Unter schwerer Polizeibewachung beten Juden auf dem ehemaligen Tempelplatz, in dessen Mitte heute, seit weit mehr als einem Jahrtausend, der Felsendom steht. „Es werde bald der Tempel gebaut!“, singen sie laut, und einige legen sich in Anbetung auf den Boden in Richtung des ehemaligen Heiligtums.
Am einzigen Zugang für Juden und andere Nicht-Muslime warten am Donnerstagmorgen, dem Gedenktag zur Tempelzerstörung, schon zur Öffnungszeit um 6.30 hunderte von Menschen in der Nähe des Misttores in der Jerusalemer Altstadt. Mit fast 3.700 jüdischen Besuchern ist das ein neuer Rekord für diesen Ort.
Nach einer Sicherheitskontrolle erfolgt eine gründliche Belehrung, wie man sich auf dem Tempelplatz zu verhalten hat. Das Mitnehmen von Gebetsbüchern und der Tora ist nicht erlaubt, um Provokationen zu vermeiden. Mehrere bewaffnete Polizisten begleiten die Gruppen von jeweils 70 Personen, die nur im Abstand über die einst provisorisch gebaute Brücke auf den begehrten Platz gehen dürfen.
Barfuß aus Ehrfurcht
Manche Besucher reißen zum Zeichen der Trauer ihr Hemd oder T-Shirt am Kragen ein. Aus Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Platzes gehen viele Beter in Strümpfen oder gar barfuß über die Steinplatten.
Auf dem Rundgang lassen die Polizeibegleiter die Gruppe mehrmals zum Beten anhalten. Es geht um die Sehnsucht nach der Nähe Gottes und um die Anbetung des Schöpfers. Immer wieder werden Lieder angestimmt, in welche die Besucher mit einstimmen. Einzelne beten laut Trauergebete, die nach jedem Abschnitt mit „Amen“ bestätigt werden. Beim letzten Halt singen sie laut und sehnsuchtsvoll, dass der dritte Tempel doch bald gebaut werden möge.
Die Polizisten drängen die Gruppe. Es ist Zeit, den Platz zu verlassen. Außerhalb des Tores, in Richtung des arabischen Marktes, bleiben viele stehen und beten weiter.
Wer kontrolliert den Tempelberg?
Die israelische Polizei kontrolliert zwar die Zugänge des „Har HaBait“, des „Bergs des Hauses“, wie der Tempelberg von der jüdischen Bevölkerung genannt wird, und ist für die Sicherheit zuständig. Doch die Aufsicht der heiligen islamischen Stätten liegt bei der Waqf-Behörde, einer islamischen Stiftung, die von der jordanischen Regierung kontrolliert und finanziert ist. Israel hatte den Tempelberg 1967 im Sechs-Tage-Krieg erobert, aber umgehend an die muslimische Behörde zurückgegeben.
Die Entwicklung, dass Juden zum Gebet auf den Tempelberg gehen, ist neu. Der Großteil der Gläubigen verweigert einen Besuch, aus Furcht, versehentlich den Ort des Allerheiligsten zu betreten und damit zu entweihen. Gemäß dem 3. Buch Mose war der Besuch des Allerheiligsten nur dem Hohepriester am Jom Kippur gestattet.
Zentraler Platz der biblischen Geschichte
Die biblische Geschichte des Tempelbergs geht bis auf die Zeit des Erzvaters Abraham zurück. Laut dem biblischen Bericht von 1. Mose 22 sandte Gott Abraham auf den Berg Moria, der heute noch offiziell so heißt, um ihn zu prüfen. Gott sah hier Abrahams Bereitschaft, ihm Isaak, seinen geliebten Sohn, zu opfern. Doch in letzter Minute schenkte er ihm ein Tier zum Opfer. Da empfing Abraham die Verheißung der großen Vermehrung seiner Nachkommen – und dass sie die Tore ihrer Feinde besitzen sollen.
König David kaufte diesen Ort für 600 Goldschekel von dem Jebusiter Ornan, um einen Altar zu bauen nach Gottes Anweisung durch den Propheten Gad, nach 1. Chronik 21.
An diesem Ort baute der König Salomo den ersten Tempel laut dem biblischen Bericht aus 2. Chronik 1.
Juden nennen den Felsen, über dem heute der Felsendom gebaut ist, „Even HaSchtia“. Der jüdischen Tradition gemäß stand die Bundeslade im Allerheiligsten des Tempels, und auf diesem Felsen habe die Schöpfung begonnen.
Der heutige Felsendom wurde in den Jahren 687 bis 691 unserer Zeitrechnung erbaut. Nach der Al-Haram-Moschee mit der Kaaba in Mekka und der Prophetenmoschee in Medina ist er der drittwichtigste Sakralbau im Islam.
Von: Benjamin J.
Benjamin J. stammt aus Deutschland. Seit seinem 27. Lebensjahr lebt er in Israel. Er ist Christ, Ehemann, fünffacher Vater und als Freiwilliger bei Feuerwehr und der Grenzschutzpolizei im Kreis Hadera aktiv.