Merkava – der „Wagen“ G’ttes

Sowohl in der Bibel, als auch in der jüdischen Mystik spielt der g'ttliche Thronwagen eine Rolle. Zudem ist ein Panzer der israelischen Armee danach benannt.
Von Gundula Madeleine Tegtmeyer

Der Begriff Merkava, oft auch Merkaba geschrieben, bezeichnet im Judentum in den prophetischen Büchern den mystischen Thron- oder Himmelswagen G’ttes. Das hebräische Wort bedeutet „Streitwagen“ oder „Fahrzeug“. Es kommt etwa in 2. Mose 14,6 und Hohelied 3,9 vor.

Der Prophet Hesekiel (1,4–24) sieht ein prächtiges Gefährt mit leuchtenden Rädern, es wird von vier Lebewesen bewegt. Jedes Wesen hat vier Gesichter: Mensch, Löwe, Stier und Adler; hinzu kommen vier Flügel, die einen leuchtenden Thron begleiten.

Und ich sah: Und siehe, ein Sturmwind kam von Norden her, eine große Wolke und ein Feuer, das hin- und herzuckte, und Glanz war rings um sie her. Und aus seiner Mitte, aus der Mitte des Feuers, ⟨strahlte es⟩ wie das Funkeln von glänzendem Metall. Und aus seiner Mitte hervor ⟨erschien⟩ die Gestalt von vier lebenden Wesen; und dies war ihr Aussehen: Die Gestalt eines Menschen hatten sie. Und vier Gesichter hatte jedes, und vier Flügel hatte jedes von ihnen. Und ihre Beine waren gerade Beine und ihre Fußsohlen wie die Fußsohle eines Kalbes; und sie funkelten wie das Funkeln von blanker Bronze. Und Menschenhände waren unter ihren Flügeln an ihren vier Seiten; und die vier hatten ihre Gesichter und ihre Flügel. Ihre Flügel berührten sich, einer mit dem anderen; sie wandten sich nicht um, wenn sie gingen; sie gingen, ein jedes gerade vor sich hin. Und ⟨das war⟩ die Gestalt ihrer Gesichter: Das Gesicht eines Menschen und das Gesicht eines Löwen hatten die vier rechts, und das Gesicht eines Stieres hatten die vier links, und das Gesicht eines Adlers hatten die vier. Und ihre Flügelwaren ⟨nach⟩ oben ausgespannt; jedes hatte zwei, die sich einer ⟨mit dem anderen⟩ berührten, und zwei, die ihre Leiber bedeckten. Und sie gingen ein jedes gerade vor sich hin; wohin der Geist gehen wollte, dahin gingen sie; sie wandten sich nicht um, wenn sie gingen. Und mitten zwischen den lebenden Wesen war ein Schein wie von brennenden Feuerkohlen; wie ein Schein von Fackeln war das, was zwischen den lebenden Wesen hin- und herfuhr; und das Feuer hatte einen Glanz, und aus dem Feuer fuhren Blitze hervor. Und die lebenden Wesen liefen hin und her, sodass es aussah wie Blitze. Und als ich die lebenden Wesen sah, siehe, da war ein Rad auf der Erde neben den lebenden Wesen, bei ihren vier Vorderseiten. Das Aussehen der Räder und ihre Verarbeitung war wie das Funkeln von Türkis, und die vier hatten ein und dieselbe Gestalt; und ihr Aussehen und ihre Verarbeitung war, wie wenn ein Rad mitten im ⟨anderen⟩ Rad wäre.Wenn sie gingen, dann gingen sie nach ihren vier Seiten hin; sie wandten sich nicht um, wenn sie gingen. Und ihre Felgen, sie waren hoch, und als ich sie anblickte, ⟨sah ich,⟩ dass ihre Felgen voller Augen waren rings herum bei den vieren. Und wenn die lebenden Wesen gingen, gingen ⟨auch⟩ die Räder neben ihnen her; und wenn die lebenden Wesen sich von der Erde erhoben, erhoben sich ⟨auch⟩ die Räder. Wohin der Geist gehen wollte, gingen sie, dahin, wohin der Geist gehen ⟨wollte⟩. Und die Räder erhoben sich gleichzeitig mit ihnen, denn der Geist des lebenden Wesens war in den Rädern. Wenn ⟨jene⟩ gingen, gingen ⟨auch diese⟩, und wenn ⟨jene⟩ stehen blieben, dann blieben ⟨auch diese⟩ stehen; und wenn sich ⟨jene⟩ von der Erde erhoben, ⟨dann⟩ erhoben sich die Räder gleichzeitig mit ihnen. Denn der Geist des lebenden Wesens war in den Rädern. Und über den Häuptern des lebenden Wesens war etwas wie ein festes Gewölbe, wie das Funkeln eines Furcht einflößenden Kristalls, ausgebreitet oben über ihren Häuptern. Und unter dem festen Gewölbe waren ihre Flügel gerade ⟨ausgebreitet⟩, einer gegen den anderen; und jedes hatte zwei ⟨Flügel⟩, die ihnen ihre Leiber bedeckten. Und wenn sie gingen, hörte ich das Rauschen ihrer Flügel wie das Rauschen großer Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, das Rauschen einer Volksmenge, wie das Rauschen eines Heerlagers. Wenn sie stillstanden, ließen sie ihre Flügel sinken. (Elberfelder Bibel)

In der frühen jüdischen Mystik inspirierte Hesekiels Vision zu intensiver, kontemplativer Meditation, bei der gläubige Anhänger versuchten, spirituell „aufzusteigen“ und das g´ttliche Reich zu schauen. Die Merkava-Mystik ist eine der ältesten mystischen Strömungen im Judentum. Der Begriff Ma’asseh Merkava, deutsch: „das Werk des Wagens“ beschreibt die Betrachtung und Kontemplation über den „Thron G´ttes“.

Ziel ist nicht, G´tt selbst zu sehen, sondern durch verschiedene spirituelle Praktiken die himmlischen Paläste, die Hechalot, zu durchschreiten. Die Praktiken und Berichte jüdischer Mystiker, die g´ttliche Offenbarungen suchten, wurden in der sogenannten Hechalot-Literatur niedergeschrieben. Sie enthält Beschreibungen von Engeln, Prüfungen und Hymnen, die zum Schutz auf der riskanten Reise durch den Himmel gesungen wurden.

Da die Ausübung dieser Form der Mystik als spirituell extrem fordernd galt, war sie strengen Regeln unterworfen und Gelehrten vorbehalten, die bereits tief in der Tora bewandert waren. Die Merkava-Mystik legte den Grundstein für die spätere jüdische Mystik, die Kabbala, wörtlich: „das Überlieferte“. Sie beschäftigt sich tiefgehend mit dem Wesen G‘ttes, der Schöpfung und dem Weg der menschlichen Seele. Als zentrales Werk gilt der „Sohar“, ein mystischer Kommentar zur Tora.

Kabbalisten glauben, dass hinter dem buchstäblichen Text der Heiligen Schriften eine tiefere, geheime Weisheit liegt. Ein zentraler Grundgedanke ist, dass das menschliche Ego überwunden werden muss, um eine tiefere Verbindung zu G‘tt und zur Schöpfung zu erlangen.

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Die Konzepte aus den Merkava-Visionen flossen in spätere esoterische Auslegungen über die Schöpfung, die g´ttliche Gegenwart, Schechina, und die Struktur des Universums ein. In einigen späteren Traditionen repräsentiert die Merkaba die Harmonie scheinbar gegensätzlicher Kräfte in der Welt, die zusammenwirken, um einem höheren, göttlichen Zweck zu dienen.

Kampfpanzer der israelischen Streitkräfte

Das Wort Merkava begegnet uns auch in einem anderen Kontext, einem sehr weltlichen, denn es bezeichnet eine Serie von Kampfpanzer der israelischen Streitkräfte, die seit 1978 produziert werden. Der in Israel entwickelte Merkava sollte die Armee von ausländischen Waffenlieferanten unabhängig machen.

Eine Besonderheit der Kampfpanzer dieser Serie ist der Einbau des Antriebsstranges in die Wannenfront, um als zusätzlicher Schutz für die Besatzung zu dienen; es maximiert die Überlebenschancen der Besatzung. Neben der regulären vierköpfigen Besatzung (Kommandant, Richtschütze, Ladeschütze, Fahrer) bietet der Merkava auch Platz für verwundete Soldaten oder eine abgesessene Infanteriegruppe.

Mit einer Fahrzeugmasse von 65 Tonnen ist der Merkava IV im Jahr 2012 der schwerste in Serie produzierte Panzer der Welt. Das Chassis wird auch im Mannschaftstransporter Namer, deutsch: Leopard, verwendet.

Abraham als Teil von G’ttes Plan

Wenden wir uns nach dem militärischen Exkurs wieder der Hebräischen Bibel und somit dem Wortursprung zu: Der jüdische Patriarch Abraham steht in einem direkten und engeren Kontakt zu G´tt, wie nie ein Mensch zuvor, die Tora beschreibt sein Leben detaillierter als das von allen anderen biblischen Gestalten. Abraham ist Teil des g´ttlichen Planes.

Zu Beginn der Parascha (Wochenabschnitt) Lech Lecha (1. Mose 12,1–17,27) befiehlt G´tt Abraham, seine angestammte Heimat zu verlassen, um ihn in seine neue Heimat Kanaan zu führen. Dort schließt er mit ihm einen ewigen Bund, in dem G´tt Abraham das Land Israel und eine Vielzahl von Nachkommen verspricht. Doch Abram und seine Frau Sarai sind bereits hochbetagt. Und dennoch: G´tt prophezeit, dass Sarai ihm einen Sohn gebären wird und verspricht Abram:

Nein, ⟨sondern⟩ Sara, deine Frau, wird dir einen Sohn gebären. Und du sollst ihm den Namen Isaak geben! Und ich werde meinen Bund mit ihm aufrichten zu einem ewigen Bund für seine Nachkommen nach ihm.
1. Mose 17,19

In 1. Mose 17,1-7 ändert G‘tt Abrams Namen, fortan soll er Abraham heißen:

Und Abram war 99 Jahre alt, da erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm: Ich bin Gott, der Allmächtige. Lebe vor meinem Angesicht, und sei untadelig! Und ich will meinen Bund zwischen mir und dir setzen und will dich sehr, sehr mehren. Da fiel Abram auf sein Angesicht, und Gott redete mit ihm und sprach: Ich, siehe, ⟨das ist⟩mein Bund mit dir: Du wirst zum Vater einer Menge von Nationen werden. Und nicht mehr soll dein Name Abram heißen, sondern Abraham soll dein Name sein! Denn zum Vater einer Menge von Nationen habe ich dich gemacht. Und ich werde dich sehr, sehr fruchtbar machen, und ich werde dich zu Nationen machen, und Könige werden aus dir hervorgehen. Und ich werde meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir und deinen Nachkommen nach dir durch ⟨alle⟩ihre Generationen zu einem ewigen Bund, um dir Gott zu sein und deinen Nachkommen nach dir. 

In 1. Mose 17, 15 kündigt G´tt an, dass Sarai trotz ihres hohen Alters gesegnet wird und der Stammutter zahlreicher Völker angehören wird und fortan den Namen Sarah tragen wird:

Und Gott sprach zu Abraham: Deine Frau Sarai sollst du nicht ⟨mehr⟩Sarai nennen, sondern Sara soll ihr Name sein! Und ich werde sie segnen, und auch von ihr gebe ich dir einen Sohn; und ich werde sie segnen, und sie wird zu Nationen werden; Könige von Völkern sollen von ihr kommen. 

Unmittelbar nachdem G´tt diese Worte an Abraham gerichtet hatte, lesen wir in 1. Mose, 17, 22: Und er hörte auf, mit ihm zu reden; und Gott fuhr auf von Abraham.

Schillernde Persönlichkeit im Talmud

Eine der schillerndsten Persönlichkeiten des Talmud ist Rabbi Schim’on Ben Lakisch (circa 200 bis 275), bekannt als Resch Lakisch. Er gehört zu den bedeutendsten Amoräern, lebte in Tiberias, wie auch sein Schwager Rabbi Jochanan, mit dessen Schwester er verheiratet war.

Als Amoräer, aramäisch Amora’im, „die Sprechenden“ oder „die Erklärenden“, bezeichnet man jüdische Schriftgelehrte des 3. bis 5. Jahrhunderts nach der Zeitrechnung. Sie wirkten nach dem Abschluss der Mischna und waren maßgeblich an der Ausarbeitung des Talmud beteiligt. Die Lehren ihrer Vorgänger, der sogenannten Tannaiten, der Verfasser der Mischna, waren meist sehr kurz gefasst. Die Amoräer hatten die Aufgabe, diese Aussagen zu erklären, zu diskutieren, Widersprüche zu klären und Gesetze für den Alltag daraus abzuleiten.

Aus ihren lebhaften Diskussionen und Auslegungen entstanden die beiden großen Talmud-Werke: der Jerusalemer Talmud, er geht auf die palästinischen Amoräer zurück, und der Babylonische Talmud, geprägt durch die babylonischen Amoräer, im heutigen Irak.

Um die Person des Resch Lakisch ranken sich etliche Legenden. So soll er zunächst Räuber und Gladiator gewesen sein, bevor er Teschuva tat, wörtlich „Rückkehr“ und im Judentum die Umkehr zu G‘tt oder den Weg der Reue und Wiedergutmachung. Schließlich habe er sich dem Tora-Studium zugewandt. Resch Lakisch erklärt, die Erzväter seien die Merkava (Midrasch Rabba 47,6).

Fromme als Merkava

Der mittelalterliche Gelehrte Raschi (circa 1040–1105) übernimmt diesen Midrasch und kommentiert ihn wie folgt: „Daraus lernen wir, dass die Zaddikim, die Frommen, die Merkava G´ttes sind.“ Der Name ist ein Akronym für Rabbi Schlomo Izchaki; Raschi wird oft auch als Rabban Schel Israel, der „Großlehrer Israels“, bezeichnet.

Raschi war ein französischer Rabbiner und maßgeblicher Kommentator des Tanach und Talmud. Tanach ist ein Akronym, es setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der drei Hauptteile zusammen: Tora (Weisung/Gesetz), Neviʾim (Propheten) und Ketuvim (Schriften). Raschi gilt als einer der bedeutendsten jüdischen Gelehrten des Mittelalters und bekanntester Bibelexeget, sein Bibelkommentar wird bis heute studiert.

Einfluss auf christliche Ausleger

Seine Peschat-Auslegungsmethode, somit „der einfache Wortsinn“, revolutionierte die Bibelexegese und prägte viele christliche Gelehrte des Mittelalters und der Reformationszeit maßgeblich. Unter den wichtigen christlichen Exegeten, die auf Raschis Schriften zurückgriffen, finden wir den Franziskaner Nikolaus von Lyra (circa 1270–1349) und Hugo von St. Victor (1096–1141), er stand in regem Austausch mit jüdischen Gelehrten in Nordfrankreich und übernahm viele von Raschis historisch-wörtlichen Interpretationsmethoden.

Andreas von St. Victor († 1175), ein Regularkanoniker an der Abtei St. Viktor südlich von Paris, gilt als der christliche Gelehrte seiner Zeit, der am stärksten von jüdischer Wortsinn-Exegese geprägt war. Er nutzte die Kommentare von Raschi und dessen Schülern. Der Reformator Martin Luther (1483–1546) nutzte die Schriften von Nikolaus von Lyra und der jüdischen Tradition intensiv für seine eigene Bibelübersetzung.

Sind die jüdischen Erzväter womöglich die Merkava der Schechina, der göttlichen Gegenwart oder des „Wohnens G‘ttes in der Welt“? Als G´tt mit Abraham sprach, war die Shechina „auf Abraham“, hebräisch me’al Awvraham. Dies ist bemerkenswert, denn me´al finden wir an keiner weiteren Stelle in der Tora. Als ER sein Gespräch mit Abraham beendete, stieg ER von ihm auf.

Der Ausleger Ramban (1194–1279), auch bekannt als Nachmanides (Rabbi Mosche Ben Nachman), fügt am Ende seines Kommentars folgende Bemerkung hinzu: We haMaskil jawin, deutsch: Der Gebildete wird dies verstehen.

Nachmanides war ein bedeutender jüdischer Gelehrter, Philosoph, Arzt und Kabbalist des Mittelalters. Der im spanischen Girona geborene Gelehrte verfasste wegweisende Tora-Kommentare und verteidigte das Judentum. Nach einem erzwungenen Religionsgespräch musste er nach Palästina fliehen, wo er unter anderem die jüdische Gemeinde in Jerusalem wiederbelebte.

Merkava ist ein Symbol für die g´ttliche Majestät, seine Allgegenwart und seine absolute Souveränität über den Kosmos. Was die Tora letztendlich meint, wenn sie vom „Wagen G´ttes“ spricht, bleibt womöglich ihr unergründliches Geheimnis.

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