Luxemburger Abkommen jährt sich zum 70. Mal

Im Jahr 1952 vereinbarten Deutschland und Israel Zahlungen an den jüdischen Staat – als „Wiedergutmachung“ für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. 70 Jahre später diskutieren Israelis diesen Schritt in einem Webseminar.
Von Israelnetz
Deutscher Triebzug für Israel

Foto: Moshe Pridan, Wikipedia | Public Domain Mark 1.0

Dieser Triebzug wurde in Esslingen produziert – und kam als Teil der „Wiedergutmachung“ nach Israel

Mehr als 330 Israelis haben sich in einem Webseminar zugeschaltet. Es trug den Titel: „Im Schatten der Geschichte: Ein Blick auf die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland“. Organisiert wurde das Tagesseminar Ende Februar vom Ben-Zvi-Institut. Als Referenten waren fast ausschließlich emeritierte Professoren geladen, die sich selbst noch an die Ereignisse von 1952 erinnern können.

In jenem Frühjahr hatte der westdeutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) verlauten lassen: „Die Bundesregierung und mit ihr die große Mehrheit des deutschen Volkes sind sich des unermesslichen Leides bewusst, das in der Zeit des Nationalsozialismus über die Juden in Deutschland und in den besetzten Gebieten gebracht wurde. … Im Namen des deutschen Volkes sind unsagbare Verbrechen begangen worden, die zur moralischen und materiellen Wiedergutmachung verpflichten, sowohl hinsichtlich der individuellen Schäden, die Juden erlitten haben, als auch des jüdischen Eigentums, für das heute individuell Berechtigte nicht mehr vorhanden sind.“ Viele Fragen blieben offen, eine entsprechende Lösung solle gemeinsam mit Vertretern des Judentums und des Staates Israel gefunden werden. 

Tatsächlich waren die Umstände für die Zahlungen alles andere als einfach. Deutschland habe Verantwortung für seine Vergangenheit wahrnehmen wollen, doch es hätten sich viele Fragen gestellt. „Als die Verhandlungen für die Zahlungen begannen, war Deutschland ein geteiltes Land“, erklärt der Historiker Moshe Zimmermann.

Der emeritierte Professor erinnert sich an die ersten großen Demonstrationen, die vor der Knesset im Jerusalemer Stadtzentrum, in der King-George-Straße 26, stattfanden. „Wir dürfen nicht vergessen: Wir hatten einen Partner und seine Perspektive war eine ganz andere als die unsere. Bis 1949 war Deutschland ein besetztes Land.“ Zur Zeit der Verhandlungen war Westdeutschland der einzige Verhandlungspartner. Die DDR habe sich zwar positiv positionieren wollen, aber keinerlei Interesse daran gehabt, sich an den Zahlungen zu beteiligen. 

Zahlungen mit Widerwillen

Im Video-Meeting erklärt Zimmermann den interessierten Israelis: „Die Frage blieb ja: Welches Deutschland zahlt in welchem Rahmen und an welche Seite? Die Juden waren die Opfer und Flüchtlinge des Krieges, doch sie hatten ja keinen Staat. Und nun war da Israel als Erbe der Juden und Westdeutschland als Erbe des historischen Deutschlands.“ Adenauer habe zwar Verantwortung übernommen, aber er habe den Großteil des Judentums vor allem durch die Juden in den USA vertreten gesehen.

Einen Friedensvertrag zwischen den beiden Staaten gab es noch nicht und Deutschland durchlief eine Denazifizierung. „55 Prozent der Westdeutschen hätten wohl 1946 geantwortet, dass der Nationalsozialismus an sich eine gute Idee, sie aber nicht gut umgesetzt worden war.“

Zimmermann führt einen anderen Gedanken an: „Die Haltung vieler Deutscher war: ‚Aber ihr Juden seid doch geflohen. Wir hingegen sind hier geblieben und mussten die Bombardierungen über uns ergehen lassen.‘“

Auch wenn Konrad Adenauer letztlich die Verhandlungen geführt habe, habe die SPD im Vorfeld eine wichtige Rolle gespielt. Kurt Schumacher etwa habe schon 1947, noch vor der Gründung Westdeutschlands, Zahlungen an das jüdische Volk gefordert. „Trotzdem“, betont Zimmermann, „war es nicht so, dass die deutsche Gesellschaft besonders philosemitisch war. Nur etwa die Hälfte der Koalition stimmte für die Zahlungen.“ Und auch aus der Bevölkerung gab es starken Widerstand. So habe etwa die deutsche Journalistin und Trägerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels Marion Gräfin Dönhoff gefordert, dass die Zahlungen erst erfolgen sollten, sobald ein Frieden zwischen den Arabern und Juden hergestellt sei.

Schilumim oder Wiedergutmachung

Doch während der Geldtransfer in Deutschland „Wiedergutmachungszahlung“ genannt wurde, trug er auf israelischer Seite lediglich die Bezeichnung „Schilumim“ – „Zahlungen“.

Auch Meron Medzini erinnert sich an den Beginn der Schilumim. Der Professor für Asienwissenschaften erzählt: „Ich wohnte in der Alfasistraße, mit all den korrekten Jecken, den Juden, die aus Deutschland eingewandert waren. Als wir Jugendliche hörten, dass es eine Demonstration an der Knesset gäbe, rannten wir los, um Begin zu hören.“

Medzini war Mitte der 70er Jahre Pressesprecher von Golda Meir. Im Seminar sagt er über sie: „Golda, wusste zu lieben, aber auch zu hassen. Obwohl sie Deutsch konnte, war sie nur zweimal in Deutschland. Einmal zur (Frauenorganisation) WIZO, dann 1967, für drei Stunden. Als Kurt Schumacher nach Israel kam, weigerte sie sich, ihm die Hand zu geben. Einmal sagte sie: ‚Es gibt keine guten oder schlechten Deutschen. In meinen Augen sind alle Nazis. Es macht keinen Unterschied‘. Als Arbeits- und Bauministerin sagte sie nach den Zahlungen: ‚Die deutschen Angelegenheiten gehen mich nichts an.‘“ Sie habe ihre Hoffnung ausgedrückt, nicht im Land, krank oder tot zu sein, sobald ein deutscher Botschafter nach Israel käme.

Der Journalist David Witzthum erklärt den Hintergrund: „Die Verhandlungen begannen in einer Zeit, in der sich Israelis fragten, ob es legitim sei, einen Volkswagen oder eine Waschmaschine der Firma Bosch zu kaufen. Und nun plötzlich sollte Israel Zahlungen ausgerechnet aus Deutschland empfangen? Nach allem, was geschehen war?!“ Auch die israelische Presse habe sich größtenteils öffentlich gegen die Schilumim ausgesprochen. 

Beziehungen heute mit Blick in die Zukunft

Die Gespräche begannen am 21. März 1952. Das war lange bevor etwa Anfang der 60er Jahre die Auseinandersetzungen um das Eigentum und Erbe der Templergesellschaft einsetzten – und vor der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern 1965. Im September 1952 unterzeichneten schließlich die Bundesrepublik Deutschland und Israel mit der Jewish Claims Conference das Übereinkommen, das als Luxemburger Abkommen bekannt wurde. Die Gesamtsumme der Entschädigungsleistungen der öffentlichen Hand wurde bis Ende 2016 auf 75 Milliarden Euro bemessen.

Im Webseminar sind sich die Beobachter einig: „Die heutigen Beziehungen zwischen Deutschland und Israel orientierten sich eher an der Gegenwart und Zukunft als an der Vergangenheit. Die Beziehungen haben sich geändert. Heute sind 80 Prozent der Israelis davon überzeugt, dass auch Deutschland seit 1945 sich drastisch geändert hat.“

Das Ben-Zvi-Institut organisiert jährlich ein Tagesseminar zu unterschiedlichen Themen. Die Veranstaltung wurde von Jachiam Weiz ins Leben gerufen. Der emeritierte Professor für Israelische Studien von der Universität Haifa blickt zurück: „Im ersten Seminar befassten wir uns vor sieben Jahren mit (dem ersten Außenminister und späteren Premierminister) Mosche Scharet. Er war der Architekt der Schilumim und nicht etwa David Ben-Gurion.“

So zeigt sich Weiz erfreut: „Heute gibt es keinen Widerstand gegen die Schilumim und gegen die Zusammenarbeit mit Deutschland.“ (mh)

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3 Antworten

  1. “… Im Namen des deutschen Volkes sind unsagbare Verbrechen begangen worden,
    die zur
    m o r a l i s c h e n
    und m a t e r i e l l e n
    Wiedergutmachung verpflichten…” (Zitat: Konrad Adenauer)

    Die Zeiten haben sich geändert.
    Nicht geändert hat sich die Wahrheit des obigen Zitates.

    13
  2. Ein Vorschlag an die Redaktion:

    Ich fände es gut, einen wertvollen oder informativen Artikel wie den Obigen schlicht als solchen hier kennzeichnen zu können.

    Gruss EJ

    4

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