Rommels Niederlage – die Rettung der Juden Palästinas

Vor 80 Jahren schlugen die Briten in Ägypten die Armee Erwin Rommels zurück. Die Zionisten Palästinas hatten da schon mit dem Schlimmsten gerechnet – dem deutschen Durchbruch ins Heilige Land.
Von Sandro Serafin

Foto: Fox / Imperial War Museums

Bei El Alamein drehte sich der Weltkrieg – und das Schicksal der Juden Palästinas

Die Offensive begann am Abend des 23. Oktober 1942: Gegen 21:30 Uhr Ortszeit leitete die achte britische Armee – in diesen Tagen vor 80 Jahren – mit Artilleriebeschuss eine der berühmtesten Schlachten des Zweiten Weltkriegs ein; in Nordafrika, genauer: im Norden Ägyptens bei einer kleinen Bahnstation im Knick der ägyptischen Küstenlinie. Durch die Ereignisse sollte ihr Name weltbekannt werden: El Alamein.

Die je nach Zählung zweite beziehungsweise dritte Schlacht von El Alamein gilt heute in der allgemeinen historischen Wahrnehmung als einer der Wendepunkte des Zweiten Weltkriegs, so wie die japanisch-amerikanische Flugzeugträgerschlacht von Midway im Pazifik aus dem Sommer desselben Jahres und die Vernichtung der sechsten Armee in Stalingrad im Winter 1942/43.

Mit Rommel Richtung Palästina

Im September 1940 war das faschistische Italien in Ägypten eingefallen. Diktator Benito Mussolini propagierte die Wiedererstehung des antiken Roms, dessen Herrschaft sich einst über den gesamten Mittelmeerraum erstreckt hatte. Seine Truppen gerieten allerdings durch eine britische Gegenoffensive rasch in Bedrängnis. Anfang 1941 ließ Hitler deutsche Einheiten zur Unterstützung des Achsen-Verbündeten in die Region kommen, die unter Führung des Generals Erwin Rommel stehen sollten.

Foto: Knight / Imperial War Museums
Bahnstation im Norden Ägyptens und Ort großer Schlachten: El Alamein

Allerdings konnte auch das sogenannte Deutsche Afrikakorps im Verbund mit den Italienern über das Jahr 1941 keineswegs ungehindert vorrücken. So scheiterte etwa eine Eroberung der Festung Tobruk im östlichen Libyen. Eine Gegenoffensive schlug Rommels Männer im Herbst des Jahres zudem wieder auf ihre Ausgangsstellungen zurück.

Im Januar 1942 allerdings setzten die nun Panzergruppe Afrika genannten Militärverbände zu einer neuerlichen Offensive an, die sie weit bis in die ägyptischen Lande bringen sollte. Im Juni 1942 fiel Tobruk, was Rommel den Rang eines Generalfeldmarschalls einbrachte. In Ägypten kamen seine Truppen schließlich bei El Alamein zum Stehen, nur 100 Kilometer Luftlinie vom britischen Mittelmeerhafen Alexandria und gut 300 Kilometer vom Suezkanal, der Lebensader des britischen Empires, entfernt.

„Endzeitstimmung“ im Jischuw

Die Briten rechneten mit dem Schlimmsten: dem Durchbruch nach Alexandria, Kairo und zum Kanal sowie von dort schließlich durch den Sinai ins Mandatsgebiet Palästina. Entsprechend war die Stimmung: Am 1. Juli 1942 stiegen über Kairo Rauchschwaden auf, die Briten machten sich daran, Dokumente zu verbrennen, die nicht in die Hände der Invasoren gelangen sollten. Der Tag ging als „Ash Wednesday“ (Aschen-Mittwoch) in die Geschichte ein. Teile des Nil-Deltas sollten geflutet werden, Evakuierungen wurden organisiert und verängstigte Menschen begannen, sich abzusetzen, teils nach Palästina.

https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en Foto: Bundesarchiv, Bild 101I-786-0313-21 / Otto | CC BY-SA 3.0 DE | CC BY-SA 3.0 Unported
Rommel in einem Panzer in Nordafrika: Eine Einsatzgruppe sollte ihm folgen

Doch auch dort nahm die Angst zu: Der Historiker Dan Diner schreibt in seinem Buch „Der andere Krieg“ von einer „Endzeitstimmung“, die in den Juni- und Juli-Tagen des Jahres 1942 in dem britischen Mandatsgebiet geherrscht habe. Gerüchte gingen um, Juden würden Gebäude verkaufen, Zuflucht in Klöstern suchen. „Suizid lag in der Luft. Menschen waren auf der Suche nach Giftstoffen“, schreibt Diner.

Im Zangengriff des Weltenbrands

Für den Jischuw, die jüdische Gemeinschaft Palästinas, war die direkte Konfrontation mit dem Krieg keineswegs neu. Seit 1940 hatte es italienische und dann auch deutsche Luftangriffe gegeben. Durch den Fall Frankreichs und damit des französischen Protektorats Syrien an die Faschisten und einen pro-nazistischen Putsch im Irak 1941, war die Bedrohung bereits vor dem Vorrücken der Achse in Nordafrika schon einmal nah an Palästina herangerückt.

Nun, im Sommer 1942, schien es in der Großwetterlage des Weltenbrandes, als drohe Palästina in einen Zangengriff der potentiell von Süden durch die Sinai-Halbinsel und vom Norden durch den Kaukasus vorstoßenden Achsen-Streitkräfte zu geraten. Sollte der zweifache Durchbruch gelingen, „so wäre der Krieg gewonnen“, freute sich im Juli der deutsche Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop.

Eine Einsatzgruppe stand bereit

Was hätte das für die hunderttausenden Juden des Jischuw bedeutet? Auch wenn Historiker von kontrafaktischen Überlegungen („was wäre gewesen, wenn“) eher Abstand halten sollten: Es fällt schwer, ein Szenario zu erdenken, in dem die Nazis ihre Vernichtungsmaschinerie, die zu diesem Zeitpunkt in Osteuropa zur vollen Entfaltung gelangte, nicht auch auf die Juden Palästinas ausgedehnt hätten.

Foto: Chetwyn Len / Imperial War Museums
Artillerie in der Wüste von Nordafrika

2006 beschrieben die Historiker Klaus-Michael Mallmann und Martin Cüppers in ihrem Buch „Halbmond und Hakenkreuz“, dass im Juni 1942 die Entscheidung gefallen sei, der Panzeramee Afrika eine SS-Einsatzgruppe zuzuordnen, die in Griechenland auf ihren Einsatz hinter den Linien wartete. Sie wiesen auch darauf hin, dass die Vernichtungseinheit unter den arabischen Bevölkerungen wohl willige Kollaborateure gefunden hätte, ähnlich wie es auch in Osteuropa mit den dortigen Völkern der Fall war.

Der arabische Antisemitismus bot den Achsenmächten einen willkommenen Anknüpfungspunkt zur Vorbereitung ihres Einmarsches. Sie flankierten ihre Offensive mit einer Propagandaschlacht in den arabischen Ländern in Form von hunderttausendfach gedruckten Flugblättern oder Postkarten. Darin dienten sie sich den Arabern als Verbündete im Kampf gegen den britischen Kolonialismus und „das neue zionistische Königreich“ an.

Ein zweites Masada im Karmel

Derweil rang die zionistische Führung des Jischuw um die Frage, wie mit der drohenden nazistisch-faschistischen Invasion umgegangen werden sollte. Diner macht in seinem Buch unter den Juden Palästinas zwei Haltungen aus: Die einen hofften, zu einer Kollaboration mit den Besatzern zu kommen und so das eigene Leben zu retten; die anderen plädierten für den Kampf bis zum Untergang.

Konkrete Überlegungen gingen in Richtung eines Partisanenkampfes. Führende Köpfe der zionistischen Verteidigungsorganisation Hagana dachten auch darüber nach, sich im Karmel-Gebirge im Norden bei Haifa zu verschanzen und dort eine symbolische letzte Schlacht zu schlagen. So wäre vielleicht ein „Masada am Karmel“ geschaffen, wie das Vorhaben zwischenzeitlich in Anlehnung an den kollektiven Suizid der Zeloten in der Wüstenfestung Masada im 1. Jahrhundert nach Christus genannt wurde.

Rommels Niederlage rettete den Jischuw

Doch derlei Überlegungen sollten sich letztlich erübrigen. Eine erste Schlacht bei El Alamein war Anfang Juli 1942 in einer Pattsituation geendet. Die Offensive der britischen achten Armee unter dem Kommando Bernhard Montgomerys von Ende Oktober und Anfang November zwang Rommels Truppen jedoch in die Knie, ohne diese allerdings zu vernichten: Die deutsch-italienische Armee hatte sich überdehnt, die Nachschubwege waren lang, die materielle Überlegenheit der Gegenseite, unterstützt von den USA, zu groß. Am 4. November befahl Rommel den Rückzug, ohne die Zustimmung des „Führers“ abzuwarten.

Foto: Geoffrey John Keating / Imperial War Museums
Führte die achte Armee zum Siege: Bernhard Montgomery

Der amerikanische Historiker Jeffrey Herf ordnete die Bedeutung von El Alamein 2016 in einem Beitrag für den Sammelband „What Ifs of Jewish History“ so ein: „Die Schlachten waren lange berühmt als Wendepunkte in der globalen Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Mittlerweile wissen wir, dass sie auch Wendepunkte in der Geschichte des Holocaust waren.“ Die Alliierten in Nordafrika hätten mehr getan für die Rettung jüdischen Lebens, als ihnen möglicherweise bewusst gewesen sei.

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5 Antworten

  1. Der Bericht ist geschichtsträchtig. Irgendwie spielen Führer, sogenannte Politiker, gerne Krieg. Und wenn es Krisen gibt, müssen wir Juden wieder herhalten für deren Unfähigkeit Frieden zu leben. Das Volk willig. Hauptsache sie können ihre Unfähigkeit zu sehen, abladen.
    Italien dieser Tage, Mussolini zurück?
    Schweden?
    OT:
    Könnten User eine Petition unterschreiben, dass Scholz das Terminal in Hbg. nicht an Chinesen verkauft?
    Ausverkauf BRD?
    Katar Anteile Deutsche Bank usw.
    Gas/ Russia sollte Bevölkerung zum Aufwachen
    animieren. Diese idiotischen Verträge-Abhängigkeit.
    Danke@Redaktion

    7
    1. Das sich Einnisten chinesischer Unternehmen in Israel ist auch besorgniserregend, z.B., Haifas neuer Hafenterminal.
      “Noch bedeutsamer sind die Investitionen im Land. Chinesische Konzerne, ob in staatlicher oder privater Hand, kaufen sich vermehrt in israelische Firmen ein, wie 2015 im Fall des 1926 gegründeten Lebensmittelkonzerns Tnuva. Doch auf China trifft man ebenfalls in einem anderen israelischen Bereich: Großbauprojekte, darunter Infrastrukturen wie das Straßentunnelprojekt bei Haifa, der Bau der Bahntrasse Tel Aviv-Jerusalem und der Tel Aviver Straßenbahn, aber auch der Ausbau des Hafens Aschdod.”
      Und und und….siehe Israelnetz 19. Oktober 2021

      7
  2. Ich schliesse mich dem Kommentar von HG an und danke Ihnen ganz herzlich für diese interessanten Informationen!
    Gott sei Dank, ER liess es nicht zu!

    3

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