am 14. Februar 1989 hatte der oberste iranische „Führer“ dazu aufgerufen, Rushdi zu töten; ein Kopfgeld auf ihn wuchs im Laufe der Jahre auf knapp 3,7 Millionen Euro an. Bei Angriffen auf Übersetzer des Werkes wurden seither 38 Menschen getötet und zahlreiche schwer verletzt. Rushdie selbst überlebte 2022 einen Anschlag nur knapp.

Umso bemerkenswerter, dass sich der renommierte Berliner Ullstein Verlag kürzlich dazu entschlossen hat, unter dem nüchternen Titel „Teheran Tagebücher“ aus dem Innern der Diktatur berichten zu lassen, und dass dabei kaum ein Blatt vor den Mund genommen wird.

Der Autor verdient als Universitätsdozent nach eigenen Angaben rund 22 Euro-Cent pro Stunde, hat also allen Grund, der Welt das wahre Gesicht seines Landes zu zeigen. Wozu auch der Umstand gehört, auf offener Straße von meist älteren Menschen um Essen angebettelt zu werden, etwa wenn es mal wieder Joghurt gab, oder Linsen, Käse und Reis, was sich immer weniger Familien leisten können.

Propaganda an Universitäten

Gänzlich hoffnungslos scheint die Situation an den Universitäten zu sein, wo die Propaganda des Regimes in den letzten Campuswinkel reicht und eigenes Denken im Keim erstickt wird. Aus der Ferne erinnern die Schilderungen des Autors an die Zeit der Stalin-Jahre in Russland in den 1930er Jahren zurzeit der berüchtigten Schauprozesse, als jedes Abweichen von der Norm, ja nur der Verdacht, mit dem Regime nicht auf Längenwelle zu sein, Verhaftung, Tod oder Deportation in den Gulag zur Folge haben konnte

Im Buch ist es ein Teheraner Taxifahrer, der die Sache auf den Punkt bringt, weitab der Klischees vom Bild des religiös-fanatischen Iraners, der angeblich allem etwas Göttliches abzugewinnen vermag: „Das Problem unseres Volkes ist, dass wir alles Gott überlassen. Gott hat uns die Mittel zum Leben gegeben. Doch alles andere muss mit Verstand gehandhabt werden. Mit Gebeten und Segenssprüchen lässt sich nichts lösen“.

Wer im Iran so eine Äußerung öffentlich tätigt, läuft Gefahr, verhaftet, gefoltert oder anderweitig schwer bestraft zu werden. Das iranische Regime, das sich so gerne auf Gott beruft, scheut keine Abscheulichkeit, um im Namen des Allmächtigen menschenverachtende Gräueltaten an Menschen zu begehen, deren einziges Verbrechen darin besteht, zu den Andersdenkenden im Land zu gehören, wie einst in der früheren DDR. 

Regelmäßig und ausführlich dokumentiert werden diese Taten von der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte (IGFM) in Frankfurt am Main. Sie unterstützt vor allem die Angehörigen iranischer Oppositioneller materiell und juristisch beratend, etwa wenn es um die Anfechtung von Todesurteilen geht, die im Iran regelmäßig verhängt werden.

Sehnsucht nach westlichem Leben

Mit zahlreichen Detailschilderungen aus dem Alltag lässt Nik-Andish den Leser teilhaben an einer Welt, die der westlichen in vielem entgegensteht. Und wo sich doch viele, vor allem junge Menschen danach sehnen, genauso leben, lieben und sprechen zu dürfen wie ihre Altersgenossen zwischen Oslo und Athen. 

Wie schwer ihnen dies gemacht wird, zeigt der anonyme Autor an vielen Beispielen, etwa wenn er von sich heimlich treffenden Liebespaaren spricht. Er schreibt von Zivilpolizisten, die sich korrumpieren lassen oder von einer Frau, die verprügelt wurde, nachdem ihr Kopftuch nicht korrekt am Hinterkopf gesessen hatte.

Und im Krankenhaus? Dort hatte sie sich dann vom behandelnden Chirurgen noch Vorwürfe wegen genau dieses Missgeschicks anhören müssen. Derweil im Gang schon die nächsten Schwerverletzten auf Behandlung warteten; für die der Normalbürger auch in staatlichen Hospitälern neuerdings in Euro, Pfund oder US-Dollar in Vorleistung treten muss.

Raha Nik-Andish: „Teheran Tagebücher. Nachrichten aus einem belagerten Land“, Übersetzt von Asal Dardan, Ullstein, 96 Seiten, 16 Euro, ISBN: 9783843739801

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2 Kommentare

  1. Hochinteressante Leseempfehlung, aber bitte, der Titel ist unsinnig. Nicht Gott wird zur Geisel, sondern diejenigen, die sich anmassen, in seinem Namen zu handeln.

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