Israels Haltung zu den Vorgängen in der Ukraine

Wochenlang manövriert Israel vorsichtig zwischen der Ukraine und Russland, tunlichst bedacht, zugleich seinen US-Bündnispartner nicht zu verprellen. Für das Leisetreten sind Interessen verantwortlich, die nun miteinander kollidieren und Israel zu diplomatischen Drahtseilakten zwingen.
Von Antje C. Naujoks

Foto: Jair Lapid, Twitter

Verkörpern bei der Ukraine-Krise unterschiedliche Haltungen: Lapid (l.) und Bennett (Archivbild)

Zwölf Stunden nach Beginn der russischen Offensive in der Ukraine saßen am Donnerstag viele Israelis vor den Live-Nachrichten und warteten auf eine angekündigte Stellungnahme von Premier Naftali Bennett (Jamina). Die Sondersendungen blendeten seit dem Morgen immer wieder Echtzeitaufnahmen des Luftraumes von Kiew ein. Plötzlich kündigten Sirenen einen Luftangriff an. Obwohl klar war, dass die Sirenen durch Kiew hallen und damit weit weg sind, stellte sich in Israels Gesellschaft ein mulmiges Gefühl ein – zu lebendig sind die Erfahrungen mit Krieg.

Rückblende

Israels neue Regierung versuchte im Verlauf von Wochen, einen Weg zwischen den Regentropfen zu finden, ohne dabei nass zu werden. Nicht wenige Kommentatoren wiesen darauf hin, dass die Ukraine-Krise die bislang brenzligste Prüfung der neuen Regierung ist. Vor diesem Hintergrund trat die mangelhafte Erfahrung der israelischen Führungsspitze auf internationaler Bühne zutage.

Experten prangerten an, dass Premier Bennett im Oktober 2021, als Wladimir Putins Aspirationen bereits deutlich waren, diesem mächtigen Mann bei einem Gespräch in Sotschi vorschlug, sich in Jerusalem einzufinden. Dort sollte er mit den Ukrainern ins Gespräch kommen. Ein ähnlicher Ausrutscher wurde Außenminister Jair Lapid (Jesch Atid) angekreidet, als er Anfang Februar prophezeite, es würde nicht zum Krieg kommen. Dies spitzte eine diplomatische Krise zu: Die Ukrainer waren ohnehin verprellt, weil Israel den Verkauf von Eisenkuppel-Raketenabwehrbatterien an das osteuropäische Land abgelehnt hatte.

Also wurde Israel vorsichtiger und bezog sich nur noch auf zwei Aspekte: Einerseits bekundeten Politiker die Hoffnung, ein kriegerischer Konflikt lasse sich mit diplomatischen Mitteln abwenden. Andererseits thematisierten sie die Sorge um das Wohl israelischer Staatsbürger ebenso wie um das Schicksal der Juden in den betroffenen Ländern.

Stellung beziehen, nur um zurückrudern. Warum?

Letztlich äußerte sich Premier Bennett am Donnerstagnachmittag wie angekündigt zur Lage. Seine Bezugnahme während einer Rede auf der Abschlusszeremonie eines Offizierslehrgangs fiel knapp aus. Nachdem er bekundete, dass das Herz der Israelis mit den Bürgern der Ukraine sei, stellte er humanitäre Hilfe in Aussicht. Mehr sagte er nicht zu dem, was die Welt an diesem Tag bewegte.

Außenminister Lapid hingegen war bereits am Vorabend, als Krieg angekündigt, aber noch nicht ausgebrochen war, aus der verabredeten Linie ausgeschert. Als am folgenden Morgen die Waffen sprachen, wurde er noch deutlicher, indem er den russischen Angriff auf die Ukraine verurteilte. Lapids Vorpreschen und Bennetts Abbremsen erweckte den Eindruck, als sei die israelische Führungsspitze nicht aufeinander abgestimmt. Doch die inhaltliche Kluft ihrer Äußerungen ist durchaus beabsichtigt. Aus vielerlei Gründen versucht Israel weiterhin einen schwierigen Balanceakt.

Israelis standen am Morgen des 24. Februar nicht nur mit den Nachrichten über die russische Ukraine-Offensive, sondern auch mit der Meldung auf, dass die eigenen Luftstreitkräfte die zweite Nacht in Folge im syrischen Luftraum aktiv waren. Solche israelischen Militäroperationen auf syrischem Hoheitsgebiet richten sich gegen den Iran, der sich dort unter anderem wegen seiner Aspiration, Israel zu vernichten, etabliert hat.

Derartige Operationen sind Israel nur möglich, wenn sie vorab mit ranghöchsten russischen Entscheidungsträgern koordiniert werden, denn schließlich ist in diesem bürgerkriegsgeschüttelten Anrainer neben dem Iran auch Russland heimlicher Herr im Haus. Gegenwärtig zeichnet sich ab, dass die Wiener Verhandlungen zur Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran führen könnten. Deshalb hat Israel ein noch größeres Interesse daran, dass sein Aktionsradius in Syrien nicht eingeschränkt wird. Folglich möchte der jüdische Staat es sich nicht mit den Russen verderben. Diese verstehen es darüber hinaus bestens, das Vakuum zu ihren Gunsten zu nutzen, das der Einflussrückgang der USA im ganzen Nahen Osten hinterlässt.

Lapids Verurteilung der russischen Invasion war kaum ausgesprochen, da teilte Russlands stellvertretender UN-Botschafter dem UN-Sicherheitsrat mit: „Russland erkennt die israelische Souveränität über die Golan-Höhen nicht an, sie sind Teil Syriens.“ Zudem bekundete er Sorge „über Tel Avivs Pläne“ zur umfassenderen Erschließung dieser Region. Dass die Mittelmeermetropole, nicht aber die Jerusalemer Regierung erwähnt wurde, obwohl Russland 2017 Westjerusalem als Israels Hauptstadt anerkannt hatte, war die zweite Ohrfeige für Israel, die keinen Zweifel daran lassen sollte: Moskau kann in vielen Angelegenheiten ungemütlich werden.

Israel ahnte von großen Herausforderungen

Am 24. Februar ist etwas passiert, was viele Ereignisse zur Folge haben wird. Hier wurde eine Kettenreaktion ausgelöst, nicht jedoch im Schneeballmodus, der ermöglicht, Auswirkungen vorab zu kalkulieren. Es ist ein Schmetterlingseffekt, den die ganze Welt zu spüren bekommen wird. Nicht vorhersehbar ist dabei, welche langfristigen Folgen an Enden auftreten werden, die gar nichts mit der auslösenden Bewegung zu tun haben. Israel trat keineswegs nur wegen seiner Interessen in Syrien leise. Es wusste schon seit langem, dass es infolge der sich entwickelnden Ukraine-Krise vor einer großen Herausforderung stehen wird, der sich kein anderes Land gegenübersieht: Israels Rolle als sicherer Hafen für Juden in aller Welt ließ das Land bereits vor Wochen über Hilfs- und Rettungsaktionen für die jüdischen Bürger der Ukraine nachdenken.

Israel verfügt nicht von ungefähr über Schubladenpläne für großangelegte humanitäre Hilfe und Rettungsoperationen. Wenngleich die 1970 noch 875.000 Mitglieder zählende jüdische Gemeinschaft der Ukraine stark geschrumpft ist, so zählt sie immer noch zwischen 56.000 und 75.000 Personen, die fast alle Angehörige in Israel haben. Alleine das US-amerikanische „Joint Distribution Committee“ leistet vor Ort Wohlfahrtsarbeit für rund 37.000 ukrainische Juden im Seniorenalter, von denen mehr als ein Viertel Scho‘a-Überlebende sind. Doch nicht nur sie stehen im Fokus der angelaufenen und durchaus diplomatisch feinfühligen Vorbereitungen Israels. Da schätzungsweise 200.000 Ukrainer wegen jüdischer Vorfahren das Recht auf Alija nach Israel zusteht, sieht Israel eine Masseneinwanderung auf sich zukommen.

Hilfs- und Rettungsaktionen profitieren von einer Kooperation mit örtlichen Instanzen. Folglich setzte Israel nicht nur wegen der engen wirtschaftlichen Beziehungen zur Ukraine oder gar wegen der Sicherheit seiner zirka 15.000 in der Ukraine lebenden Staatsbürger alles daran, die Kommunikationskanäle offenzuhalten. Da auch in Russland eine nennenswerte jüdische Gemeinschaft lebt, war klar: Möchte Israel als jüdischer Staat seinen Brüdern und Schwestern zur Seite springen, ist auch an dieser Front ein diplomatischer Drahtseilakt gefragt, der umso schwieriger wird, da inzwischen die Waffen sprechen.

Neuauflage einer altbekannten Katerstimmung

Gerade in den vergangenen Stunden gaben nicht wenige israelische Kolumnisten zum Besten, dass Israel als eine in die westliche Staatengemeinschaft eingebundene Demokratie dazu verpflichtet sei, Farbe zu bekennen. Das Lavieren zwischen den Fronten sollte ein Ende haben und sich das Land unzweideutig auf die Seite der USA und der NATO schlagen. Doch die Rede von US-Präsident Joe Biden am Donnerstag führte dem lediglich mit der NATO affiliierten Staat Israel erneut vor Augen, was viele und allen voran der renommierte israelische Sicherheitsexperte Dan Schueftan bereits vor einigen Tagen in aktuelle Wort fasste: „Die Ukrainer lernen heute, was die Tschechen 1938 gelernt haben und was Juden geschworen haben, niemals zu vergessen: Auf westliche Demokratien kann man sich angesichts einer militärischen Bedrohung durch ein autoritäres Regime nicht verlassen.“

Und dieser Berater israelischer Entscheidungsträger in Sicherheitsfragen kommt zu einer altbekannten Schlussfolgerung, die Israel in Anbetracht der neuen Konstellationen auf internationaler Bühne mit weiteren Herausforderungen und zusätzlichen Drahtseilakten konfrontieren wird: „Europa hat Israel von Anfang an vorgeworfen, sich zu sehr auf sein Militär zu verlassen, und es gedrängt, seine nationale Sicherheit auf die von ihm erfundene ‚internationale Gemeinschaft‘ zu stützen. Sie und die amerikanische Regierung unter Joe Biden zeigen jetzt genau, warum Israel diesen Rat nicht befolgen sollte.“

Antje C. Naujoks studierte Politologie an der FU Berlin und an der Hebräischen Universität Jerusalem. Die freischaffende Übersetzerin lebt seit fast 35 Jahren in Israel, davon ein Jahrzehnt in Be‘er Scheva.

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11 Antworten

  1. Israel soll sich allein auf seinen GOTT JHWH verlassen. Allen anderen kann es nicht trauen, denn es werden sich alle Nationen gegen Israel wenden. In der UNO zeichnet sich das immer wieder ab in den Resolutionen.
    Können unsere Gebete noch das drohenden Unheil abwenden? Die Prophetien – werden sie sich erfüllen?
    Eine Hoffnung gibt es – Gott steht zu seinen verheißungen. Amen. Hallelujah!

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    1. Gott steht zu seinen Verheißungen und auf Ihn ist Verlass – für alle, die sich auf IHN verlassen, d.h. IHM glauben und vertrauen. Allen Anderen kommen SEINE Verheißungen nicht zugute…

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  2. Ja, Prophetien werden sich erfüllen. Dafür gibt es genug Beweise, wie Prophetien in Erfüllung gegangen sind und diese sogar in Jahreszahlen manifestiert sind. Denken wir doch ganz einfach nur mal an die Geburt Jesu. Das wäre doch mal eine dankbare Aufgabe für gute Kenner des Alten Testaments, über Prophetieen und deren Erfüllung zu berichten.

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  3. Gottvertrauen ist eine tolle Sache. Das wird jedoch den Menschen in der Ukraine nicht helfen, wie wir in den letzten Tagen gesehen haben. Und, wie wir ja wissen, sind Menschen jüdischen Glaubens besonders gefährdet – in der Ukraine und in Russland – da hilft kein Beten, wie wir wieder einmal eindrucksvoll vorgeführt bekommen. Ich glaube an die IDF und die Bereitschaft der Regierung Israels, sich diesen neuen gefährlichen Herausforderungen zu stellen. Und an alle, die für die gefährdeten Menschen beten: Laßt Taten folgen, denn das kann helfen.

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  4. Die Juden musste leider unter der Nazi-Herrschaft lernen, dass alleiniges Vertrauen auf Gott nicht so der Hit ist. 6 Millionen von ihnen bezahlten ihre Wehrlosigkeit mit dem Leben.

    Deshalb kann ich über die obigen drei Beiträge nur den Kopf schütteln.

    Zum eigentlichen, von der Redaktion eingestellten Thema, das den Vorrednern leider kein Wort des Eingehens würdig war:

    Danke für das Einstellen des sehr differentiert informierendes Artikels von Frau Naujoks! Die israelische Situation, das Vereinbaren ganz unterschiedlichen Interessen, erscheint mir fast unlösbar. Trotzdem Bennett, Lapid und ihren Mitstreitern ein glücklichen Händchen, hier den richtigen Drahtseilakt hin zu bekommen.

    OT @ Redaktion: Also zumindestens ich muss mich hier bei jedem Beitrag wieder neu einloggen.

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  5. Richtig, es geht hier nicht nur um die Ukraine. Dieser Krieg stellt die westliche Dominanz in Frage und führt dementsprechend zu einer harschen Gegenreaktion des Westens, der sich damit langfristig auf einen Krieg, wirtschaftlich und militärisch, gegen Russland einstellt. Hauptverbündeter Israels sind, trotz mancher Friktionen, die vereinigten Staaten. Schon diese schlichten Tatsachen lassen die Probleme erkennen die auf Israel zukommen.

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    1. Der Überfall auf einen Souveränen Staat stellt also die „ Westliche Dominanz in Frage?
      Ansonsten geht es Ihnen aber gut?

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      1. Sehr geehrter Herr Schneider: Ich meinte damit, das sich der Westen nach dem prowestlichen Staatsstreich 2014 als Schutzmacht der Ukraine sieht.

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  6. Wenn es einen Gott gäbe, was würde er dann tun? Russlands Soldaten stärken die ihn um Unterstützung bitten? Die ukrainische Bevölkerung und das Land Beschützen, weil Sie ihn darum bitten?
    Den Rest von Europa erhören, damit der Krieg zu Ende geht?
    Gott wird von allen Religionen die an ihn glauben benutzt um das Seelenheil zu finden.
    Ich bin Atheist und glaube dass es etwas “da oben” gibt, aber man muss sich fragen, warum er so viel zulässt wenn es einen Gott gibt. Es wurde von der Nazi Herrschaft geschrieben. Lässt ein guter Gott so etwas zu?

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    1. Leider irren Sie sehr! Gott JAHWE hat den Menschen Verantwortung für SEINE SCHÖPFUNG auferlegt! Das bedeutet, für Vieles, was in der Welt geschieht oder eben nicht geschieht, sind WIR MENSCHEN verantwortlich und können nicht Gott in die Verantwortung nehmen!
      Es ist Gottes Gnade, IHN zu erkennen, aber wenn jemand sich beharrlich dagegen stellt, – Gott lässt uns die Freiheit, nach seinem Willen zu fragen, oder nicht! Versäumen Sie nicht die Zeit!!!

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  7. Mit der Aussage Russlands zu den Golanhöhen, wäre wohl klar, dass unter der Hand nicht nur der Iran von Russland unterstützt wird, sondern im Ernstfall Russland selbst als Agressor Israels Feind Nr. 1 ist.
    Hoffentlich sind die Drahtseile so dick, dass dieser Fall unterbunden werden kann und der Agressor in Ketten liegt, bevor er losrollt.
    Viel Erfolg!

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