Neue Methode hilft Suchtkranken per Ultraschall

Eine neue Ultraschall-Behandlung aus Israel könnte Patienten von Suchterkrankungen befreien. Bei einem Patienten gibt es bereits einen Erfolg.
Von Jörn Schumacher
Experten des Rambam-Krankenhaus haben durch eine neuartige Behandlung einen Patienten von seiner Schmerzmittel-Sucht geheilt

HAIFA (inn) – Ärzte des Rambam-Krankenhauses in Haifa haben erstmals eine bahnbrechende Behandlung von Schmerzmittel-Abhängigkeit durchgeführt. Mit Ultraschallwellentechnologie halfen sie einem Mann, von seinen täglich 130 Schmerztabletten loszukommen. Der Einsatz dauerte nur 20 Minuten.

Die neuartige israelische Technologie wurde von „Insightec“ entwickelt, einem 1999 gegründeten Spezialisten für fokussierten Ultraschall mit Sitz in Haifa und Miami. Das Herzstück von „Insightec“ ist die Kombination zweier hochentwickelter Technologien: fokussiertem Ultraschall und Magnetresonanztomographie (MRT). Die Behandlung kommt ganz ohne Skalpelle oder Einschnitte aus.

Der Patient, ein Familienvater in den Vierzigern, erlitt vor einigen Jahren eine Nackenverletzung, teilte das Rambam-Krankenhaus am 24. Juni mit. Zur Schmerzlinderung wurden ihm Opioide verschrieben. Mit der Zeit ließen die Schmerzen nach, doch er konnte die Medikamente nicht absetzen.

Das interdisziplinäre Expertenteam modulierte die elektrische Aktivität einer Hirnregion namens Nucleus accumbens. Diese gilt als Kernstück des Belohnungssystems im Gehirn und ist für Gefühle wie Freude, Zufriedenheit und Bestärkung verantwortlich. Die Region spielt aber auch bei der Entstehung von Suchterkrankungen eine Rolle, wie sie im Zusammenhang mit Alkohol, Nikotin oder Glücksspiel auftreten können. Daher glauben die Experten, die neue Technologie eines Tages auch zur Behandlung von Erkrankungen in diesen Bereichen einsetzen zu können.

Die auf der „Insightec“-Technologie basierende Behandlung ähnelt jener, die zur Linderung von Tremor etwa bei Parkinson-Patienten eingesetzt wird. Dabei werden unter MRT-Einsatz Elektroden ins Gehirn eingesetzt; diese ermöglichen eine gezielte Stimulation oder Hemmung der Hirnregion. Doch die neue Methode kommt ohne Erhitzung oder Zerstörung von Gewebe aus. Sie wurde bereits in ausgewählten US-Krankenhäuser zum Einsatz und nun auch im Rambam-Krankenhaus.

Von drei Schachteln Zigaretten auf wenige Zigaretten pro Tag

„Bereits während der Behandlung war eine Verringerung des Opioidverlangens des Patienten zu beobachten“, sagte Lior Lev-Tov, Leiter der Abteilung für funktionelle Neurochirurgie am Rambam und Studienleiter. „Eine Woche später fielen die Tests auf Opioide und andere Substanzen negativ aus, und der Patient gab ein Verlangen von null auf einer Skala von null bis zehn an.“

Der Patient reduzierte zudem seinen Zigarettenkonsum deutlich von drei Schachteln pro Tag auf nur noch wenige Zigaretten. Außerdem verspürte er keinerlei Verlangen mehr nach Alkohol. „Sein Verlangen nach Opioiden ist vollständig verschwunden, und er sagte, er fühle sich, als ob er sein Leben zurückgewonnen habe“, erklärte Lev-Tov.

Der Patient muss nun mindestens ein Jahr weiter untersucht werden, um sicherzugehen, dass die Behandlung auch langfristig erfolgreich war. Fünf weitere israelische Patienten mit einer ähnlichen Suchterkrankung würden nun ebenfalls die gleiche Behandlung erhalten.

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Neue Behandlungsmöglichkeiten

Lev-Tov sprach von einem „medizinischen und therapeutischen Durchbruch“. Die neuartige Behandlung sei nicht nur bei der Suchtbehandlung einsetzbar, sondern stelle eine grundsätzliche nicht-invasive Methode dar, um tiefe und hochsensible Hirnregionen zu erreichen – Bereiche, die für Belohnung, Motivation, Verlangen und Impulskontrolle verantwortlich sind.

Mit dem neuen Ansatz könnten Zwangsstörungen, posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen und schwere Depressionen sowie andere Formen der Sucht und chronische Schmerzsyndrome behandelt werden, betonte auch Amir Minerbi, Leiter des Schmerzmedizinischen Instituts des Krankenhauses und Betreiber einer Spezialklinik für Opioidentzug und Suchtbehandlung in einem Interview mit der „Jerusalem Post“.

Opioide Schmerzmittel seien hochwirksam für die kurzfristige Schmerzbehandlung und blieben ein wichtiges medizinisches Instrument, sagte Minerbi. Aber ein kleiner Anteil der Patienten entwickele eine Abhängigkeit. Bei Langzeitkonsumenten verlieren Opioide allerdings an Wirksamkeit. Außerdem bringen sie mehrere negative Nebenwirkungen mit sich.

Hoher Missbrauch in Israel

Die israelischen Behörden schätzen, dass es jährlich zwischen 50 und 60 Todesfälle durch Überdosen von Opioiden gibt. Experten vermuten, dass die Dunkelziffer weit höher liegt. Eine Studie des Taub-Zentrums für Sozialpolitik in Jerusalem vom März 2023 kam zu dem Schluss, dass der Konsum von Schmerzmitteln in Israel mit zu den größten weltweit gehört. Infolge des Terrormassakers vom 7. Oktober 2023 beobachten Suchtexperten einen deutlichen Anstieg des Substanzmissbrauchs und der Rückfälle unter Überlebenden.

Die Opioidabhängigkeit gilt als weltweite Krise der öffentlichen Gesundheit. Allein in den USA hat sie Hunderttausende Menschenleben gefordert; die wirtschaftlichen Schäden werden auf jährlich rund 60 Milliarden US-Dollar geschätzt.

Wege aus der Sucht

Bis jetzt erfolgt die Behandlung eines Opioidentzugs auf zwei Wegen: Der erste sieht eine schrittweise Dosisreduzierung bis zum vollständigen Absetzen vor. Die Erfolgsraten liegen hier bei nur etwa 5 Prozent. Der zweite Ansatz setzt auf Ersatzmedikamente, die an denselben biologischen Mechanismen ansetzen wie die Suchtsubstanz.

Die neue Behandlungsmethode zielt direkt auf die an der Sucht beteiligten Hirnregionen ab; man hofft, dass sie Tausenden von abhängigen Menschen eine sicherere und weniger traumatische Lösung bieten wird.

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