Schon vor dem 7. Oktober 2023 hatte Bar Kuperstein mehr Schweres erlebt als die meisten Menschen in seinem Alter: Während er sich auf das Abitur vorbereitete, wurde sein Vater als Sanitäter zur Wiederbelebung einer Vierjährigen gerufen – und erlitt einen Unfall. In dessen Folge wurde er querschnittgelähmt und verlor die Sprechfähigkeit.
Bar, der älteste Sohn, brach die Schule ab, übernahm den gerade erst gegründeten Imbiss des Vaters und sorgte damit für das Familieneinkommen. Denn die Mutter musste sich mit der Pflege beschäftigen. In der Corona-Zeit ging das Unternehmen pleite. Später gründete der Sohn einen Abschleppdienst, verbunden mit Erster Hilfe. Denn auch er hatte sich mittlerweile zum Sanitäter ausbilden lassen.
Weil seine Familie in eine behindertengerechte Wohnung nach Cholon ziehen wollte, ließ er sich bei zwei direkt aufeinander folgenden Festivals in Re’im nahe der Grenze zum Gazastreifen für die Sicherheit rekrutieren. Das zweite war das Nova-Festival, wo er als stellvertretender Sicherheitschef ausnahmsweise am Schabbat arbeitete – obwohl seine Mutter, die seit ein paar Jahre als religiöse Jüdin lebte, dies nicht gern sah.
Als die Hamas ihren Großangriff auf Südisrael startete, reagierte der damals 21-Jährige besonnen und rettete durch seinen Einsatz vielen Festivalteilnehmern das Leben. Dann wurde er in den Gazastreifen verschleppt. Die Vorgeschichte, die Erfahrungen beim Massaker und die zwei Jahre lange Gefangenschaft schildert er in seinem bislang nur auf Hebräisch erschienenen Buch. Es trägt den Titel „Lo Nischbar“. Das heißt einerseits „Ungebrochen“ und ist andererseits auch ein Wortspiel mit seinem Vornamen Bar.
Gebete und jüdische Feste
In dem Buch betont er, wie der jüdische Glaube ihn durch die Zeit von Folter, Todesangst und Ungewissheit hindurchgetragen hat. Das „Schma Israel“ (Höre Israel) und Gebete, die er auswendig kannte, sprach er täglich. Mit seinen Mitgefangenen beging er die Festtage und den Schabbat, wobei sie in der kärglich ausgestatteten Kammer im Tunnel improvisierten. Dies gab ihm Kraft und erinnerte ihn daran, dass er Jude ist – und in den Händen des Schöpfers.
Was er vom Massaker beim Nova-Festival mitbekommt, sowie die Erniedrigung und die körperlichen Qualen beschreibt der Autor teilweise detailliert. Dabei gelingt es ihm, den Leser mitzunehmen, ohne ihn komplett zu überfordern
In einzelnen Kapiteln kommen auch Bars Eltern zu Wort. Dadurch können Leser einen Teil der Ereignisse von zwei Seiten betrachten: vom Tunnel aus, in dem die Geiseln von der einen oder anderen Aktion erfahren, und aus der Sicht der Akteure in Israel.
Mutter organisiert Gebetsversammlungen
Nachdem sie sich vom ersten Schock erholt hatte, stützte sich Mutter Julie Kuperstein auf das Gebet. Die Familie bekam viele Zuschriften und Geschenke. Darunter waren Gebetsriemen, so genannte Tefillin, für ihren Sohn. Da er sie in Gaza nicht benutzen konnte, kam ihr eine Idee: Sie veröffentlichte einen Aufruf an Juden, die bislang nicht beten, aber angesichts der prekären Lage der Verschleppten damit beginnen wollten. Wer darauf reagierte, sollte die Tefillin leihwiese bis zu Bars Rückkehr bekommen.
In kurzer Zeit erhielt sie unzählige Reaktionen aus Israel und aller Welt. Überwältigt initiierte sie eine Gebetsbewegung mit Versammlungen im In- und Ausland. Dabei trafen sich Juden, um für die Geiseln zu beten. Als die Späherin Agam Berger im Januar 2024 aus der Geiselhaft freikam, schloss sie sich der Bewegung an.
Die Mutter hatte engen Kontakt mit den Angehörigen der anderen Entführten. Auf dem Geiselplatz in Tel Aviv vermisste sie allerdings ein Gebetszelt. Als sie ein solches aufstellen wollte, stieß sie bei den Organisatoren zunächst auf Widerstand, setzte sich aber durch. Erst gab es kleine Treffen im Zelt, dann wurden sie wegen der steigenden Teilnehmerzahl auf den Platz verlegt.
Vater Tal Kuperstein wiederum beschloss, seinen Sohn bei dessen Rückkehr im Stehen und mit Worten zu begrüßen. Er unterzog sich einer Physiotherapie und engagierte eine Logopädin. Bei vielen Kundgebungen war er dabei – und sprach schließlich auf der Bühne des Geiselplatzes zu dort versammelten Menschen.
„In den Händen des Schöpfers“
Die Mutter beschreibt auch, wie sie eines Tages einen Anruf von der Hamas erhielt: Wenn sie sich an internationale Gerichte wende und die israelische Regierung verunglimpfe, komme ihr Sohn vielleicht früher frei. Julie Kuperstein entgegnete, er sei nicht in den Händen der Hamas, sondern „in den Händen des Schöpfers der Welt“. Dann fügte sie an: „Und Sie sind es auch.“ Der Terrorist habe entgegnet: „Alle Achtung, meine Dame.“
Eine besondere Überraschung erlebte Bar Kuperstein an seinem Geburtstag während des Pessachfestes 2025: Die Terroristen hatten den Geiseln ein Radio gegeben, damit sie Islamkundesendungen hören konnten. Doch die Juden fanden einen israelischen Sender, der im Tunnel funktionierte, und verbrachten die frühen Morgenstunden vor dem Gerät. Am Geburtstag gab seine Mutter dem Sender ein Interview, und er hörte ihre Stimme! Umgekehrt freute sich die Familie über jedes Lebenszeichen von dem entführten Sohn – etwa, als im Februar 2025 sein Mitgefangener Ohad Ben-Ami freikam und sie zum ersten Mal erfuhr, dass er am Leben war und wie es ihm ging.
Das Buch ist geprägt von der Zuversicht, dass der Gott Israels weder die Geisel noch deren Angehörige je im Stich lassen würde. Dass Er Gebete hört und konkret handelt. Am 13. Oktober 2025 konnte seine Familie Bar nach der Freilassung endlich wieder in die Arme schließen. Zwar war er völlig abgemagert, aber glücklich – auch darüber, dass Gott ihm zur Seite gestanden hatte.
Die Kupersteins trugen Oberteile mit dem neuen Familienmotto: „Für immer in den Händen des Schöpfers der Welt“. Den Umzug nach Cholon hatten sie mittlerweile bewältigt. Und das Video, in dem Tal Kuperstein mit Unterstützung aus dem Rollstuhl aufsteht und seinen Sohn umarmt, berührte viele Herzen nicht nur in Israel. Er sagte ihm auch: „Ich habe dich lieb.“
Bar Kuperstein widmet sein mitreißendes Buch den Ermordeten und Gefallenen vom 7. Oktober und dem durch das Massaker ausgelösten Krieg. Er zählt ihre Namen auf, die Liste in der hebräischen Erstauflage endet am 16. März 2026.
Gutes niemals als selbstverständlich ansehen
Am Ende der Danksagung, in der er auch den Schöpfer nennt, schreibt er: „Ich wünsche mir und uns allen, dass es uns immer gut gehen wird, aber dass wir niemals das Gute als selbstverständlich ansehen. Dass wir uns nicht an die Luft gewöhnen, die wir atmen an die Leute, die wir lieben und an die Dinge, die wir Tag für Tag haben.“