Die relativ hohe Zahl der Verkehrstoten hat verschiedene Ursachen

Die relativ hohe Zahl der Verkehrstoten hat verschiedene Ursachen

Israels hausgemachte Front

Eine Woche ohne Verkehrsunfälle mit fatalem Ausgang kennt Israel so gut wie nicht. Obwohl es im internationalen Vergleich nicht schlecht abschneidet, sind die Straßen dennoch die blutigste Front, die dieses kriegs- und terrorerprobte Land kennt.

Der gerade ausgeklungene September zählte 30 Tage. Die israelische Nation zählte 32 Verkehrstote.

Das Monatsende brachte fünf Tote bei einem einzigen Unfall: eine 36-jährige Frau mit ihren drei Kindern, deren Ehemann und Vater aus dem Krankenhaus per Ambulanz zur Beerdigung gefahren wurde. Und der unfallverursachende 76-jährigen Busfahrer, der mit dutzenden Verkehrsvergehen registriert ist. Zum Zeitpunkt seiner Beisetzung wurde die Mehrheit der 40 Kinder, die er transportiert hatte, weiter stationär behandelt. Seit Jahresbeginn beläuft sich Israels Bilanz auf 249 Verkehrstote.

Traurige Größenordnung

Viel hat sich in Israel in Sachen Verkehrssicherheit getan, wozu mehr gehört als die in aller Welt gelobte Mobileye-Technologie. Obwohl Israel nicht mehr wie bis in die 1970er Jahre hinein als Land mit unverhältnismäßig vielen fatalen Verkehrsunfällen gilt, ist die Gesamtbilanz erschreckend: Seit Gründung des Staates 1948 kamen mehr als 30.000 Personen dadurch ums Leben.

Das sind rund 6.000 Personen mehr, als das Land seit 1880, als Statistiken zur entstehenden vorstaatlich-jüdischen Gemeinschaft angelegt wurden, an gefallenen Soldaten und Terror-Opfern betrauert. Dieses kaum fassbare Zahlenverhältnis macht einsichtig, warum nicht nur Gefallene und Kriegsversehrte im israelischen Lebensalltag eine Rolle spielen, sondern ebenfalls die Blutspur auf den Straßen.

Die Ausgangslage im Vergleich

Laut einem Bericht für Verkehrssicherheit von 2020 verfügt Israel über rund 20.000 Kilometer Straßennetz. Davon sind 57 Prozent urbane Verkehrswege, auf denen sich die große Mehrzahl der Unfälle ereignet, aber weniger als 40 Prozent der Toten gezählt werden. 2019 waren in Israel bei einer Bevölkerungsgröße von etwas über neun Millionen Personen 3,6 Millionen Fahrzeuge registriert, die überwältigende Mehrheit PKWs, deren Zahl sich in den vergangenen 20 Jahren annähernd verdoppelte.

2018, in einem Jahr mit „nur“ 316 Verkehrstoten, verschlangen Unfallfolgen 14 Milliarden Schekel (rund 3,7 Milliarden Euro). Das macht 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus.

Im Vergleich zu dem bezüglich Bevölkerung fast gleichaufliegenden Österreich mit fast doppelter Fahrzeugzahl und drei Mal so vielen Unfällen, kommt Israel dennoch mit Leichtigkeit an die Statistik der österreichischen Verkehrstoten heran. Es ringt zudem mit einer zirka 15-mal höheren Folgelast für das Bruttoinlandsprodukt. Beide Parameter deuten an, wie belastend abgesehen vom menschlichen Leid im Fall von Tod wie auch Verletzung die sozioökonomischen Folgen sind.

Russisches Roulette, egal mit welchem Verkehrsmittel

Israels Busse und insbesondere LKWs machen einerseits einen geringen Anteil der zugelassenen Fahrzeuge aus, kommen andererseits aber auf einen hohen Kilometerstand. Sie sind verhältnismäßig häufig in Unfälle verwickelt, vor allem in Unfälle mit Todesfolge. Davon sind nicht nur PKWs, auf deren Insassen 36 Prozent (2019) der israelischen Verkehrstoten entfallen, sondern ebenfalls Zweiradfahrer aller Art betroffen.

Seit einigen Jahren steigt in Israel nicht nur die Zahl der tödlich verunglückten Fahrradfahrer; von 2018 auf 2019 um erschreckende 112 Prozent. Es kommen zudem immer mehr Personen zu Schaden, die mit Elektro-Rädern und E-Rollern unterwegs sind. Für 2019 ist festzuhalten, dass Radfahrer 10 Prozent und motorisierte Zweiradfahrer 18 Prozent der 355 Verkehrstoten ausmachten.

Diesbezüglich spielt eine Rolle, dass deren Zahl sprunghaft angestiegen ist, zugleich aber kaum für adäquate Infrastrukturen und schon gar nicht für eine Anpassung der Verkehrsvorschriften gesorgt wurde. Die hinterherhinkenden israelischen Behörden wurden erst wach, als eine weitere Verkehrsteilnehmergruppe, die Fußgänger, vor allem wegen der neuen Kategorie der motorisierten Zweiräder Tote zu beklagen hatte. Fußgänger rangieren gleich hinter PKW-Insassen mit rund 25 Prozent Anteil an zweiter Stelle der israelischen Verkehrstoten.

Extreme Widersprüche

Israel ist ein Land der Widersprüche. Es gilt seit Jahrzehnten als Paradies für Vegetarier und avancierte überdies zur „globalen Veganer-Hochburg“. Trotzdem rangiert Israel an der Spitze des weltweiten Verzehrs von Hühnerfleisch. Ebenso trifft zu: Trotz Tausender von Raketen sind wenige zivile Todesopfer zu beklagen, wozu beiträgt, dass sich die Bevölkerung an die behördlichen Schutzanweisungen hält.

Springt jedoch eine Ampel auf Rot um – und in Israel geschieht das graduell, da zunächst das grüne Licht drei Mal blinkt, bevor oranges und dann erst rotes Licht aufleuchtet –, bleibt der Fuß vieler Fahrer auf dem Gaspedal. Das Überfahren einer „kirschgrünen“ Ampel ist so etwas wie Volkssport und rangiert in Israel mit über 20 Prozent an der Spitze aller Verkehrsregelverstöße.

Verkehrsregeln als freundlich gemeinte Empfehlungen

Grundsätzlich gilt für Israel: Gas und Hupe sind wichtiger als die Bremse. Die Rechts-vor-links-Regel ist auch in Israel bekannt, wird aber schlichtweg nicht praktiziert. Wer fährt, der fährt, wer zögert, hat das Spiel verloren, und wer fährt und zudem hupt, der verschafft sich nach Landesgepflogenheiten die Vorfahrt, egal was Regeln besagen.

Wie in vielen Ländern der Welt, ist auch in Israel überhöhte Geschwindigkeit die Hauptursache für Verkehrsunfälle. Rund die Hälfte aller motorisierten Verkehrsteilnehmer, so zeigen die Statistiken, hält sich nicht an Geschwindigkeitsbeschränkungen. Dabei kommt sowohl die typisch israelische Unverfrorenheit zum Vorschein, als auch ein wenig fürsorglicher Egoismus. Anderen ist anzumerken, dass sie gerade daran arbeiten, ihre aufgestauten Aggressionen abzubauen.

Das Endergebnis ist oftmals das gleiche: Aus Israels Straßen sind wahrhafte Kamikazekommandos unterwegs. Selbst auf Überlandstraßen mit einer Beschränkung von 120 Kilometern pro Stunde rauschen Autos regelrecht vorbei, und das vielfach bei nicht wirklich idealem Straßenzustand. Der Landesrekord dürfte bei rund 240 Kilometern pro Stunde liegen; bekannt lediglich aus einem Grund: ausnahmsweise erwischt. Das aber natürlich nicht während der Fahrt, sondern erst wegen eines bei Facebook eingestellten Clips.

Slalom beliebt

Ebenso oft kommt es vor, dass plötzlich ein Fahrzeug rechts wahrzunehmen ist, obwohl sich da lediglich ein Standstreifen befindet. Slalomfahren ist besonders beliebt, erst recht, wenn dafür drei oder vier Spuren zum beliebigen Fahrbahnwechsel verfügbar sind. Selbst bei solchen Manövern wird ein Accessoire hartnäckig ignoriert: der Blinker. Zugleich ist die Einhaltung von Mindestabstand in Israel Garant dafür, dass sich ein Fahrzeug reinquetscht. Selbst behäbige Lastwagen scheren auf Schnellstraßen nach links direkt vor andere überholende Fahrzeuge aus, sollten diese nicht dicht genug aufschließen – egal, bei welcher Geschwindigkeit.

Was in den meisten Ländern wohl in die Kategorie „Überfallkommando“ fällt, gilt in Israel bestenfalls als zügige Fahrweise, erst recht wenn Fahrer unter 24 Jahren unterwegs sind, die satte 19 Prozent aller Unfälle verursachen. Wie meinte doch einmal eine Freundin zu mir: „Wir wollten noch ein drittes Kind, nur so zur Sicherheit, schließlich läuft ein Kind statistisch Gefahr, in der Armee umkommen, und eins hat Chancen, den Straßenverkehr nicht zu überleben …“

Von: Antje C. Naujoks

Antje C. Naujoks studierte Politologie an der FU Berlin und an der Hebräischen Universität Jerusalem. Die freischaffende Übersetzerin lebt seit fast 35 Jahren in Israel, davon ein Jahrzehnt in Be‘er Scheva.