Meinung

Israel als Alternative zur Straße von Hormus

Die Fixierung auf die Straße von Hormus als Transportroute macht Europa erpressbar. Möglicherweise führt eine Alternative durch Israel. Eine kommentierende Analyse von Francis Moritz
Von Israelnetz

Einmal mehr betrachten wir in Europa und insbesondere in Frankreich die Ereignisse durch das kleine Ende des Fernrohrs. Doch was sich heute abspielt, lässt sich nur auf globaler Ebene verstehen. Es sind weder die Europäer noch die Bewohner der Île-de-France, die in Washington, Moskau oder Peking wählen.

Was in der amerikanischen Außenpolitik ungeordnet oder unverständlich erscheint – entspricht das tatsächlich einem Fehlen von Strategie? Oder befinden wir uns vielmehr im Nebel einer gigantischen internationalen Partie Bluff-Poker, deren Regeln wir noch nicht vollständig kennen?

Symbol für Verwundbarkeit der Energieversorgung

Jahrzehntelang symbolisierte die Straße von Hormus die Verwundbarkeit der weltweiten Energieversorgung. Als strategischer Durchgang zwischen dem Golf und den internationalen Märkten ist sie längst weit mehr als nur eine Seeroute: Sie ist ein Instrument der Macht, des Drucks und manchmal auch der Erpressung.

Die Ereignisse des Jahres 2026 haben gezeigt, wie konkret diese Bedrohung werden kann. Sobald die Verkehrsströme durch Hormus gestört werden, müssen Produzenten, Verbraucher und Transporteure unverzüglich nach anderen Routen suchen.

Die Geographie verhandelt nicht. Doch Hormus isoliert zu betrachten, bedeutet, nur einen Teil des Gesamtbildes zu sehen.

Hormus bündelt einen wesentlichen Teil der weltweiten Energieströme. Malakka wiederum kontrolliert einen bedeutenden Teil der asiatischen Handels- und Energierouten. Zwischen beiden spielt sich eine wesentlich größere Entwicklung ab: die schrittweise Verlagerung des weltweiten Gravitationszentrums nach Asien, die Rückkehr maritimer Macht und, weniger auffällig, die Rückkehr großer Landkorridore.

Europa entdeckt die Geographie neu

Seit 2022 wollte die Europäische Union ihre Energieabhängigkeit von Russland verringern. Russisches Gas wurde teilweise durch amerikanisches LNG, katarisches Gas und andere externe Lieferquellen ersetzt. Mit anderen Worten: Europa hat seine Abhängigkeit nicht beseitigt, sondern verlagert.

Diese Substitution hat ihren Preis: höhere Kosten, eine stärkere Abhängigkeit vom Seeverkehr, eine größere Verwundbarkeit an den Meerengen, asiatische Konkurrenz um LNG und zusätzlichen Druck auf die industrielle Wettbewerbsfähigkeit.

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Überraschung, Überraschung: Heute scheinen wir zu entdecken, was die Landkarte längst gezeigt hat. Russland bleibt ein riesiger Energieproduzent in unmittelbarer Nähe Europas und ist über Land erreichbar. Je verwundbarer die maritimen Lieferwege werden, desto schwieriger wird es, diese Realität zu ignorieren. Am Ende gewinnt die Geographie häufig wieder die Oberhand über die Ideologie.

Malakka: Das asiatische Spiegelbild von Hormus

Ein erheblicher Teil der Kohlenwasserstoffe aus dem Golf ist für Asien bestimmt, insbesondere für China. Eine Krise in Hormus setzt Peking daher unmittelbar unter Druck und erinnert gleichzeitig an eine andere Verwundbarkeit: die Straße von Malakka zwischen Malaysia und Indonesien.

Das ist das berühmte Malakka-Dilemma: Wie kann man zur Supermacht werden und gleichzeitig von Seerouten abhängig bleiben, die andere Mächte überwachen, stören oder im Extremfall blockieren können?

Hinter der Iran-Frage zeigt sich damit eine zentrale Realität des 21. Jahrhunderts: Die Rivalität zwischen Washington und Peking prägt inzwischen einen wachsenden Teil der regionalen Krisen.

Doch noch eine andere Karte muss betrachtet werden. Die Israels.

Israel: Die Alternative?

Zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer existiert bereits ein Landkorridor. Israel verfügt über die 254 Kilometer lange Pipeline Eilat–Aschkelon, über die Erdöl zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer transportiert werden kann. Die Infrastruktur besteht also bereits.

Öl, das nach Eilat gelang, kann Israel auf dem Landweg durchqueren, Aschkelon erreichen und von dort weiter zu den Märkten im Mittelmeerraum und in Europa verschifft werden.

Israel kann Hormus selbstverständlich nicht ersetzen. Die Mengen, die normalerweise durch die Meerenge fließen, sind dafür viel zu groß.

Aber darum geht es nicht. Die eigentliche Frage lautet, ob Israel dazu beitragen kann, die Abhängigkeit von Hormus zu verringern. Und die Antwort lautet: ja.

Janbu-Eilat-Aschkelon

Saudi-Arabien verfügt bereits über eine erste Umgehungsmöglichkeit. Seine Ost-West-Pipeline ermöglicht es, einen Teil des im Osten des Königreichs geförderten Erdöls bis nach Janbu am Roten Meer zu transportieren – ohne Hormus zu passieren.

Damit zeichnet sich eine mögliche neue Achse ab:

Golf → saudisches Pipelinenetz → Janbu → Eilat → Aschkelon → Mittelmeer → Europa.

Doch man kann noch weitergehen. Israel hat die Möglichkeit einer Landverbindung zwischen Saudi-Arabien und Eilat ins Gespräch gebracht. In einem solchen Szenario könnten Erdöl und möglicherweise auch Gas die Arabische Halbinsel durchqueren, Israel erreichen und von dort bis ans Mittelmeer gelangen.

Diese Route würde Hormus umgehen. In ihrer vollständig landgestützten Variante könnte sie auch Bab al-Mandab vermeiden. Mit anderen Worten: Sie würde zwei der wichtigsten Druckpunkte umgehen, über die der Iran oder seine Verbündeten auf die regionalen Energierouten einwirken können.

Natürlich muss man unterscheiden zwischen dem, was bereits existiert, und dem, was noch Projekt ist. Die saudische Pipeline bis Janbu existiert. Die Pipeline Eilat-Aschkelon existiert. Eine direkte Landverbindung zwischen beiden existiert noch nicht. Doch die geographische Logik ist inzwischen offensichtlich.

Abraham-Abkommen bekämen neue Dimension

Vielleicht wäre es ein Fehler, die Abraham-Abkommen ausschließlich als diplomatische Konstruktion zu betrachten. Eine Zusammenarbeit, die die Golfmonarchien, Saudi-Arabien, möglicherweise Jordanien, Israel und das Mittelmeer miteinander verbindet, würde ihnen eine wesentlich tiefere wirtschaftliche und energiepolitische Dimension verleihen.

Israel könnte zu einem Transitstaat zwischen den Produzenten des Golfs und den europäischen Märkten werden. Das hätte eine gewisse Ironie. Während einige europäische Staaten immer wieder versuchen, Israel politisch zu isolieren, könnte ausgerechnet dieses Land künftig dazu beitragen, ihre Energieversorgung abzusichern.

Die Geographie hält bisweilen bemerkenswerte Wendungen bereit. Israel wäre nicht die Alternative zu Hormus im absoluten Sinne. Es könnte jedoch zu einer der wichtigsten partiellen Alternativen werden. Und dieser Unterschied ist entscheidend.

Und die Ukraine?

Diese Neuordnung könnte Folgen haben, die weit über den Nahen Osten hinausreichen.

Wenn die Vereinigten Staaten mehr Mittel für die Sicherung der Energierouten aufwenden müssen; wenn die Rivalität mit China einen wachsenden Teil ihrer Aufmerksamkeit bindet; wenn der Nahe Osten erneut zur Priorität wird; und wenn die europäischen Volkswirtschaften vor allem versuchen, die Energiepreise zu begrenzen, dann können sich die westlichen Prioritäten verändern.

Die Hilfe für die Ukraine würde nicht zwangsläufig verschwinden, doch der Druck zugunsten von Verhandlungen könnte zunehmen. Die öffentliche Meinung wird müde. Sie bleibt für das Schicksal der Ukraine empfänglich, beschäftigt sich aber zugleich unmittelbar mit Kaufkraft, Arbeitsplätzen und Energiekosten.

Russland müsste dann nicht unbedingt einen vollständigen militärischen Sieg erringen. Zeit, Erschöpfung und wirtschaftliche Zwänge könnten genügen, um einen Teil seiner territorialen Gewinne zu konsolidieren.

Die beiden großen Opfer

In dieser Neuordnung drohen zwei Völker zu den großen stillen Verlierern zu werden.

Das ukrainische Volk

Es befindet sich in einem langen Krieg, in dem die Logik der Macht die ursprünglich moralische Frage zunehmend überlagert. Mit wachsender westlicher Ermüdung, steigenden Haushaltszwängen und neuen strategischen Prioritäten besteht die Gefahr, dass eher ein Frieden aus Erschöpfung entsteht als ein Frieden der Gerechtigkeit.

Das iranische Volk

Denn hinter den Kalkülen um Hormus bleibt eine andere Realität bestehen. Die iranische Bevölkerung leidet weiterhin unter politischer Repression, Verhaftungen, Todesurteilen, wirtschaftlichen Schwierigkeiten und Isolation.

Das Paradox ist brutal: Je wichtiger der Iran für die strategische Gleichung wird, desto größer ist die Gefahr, dass das konkrete Schicksal der Iraner hinter den Verhandlungen zwischen den Mächten verschwindet. Das Regime wird unverzichtbar. Das Volk bleibt Gefangener dieser Gleichung.

Die Rückkehr des geopolitischen Realismus

Im Grunde erzählen Hormus, Malakka, Janbu, Eilat und Aschkelon vielleicht dieselbe Geschichte: die Geschichte von der brutalen Rückkehr der Geographie.

Wir wollten an eine Welt glauben, die hauptsächlich von Normen, Werten, Handel und dem regiert wird, was wir gerne als internationales Recht bezeichnen. Die Meerengen erinnern uns an eine wesentlich ältere Realität. Macht beruht weiterhin auf Geographie. Energie bleibt eine Waffe. Seerouten bleiben lebenswichtig. Und Staaten kehren immer wieder zu ihren grundlegenden Interessen zurück.

In Hormus erkennt der Iran die Macht, die ihm seine Lage verleiht. In Malakka entdeckt China die Verwundbarkeit, die ihm die Geographie auferlegt. In Janbu erkennt Saudi-Arabien erneut die Bedeutung eines Zugangs zum Roten Meer. Und zwischen Eilat und Aschkelon könnte Israel entdecken, dass ein kleines Territorium gerade wegen seiner Lage zu einem strategischen Korridor zwischen zwei Meeren werden kann.

Dann werden Bündnisse flexibler. Die Gegner von gestern werden manchmal wieder salonfähig. Sanktionen werden angepasst. Prinzipien treten mitunter hinter Energieversorgung, wirtschaftliche Stabilität und die Angst vor industriellem Abstieg zurück.

Der Wind dreht sich. Und er dreht sich oft in die Richtung, die von der Geographie vorgegeben wird und, seien wir ehrlich, vom Recht des Stärkeren. So ist unsere Welt.

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