JERUSALEM (inn) – Die israelische Armee hat am Donnerstag eine kritische Stellungnahme zum umstrittenen Film „Nasa“ veröffentlicht. Darin stellt sie fest: „Das Narrativ des Filmes basiert auf erheblichen sachlichen Irrtümern.“
Der Dokumentarfilm hatte am 12. September den Spezialpreis der Jury bei den 83. Filmfestspielen von Venedig erhalten. Die israelischen Regisseure Yuval Abraham und Rachel Szor sprachen für die Dokumentation eigenen Angaben zufolge mit 24 Geheimdienstmitarbeitern und Soldaten, deren Identitäten anonym bleiben.
Das Militär prangert an, dass Zeugenaussagen anonymer Personen eine „falsche und höchst irreführende Beschreibung von Realität“ enthielten. Den Kontext bleibe in dem Film außen vor, dieser sei aber entscheidend, um das Vorgehen der Armee im Gazakrieg zu verstehen. „Der Film vertieft diese Verzerrung der Wirklichkeit durch die manipulative Veröffentlichung von Interviews und Anspielungen auf historische Gräueltaten. Dabei schreibt er der israelischen Armee fälschlicherweise und ohne Grundlage boshafte Absichten zu, die das angebliche ‚Beweismaterial‘ im Film nicht untermauert.“
Vielsagender Titel
Die „Umkehrung der Realität“ beginne bereits mit dem Titel, heißt es in der Stellungnahme. Das Akronym NASA stehe für „Nesek Agavi“, also „Kollateralschaden“. Der Begriff werde weltweit von jedem Militär verwendet, das sich an Gesetze halte, auch von der israelischen Armee. Er beschreibe unabsichtlichen Schaden für Zivilisten durch einen Angriff auf ein militärisches Ziel.
„Paradoxerweise präsentiert der Film die außergewöhnliche Anstrengung und Ausführlichkeit, die die israelische Armee an den Tag legt, um solche Schäden bei Angriffen einzuschätzen, als Beweis für Gleichgültigkeit gegenüber zivilen Leben.“ Doch in Wirklichkeit sei dies Teil des internationalen Rechtes. Kommandeure sollten dadurch „festlegen können, ob ein Angriff rechtmäßig ist, zusätzliche Vorkehrungen anordnen, den Angriffsplan anpassen oder widerrufen – all das, um die Möglichkeit eines Schadens für Zivilisten möglichst gering zu halten, wie es Kommandeure viele Male während des Krieges getan haben“.
Die israelische Armee sei offen für aufrichtige Kritik an ihrem Verhalten, und auch lernbereit. Wenn ein Verdacht auf eine Verletzung des Rechtes oder der Armee-Anordnungen bestehe, werde dies untersucht. Notfalls folgten Disziplinarverfahren, strafrechtliche Ermittlungen oder andere Maßnahmen, betont das Militär.
Kritisch merkt es an, dass die Filmemacher vorher nicht um eine Stellungnahme gebeten hätten, wie es auch im investigativen Journalismus üblich sei. Zudem hätten sie dem Militär trotz Anfrage kein Exemplar des Filmes überlassen. Einzelheiten, um die Vorfälle zu identifizieren, auf die der Film eingehe, fehlten. Die Armee war demnach auf einen detaillierten Bericht von jemandem angewiesen, der eine öffentliche Vorführung miterlebt hatte.
Interviewpartner uninformiert
Das Militär wirft den Interviewpartnern vor, über Angelegenheiten gesprochen zu haben, von denen sie keine Ahnung hätten. Viele Aussagen zeigten mangelndes Wissen oder Verständnis bezüglich der späteren Stufen des Angriffsprozesses. Möglicherweise hätten sie eine allgemeine, anfängliche Einschätzung über die Anwesenheit von Zivilisten aufgeschnappt und gedacht, es handele sich um eine endgültige Bewertung, nach der ein Angriff ausgeführt worden sei.
„Während des Krieges erlegten Kommandeure weitere Einschränkungen auf, änderten Angriffspläne, nahmen Vorschläge für eine weitere Planung zurück oder verweigerten eine Bewilligung, weil Schaden für Zivilisten zu erwarten war“, heißt es. „Manchmal geschah das während der Planung und manchmal in Echtzeit, oft, nachdem kurz vor einem Angriff eine unerwartete Präsenz von Zivilisten ausgemacht wurde.“
Der Film bringe nur anonyme Berichte von Leuten, deren genaue Rollen sowie der Zugang zu Informationen aus erster Hand unbekannt seien. Er zitiere keinerlei militärische Richtlinien. Bei angeblichen Angriffen fehlten ein spezifisches Ziel sowie Datum, Ort oder berichtete Opfer. Behauptungen blieben allgemein und nicht verifizierbar. Dadurch verlören Zuschauer die Möglichkeit, die Behauptungen unabhängig zu überprüfen.
Kontext des Krieges ignoriert
Ein weiterer Vorwurf lautet, die Dokumentation vernachlässige den Kontext. Das Massaker vom 7. Oktober sei essentiell, damit die Zuschauer begriffen, was für eine große Sicherheitsbedrohung die Hamas für Israel darstellt. Diese habe sich in dem Terrorangriff materialisiert. Kriegsziele würden falsch geschildert.
Dass die Hamas aus der Zivilbevölkerung heraus operiert, werde ebenfalls nicht deutlich. Militante, Waffen und militärische Infrastruktur befänden sich in zivilen Gebieten. Die Terror-Organisation beziehe Krankenhäuser, UN-Gebäude, Schulen und Moscheen ins Kriegsgeschehen ein. Dieses Wissen sei unabdingbar, um die Herausforderung bei der Identifizierung von Zivilisten zu begreifen.
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Ebenfalls nicht erwähnt werden laut der Stellungnahme Schritte der Armee zum Schutz von Zivilisten unter diesen Bedingungen. Dabei belaufe sich die humanitäre Hilfe durch die Regierungsbehörde COGAT auf mehr als 3,9 Millionen Tonnen Lebensmittel seit Oktober 2023.
„Kein Angriff mit 500 zivilen Opfern geplant“
Auf einen allgemeinen Teil folgt in der Stellungnahme ein zweiter Abschnitt, der konkrete Behauptungen aufgreift und widerlegt. Eine lautet: „Es gab eine Bewilligung, das 500 Zivilisten bei einem einzigen Angriff getötet werden.“
Dem hält die Mitteilung entgegen: „Die Armee hat nie einen Angriff in Gaza geplant, bewilligt oder ausgeführt, bei dem damit gerechnet worden wäre, dass 500 Zivilisten, oder eine annähernd so hohe Zahl, getötet würden. Ebensowenig hat jemand ernsthaft angenommen, dass ein israelischer Angriff jene Zahl von Todesfällen oder etwas Vergleichbares verursacht hätte. Die Filmemacher haben diese Behauptung prominent platziert, unter anderem im offiziellen Trailer des Filmes, obwohl sie es zwangsläufig nicht hätten verifizieren können noch Beweise dafür gehabt hätten.“
Die Filmemacher erheben zudem den Vorwurf, das Militär unterscheide bei der Zählung von Kollateralschäden nicht zwischen Erwachsenen und Minderjährigen. Doch genau das würde dem humanitären Recht entgegenstehen, schreibt die Armee: „Ein Zivilist ist ein Zivilist, ungeachtet des Alters, und keinem zivilen Leben wird weniger Wert zugemessen.“
Eine weitere Behauptung im Film sorgte für Wirbel: „Künstliche Intelligenz hat selbständig Zehntausende menschliche Ziele generiert, die angegriffen wurden.“ Dazu wird angemerkt, in der israelischen Armee bestimme KI weder, ob ein Objekt oder eine Person als Ziel gilt, noch, ob ein Ziel angegriffen wird. Menschliche Analysten identifizierten sie nach festgelegten Abläufen. Das werde von mindestens einem autorisierten Geheimdienstoffizier bewilligt, worauf weitere Schritte folgten. Künstliche Intelligenz werde nur in einer niedrigeren Stufe der Erfassung eines Zieles eingesetzt.
Schwere Entscheidungen
Als Fazit schreibt die Armee: „Der Film stellt fälschlicherweise ein Militär dar, das danach strebt, zivilen Schaden zu verursachen.“
Sie ergänzt: Entscheidungen, die zivile Leben kosten könnten, „gehören zu den schwersten, mit denen Soldaten und Kommandeure konfrontiert sind“. Die israelische Armee erwarte von ihren Soldaten, „dieses Gewicht zu spüren und entsprechend zu handeln. Doch diese moralische Last ist kein Beweis dafür, dass Entscheidungen unrechtmäßig oder gleichgültig gegenüber zivilen Leben waren; sie spiegelt die Ernsthaftigkeit wider, mit der sie getroffen wurden“.
Das Militär folgert: „Die tragischen Folgen des Krieges rechtfertigen nicht eine Verzerrung der Fakten. Eine seriöse Diskussion über zivilen Schaden erfordert einen seriösen Bericht darüber, wie Entscheidungen getroffen werden. Genau das kann der Film nicht liefern.“ Er wolle den Eindruck erwecken, dass die Armee auf unmenschliche Weise handele. (eh)