Japans Gesandter Matsui Keishirō, Großbritanniens Premierminister David Lloyd George, Frankreichs Regierungschef Alexandre Millerand und Italiens Premier Francesco Nitti (v.l.n.r.) am 25. April 1920 in San Remo

Japans Gesandter Matsui Keishirō, Großbritanniens Premierminister David Lloyd George, Frankreichs Regierungschef Alexandre Millerand und Italiens Premier Francesco Nitti (v.l.n.r.) am 25. April 1920 in San Remo

Von der Anspannung zum Jubel

Im Frühjahr 1920 kommen in San Remo Briten und Franzosen zusammen, um über die Zukunft des Nahen Ostens zu beraten. Zionistische Vertreter blicken dem Treffen der Mächtigen mit Sorge entgegen. Am Ende aber feiern sie auf der ganzen Welt. Denn ihr Traum wird im Völkerrecht verankert.

Chaim Weizmann ist angespannt, als er im April 1920 in San Remo eintrifft. In der Stadt an der italienischen Riviera wollen die führenden Weltmächte nach dem Ersten Weltkrieg über die Neuordnung des Vorderen Orients beraten. Weizmann, 45 Jahre alt und später erster Staatspräsident Israels, ist als Vertreter des Zionismus angereist. Er hat bereits Erfahrungen mit solchen Beratungen, war 1919 bei den Pariser Friedensverhandlungen anwesend. Doch jetzt geht ihm einfach nicht aus dem Kopf, was er gerade in Palästina erlebt hat.

In der Jerusalemer Altstadt haben Araber am 4. April ein Pogrom gegen die jüdischen Einwohner entfacht. Es gibt Tote und Verletzte. Angestachelt wurde der Aufstand auch durch Ereignisse in Syrien. Dort hatte der Syrische Nationalkongress den Haschemiten Faisal zum König eines Araber-Reiches ausgerufen – einschließlich Palästinas als „Südsyrien“. In zionistischen Kreisen sorgt auch das Verhalten der Briten für Unmut. Die Engländer haben das Osmanische Reich im Ersten Weltkrieg aus der Levante verdrängt. 1917 bekannten sie sich mit der Balfour-Deklaration zu einer jüdischen Heimstätte in Palästina. Nun aber schauten sie dem Gemetzel der Araber tatenlos zu, während sie gleichzeitig gegen die jüdische Selbstverteidigung vorgingen, lautet der Vorwurf.

In San Remo ist Weizmann voller Sorge, die jüngsten Ereignisse könnten die anstehenden Verhandlungen zu Ungunsten der Juden beeinflussen. Seine Anspannung tritt zutage, als er in der Ankunftshalle eines Hotels auf einen Sekretär des britischen Premierministers trifft und diesem zynisch zum „ersten Pogrom unter britischer Flagge“ gratuliert. So erinnert er sich später in seiner Autobiographie.

Weizmann (l.) und Faisal im Jahr 1918: Als Nationalisten den Araber 1920 zum König eines syrischen Reiches ausrufen, hat das auch Auswirkungen auf die Geschehnisse in Palästina

Weizmann (l.) und Faisal im Jahr 1918: Als Nationalisten den Araber 1920 zum König eines syrischen Reiches ausrufen, hat das auch Auswirkungen auf die Geschehnisse in Palästina

„Ein intelligentes, aber schwer zu regierendes Volk“

Der Gipfel des Obersten Rats der Alliierten nimmt am 19. April die Arbeit auf. Die Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien und Italien – Alexandre Millerand, David Lloyd George und Francesco Nitti – sind gekommen, ebenso ein Vertreter Japans. Später stößt noch ein Gesandter der USA als Beobachter dazu. Sie sehen sich einer langen Tagesordnung gegenüber. Es geht nicht nur um einen Friedensvertrag mit den Osmanen, sondern auch um den weiteren Umgang mit Deutschland.

Erst am Nachmittag des 24. April richtet sich der Blick nach Palästina. Weizmann ist nicht anwesend, als es im Konferenzraum zu langen Diskussionen zwischen Franzosen und Briten kommt. Fest steht zu diesem Zeitpunkt bereits, dass der Nahe Osten in Mandatsgebiete aufgeteilt werden soll. Dies ist in Artikel 22 der Völkerbundsatzung von 1919 vorgesehen. In den betroffenen Gebieten sollen „fortgeschrittene Nationen“ so lange eine „Vormundschaft“ übernehmen, bis die ansässigen Völker „imstande sein werden, sich selbst zu leiten“.

Einig ist man sich zudem, dass das Mandat über Palästina, einschließlich des Teils östlich des Jordan, an Großbritannien geht. Zwar tragen die Franzosen noch einmal ihren Anspruch vor, Schutzmacht der im Lande lebenden Christen zu sein. Doch am Ende ziehen sie zurück. Großbritannien bekommt seinen Willen. Die „Regierung seiner Majestät“ verfolgt geopolitische Interessen in der Region. Zugleich konstatiert Premier Lloyd George laut britischen Notizen noch während der Sitzung, dass eine schwierige Aufgabe auf sein Land zukomme. Schließlich seien die Juden „ein intelligentes, aber schwer zu regierendes Volk“.

Streit um Balfour-Deklaration

Strittig zwischen Briten und Franzosen ist, wie das Mandat genau ausgestaltet werden soll. Anders als von Weizmann befürchtet, nehmen die britischen Verhandler den zionistischen Standpunkt ein. Sie plädieren dafür, die Balfour-­Deklaration in den angestrebten Friedensvertrag mit der Türkei aufzunehmen. Damit würde sie zum verbindlichen internationalen Recht werden. Außenminister George Curzon weist darauf hin, dass die Zionisten dieser Forderung „leidenschaftliche Bedeutung“ zumäßen und andernfalls „nicht nur enttäuscht, sondern zutiefst erzürnt“ sein würden.

Die Franzosen reagieren dennoch zurückhaltend. Britischen Notizen zufolge nennt Verhandler Philippe Berthelot die Balfour-­Deklaration einen „toten Brief“. Es sei nicht gewöhnlich, sich in einem offiziellen Dokument auf eine halb-offizielle Schrift zu beziehen. Die Darstellung der britischen Seite, auch Frankreich habe Balfours Willensbekundung doch längst anerkannt, weist er zurück. Doch auch hier behält Großbritannien die Oberhand. Balfours Brief – und damit sein Bekenntnis zu einer jüdischen Heimstätte in Palästina – wird in den Entwurf für den Friedensvertrag mit dem Osmanischen Reich inkorporiert, der Träger des Palästinamandats beauftragt, „die Deklaration vom 2. November 1917 in die Tat umzusetzen“. Zudem sollen die „bürgerlichen und religiösen Rechte“ der Nicht-Juden in Palästina geschützt werden. Auch diese Formulierung ist eine britische. Denn anders als von den Franzosen gewollt, werden die politischen Rechte der Nicht-Juden in Palästina nicht im Vertrag verankert.

Am 25. April zurren die Mächte die Aufteilung des Nahen Ostens fest. Neben Palästina erhalten die Briten das Mandat über Mesopotamien, den späteren Irak. Die Franzosen übernehmen Syrien, einschließlich des heutigen Libanon, und vertreiben den zum König ausgerufenen Faisal aus Damaskus. Die Grenzen werden in zahlreichen Einzelvereinbarungen separat festgelegt. Für Palästina orientiert man sich letztlich an einer biblischen Formel, wonach das Land „von Dan bis Be‘er Scheva“ reicht – es sind die historischen Grenzen Israels.

In San Remo teilen Franzosen und Briten den Nahen Osten in Mandatsgebiete auf. Die Grenzen werden separat festgelegt. Palästina umfasst zunächst auch die Gebiete jenseits des Jordan. Großbritannien lässt jedoch früh durchblicken, dass „Transjordanien“, also der Teil jenseits des Jordan, nicht an die Zionisten gehen soll. Später wird der östliche Teil des Mandats für die Araber abgetrennt.

In San Remo teilen Franzosen und Briten den Nahen Osten in Mandatsgebiete auf. Die Grenzen werden separat festgelegt. Palästina umfasst zunächst auch die Gebiete jenseits des Jordan. Großbritannien lässt jedoch früh durchblicken, dass „Transjordanien“, also der Teil jenseits des Jordan, nicht an die Zionisten gehen soll. Später wird der östliche Teil des Mandats für die Araber abgetrennt.

Weltweit feiern Juden das Ergebnis der Konferenz

Zwar verweigern die türkischen Nationalisten um Mustafa Kemal dem in San Remo geformten Friedensvertrag die Ratifikation. Doch die San-Remo-Resolution leistet entscheidende Vorarbeit für die Bestätigung des Palästina­mandats durch den Völkerbund im Jahr 1922.

Für die Zionisten sind die Entscheidungen ein großer Sieg. Weltweit feiern Juden das Ergebnis der Konferenz, auch in Berlin. „Der große Augenblick ist gekommen, wo die Erfüllung unserer Sehnsucht eingetroffen ist“, sagt dort der deutsche Zionist Alfred Klee und spricht von einem „Moment des historischen Wendepunktes im Geschicke unseres Volkes“. Die Araber sind hingegen enttäuscht und sehen sich von den Briten hintergangen, denen sie im Ersten Weltkrieg geholfen hatten, die Osmanen zu vertreiben. Es kommt zu neuerlichen Aufständen. Schon im Juli tritt der Jude Herbert Samuel seine Aufgabe als erster britischer Hochkommissar in Palästina an. Bis zur Gründung eines Judenstaates wird es allerdings noch 28 Jahre dauern.

Die Folgen der Konferenz bleiben auch 100 Jahre danach umstritten. Pro-israelische Beobachter wie der inzwischen verstorbene Völkerrechtler Howard Grief vertreten die Ansicht, dass bereits in San Remo die Errichtung eines jüdischen Staates legalisiert worden sei – nicht erst durch den UN-Teilungsplan von 1947, der als Resolution der Generalversammlung sowieso kein bindendes Völkerrecht statuiert. Daraus folgt für Grief auch, dass der israelische Siedlungsbau im heutigen Westjordanland keineswegs völkerrechtswidrig sei. Schließlich schloss das Palästinamandat auch Judäa und Samaria ein. Andere weisen darauf hin, dass der Begriff der Heimstätte uneindeutig sei und nicht zwangsläufig in einem jüdischen Staat münden musste. Unabhängig davon ist klar: Die Ergebnisse von San Remo wirken bis heute nach. Sie haben einen entscheidenden Grundstein für den Nahen Osten der Gegenwart gelegt.

Von: Sandro Serafin

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