„Marsch der Lebenden“: Rettung wie bei Mose im Schilfkästchen

Beim „Marsch der Lebenden“ in Auschwitz entzünden Überlebende der Schoa Gedenkfackeln. Zwei von ihnen verbindet eine besondere Geschichte.
Von Israelnetz
Marsch des Lebens in Auschwitz

AUSCHWITZ (inn) – Auf selbstverständliche Weise Weise jüdisch sein – dazu hat Rabbi Yehuda Kaploun am Dienstag in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz in Polen aufgerufen. Er ist Beauftragter der US-Regierung gegen Antisemitismus. Anlass war der „Marsch der Lebenden“ von Auschwitz nach Birkenau. Er empfindet den Weg nach, den Juden während der Nazizeit auf dem Weg zu den Gaskammern zurücklegen mussten.

An dem Marsch nahmen etwa 7.000 Menschen teil. Unter ihnen waren 50 Überlebende der NS-Verfolgung, von denen zehn in Israel leben, sowie junge Juden aus aller Welt.

Der „Marsch der Lebenden“ findet jährlich am israelischen Holocaust-Gedenktag, Jom HaSchoa, statt. Im Gedenken an die etwa sechs Millionen ermordeten Juden werden in Auschwitz sechs Fackeln entzündet. Jede hat eine besondere Bedeutung. Hinzu kommt eine siebte Fackel für die Resilienz und das Wiederaufstehen nach der Schoa.

Mit Licht gegen die Dunkelheit

Die Fackel gegen Antisemitismus entzündete Rabbi Kaploun mit dem Vorsitzenden des Jüdische Weltkongresses, Sylvan Adams. Zudem wirkten Überlebende der Anschläge auf israelische Diplomaten in Washington, eine Synagoge in Manchester und eine Chanukka-Feier in Sydney mit. Rabbi Kaploun sagte, der Antisemitismus nehme heute wieder beispiellos zu. Dagegen müsse weltweit vorgegangen werden. Die Kerzen ehrten das Erbe der sechs Millionen. „Licht wird die Dunkelheit des Bösen überwinden.“ Adams‘ Eltern waren rumänische Juden, die den Holocaust überlebten.

Eine weitere Fackel steht für den Schutz. Sie wurde von Mitgliedern einer internationalen Polizeidelegation angesteckt, der 130 ranghohe Polizisten aus aller Welt angehörten. Delegationsleiter Paul Goldenberg verwies auf die unrühmliche Rolle der Polizei im Holocaust, die diesen unterstützt habe. Heute müssten jüdische Gemeinden gegen Hass geschützt werden.

Die Fackel der Befreiung wurde den alliierten Truppen gewidmet, die den Krieg gegen Nazideutschland gewannen und die Häftlinge befreiten. Eine Überlebende der Konzentrationslager Ravensbrück und Bergen-Belsen, Mala Tribich, entzündete sie mit zwei Mitarbeitern vom „Marsch der Lebenden“ aus dem Vereinigten Königreich.

Fackel mit Tochter des Retters entzündet

Hannah Yakin wuchs als Tochter eines Christen und einer Jüdin in den Niederlanden auf. Ihr Vater fälschte Dokumente für Juden. Da sie gut zeichnen konnte, half sie bereits als Neunjährige dabei, etwa unvollständige Stempel zu ergänzen. Heute ist sie 93 Jahre alt und lebt in Jerusalem.

Ein Kind, das ihr Vater rettete, ist Willem Bernhard Gazan. Er kam 1942 in einem Versteck in einem niederländischen Dorf auf die Welt, wurde in einem Koffer nach Amsterdam gebracht und an Yakins Vater übergeben. Dieser legte das Kind vor dem Eingang des Nachbarhauses ab, wo ein kinderloses nicht-jüdisches Ehepaar lebte. Die beiden empfanden das Baby als Gottesgeschenk und nahmen es auf. Die kleine Hannah fuhr es in ihrem Puppenwagen im Garten spazieren.

Hannah Yakin und Willem Bernhard Gazan Foto: MOTL
Haben eine gemeinsame Überlebensgeschichte: Willem Bernhard Gazan und Hannah Yakin

Die beiden entzündeten gemeinsam die Fackel der Hoffnung zu Ehren der „Gerechten unter den Völkern“, die während der Schoa Juden retteten. Gazan verglich sich selbst mit dem biblischen Mose, den seine Mutter in einem Schilfkästchen verbarg, um ihn zu retten. Dort fand ihn die Tochter des Pharao. Yakin empfand nach eigener Aussage bei der Veranstaltung ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl.

Bereits zum 22. Mal nahm der Überlebende Nate Leipciger am „Marsch der Lebenden“ teil. Er gibt seine Erlebnisse an junge Menschen weiter, damit diese ebenfalls zu Zeugen werden. Mit jungen Mitgliedern der kanadischen Delegation steckte er die Fackel der nächsten Generation in Brand.

Überlebende von Schoa und Hamas-Massaker

Irene Schaschar wurde 1937 in Warschau geboren. Ihre Mutter floh mit ihr durch die Kanalisation aus dem Warschauer Ghetto. Die Israelin entzündete die Fackel im Namen des Staates Israel mit Menschen, die vom Massaker am 7. Oktober 2023 betroffen sind. Zu ihnen gehören die ehemaligen Geiseln Agam Berger und Omri Miran. Der israelische Militärrabbiner Schmuel Slotki, ein Enkel von Schoa-Überlebenden, verlor bei Kämpfen gegen die Hamas zwei Söhne.

Die siebte Fackel, die für die Wiedergeburt steht, sollten eigentlich Mitarbeiter des Jüdischen Nationalfonds anstecken. Doch wegen der Kriegssituation konnten sie nicht nach Polen reisen. So übernahm der stellvertretende Präsident der Organisation „Marsch der Lebenden“ Avi Dickstein mit dem Überlebenden Sami Steigman, der in der israelischen Luftwaffe gedient hat, die Aufgabe. Zwei israelische Jugendliche begleiteten sie.

Das jüdische Gebet für Trauernde, Kaddisch, sprach der Überlebende Sol Nayman aus Kanada. Seine Großmutter wurde im Vernichtungslager Treblinka getötet. Der Chefkantor der israelischen Armee, Schai Abramson, trug das Gebet zum Gedenken an die Schoa, „El Male Rachamim“ (Gott voller Erbarmen) vor. An den musikalischen Darbietungen beteiligte sich wie im Vorjahr die ehemalige Geisel Berger. Sie besitzt eine Violine, die den Holocaust überdauert hat. (eh)

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