Wenn für Milchprodukte keine Kuh nötig ist

Milchprodukte ohne Tierleid und Folgen für die Umwelt: Wissenschaftler in Jerusalem bringen Pflanzen dazu, ein Milcheiweiß herzustellen.
Von Israelnetz
Käseplatte

JERUSALEM (inn) – Israelische Forscher haben eine Möglichkeit gefunden, Milcheiweiß aus Pflanzensamen zu gewinnen. Dafür braucht es nur etwas Biotechnologie, geeignete Pflanzen und das nötige Wissen darum, was Milch eigentlich ist: ein Gemisch aus Eiweißen, Milchzucker (Laktose), Fett und Wasser.

Für ihren Versuch konzentrierten sich die Forscher der Hebräischen Universität in Jerusalem auf das Eiweiß Kasein. Es macht rund 80 Prozent der Proteinmenge in der Milch aus. Interessant ist es vor allem wegen seiner Eigenschaften: Wenn das Kasein gerinnt, entsteht Käse. Es ist außerdem hitzestabil, dehnungsfähig und damit der Grund, weshalb geschmolzener Käse Fäden zieht.

Wissenschaftler unterteilen das Kasein in vier Haupttypen: Alpha-s1- und Alpha-s2-Kasein, sowie Beta- und Kappa-Kasein. In Jerusalem gelang es den Forschern, eine Pflanze genetisch so zu modifizieren, dass sie den Untertyp Beta-Kasein nun selbst produziert. Dafür verwendeten sie ein Kraut mit dem Namen Acker-Schmalwand aus der Familie der Kreuzblütler.

Die israelischen Forscher schleusten das Beta-Kasein in die Pflanze ein und stellten kurz darauf überrascht fest, dass das Milcheiweiß damit begann, eigene Strukturen in den Samen zu bilden. Sie ähnelten denen, die man auch in der Milch findet. Und mehr noch: Die besten Pflanzen produzierten deutlich mehr Kasein, als die Forscher erwartet hätten.

Auch das Herauslösen des Eiweißes war leicht, erklärte Forschungsleiter Oded Schosejow gegenüber der israelischen Nachrichtenseite „Times of Israel“. Die Samen wurden gemahlen und anschließend in die Zentrifuge gegeben. Dort trennten sich die flüssigen von den festen Bestandteilen. Letztere enthielten das begehrte Eiweiß.

Pflanzen als Bioreaktoren

Die Idee, Pflanzen als natürliche Bioreaktoren zu verwenden, ist nicht neu. Forscher begannen schon in den 1980er Jahren mit der sogenannten „Molekularen Pflanzenlandwirtschaft“.

Pflanzen bringen auch einige Vorteile mit sich: Zum einen brauchen sie nicht viel mehr als Wasser und Sonnenlicht, um zu wachsen. Sie sind also ausgesprochen günstig im Unterhalt. Zum anderen sind sie von Natur aus kleine biologische Fabriken und „arbeiten“ daher effizient, nachhaltig und sicher.

Mit der fortschreitenden technologischen Entwicklung wussten Wissenschaftler sich diese Vorteile zunutze zu machen. Sie veränderten die lebenden Kraftwerke so, dass sie wertvolle Substanzen herstellen konnten: wichtige Komponenten für Arzneimittel und Impfstoffe. Für eine Weile lag der Schwerpunkt auf der Entwicklung von medizinischen Produkten.

Vor rund 15 Jahren entdeckte die Lebensmittelindustrie das Potenzial der Technologie, und mittlerweile arbeiten eine ganze Reihe Start-ups daran, mit ihrer Hilfe „tierfreie“ Alternativen herzustellen. Das ist auch durchaus lukrativ: 2025 betrug das Volumen für vegane Produkte in Deutschland rund 1,7 Milliarden Euro, ergab eine Marktstudie des „Good Food Institutes“ (GFI). In den USA waren es mehr als 7,9 Milliarden US‑Dollar. Und der Markt wächst weiter.

Nachhaltig in die Zukunft

Für Schosejow und seine Kollegen ist der Klimawandel ein wichtiger Antrieb für die Forschung. Mit dem Bevölkerungswachstum steigt auch der Bedarf an Milchprodukten, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, die im Juni im Fachmagazin „Frontiers“ veröffentlicht wurde. Denn Nutztiere liefern wertvolle Nährstoffe, die über eine rein pflanzliche Ernährung nur schwer zu decken seien.

Nur ist die Viehzucht nicht nachhaltig. So besagt eine Schätzung der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), dass sie für rund 14,5 Prozent der Emissionen verantwortlich ist. Um diese nicht weiter anzukurbeln oder gar zu senken, arbeitet die Forschung an einem gleichwertigen, nichttierischen Ersatz.

Und da gibt es bislang noch viel Luft nach oben. Gerade Käseersatzprodukte bringen aus ernährungsphysiologischer Sicht signifikante Nachteile mit sich: Sie sind deutlich nährstoffärmer als echter Käse, enthalten viele gesättigte Fette und schmelzen schlecht oder gar nicht. Eine nichttierische Alternative, die an Geschmack, Geruch und Textur von Käse herankomme, fehle derzeit.

Diese Lücke wollen die israelischen Forscher schließen. Mithilfe pflanzlicher „Fabriken“ kommen sie dem Traum vom tierfreien und dennoch „echten“ Käse einen Schritt näher. (mw)

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Ein Kommentar

  1. Wenn irgendwann einmal die künstlichen „Tier“produkte die authentischen ersetzen, was wird dann aus den Tieren ? Werden sie „gekeult“ ? Werden wir sehenden Auges das grösste Artensterben seit Ende der Dinosaurier organisieren ? Eine Welt ohne Kühe, Schafe, Ziegen usw. mag ich mir nicht vorstellen. Tiere stossen CO2 aus, gewiss. Und wir Menschen sind „nachhaltig“ ? Diese eiskalte Nutz-Logik macht mir Angst. Auch für andere Tiere. Hunde, Katzen, alles CO2-Schleudern ? Also weg damit ?

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