Schneidet Israel besonders schlecht oder besonders gut ab?

Das „Weltungleichheitslabor“ hat seinen Bericht für das Jahr 2021 vorgelegt. Er behandelt vor allem Divergenzen im Bereich Vermögen und Einkommen. Wie Israel dasteht, ist eine Frage der Vergleichsgröße.
Von Carmen Shamsianpur
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Foto: World Inequality Lab

Der Weltungleichheitsbericht 2022 umfasst 236 Seiten

PARIS (inn) – Jährlich gibt das „World Inequality Lab“ (Weltungleichheitslabor) einen detaillierten Bericht heraus. Er soll abbilden, wie sich verschiedene „Ungleichheiten“ zwischen den Ländern sowie innerhalb einzelner Länder entwickeln. Mehr als 100 Forscher sammeln hierfür auf fünf Kontinenten Daten zur Gleichheit beziehungsweise Ungleichheit zwischen Armen und Reichen, Männern und Frauen, Industrienationen und Entwicklungsländern. Die tragenden wissenschaftlichen Einrichtungen sind die „Paris School of Economics“ sowie die „Berkeley University“. Finanziert wird die Studie unter anderen vom Europäischen Forschungsrat und der Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen.

Allgemeine Entwicklungen

In durchweg allen Ländern und auch im internationalen Vergleich geht die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander. „Die reichsten 10 Prozent der Weltbevölkerung beziehen derzeit 52 Prozent des weltweiten Einkommens, während die ärmste Hälfte der Bevölkerung 8,5 Prozent davon erhält“, heißt es in dem Bericht. Die Pandemie hat diesen Trend noch verstärkt.

Gleichzeitig steigt das Privatvermögen im Gegensatz zum sinkenden öffentlichem Vermögen. Viele Staaten sind tief bei privaten Geldgebern verschuldet. Auf Dauer gefährdet das die Demokratie. Der moderateste Anstieg der Ungleichheit ist in Europa zu verzeichnen, während die MENA-Region –  Nordafrika sowie der Nahe und Mittlere Osten – am schlechtesten abschneidet.

Ungleichheit in Israel

Israel befindet sich unter den wohlhabenden Ländern mit den größten Ungleichheiten. Die oberen 10 Prozent verdienten das 19-fache der unteren 50 Prozent. Das ist vergleichbar mit den USA. Auch bei der Geschlechtergleichheit liegt Israel mit den USA gleichauf: In beiden Ländern beträgt der Anteil der Frauen am Arbeitseinkommen 38 Prozent. Der CO²-Ausstoß im jüdischen Staat liegt deutlich über dem Weltdurchschnitt, ist jedoch niedriger als in den USA und Kanada.

Ungleichbehandlung Israels?

Der Bericht lässt einige Fragen offen, auf die das Weltungleichheitslabor bislang auf Nachfrage von israelnetz nicht geantwortet hat. Es ist nicht einmal klar, welches Territorium der Bericht als „Israel“ definiert. Die beigefügte Karte zeigt den jüdischen Staat inklusive palästinensischen Autonomiegebieten und Golanhöhen. Nur kann Israel nicht für Zustände in Gebieten zuständig sein, die nicht unter seiner Verwaltung stehen. Allerdings liegt dem Bericht eine Einwohnerzahl von 8.790.000 aus dem Jahr 2021 zugrunde. Das entspricht eher Israel ohne die Palästinensergebiete, aber auch ohne Golan und Ostjerusalem. Da die wichtigsten Faktoren der Berechnungsgrundlage fehlen, sind die Zahlen nur bedingt aussagekräftig.

Der Abschnitt über Einkommensungleichheit in Israel ist überschrieben mit: „Hohe Einkommensungleichheit in einem Land mit hohem Einkommen“. Das klingt originell und ist nur deshalb etwas fragwürdig, weil fast alle anderen Länder die gleiche, neutrale Überschrift bekommen haben: „Einkommensungleichheit in Australien (Kanada, China, Frankreich, Deutschland, Nigeria, Russland, Spanien, Türkei etc.) heute“.

Der Bericht stellt außerdem eine dürftige Datentransparenz für Israel fest. Auf einer Skala von 0 bis 20 erhält es nur drei Punkte und steht damit schlechter da als Indonesien und Indien mit jeweils rund sechs Punkten. Allerdings ist nicht nachvollziehbar, wie es zu dieser Bewertung kommt.

Welche Vergleichsgröße

Israel ist ein herausragendes Beispiel in der MENA-Region. Der Bericht würdigt das nur im Hinblick auf die Geschlechtergerechtigkeit. Dabei steht der Nahe Osten mit Abstand an der Spitze der weltweiten Einkommensungleichheit, während Israel im Mittelfeld liegt, also auch in diesem Bereich positiv hervorsticht. Interessanterweise fehlen Israels Nachbarländer in den 26 detaillierten Länderberichten. Während asiatische und europäische Länder in Gruppen auftreten, hat der Nahe Osten im aktuellen Weltungleichheitsbericht nur einen Vertreter: Israel. Lediglich aus Nordafrika finden sich mit Algerien und Marokko noch zwei Länder der MENA Region.

Israel ist eines der wenigen Länder, in denen die Einkommensungleichheit in der vergangenen Dekade leicht zurückgegangen ist. Sie bleibe aber „auf einem sehr hohen Niveau“, beeilt sich der Bericht zu sagen, und zwar „im Kontext einer tief gespaltenen Gesellschaft“. Auch für diese Aussage fehlt eine Erklärung.

So wird der Weltungleichheitsbericht im Großen und Ganzen seinem Anspruch gerecht, der Welt einen Spiegel vorzuhalten und Veränderungen im globalen sozialen Gefälle anzumahnen. Die Forscher scheinen dabei aber nicht ganz neutral in ihrer Wertung zu sein und haben im Hinblick auf Israel zumindest ungenau gearbeitet.

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2 Antworten

  1. Immer öfter steht für mich die Frage, warum es gerade in einem jüdischen Staat, in dem die meisten Menschen die Torah kennen, so viel Armut gibt trotz der relativ großen Anzahl der Milliadäre und Millionäre. Schämt man sich nicht, dass z.B. Christen aus dem Ausland spenden, um Armut zu lindern und Aliyah zu ermöglichen?

  2. Auch in Israel herrscht die allgemein übliche neoliberale ‘Ordnung’. Die im Zionismus vorhandenen sozialistischen Ansätze -Kibbuzim Bewegung-sind leider fast vollständig untergegangen.
    Israel ist ein Vielvölkerstaat +meiner Meinung nach mit größerer Toleranz als in Deutschland.

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